Siedlungslandschaft Rundlinge im Wendland, Teil 1
Siedlungslandschaft und Denkmalpflege, geht das zusammen?
Die Siedlungslandschaft Rundlinge im Wendland ist als historische Kulturlandschaft von landesweiter Bedeutung und als Vorranggebiet für kulturelle Sachgüter von weltweiter Bedeutung fest in der Raumordnung des Landes verankert. Sie wurde als schützenswerte Kulturlandschaft sowohl in das Niedersächsische Landesraumordnungsprogramm als auch in das Niedersächsische Landschaftsprogramm aufgenommen. Mit der Ausweisung einer rein bäuerlich geprägten Kulturlandschaft und dem Schwerpunkt auf dem Siedlungstyp der Rundlingsdörfer (im weiteren Verlauf kurz „Rundlinge“ genannt) wird Neuland betreten. Es geht hier um das vielschichtige Zusammenspiel von Landschaftsbild, Ortsbild und historischen Kulturlandschaftselementen mit den Kultur-, Bau- und Bodendenkmalen. Die Denkmalpflege vermag dabei immer nur einen Ausschnitt dieser Ebenen einer Kulturlandschaft zu vermitteln. Die Auseinandersetzung folgt dem Bundesnaturschutzgesetz, wonach es bei der Sicherung von Natur und Landschaft insbesondere um die Wahrung der „historisch gewachsenen Kulturlandschaften mit ihren Kultur-, Bau- und Bodendenkmälern“ geht. Dabei werden historische Kulturlandschaften im niedersächsischen Denkmalrecht nicht explizit erwähnt. Die Definition der Baudenkmale nach § 3 Niedersächsisches Denkmalschutzgesetz (NDSchG) eröffnet jedoch die notwendigen Spielräume, eine Kulturlandschaft zu einem Denkmalthema zu machen. Auf die fachlich sinnvolle und denkmalrechtlich mögliche Ausweisung der Siedlungslandschaft als „Gruppe baulicher Anlagen“ (Ensemble) wurde bewusst verzichtet, weil es einen nicht zu bewältigenden verwaltungstechnischen Aufwand bedeutet hätte. Baudenkmale können nicht nur Gebäude sein, sondern bauliche Anlagen im weitesten Sinne nach Landesbauordnung, wie Kleingartenanlagen (Kohlgärten), Abgrabungen (Sandgruben, Dorfteiche) und Anschüttungen (Kirchwege durchs Moor). Auch „Pflanzen-, Frei- und Wasserflächen in der Umgebung eines Baudenkmals […] gelten als Teile des Baudenkmals, wenn sie mit diesem eine Einheit bilden“ (§3(3) NDSchG) wie Hofplätze, Hofwälder und Hofwiesen.
Wo liegt die Siedlungslandschaft Rundlinge im Wendland?
Somit ist es möglich, eine bäuerliche Kulturlandschaft mit ihren denkmalrelevanten Pflanzen, Frei- und Wasserflächen zu definieren. Die Siedlungslandschaft Rundlinge im Wendland ist derzeit exemplarisch auf eine nur 27 qkm große Fläche mit 19 Dörfern innerhalb des Landkreises Lüchow-Dannenberg und der Samtgemeinde Lüchow (Wendland) begrenzt: nämlich auf die Rundlinge Bausen, Bussau, Diahren, Dolgow, Ganse, Granstedt, Gühlitz, Güstritz, Jabel, Klennow, Köhlen, Kremlin, Lensian, Lübeln, Mammoißel, Prießeck, Püggen, Satemin, Schreyahn. Der Niedere Drawehn umfasst jedoch ein wesentlich größeres Gebiet mit rund 50 Rundlingen. Der ausschließlich von diesem markanten Dorftyp geprägte Teilbereich im Niederen Drawehn zwischen Lüchow und Clenze verteilt sich auf sechs politische Gemeinden: Clenze, Küsten, Lüchow (Wendland), Luckau, Waddeweitz und Wustrow. Das Verbreitungsgebiet der Rundlinge ist deutlich weiträumiger. Es geht auch über den Niederen Drawehn und den Landkreis Lüchow-Dannenberg weit hinaus und reicht in einem schmalen Saum von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.
Was bezeichnen wir mit „Wendland“?
