Landwehren im nordöstlichen Niedersachsen

Von Hildegard Nelson

Landwehren gehören als lineare Objekte – ebenso wie etwa Altdeiche und auch Altwege – zu den Herausforderungen in der Denkmalpflege, weil sie aufgrund ihrer großen räumlichen Ausdehnung insbesondere bei Siedlungserweiterungen und Straßenbau von den Planern und Kommunen als hinderlich angesehen werden.

Für Niedersachsen sind – im Gegensatz etwa zu Westfalen – Landwehren bislang nicht systematisch bearbeitet oder erforscht worden. Es gibt eine Reihe von Beiträgen zu einzelnen oder auch zu mehreren Landwehren im Zuge von regionalen Arbeiten, eine umfassende Aufnahme für ganz Niedersachsen stellt jedoch nach wie vor ein Desiderat dar.

Mit den Landwehren haben sich in Niedersachsen in erster Linie Historiker und historische Geographen wie z. B. Dietrich Denecke (u.a. 1969) und Ekkehard Wassermann (2016) für das südliche und historisch interessierte Laien wie Bruno Ploetz für das nordöstliche Niedersachsen befasst. Von archäologischer Seite sind erst in den letzten Jahren vermehrt Grabungen und Forschungen an Landwehren und Warten vorgenommen worden (u.a. Schütte 1984, 27–30, Assendorp 1994, Eckert 1995. Budde 1998, Friederichs 2001, Nelson 2000, Bartelt 2008). Vor einigen Jahren hat T. Küntzel (2009) einen Überblick mit Schwerpunkt auf dem südniedersächsischen Raum gegeben.

Aufgrund unseres derzeitigen Kenntnisstandes ist in Niedersachsen mit mehr als 600 Landwehrresten zu rechnen, wobei darunter sowohl zerstörte als auch erhaltene Abschnitte unterschiedlichster Länge erfasst sind.

Landwehren bestanden aus ein oder mehreren gestaffelten Gräben und Wällen, die zusätzlich mit dichtem Dornengestrüpp bewachsen waren (Abb.1) und es Fuhrwerken, aber auch Reitern, unmöglich machten oder zumindest erschwerten, sie zu durchqueren. Sie wurden in der Regel so angelegt, dass sie von einem natürlichen Hindernis (Steilhang, Moor oder Niederung) bis zum nächsten reichten. An manchen Stellen gab es Durchlässe, die durch Schlagbäume oder auch Warten gesichert waren.

Soweit bekannt, wurde die überwiegende Anzahl der niedersächsischen Landwehren von der Mitte bis zum Ende des 14. Jahrhunderts errichtet, nachweislich älter sind die Helmstedter (1252) und die Osnabrücker Landwehr (um 1300). Einige Anlagen, wie etwa die Neue Lüneburger Landwehr (1479-1484) sind jünger. Erneuerung, Reparatur und Ausbau sind bis in das 17. Jahrhundert hinein belegt. Als Gründe für die Errichtung von Landwehren werden vor allem das Erstarken der Städte und die zunehmenden Konflikte mit den Landesherren sowie die damit einhergehende städtische Erwerbspolitik im 13. Jahrhundert, das mittelalterliche Fehdewesen und wohl auch die zunehmende Bedeutung des überregionalen Handels angesehen. Die frühesten Landwehren scheinen auf Klöster oder bischöfliche Initiativen zurückzugehen (Kneppe 2014)

Während insbesondere im südlichen Niedersachsen eine große Anzahl von städtischen Landwehren nachweisbar ist, sind im Nordosten des Landes – von der Stadt Lüneburg einmal abgesehen – vor allem sogenannte territoriale Landwehren vorhanden. Zu deren Erbauung gibt es kaum Nachrichten, auch ist häufig unklar, wer für den Bau verantwortlich war.

Einerseits befanden sich territoriale Landwehren dort, wo die heutigen Grenzen des Landes Niedersachsen alten Grenzziehungen entsprechen. Andererseits ließen sich zahlreiche Landwehrabschnitte auch an ehemaligen Territoriumsgrenzen innerhalb des heutigen Landes Niedersachsen nachweisen. Territoriale Landwehren dienten in erster Linie der Sicherung und Manifestation eines Herrschaftsbereiches und sind offenbar häufig angelegt worden, um im Konfliktfall Gebietsansprüche zu dokumentieren und festzulegen. Laut Küntzel (2009, 216–220) verdanken sie vielfach ihre Existenz einer spezifischen Konfliktsituation.

