Der Kirchen- und Dombaumeister Johann Bernhard Hensen (1828-1870)

Von Ansgar Brockmann

Bemerkenswert und prägend für die Denkmallandschaft im Nordwesten Deutschlands sind die zahlreichen katholischen Kirchen des Historismus, die im Laufe des 19. Jahrhunderts im Bistum Osnabrück sowie im Offizialatsbezirk Oldenburg, dem niedersächsischen Teil des Bistums Münster, gebaut wurden.

Mit Beschluss des Wiener Kongresses 1815 kamen die säkularisierten, katholisch geprägten Regionen des ehemaligen Hochstiftes Osnabrück und Niederstiftes Münster unter die Landeshoheit protestantischer Fürstenhäuser. Die Ämter Cloppenburg und Vechta wurden dem Großherzogtum Oldenburg zugesprochen und werden seither als Oldenburger Münsterland bezeichnet. Das Hochstift Osnabrück und der westliche Teil des Niederstiftes Münster wurden Teil des Königreiches Hannover, wobei die Herzöge von Arenberg im Amt Meppen standesherrliche Rechte behielten.

Während im 17. und 18. Jahrhundert kaum Kirchenneubauten entstanden, kam es im 2. und 3. Drittel des 19. Jahrhunderts in den Dörfern und größeren Landgemeinden der Region zu einem regelrechten Bauboom im katholischen Sakralbau. Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung sowie die Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft führten zu einem bescheidenen Wohlstand auch unter der Landbevölkerung. Die vorhandenen, meist noch mittelalterlichen Kirchengebäude waren häufig baufällig und für die angewachsenen Gemeinden zu klein. Aufgrund unverhältnismäßig erscheinender Kosten wurden zunächst geplante Instandsetzungen oder Erweiterungen zugunsten von Neubauten aufgegeben. Teils machte auch die Gründung neuer Kirchengemeinden in entlegenen Moorkolonien und Bauerschaften den Bau von zusätzlichen Pfarrkirchen erforderlich.[1]

Mit großen und repräsentativen Sakralbauten konnte sich die katholische Bevölkerung Geltung verschaffen und ihre konfessionelle Identität gegenüber den protestantischen Landesherren behaupten. Sicherlich mit Stolz überreichte der Klerus dem Großherzog Nikolaus Friedrich Peter von Oldenburg zum 25‑jährigen Regierungsjubiläum am 27. Februar 1878 ein Fotoalbum, das sämtliche zwischen 1850 und 1878 gebaute katholische Kirchen im Oldenburger Land dokumentierte.[2] Von den insgesamt sechzehn abgebildeten Neubauten wurden allein neun nach Entwürfen des Kirchen- und Dombaumeisters Johann Bernhard Hensen errichtet.

Lebenslauf

Als sechstes von acht Kindern des Kötters Hermann Heinrich Hensen und dessen Ehefrau Margaretha, geb. Schleper, wurde Johann Bernhard am 5. September 1828 in Sögel geboren und noch am gleichen Tag in der St. Jakobuskirche seiner Heimatgemeinde getauft. Er absolvierte eine handwerkliche Ausbildung, arbeitete im Windmühlenbau und bestand im Jahr 1857 die Prüfung als Maurer- und Zimmermeister beim Amt Haselünne mit Auszeichnung. Nachdem Hensen als Baumeister profane Gebäude und bereits erste Sakralbauten geplant hatte, besuchte er zur weiteren Ausbildung in den Jahren 1858-1860 die Polytechnische Schule in Hannover.[3] Hier stand er sicherlich unter dem Einfluss des Neugotikers Conrad Wilhelm Hase, der seit 1849 am Polytechnikum lehrte und als Begründer der Hannoverschen Schule eine ganze Architektengeneration prägte. Hensen konnte sich innerhalb kurzer Zeit als Kirchenbaumeister etablieren, wurde 1864 mit der Restaurierung des Domes von Osnabrück beauftragt und schließlich 1865 zum Dombaumeister ernannt. Auf sein Gesuch bei der Stadt Osnabrück um die Erteilung der Bürgerrechte intervenierten sechs örtliche Maurer- und Steinbaumeister, die ihm mangelnde Qualifikation nachsagten. Doch die missgünstigen Einwände blieben erfolglos und Hensen wurde am 20. Februar 1866 mit der Berufsbezeichnung „Architekt, Zimmermeister und Maurermeister“ als Bürger der Stadt Osnabrück aufgenommen.[4] Im Juli 1867 heiratete er Henriette Josepha Gabriele Bödiker, Tochter eines Advokaten aus Haselünne, und wohnte mit ihr an der Großen Domsfreiheit 10. Am 25. Mai 1869 wurde sein Sohn Alfred Heinrich Lambert geboren, der ebenfalls Architektur studierte und als Regierungsbaumeister bzw. freiberuflicher Architekt im westfälischen Raum und insbesondere in Münster zahlreiche renommierte Bauprojekte verantwortete. Mit nur 41 Jahren starb Johann Bernhard Hensen am 16. Januar 1870 unerwartet an den Folgen eines Scharlachfiebers und Gehirnschlages.[5] Beerdigt wurde er am 19. Januar auf dem Hasefriedhof in Osnabrück, und ein Grabmal, das einer gotischen Fiale gleicht, erinnert bis heute an seine letzte Ruhestätte. Erst nach seinem Tod brachte seine junge Witwe Henriette am 22. Juni 1870 eine Tochter zur Welt, die auf den Namen Johanna Aloysia Margaretha Maria im Osnabrücker Dom getauft wurde.[6]