Während das „Hannoversche Wendland“ gerne mit dem Landkreis Lüchow-Dannenberg gleichgesetzt wird, verwenden wir den Begriff „Wendland“ in seiner historischen Bedeutung für die eigentümliche Kulturlandschaft des von „Wenden“ (Slawen) bewohnten Niederen Drawehn. Der Begriff „Drawehn“ kommt aus dem draweno-polabischen Wortschatz der slawischen Altsiedler und bedeutet so viel wie „Waldland“. Das Land der Wenden ist deckungsgleich mit einer besonderen Landschaftsform, der niederen Geest, westlich von Lüchow mit dem Hauptverbreitungsgebiet des wendländischen Rundlingsdorfes. Der andernorts vielfach zurückgedrängte oder stark überformte Siedlungstyp prägt die historische Kulturlandschaft bis heute, was sich in der hier gewählten Bezeichnung als Siedlungslandschaft entsprechend ausdrückt.
Rundlinge und Hallenhäuser
Die Siedlungsstruktur geht auf die im hohen Mittelalter, d.h. in der Mitte des 12. Jahrhunderts planmäßig angelegten Rundlinge zurück. Die zentralen Rundlingsplätze werden von einer Sonderform des niederdeutschen Hallenhauses geprägt. Diese auch in benachbarten Regionen vertretene Hausform ist keineswegs rundlingsspezifisch, obwohl sie so aussieht. Die Dreiständergebäude des 17. und 18. Jahrhunderts, die Steilgiebel, die reiche Ausstattung mit Inschriften, die gut belichteten Stuben und der sogenannte Pomös als Zwischenboden über dem Wohnteil sind Besonderheiten dieser Region. Die Siedlungslandschaft Rundlinge im Wendland besteht ausschließlich aus diesen radial angelegten Dörfern, Haupthäusern und Scheunen mit nur einer Zufahrt auf den Dorfplatz und die Hofplätze. Die keilförmig mit ihren Haupthäusern und Wirtschaftsgebäuden zum zentralen Dorfplatz ausgerichteten Hofplätze prägen die Rundlingsstruktur seit ihren Anfängen. Die Standorte der Haupthäuser und Scheunen sind aufgrund der hydrologischen Gegebenheiten und der Rundlingsform seit Jahrhunderten festgelegt.
Die Dörfer haben sich in Gestalt einer letzten Blütephase im 18./19. Jahrhundert in ihrer mitteleuropäischen Verbreitungszone keineswegs zufällig erhalten. Sie sind nur als Relikte slawischer Siedlungsinseln mit einer besonderen Entwicklungsgeschichte zu verstehen. Rundlinge bildeten in einer kurzen Zeitspanne während der Frühphase des mittelalterlichen Landesausbaus im 12./13. Jahrhundert den bevorzugten Siedlungstyp und blieben es bis heute.
Die in vorderer Linie zum zentralen Dorfplatz radial ausgerichteten Haupthäuser der Hofstellen haben ihre multifunktionale Bedeutung als Wohn- und Wirtschaftsgebäude in traditioneller Fachwerkbauweise bis heute fast lückenlos erhalten können. Die mächtigen Hallenhäuser mit Grundflächen von rund 24,0 m x 11,0 m und Firsthöhen von rund 10,0 m prägen mit ihren steilen und ungegliederten Dachflächen die Rundlinge. Die Orientierung des Wirtschaftsteils nach innen zum öffentlichen Dorfplatz und des Wohnteils zum privaten Hofplatz bildet ein wesentliches Charakteristikum.
Seitlich der Haupthäuser erfolgt die Zufahrt zum mit Lesesteinen gepflasterten Hofplatz. Auf dem Hofplatz befand oder befindet sich unweit von Haupthaus und Herdstelle der Brunnen, ein Hausbaum (meist ein Birnbaum) und ein kleiner Kräuter- und Blumengarten. Am Hofplatz liegen die Schweineställe mit Futterküche und Backhaus sowie die Pferdeställe. Am rückwärtigen Ende des Hofplatzes schon im Ring des Hofwaldes steht in Verlängerung der Hofzufahrt die große, oft multifunktional nutzbare Scheune. Die Scheunen, überwiegend Längsdurchfahrtsscheunen, erreichen fast die Größe der Haupthäuser. Am Ende des Hofwaldes haben sich nur noch wenige Exemplare der sogenannten Baakstaven erhalten. Diese extrem feuergefährlichen Flachsdarren entstanden in einem kleinen Zeitfenster in der Blütezeit der Leinenweberei zwischen 1850 und 1880.