Eindrucksvolle Reste territorialer Landwehren haben sich im östlichen Niedersachsen östlich von Wittingen im Landkreis Gifhorn erhalten. In den Gemarkungen Rade, Suderwittingen und Ohrdorf sind hier, teilweise entlang des Flüsschens Ohre, auf 4,6 km Länge Reste einer Landwehr aus überwiegend drei Wällen mit dazwischenliegenden Gräben und stellenweise vorgelagerten Außenwällen vorhanden (Abb.2, 3). Laut Ploetz (1966, 49) handelt es sich hierbei um die im 14. Jh. errichtete Lüneburgische Grenzlandwehr, die im Einvernehmen beider Landesherren zur Bekämpfung des Raubrittertums und zur Durchsetzung des Landfriedens angelegt wurde.

Diese massiven territorialen Landwehrrelikte setzten sich nach Norden, in den Landkreis Uelzen hinein fort, wo ebenfalls noch größere Abschnitte im Gelände vorhanden sind. Hier liegen sie nicht immer in unmittelbarer Grenznähe, sondern z. T. in wenigen Kilometern Abstand davon (vgl. Ploetz 1966, 51, Lageskizze B). Unmittelbar an der Grenze zur Altmark befindet sich westlich von Thielitz ein Landwehrabschnitt (Abb.4 Kartenausschnitt), ca. 1,5 km westlich verläuft eine weitere Landwehr in etwa parallel dazu durch die Gemarkungen Flinten, Schostorf und Kattien. Dort haben sich etwa 40 m westlich der Landwehr und ca. 230 m südlich der „Alten Zollstraße“, von deren Vorgängern zahlreiche Wegespuren zeugen, außerdem Relikte einer Warte auf dem Wahrsberg erhalten (Abb.5 Laserscan). Ein direkter Anschluss an die wenige Kilometer nördlich in West-Ost-Richtung verlaufende Landwehr zwischen Varbitz und Schäpingen (bereits im Landkreis Lüchow-Dannenberg) ließ sich nicht nachweisen, allerdings befindet sich hier ein Niederungsgebiet, das heute durch den Thielitzer und Soltendiecker Graben entwässert wird. Letztere Landwehr besaß am Juchterberg ebenfalls eine Warte, von der noch Ziegelreste und Bauschutt zeugen. Laut Ploetz (1966, 57) soll an dem Durchlass der Zoll der Nebenstelle Varbitz erhoben worden sein. Nordwestlich von Varbitz, bei Bockholt, beginnt ein weiterer Landwehrabschnitt in Richtung Süd-Nord.

Weiter in Richtung Osten fehlt offenbar wieder eine territoriale Landwehr. Hier scheint die breite Dummeniederung ein adäquates Annäherungshindernis gebildet zu haben. Östlich daran anschließend befinden sich der „Lüchower Landgraben und der „Alte Landgraben“, bei denen es sich um Wassergräben ohne Wallaufwurf gehandelt haben wird. Ploetz (1966, 59) konnte belegen, dass diese Gräben nicht identisch mit den eigentlichen Grenzgräben sein müssen, sondern teilweise in bis zu 2 km Abstand davon verlaufen. Im äußersten Nordosten Niedersachsens, östlich von Gartow, befindet sich in den aus Flugsanden bestehenden, ausgedehnten Kiefernforsten die Ziemendorfer Landwehr, die allerdings fast vollständig auf Sachsen-Anhaltinischem Gebiet liegt. Sie ist noch auf mehr als 2 km Länge erhalten, dürfte früher aber länger gewesen sein. Für den restlichen Teil des nordöstlichen Niedersachsen bilden die weiten sumpfigen Niederungen von Seege und Aland die Grenze. Der Aland mündet bei Schnackenburg in die Elbe, den – vom Amt Neuhaus abgesehen – Grenzfluss des nördlichen Niedersachsen.

Besonders im Landkreis Lüchow-Dannenberg sind Landwehrabschnitte vorhanden, die nicht unmittelbar in Grenznähe liegen, aber offensichtlich den Verkehr in Richtung Ost-West lenken und kontrollieren sollten. Diese bezeichnet man auch als Wegesperren.

Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist die Landwehr „14 Gräben“ östlich von Schletau im Landkreis Lüchow-Dannenberg (Abb.6). Ungewöhnlich sind hier nicht die Maße der einzelnen Wälle und Gräben, sondern ihre große Anzahl: Im Zentrum befinden sich elf parallele Wälle mit begleitenden Gräben, etwas abseits liegen östlich und westlich noch jeweils vier weitere Wälle. Hier verlief eine wichtige Wegeverbindung von Lüchow über Arendsee in Richtung Elbe. Der Weg folgt einem in Ost-West-Richtung verlaufenden Dünenzug, der im Norden und Süden von weiten Niederungsgebieten begleitet wird. Mit der Errichtung dieser Wegesperre dürfte nach den historischen Nachrichten wohl um 1328 begonnen worden sein. Ein Schlagbaum hat hier noch bis Ende des 17. Jahrhunderts existiert (Wachter 1986).




Im Westteil des Landkreises Lüchow-Dannenberg gelang es – hauptsächlich aufgrund von Eintragungen in den Kartenblättern der Kurhannoverschen Landesaufnahme, den knappen Beschreibungen bei Müller/Reimers (1893, 337) sowie weniger Altmeldungen im Archiv des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege und anschließenden Geländebegehungen – ein ganzes Landwehr-System zu erfassen. Südlich von Korvin befindet sich ein Niederungsgebiet, dass sich in einem etwa 500 m breiten Streifen in Richtung Südosten bis an die weite Dumme-Niederung zieht, die die Grenze zur ehemals Brandenburgischen Altmark bildet. Diese Niederung war bis in das 18. Jahrhundert hinein nur an wenigen Stellen zu passieren; im hier relevanten Bereich zunächst bei Clenze und dann etwa 5,5 km südlich von Clenze östlich von Bergen an der Dumme. Laut Kurhannoverscher Landesaufnahme Blatt 87 (Lüchow) begann bei Korvin eine Landwehr. Diese verlief zunächst auf gut 3 km annähernd Richtung Norden, teilte sich dann in zwei Stränge, die zunächst in Richtung Ost bzw. West und dann wiederum auf etwa 5 km Länge in Richtung Norden verliefen (Abb.7). Der westliche Strang lief an Dickfeitzen (Abb.8) vorbei bis nach Wittfeitzen. Der östliche Strang lässt sich nach einer Lücke von 2,3 km, für die die Landwehr aufgrund eines Flurnamens nachgewiesen ist, wiederum 1 km weit verfolgen und nach einer weiteren Unterbrechung nochmals auf fast 3 km Länge bis über die Straße nach Dannenberg (B 291) hinweg. Weiter Richtung Osten folgen weitere Landwehrabschnitte zwischen Tolstefanz und Tüschau und zwischen Belitz und Karmitz, die die alte Wegeverbindung nach bzw. von Lüchow (heute Kreisstraße K 8) sperrten. Während der Sinn dieses Landwehrsystems sich leicht erschließt – ganz offensichtlich sollte auf einer Gesamtlänge von 16 km der Ost-West Verkehr behindert und vermutlich auf einzelne Wege gezwungen werden – ist bislang unklar, wer dieses ausgeklügelte System in diesem bis heute sehr dünn besiedelten Gebiet angelegt haben könnte. Obwohl z B. der Ort Clenze von diesem System profitiert haben dürfte, ist schwer vorstellbar, dass die Initiative allein von dort ausging. Clenze wurde spätestens 1330 herzogliches Lehen (Keseberg 1956, 35), gewann allerdings erst im Spätmittelalter zunehmend an Bedeutung (Schröder/Wachter 2000, 126–127). Wahrscheinlicher ist, dass die Landesherrschaft hier eine maßgebliche Rolle gespielt hat. Bisher sind allerdings die Urkundenbücher in dieser Hinsicht noch nicht ausgewertet worden, so dass eine abschließende Deutung hier nicht vorgenommen werden kann.