Neugotik im Nordwesten

Als Kirchen- und Dombaumeister prägte Johann Bernhard Hensen den katholischen Sakralbau des frühen Historismus im Nordwesten Deutschlands. Durch die Baumaßnahmen an der spätgotischen Propsteikirche in Meppen sowie die Restaurierungsarbeiten am Osnabrücker Dom bewies Hensen zudem seine Fähigkeiten im Umgang mit mittelalterlichen Baudenkmalen, obgleich diese beiden Projekte eine Ausnahme in seinem Œuvre bleiben. Nach seinem unerwartet frühen Tod im Januar 1870 wurden geplante oder im Bau befindliche Kirchen mit Unterstützung anderer Baumeister und Architekten noch Jahre später vollendet. So wurden trotz seiner nur 15 Jahre währenden Schaffenszeit rund 30 Sakralbauten errichtet, die Hensen vorrangig als Hallenkirchen im neugotischen Stil entwarf.

In Rückbesinnung auf die Kunst und Architektur des Mittelalters setzte in den 1840er Jahren auch im nordwestdeutschen Raum der Historismus ein und löste den Klassizismus ab, der sich durch den Einfluss des Bauinspektors Josef Niehaus im Herzogtum Arenberg-Meppen noch über die Jahrhundertmitte hinaus behaupten konnte.[7]

Dabei waren die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts von einer kontrovers geführten Stildebatte geprägt. Der badische Baubeamte Heinrich Hübsch beantwortete 1828 die selbst gestellte Frage „In welchem Style sollen wir bauen?“ mit der Erkenntnis, „daß der neue Styl am meisten Ähnlichkeit mit dem Rundbogen-Style erhalten muss“, um die klassizistische Architektur zu überwinden.[8] Insbesondere die katholische Kirche wollte mit dem Rückgriff auf die mittelalterliche Architektur an die vorreformatorische Zeit anknüpfen.[9] Die Grundsteinlegung für den Weiterbau des Kölner Doms im September 1842 gab schließlich einen entscheidenden Impuls für die Bevorzugung der Neugotik in der Sakralarchitektur.[10]

Das erste neugotische Gebäude im ehemaligen Niederstift Münster entstand 1841-1844 mit der Burgkapelle in Dinklage nach einem Entwurf des preußischen Baubeamten Friedrich August Ritter.[11] Durch die Protektion der kunstsinnigen Bischöfe von Osnabrück und Münster, die das kirchliche Bauwesen in ihren Bistümern maßgeblich beeinflussten, und nicht zuletzt durch das Wirken von Johann Bernhard Hensen wurde die Neugotik in den 1860er Jahren schließlich zum bestimmenden Baustil für den katholischen Kirchenbau im Nordwesten.[12]

