Ostfriesische Gulfhäuser – Natur und Kultur prägen eine Hausform

Von Volker Gläntzer

Gulfhäuser, die traditionellen Bauernhäuser auf der ostfriesischen Halbinsel, fielen schon vor 200 Jahren aufmerksamen Beobachtern ins Auge. Sie erkannten die Ähnlichkeit mit holländischen – genauer: nordniederländischen – Bauernhäusern und rühmten ihr gefälliges Aussehen und ihre zweckmäßige Einrichtung: „[…] die Wohnungen des Landmanns in Ost-Friesland […] sind großentheils nach holländischer Art […] gebaut, und so bequem, reinlich und zierlich, daß der wohlstehende Staatsdiener, Geistliche oder Beamte wohl darin wohnen könnte.“ So schrieb 1820 der aus Sengwarden gebürtige Gießener Statistikprofessor August Friedrich Wilhelm Crome, der die Bauernhäuser seiner Heimat wohl mit anderen vergleichen konnte. Zu ähnlichen Wertungen kamen auch seine Zeitgenossen, die sich – durchaus schon wissenschaftlich – mit der als vorbildlich geltenden Marschenwirtschaft und ihren Gebäuden beschäftigten.

Gulfhäuser beeindruckten damals und beeindrucken noch heute – allein schon durch ihre (z. T. enorme) Größe. Mit einer Länge von bis zu 40, 50 m, in Einzelfällen auch 70 m und einer Firsthöhe von 12, 14 m sind sie in der flachen Landschaft einfach nicht zu übersehen. Dem rauhen Nordseeklima angepasst, vereinen sie als echte Einhäuser alle Tätigkeiten des Wohnens und Wirtschaftens unter einem Dach – die jeweiligen Räume deutlich voneinander getrennt, dabei für einen rationellen Betriebsablauf aufeinander bezogen. Die langgestreckten Backsteinbauten verbinden, meist unter einem First, zwei Bauteile. Vorne steht das in der Regel schmalere Wohnhaus, ein- bis zweigeschossig und teilunterkellert, der Steilgiebel und die Traufseiten stark durchfenstert, im 18. und 19. Jahrhundert mit den charakteristischen Vertikalschiebefenstern. Sonst ist das Äußere eher demonstrativ schlicht, allenfalls durch eine sandsteinerne Giebelzier, eine Inschriftentafel oder verzierte Maueranker akzentuiert und erst im Historismus durch Lisenen, Gesimse und Fensterumrandungen plastischer gegliedert. Im Inneren zeigt sich eine hochstehende Wohnkultur. Alle eigentlichen Wohnräume sind mit Wandkaminen bzw. Öfen rauchfrei, die Wände häufig gefliest, die Ausstattung z. T. geschickt wandfest eingebaut, etwa die Wandbetten (Butzen) und Glasschränke (Buddeleien). Auf dem Boden über den Wohnräumen lagert das gedroschene Korn.

Hinter dem Wohnteil ist als Wirtschaftsteil die breitere und längere Gulfscheune mit seitlich tief herabreichendem Dach angebaut. Ihr dreischiffiges Raumgefüge spiegelt sich in der asymmetrischen Gestaltung des ganz oder halb abgewalmten Giebels mit dem großen Tor auf der einen, der kleinen Tür auf der anderen Seite und einer Fensterreihe dazwischen. Im Inneren ragt ein weitmaschiges zweireihiges Ständergerüst auf. Die hohen Ständer werden paarweise durch aufgezapfte oder durchgezapfte Querbalken zusammengehalten. Diese Gebinde wiederum werden durch Längsrähme miteinander verbunden. Auf ihnen stehen die Sparren, von denen die Auflanger bis zu den niedrigen Traufwänden hinabreichen und die relativ breiten Seitenschiffe, die Kübbungen, überdachen.

Im Mittelschiff, im Geviert der Ständer, das im westlichen Ostfriesland Gulf heißt und der Hausform den Namen gab, wird die Ernte bodenlastig gelagert und liegt am Giebel, durch die Fenster belichtet, der Pferdestall. Das Tor führt auf die Dreschdiele in dem einen, die Tür in den Stall im anderen Seitenschiff. Dort steht das Rindvieh mit dem Kopf zur Außenwand auf einem seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert gemauerten Hochstand; im vorderen Bereich ist noch eine Milch- und Butterkammer, das Karnhaus, abgeteilt.