Landwehren waren und sind in ihrem Bestand akut bedroht, da sie insbesondere bei Flurbereinigungen, Straßenbau und Siedlungsvergrößerungen, aber auch land- und forstwirtschaftlichen Maßnahmen stören. Es bleibt zu hoffen, dass die Erhaltung der Landwehren für zukünftige Generationen auch ohne die Umnutzung zum Lärmschutzwall – wie im Westen der Gemarkung Osnabrück bereits praktiziert – gewährleistet werden kann.  

 

 

Quelle:

Kurhannoversche Landesaufnahme im 18. Jahrhundert

 

Zum Weiterlesen:

  • Assendorp, Jan Joost 1994: Ochtmissen Stadt Lüneburg, FStNr. 43. NNU 63, 1994, 197 Nr. 78.
  • Bartelt, Ute 2008: Ausgrabungen an der Bückethaler Landwehr, Ldkr. Schaumburg. Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 2008/1, 27–29.
  • Budde, Thomas 1998: Die Helmstedter Landwehr: Ein Beitrag zur Erforschung mittelalterlicher Grenzbefestigungen. Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 16. Hameln 1998.
  • Denecke, Dietrich 1969: Methodische Untersuchungen zur historisch-geographischen Wegeforschung im Raum zwischen Solling und Harz. Ein Beitrag zur Rekonstruktion der mittelalterlichen Kulturlandschaft. Göttinger Geographische Abhandlungen 54, Göttingen 1969.
  • Eckert, Jörg 1995: Ganderkesee FStNr. 109/5. In: Fundchronik Niedersachsen 1994, NNU 64 (2),1995, 374, Kat.Nr. 663.
  • Friederichs, Axel 2001: Schwagstorf FStNr. 64 und 64, Gde. Ostercappeln, Ldkr. Osnabrück. Fundchronik Niedersachsen 2000. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte Beiheft 6, 2001, 270–272, Kat.Nr. 321, Abb. 199.
  • Keseberg, Alfred 1956: Geschichte des Fleckens Clenze. Festschrift zu seiner Tausendjahrfeier 956–1956.
  • Kneppe, Cornelia 2004: Die Stadtlandwehren des östlichen Münsterlandes. Veröffentlichungen der Altertumskommission für Westfalen 14. Münster 2004.
  • Kneppe, Cornelia 2014: Zu den Anfängen des Landwehrbaus in und außerhalb von Westfalen. In: C. Kneppe (Hrsg.): Zu Erscheinungsbild, Funktion und Verbreitung spätmittelalterlicher Wehranlagen. Veröffentlichungen der Altertumskommission für Westfalen – Landschaftsverband Westfalen-Lippe Band 20, 323–340. Münster 2014.
  • Küntzel, Thomas 2009: Grüne Grenzen, dornige Sperren - Landwehren im nördlichen Deutschland. Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme) 15, 2009, 209–248.
  • Müller, Johannes Heinrich / Reimers, Jakobus 1893: Vor- und frühgeschichtliche Alterthümer der Provinz Hannover. Hannover 1893.
  • Nelson, Hildegard 2000: Eine archäologische Untersuchung des Landwehrwalles bei Visselhövede. Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme) 8, 2000, 67–75.
  • Nelson, Hildegard 2014: Landwehren in Niedersachsen. In: C. Kneppe (Hrsg.): Zu Erscheinungsbild, Funktion und Verbreitung spätmittelalterlicher Wehranlagen. Veröffentlichungen der Altertumskommission für Westfalen – Landschaftsverband Westfalen-Lippe Band 20, 235–254. Münster 2014.
  • Ploetz, Bruno 1966: Die Lüneburgische Grenzlandwehr. Uelzener Beiträge 1, 1966, 49-61.
  • Schröder, Ulrich, Wachter Berndt 2000: Wendland Lexikon. Band 1 A-K. Schriftenreihe des Heimatkundlichen Arbeitskreises Lüchow-Dannenberg. Lüchow 2000.
  • Schütte, Sven 1984: 5 Jahre Stadtarchäologie: Das neue Bild des alten Göttingen. Göttingen 1984.
  • Wachter, Bernd 1986: Die vierzehn Gräben bei Schletau. Hannoversches Wendland. Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland 13, 1986. 211-212. bes. Abb. 90.
  • Wassermann, Ekkehard 2016: Landwehren in Schaumburg. Schaumburger Beiträge – Quellen und Darstellungen zur Geschichte. Bielefeld 2016.

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