Die mittelalterlichen Vorbilder für die neugotischen Hallenkirchen Hensens sind in seiner nordwestdeutschen Heimat und darüber hinaus im westfälisch geprägten Raum zu finden. Exemplarisch zu nennen sind die Katharinenkirche in Osnabrück, die St. Vincentiuskirche in Haselünne oder die Propsteikirchen in Meppen und Vechta. Die besondere Vorbildwirkung der Überwasserkirche in Münster als Musterbeispiel des westfälischen Hallenbaus konstatierte bereits der Kunsthistoriker Wilhelm Lübke 1853 in seinem Denkmalinventar.[13] Durch sein Studium an der Polytechnischen Schule in Hannover 1858-1860 waren Hensen zudem überregional bedeutende Bauten der Gotik und die abgeleitete Formensprache der Neugotik bekannt. Anzunehmen ist eine Prägung durch die Lehre von Conrad Wilhelm Hase und die Architekturtheorie der Hannoverschen Schule, die mit der Wiederbelebung des mittelalterlichen Backsteinbaus das Baugeschehen in Norddeutschland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich bestimmte. Hase, der 1861 am Eisenacher Regulativ mitwirkte und ab 1863 als Konsistorialbaumeister der Hannoverschen Landeskirche wesentlichen Einfluss auf den evangelischen Kirchenbau ausübte, hatte sich zur Studienzeit Hensens bereits der Neugotik verschrieben.[14]  Vor allem die Christuskirche in Hannover, die 1859-1864 nach Entwürfen von Conrad Wilhelm Hase als neugotische Hallenkirche mit Querhaus und basilikalem Chor errichtet wurde, mag den jungen Architekten Hensen beeindruckt und inspiriert haben.

Während die Hannoversche Architekturschule die Wahrhaftigkeit des Backsteins propagierte und die Möglichkeiten des Materials detailreich ausschöpfte – selbst Turmhelme, Maßwerk und Wimperge wurden aus Ziegelsteinen gemauert – verzichtete Johann Bernhard Hensen auf derartige Ausführungen. Verputzte Blenden, farbige oder glasierte Ziegelsteine kommen bei seinen Backsteinbauten nicht vor, vielmehr beschränkte er sich konsequent auf wenige Formsteine und Bauteile aus Sandstein. Die Kirchenschiff- und Chorfassaden wurden flächig angelegt und allein durch den Wechsel von Strebepfeilern und Fenstern rhythmisch gegliedert. Eine repräsentative Steigerung erreichte Hensen durch phantasievoll gestaltete Maßwerkfenster, aneinandergereihte Giebel und hohe Türme.

Für den Innenraum bevorzugte Hensen den Bautyp der dreischiffigen Hallenkirche westfälischer Prägung, stets mit polygonalem 5/8-Chorschluss. Ein Querhaus, Vorjoche zum Chor, Seitenkapellen und Nebenräume ergänzen je nach Größe und Anspruch das Raumprogramm. Zugunsten des Hallencharakters sind die Gurt- und Scheidbögen der weitgespannten Gewölbe gleichrangig, wobei die Längsausrichtung des Raumes zum Chor beibehalten wird. Zentralisierende Raumformen und Emporen in den Seitenschiffen, wie sie im evangelischen Kirchenbau durchaus üblich waren, wurden vom katholischen Klerus abgelehnt[15] und von Hensen nicht verfolgt. Im Gegensatz zur Basilika beeinflusst ein Querhaus die räumliche Wirkung der Hallenkirchen kaum. Teils markierte Hensen die Vierung durch ein Sterngewölbe, ohne die einheitliche Gesamtwirkung des Raumes zu stören. Neben der Ausführung von einfachen Rundpfeilern erreichte Hensen durch Dienstvorlagen und Bündelpfeiler eine hochgotische Raumwirkung, selbst wenn das Grundrisskonzept der dreischiffigen Halle simpel bleibt. Ein Beleg für das Talent des Architekten sind die ausgezeichneten Räume und Proportionen der Kirchen von Lindern, Emstek, Sögel, Essen/Oldb., Ostercappeln oder Oldenburg.

Die Ausbildung eines basilikalen Querschnittes mit Strebewerk bleibt die Ausnahme im Œuvre von Hensen, mit der St. Margarethakirche in Emstek sowie der nicht realisierten Planung einer neugotischen Basilika in Papenburg hat er aber auch diesen Bautyp überzeugend dargestellt.