Bemerkenswert sind Architektur und Einrichtung der Hausform, bemerkenswerter noch sind ihre Entstehung und Geschichte. Denn selten lässt sich so deutlich erkennen, wie natürliche Gegebenheiten, wirtschaftliche und soziale Verhältnisse, Traditionen und Innovationen, großräumige Einflüsse und kleinräumige Unterschiede in einer Region zu bestimmten baukulturellen Lösungen geführt haben, die typologisch zusammenhängen und sich im Einzelnen doch unterscheiden. Diese Geschichte begann auf der ostfriesischen Halbinsel in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Damals erfuhr die Landwirtschaft in den fruchtbaren Marschen einen kräftigen Aufschwung, indem sie ihre Produkte gewinnbringend in die aufstrebenden Städte im Nordseebereich exportierte und dadurch in ein weitgespanntes maritimes Handelsnetz eingebunden wurde. Ein tiefgreifender Strukturwandel, ein Verdrängungswettbewerb war die Folge. Eine Bevölkerung mit relativ gleichmäßigem Landbesitz begann sich zu polarisieren – in ökonomisch, sozial und politisch tonangebende Großbauern einerseits, in Kleinstlandwirte und Landarbeiter andererseits. Jene Großbauern sorgten dafür, dass auch in jüngerer Zeit in den neu eingedeichten Poldern und Groden das dort noch fruchtbarere Land in den Besitz von ihresgleichen kam. Wegen ihres Reichtums und ihrer sozialen Stellung wurden sie nicht umsonst Polderfürsten genannt. Dieser Reichtum war allerdings durch Sturmfluten stets bedroht – diejenigen von 1717 und 1825 sind bis heute im kollektiven Gedächtnis verankert. Von ihren Folgen erholten sich die finanzstärksten Grundeigentümer am ehesten, so dass diese Naturkatastrophen zu noch weiterer Besitzkonzentration führten.

Zurück ins 16. Jahrhundert! Die damals üblichen (z. T. schon hallenhausähnlichen) Wohnstallhäuser genügten den Anforderungen der entstehenden Großbetriebe nicht mehr. Gesucht war ein Gebäude, in dem vor allem witterungsunabhängig größere Mengen Getreide im Herbst geborgen und im Winter sukzessive gedroschen werden konnten. Das hatte zudem den Vorteil, den Drusch für den Kornverkauf an den Marktgegebenheiten ausrichten zu können. Dafür errichteten diese Großbauern mit der Gulfscheune ein innovatives Wirtschaftsgebäude, das diesen Anforderungen bestens entsprach. Sie folgten damit nordniederländischem Beispiel und dem Vorbild zunächst vor allem landesherrlicher und adliger Großbetriebe, die sich ihrerseits an den Gebäuden mittelalterlicher Klosterwirtschaften orientierten. Eine Hausform, die vom Binnenland gesehen als periphere Besonderheit wirkt, steht so in einem großen nordwesteuropäischen Zusammenhang, der um die südliche Nordsee herum von den hochmittelalterlichen Klosterscheunen Nordwestfrankreichs und Zehntscheunen Südenglands bis zu den frühneuzeitlichen Gutsscheunen Holsteins und Dänemarks reicht.

Die ältesten in Ostfriesland erhaltenen Gerüstteile von Gulfscheunen stammen aus den Jahren 1568 und 1575, die ältesten im ursprünglichen Verband erhaltenen Gulfgerüste aus den Jahren 1603 und 1609. In der Regel wurde der Stallteil der alten Wohnstallhäuser zunächst nicht durch diese neue Gulfscheune ersetzt sondern ergänzt. Beide Gebäudeformen besaßen zwar unterschiedliche Größen und Nutzungen, ähnelten sich jedoch in ihrem zweiständrigen Innengerüst und dreischiffigen Grundriss. Außerdem war die bodenlastige Erntebergung im Rutenberg (noch außerhalb des Hauses) bekannt. Das beförderte die Akzeptanz der Gulfscheune und erleichterte die bauliche Vereinheitlichung durch die schrittweise Integration von Wohnteil, Stall und Scheune zur klasssischen Gulfhausform, bei der Wohn- und Wirtschaftsteil unter gleichhohem First lagen („ostfriesischer Typ“). Dieser Prozess verstärkte sich, wohl mit der Steigerung des Getreideanbaus, seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Dann war das Vorbild geschaffen, dem dann im Prinzip alle Neubauten folgten. Nur wenige Ausnahmen blieben bestehen, wenn – im Westen – ein stattliches Steinhaus des 16. Jahrhunderts mit eigenem First asymmetrisch vor einer Gulfscheune stehenblieb oder – im Osten – ein einräumiges „Steinende“ vor einen noch älteren Wohnteil vorgebaut wurde. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verlor aber auch das Ideal des einheitlichen Baukörpers wieder seine Leitfunktion, indem zuweilen ein villenartiger Wohnteil durch einen Verbindungstrakt mit der Gulfscheune verbunden wurde.

Diese spezifische Entstehungsgeschichte hatte drei Folgen. Auf der einen Seite lebten räumlich unterschiedene Bautraditionen aus der Zeit vor Einführung der Gulfscheune weiter fort. Im Westen blieben die aus dem Steinhaus entwickelten, nur zweiräumigen Wohnteile aus ebenerdiger Küche und Upkammer über halb eingetieftem Keller noch länger erhalten und wurden vermehrt erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch weitere Wohnraumzonen erweitert. Im Osten gab es dagegen bis weit ins 18. Jahrhundert Wohnteile unter niedrigerem First mit zweiständrigen Innengerüsten, die von den hallenhausartigen Wohnteilen aus Flett und Kammerfach abgeleitet wurden („Vorhaustyp“). Sie besaßen schon seit dem 16. Jahrhundert mindestens zwei Wohnzonen, wie auch die nachfolgenden Bauten mit gleichhohem First. Schließlich entstanden Gulfhäuser, bei denen das Innengerüst von Giebel zu Giebel durchlief und sich drei bis vier Wohnräume am breiten Rückgiebel aneinanderreihten. Auch bei den Feuerstellen unterscheiden sich die Wandkamine im Westen von den Herden mit Rauchfang im Osten.

In manchen Fällen sind nicht nur Bautraditionen, sondern sogar Bauhölzer der Vorgängerbauten wiederverwendet worden, aus denen ihre Grundzüge als hallenhausähnliche Bauten überhaupt erst rekonstruiert werden können. Dachbalken, z. T. aus der Zeit kurz vor 1500, dienten wieder als Dachbalken oder Ständer, alte Ständer wurden übereinandergestellt, um die nötige Länge für neue Gulfgerüste zu erhalten, oder dienten als Utkübbenständer, d. h. für eine Ständerreihe, die nahe der Außenwand die Auflanger über der Dielenkübbung unterstützte.

Auf der anderen Seite haben sich auch neue Unterschiede herausgebildet. Das zunächst knappe Wohnraumangebot im Westen wurde seit dem späten 18. Jahrhundert durch die Sommerküche am Ende der Stallkübbung ergänzt. Sie war eine schlichtere Ausgabe der Wohnküche im Wohnteil und diente eigentlich für das Gesinde, wurde aber im Sommer auch von der Bauersfamilie genutzt, um deren Hauptwohnraum nicht aufheizen zu müssen. Vor allem im Rheiderland kamen noch weitere Wohnräume in der Stallkübbung hinzu. Wo in den jungen Marschen der Getreidebau dominierte, wurde aus der Einfahrtsdiele durch ein zweites Tor am Wohnteil eine Durchfahrtsdiele, um die Erntewagen schneller entladen zu können.

Schließlich wurde das Gulfhaus dank seiner Anpassungsfähigkeit tatsächlich zum Haus aller ostfriesischen Landschaftsformen und ländlichen Sozialschichten. So steht es nicht nur auf den großen Höfen in der Marsch – am Rand der Dorfwurten, in Einzellage oder in Reihen entlang von Geestzungen oder alten Deichlinien. In wesentlich kleinerer Form prägt es auch die locker durchgrünten Geestdörfer oder begleitet die langen Fehnkanäle. Sogar die kleinen Häuser der Landarbeiter und Moorkolonisten besitzen einen vom Wirtschaftsteil getrennten – allerdings nur einzigen – Wohnraum, dieser gegenüber jenem charakteristisch eingerückt, so dass man durchaus den Einfluss des Gulfhauses erkennen kann, auch wenn der Wirtschaftsgiebel infolge nur kleiner eigener Landwirtschaft auf ein Dielentor verzichtet.

In den weiteren Verbreitungsinseln entlang der Nordseeküste sind die Verhältnisse anders. Dorthin kam das Gulfhaus nicht allmählich und durch nachbarschaftlichen Kontakt, sondern durch direkten Import nordniederländischer Siedler und blieb dort eine wirtschaftlich-soziale Sonderform. In der Wilstermarsch steht es als Barghaus der Milchviehbauern neben dem einheimischen Hallenhaus der Getreidebauern, in Eiderstedt als Haubarg der Großbauern neben dem nordfriesischen Fachhaus der kleineren Landwirte – ein Wohnstallhaus mit zweiständrigem Innengerüst und ganz schmalen Kübbungen.