Obgleich Hensen im Grundsatz der Neugotik zugewandt war, lehnte er romanische Stilformen nicht kategorisch ab. Bei der purifizierenden Restaurierung des Osnabrücker Domes, die er auf Grundlage der Vorplanung von Vinzenz Statz ab 1864 verantwortete, wurden nach Entfernung der barocken Stuckierung und Ausstattung neue Bauteile stilrein und passend zur romanischen Architektur des Domes nachgebildet. Beim Um- und Anbau von klassizistischen Kirchen wählte Hensen neuromanische Elemente, um bauliche Ergänzungen dem Bestand harmonisch anzupassen – dies belegen die Arbeiten an der St. Sixtuskirche in Werlte oder seine Planung zum Bau eines Turmes für die Stadtkirche St. Bonifatius in Lingen. Mit deutlichen Bezügen zu seinem ersten, 1856-1858 realisierten Kirchenbau in Wachtum entwarf Hensen vereinzelt auch kleine Dorfkirchen mit romanischen oder rundbogigen Gestaltungsformen (vgl. Lüsche, Hebelermeer, Neurhede), wobei die Fassaden und Innenräume eine stilistische Durchbildung vermissen lassen und damit nicht als Bauten der Neuromanik zu sehen sind.

 

Fazit

In der Gesamtschau und chronologischen Abfolge seiner Kirchenbauten ist zu beobachten, dass Johann Bernhard Hensen über die Jahre seiner Schaffenszeit an bewährten Grundriss- und Gestaltungsmustern festhielt, sich dennoch entwickelte und zu neuen Raum- und Detaillösungen fand.

Anschaulich ist dies anhand der Kirchtürme nachzuvollziehen, die Hensen stets mit spitzem Turmhelm als weithin sichtbare Landmarken vorsah. Bei der St. Katharinenkirche in Lindern plante er erstmals ein oktogonales Glockengeschoss, das noch unvermittelt auf dem quadratischen Turmunterbau steht. Möglicherweise inspiriert durch die Christuskirche in Hannover entwickelte Hensen den Turmabschluss weiter, indem der Wechsel vom Quadrat zum Oktogon durch hohe, gestufte Fialen begleitet wird. Die annähernd baugleichen Türme von Emstek und Twistringen entsprechen dieser Bauweise, und auch der Glockenturm der Propsteikirche in Meppen sowie eine nicht ausgeführte Planungsvariante in Sögel zählen zu dieser Gruppe. Der oktogonale, massig wirkende Turmabschluss in Essen/Oldb. scheint hingegen von dem Bauleiter Ernst Klingenberg beeinflusst zu sein. Deutliche Parallelen zeigen auch die quadratischen Westtürme von Lengerich und Sögel mit der nicht realisierten Planung Hensens für den Bau der St. Antoniuskirche in Papenburg. Der Aufriss der Türme in Garrel und Rütenbrock ist nahezu identisch, und der Westturm in Neuscharrel erscheint als verkleinerte Kopie von St. Mariä Himmelfahrt in Neuenhaus. Die Türme der Pfarrkirchen von Dersum und Klein-Berßen gleichen sich im Detail, obwohl 35 Jahre zwischen ihrer Erbauung liegen.

Auch anhand der Kircheninnenräume lässt sich die Wechselwirkung zwischen der Weiterentwicklung und dem Festhalten an bewähren Bauformen erkennen. Dem Prototyp von Scharrel und Harkebrügge folgen weitere Hallenkirchen in Neuenhaus, Rütenbrock oder Garrel, die einen gleichartigen Raumeindruck zeigen. Auch die Wirkung der Kirchenhallen in Twistringen und Lengerich ist ähnlich, obwohl ein differenzierter Grundriss mit Querhaus und Seitenkapellen zugrunde liegt. Die bereits in Scharrel vorhandenen, kantonierten Rundpfeiler wiederholen sich bei den ambitionierten Kirchenbauten in Ostercappeln und Oldenburg, werden hier jedoch mit Bündelpfeilern und einem Sterngewölbe in der Vierung kombiniert. Backsteinsichtige Pfeiler und Gewölberippen sowie vergleichbare Raumproportionen und Grundrisskonzepte geben den Kirchenräumen in Essen/Oldb. und Bad Laer ein sehr ähnliches Erscheinungsbild. Noch feingliedriger sind die schlanken Bündelpfeiler in Lindern, die trotz der ausgezeichneten Raumwirkung im Werk Hensens keine Nachahmung finden.

Anzunehmen ist, dass Johann Bernhard Hensen mit standardisierten Entwürfen Baukosten reduzieren und gleichzeitig großzügige, sakrale Kirchenräume schaffen wollte. In der Nachfolge von Harkebrügge und Scharrel wurde die St. Katharinakirche in Lindern als dreischiffige, fünfjochige Halle mit Vorjoch und polygonalem Chorschluss errichtet. Bemerkenswert ist die Klarheit und Ähnlichkeit mit dem mustergültigen Grundriss von Vincenz Statz, der 1854 in der Schrift Fingerzeige auf dem Gebiete der kirchlichen Kunst publiziert wurde.[16] Auf Grundlage dieses bewährten Grundrisskonzeptes, lediglich reduziert um das Vorjoch zum Chor, wurden in den 1860er Jahren die katholischen Pfarrkirchen in Neuenhaus, Rütenbrock und Garrel „in Serie“ gebaut.

In gleicher Weise entwickelte Hensen den Prototyp für eine kleine Dorfkirche – ein drei- bis fünfjochiger, gewölbter Kirchensaal mit eingezogenem, polygonalem Chorschluss. In den 1860er Jahren wurden nach diesem Muster die katholischen Pfarrkirchen von Apeldorn, Dersum, Spahnharrenstätte, Neuscharrel und Badbergen als neugotische Backsteinbauten errichtet, die konzeptionell und im Detail große Übereinstimmungen zeigen.

Eine entsprechende Arbeitsweise ist bei Conrad Wilhelm Hase zu beobachten, der auf Grundlage eines vorbildlichen Grundrisses in den 1850er und 1860er Jahren rund ein Dutzend evangelische Dorfkirchen baute.[17] Auch Emil von Manger, der ab 1852 als Diözesanbaumeister in Münster arbeitete, entwarf in Westfalen dreischiffige Hallenkirchen im neugotischen Stil nach einheitlichem Schema, wiederholte und variierte dabei gleichbleibende Gestaltungsformen. Bereits im Jahr 1825 hat der preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel den Musterentwurf für eine „Normalkirche“ vorgelegt. Mit dem Sammelwerk Entwürfe zu Kirchen, Pfarr- und Schulhäusern zum amtlichen Gebrauch, das von der Königlich Preußischen Oberbaudeputation zwischen 1846 und 1864 in mehrere Auflagen herausgegeben wurde, war das Ziel verbunden, unter dem Diktat der Wirtschaftlichkeit auch in ländlichen Regionen qualitätvolle Kirchenneubauten zu bewirken.[18]

Neben der Standardisierung der Entwürfe wurde die Wahl des Baustils und -materials als Möglichkeit erkannt, um Baukosten zu reduzieren. So erklärte der preußische Regierungsbaumeister Johann Claudius von Lassaulx in Bezug auf den Neubau der katholischen Kirche St. Johannes in Treis, dass der gotische „Baustil für Kirchen nicht allein der würdigste, sondern zugleich der wohlfeilste ist.“[19] In der ab 1851 publizierten Zeitschrift Organ für christliche Kunst wurden die Vorteile des gotischen Baustils für Kirchenbauten postuliert und in dem Beitrag zur Frage über den künftigen Baustyl kathol. Kirchen festgestellt: „Unstreitig wird derjenige Styl den Vorrang behaupten, welcher mit dem christlichen Glauben und Cultus am meisten übereinstimmt, […], und dieser Styl ist allein der gothische.“ Dazu wurde die Wirtschaftlichkeit des gotischen Baustils hervorgehoben, „sein vielfältiger Reichthum und die Möglichkeit, mit geringen Mitteln die erhabensten Räume herzustellen. Zum Beweise dieser Behauptung wollen wir […] eine grosse Kirche anführen, welche mit grösstmöglichster Ersparnis etwa aus dem unbeholfenen Material, dem Backstein aufgeführt werden müsste.“[20]

Auch Johann Bernhard Hensen vereinnahmte das Argument der Kostenersparnis, um den neugotischen Stil zu protegieren. Auf die Anregung des Münsteraner Bischofs Johann Georg Müller, er möge als nächstes eine romanische Kirche bauen, denn „auch die romanischen haben ihre Schönheiten“, soll Hensen erwidert haben: „Gern tue ich das, aber die Leute wollen immer schöne und zugleich billige Kirchen haben. Im gotischen Stile läßt sich wohlfeiler bauen.“[21] Allein die ökonomischen Vorteile und die begrenzten finanziellen Ressourcen der ländlichen Kirchengemeinden können seine Vorliebe für die Neugotik jedoch nicht abschließend begründen. Vielmehr scheint es die gefestigte Architekturauffassung von Johann Bernhard Hensen zu sein, die ihn zu einem Wegbereiter und bedeutenden Vertreter der Neugotik im Nordwesten Deutschlands macht. Mit Bezug zur westfälischen Bautradition gab Hensen durch seine Kirchenneubauten der Theorie der Hannoverschen Schule eine regionalverbundene Ausdrucksform. Und so sind die Sakralbauten, die nach den Entwürfen des Kirchen- und Dombaumeisters entstanden, spätestens auf den zweiten Blick als typische „Hensen-Kirchen“ zu erkennen.