Mit seiner Gesamtform und mit seiner Einteilung erfüllt das Gulfhaus seinen Zweck als Wohn-/Wirtschaftsgebäude, mit bestimmten baulichen Merkmalen reagiert es in spezifischer Weise auch auf Bedingungen der Natur. Nur ein Beispiel: In der Marsch ist Trinkwasser selten, weil Wasserläufe und Brunnen leicht brackig sind. Deshalb haben die Ostfriesen Regenwasser in Zisternen (Regenbacken), gesammelt, die unterhalb der Sommerküche oder Milchkammer gemauert wurden. Um das Regenwasser von den Dachflächen dorthin zu leiten, benutzten sie schon im 18. Jahrhundert (hölzerne) Regenrinnen.

Eine besonders große Rolle spielte die Natur als Baustofflieferantin. Ton- und Brenntorfvorkommen erlaubten früh die Herstellung von Backsteinen für die Hauswände und von Dachziegeln, wenn es für die Dachdeckung nicht beim ebenfalls vorhandenen Reet oder Stroh blieb. Holz dagegen war, besonders in der Marsch, Mangelware. Da leuchtet der Vorteil ein, den das Gulfhaus versprach: ein Minimum an Holzverbrauch für ein Maximum an umbautem Nutzraum. Allerdings gab es gerade die für Gulfgerüste benötigten langen Hölzer hier nicht bzw. nicht in benötigter Menge. Sie mussten also importiert werden. Wohl hat man entsprechende Hölzer aus dem Binnenland über Ems oder Weser flößen können. Offenbar legten die bestehenden Handelsbeziehungen auch einen anderen Weg nahe: den Import von Eiche und – seit dem 17. Jahrhundert – Kiefer aus (Süd-)Skandinavien. Für die niederländischen Städte war dieser Bezugsweg schon länger üblich, und auch für den ländlichen Bereich Ostfrieslands sind bereits im 16. Jahrhundert skandinavische Eichenimporte schon für die Vorläuferbauten der Gulfhäuser nachgewiesen. Vergleichbares geschah im ausgehenden 19. Jahrhundert, als im Gegenzug zum Export landwirtschaftlicher Produkte nach England von dort Schiefer für die Deckung der Gulfhauswohnteile eingeführt wurde. Importiert wurden auch die Sandsteinplatten für die Fußböden in (Sommer-)Küche und Fluren, die im Solling gebrochen, über die Weser verschifft und dann über Bremen als „Bremer Floren“ gehandelt wurden. So haben gerade auch weitgespannte Handels- und Kulturbeziehungen zur Ausprägung einer Hausform beigetragen, die wir heute als regionale, „typisch ostfriesische“ Besonderheit betrachten.

  

Zum Weiterlesen:

Johann Aeils/Jan Smidt: Gulfhöfe und Arbeiterhäuser in Ostfriesland. Steinerne Zeugen in Marsch und Geest, Norden 2007.

Volker Gläntzer/Frank van der Waard: Hallenhaus und Gulfhaus um 1600. Studien zur Entwicklung der Bauernhaustypen in der Provinz Groningen (NL) und in Ost-Friesland (DE), In: Peter Dragsbo: Haus und Hof in Schleswig und Nordeuropa, Heide 2008, S. 44-77.

Otto S. Knottnerus: Haubarg, Barghaus, Bargscheune und ihre mittelalterlichen Vorläufer – Materialien zur Vorgeschichte der Gulfscheune. In: Probleme der Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet, Band 32, 2008, S. 105-125.

Otto Lasius: Das friesische Bauernhaus in seiner Entwicklung während der letzten vier Jahrhunderte vorzugsweise in der Küstengegend zwischen der Weser und dem Dollart, Straßburg/London 1885. Neuausgabe Berlin 2011. Wiederabdruck auch in Kurt Asche: Gulfhaus und Steinhaus im Jeverland. Wilhelmshaven 1997.

Wolfgang Rüther: Hausbau zwischen Landes- und Wirtschaftsgeschichte. Die Bauernhäuser der Krummhörn vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Diss. Münster 1999.

Artikel zur Klosterscheune Ter Doest


Der Beitrag erschien in ähnlicher Form bereits in: „Niedersachsen. Zeitschrift für Kultur, Geschichte, Heimat und Natur. Spezial 2018/2, S.35-40, Berlin 2018.

 

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