Zum Weiterlesen:

[1] Kloppenburg, Walter: Der Kirchenbaumeister Johann Bernhard Hensen aus Sögel (1828-1870) und der Kirchenbau seiner Zeit, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes, Band 14, Jg. 1967, S. 84; Baumann, Willi u. Sieve, Peter: Die katholische Kirche im Oldenburger Münsterland, Ein Handbuch, 1995, S. 81-87
[2]
Karrenbrock, Reinhard: Kirchenbauten im Oldenburger Münsterland aus der Zeit zwischen 1850 und 1878, in: Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland, 1994, S. 24-59
[3] Kloppenburg, 1967, S. 90f
[4] Kloppenburg, Walter: Der Kirchenbaumeister Bernhard Hensen aus Sögel (1828-1870), Fortsetzung und Schluß, in: Volkstum und Landschaft, Heimatblätter der Münsterländischen Tageszeitung, Dezember 1969, 31. Jg., Nr. 76, S. 7
[5] Glanemann, Stephan Lütke: Der Osnabrücker Dom, Die Bau- und Restaurierungsgeschichte seit 1748, 1997, S. 42, Anm. 67, zitiert nach: Kirchen- und Volksbote, Nr. 4, 23.01.1870, S. 53
[6] Die Lebensdaten von J. B. Hensen und seiner Familie sind den Kirchenbüchern der Dompfarrei St. Petrus in Osnabrück, der Pfarrei St. Jakobus in Sögel und der Pfarrei St. Vincentius in Haselünne zu entnehmen.
[7] Poppe, Roswitha: Der Haselünner Architekt Josef Niehaus, in: Osnabrücker Mitteilungen, Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, Band 68, 1959, S. 272-308; Wagner, 2003, S. 248f
[8] Hübsch, Heinrich: In welchem Style sollen wir bauen? 1828, S. 51
[9] Niehr, Klaus: Romanik, Gotik und mehr – der späte Historismus im Bistum Osnabrück, in: Niehr, Klaus (Hrsg.): Historismus im Bistum Osnabrück, 2014, S. 11
[10] Vormweg, Peter: Die Entwicklung der Neugotik im westfälischen Kirchenbau, 2013, S. 104
[11] ebd., S. 87
[12] Wagner, Eckard: Von Herrensitzen und Türmen überm Land, Die Baukunst im Emsland unter den ersten Arenbergern, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes, Band 49, Jg. 2003, S. 234; Baumann u. Sieve, 1995, S. 88
[13] Lübke, Wilhelm: Die mittelalterliche Kunst in Westfalen nach den vorhandenen Denkmälern dargestellt, 1853, S. 248ff; Vormweg, 2013, S. 182
[14] Kokkelink, Günther u. Lemke-Kokkelink, Monika: Baukunst in Norddeutschland, Architektur und Kunsthandwerk der Hannoverschen Schule 1850-1900, 1998, S. 11
[15] Königliche Technische Bau-Deputation (Hrsg.): Entwürfe zu Kirchen, Pfarr- und Schulhäusern zum amtlichen Gebrauch, 3. Auflage, 1862, S. 20; Vormweg, 2013, S. 83
[16] Reichensperger, August: Fingerzeige auf dem Gebiete der kirchlichen Kunst, 1854, Tafel II; Vormweg, 2013, S. 185
[17] Kokkelink u. Lemke-Kokkelink, 1998, S. 407f
[18] Vormweg, 2013, S. 120f u. S. 78
[19] ebd., S. 98
[20] Baudri, Friedrich (Hrsg.): Organ für christliche Kunst, II. Jg., Nr. 13, 01.07.1852, S. 111 u. S. 113
[21] Kloppenburg, 1967, S. 93f u. S. 97

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