Die Entwicklung zum perfekten Rundling
Die kleinräumigen, weilerartigen Rundlinge bestanden in ihrer Ursprungsform zumeist aus sechs bis acht gleichberechtigten Vollhufnern und bildeten eine offene Hufeisenform. Dabei weist die äußere Rundung des Dorfes stets zu den tiefer gelegenen, feuchten Niederungen mit Weideland in Form von Bruchwäldern, Moorweiden und Wiesen. Die einzige Zuwegung zu den Dörfern bildet eine schmale Straße vom höher gelegenen Ackerland. Untrügliches Kennzeichen für alle 19 Rundlinge ist ihre Lage an der Geotopengrenze zwischen den wasserreichen Niederungen und den trockenen Ackerflächen auf den Geestrücken. Die Geestrücken sind eiszeitliche Überbleibsel der Grundmoränen nach Abschmelzen des Eises. Im ausgehenden Mittelalter und zu Beginn der frühen Neuzeit wurden die Höfe geteilt (überwiegend in Halbhufner-, teilweise auch Drittel- oder Viertelhufnerstellen). Das zuvor offene Hufeisen mit dem breiten Dorfzugang wurde durch die Anlage weniger, zusätzlicher und zumeist kleinerer Hofstellen (den sogenannten Kötnern) auf den Gemeinschaftsflächen verengt. Die Anzahl der Hofstellen verdoppelte sich durch diese beiden Maßnahmen. Hierdurch erhielten spätestens im 16. Jahrhundert die Dörfer ihre bis heute erhaltene, fast geschlossene Rundform. Durch die räumliche Dichte der giebelständigen Hallenhäuser mit ihren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts vorherrschenden Dacheindeckungen aus Stroh hatten die Flammen bei Bränden oft leichtes Spiel. Ganze Dörfer konnten innerhalb weniger Minuten niederbrennen. Die Einführung des Schornsteins mit dem damit einhergehenden Funkenflug verschärfte das Problem in der Mitte des 19. Jahrhunderts immer dann, wenn nicht zugleich alle Strohdächer durch feuersichere Pfannendächer ersetzt wurden. Abweichend zu den Rundlingen in anderen Regionen des mittelalterlichen Landesausbaus, wo nach Bränden der Wiederaufbau als Straßendorf erfolgte, wurde im Wendland die Rundlingsform auch im 19. Jahrhundert oft beibehalten. Die wiederkehrende Vernichtung der aufgehenden Substanz und deren Wiederaufbau an gleicher Stelle sind noch heute ablesbar in den Inschriften der Wirtschaftsgiebel, in denen auch das Jahr der Brandkatastrophe hinterlegt ist. Auf den Dorfplätzen und an den Dorfrändern entstanden die sogenannten „Feuerkuhlen“, Reservoire für Löschwasser im Brandfall. In unmittelbarer Nachbarschaft findet man bis heute oft die alten Spritzenhäuser, kleine Remisen für die von Pferden gezogenen Wagen mit den Feuerspritzen, die Vorläufer der heutigen Feuerwehr-Gerätehäuser.
Wasser und Rundlinge
Ein wesentliches Merkmal dieser Kultur- und Siedlungslandschaft ist das Element Wasser. Die besondere Lage der Dörfer erklärt sich aus dem unmittelbaren Zugang zu Trinkwasser für Vieh und Mensch in Form von quellfrischem Schichtenwasser, Grundwasserbrunnen und artesischen Brunnen. Das Grund- und Regenwasser wurde in Dorfteichen gesammelt, die als Rottekuhlen im Flachsanbau, als Viehtränken, Pferdeschwämmen und Feuerlöschteiche überall im Dorfbild sichtbar waren oder noch sind. Um die ebenso alten Mühlenstandorte in Bussau, Köhlen, Lübeln, Püggen und Zeetze möglichst lange im Jahr mit Aufschlagwasser versorgen zu können, musste das Wasser in der Landschaft zurückgehalten werden. Dazu dienten Mühlteiche, Rückhaltebecken und Stauanlagen in den Mooren. Der Rückstau von Elbe und Jeetzel bei Hochwasser in die Geest- und Mühlbäche des Niederen Drawehn ermöglichte den Anschluss der Dörfer an die Flussschifffahrt mit Lastkähnen mit geringem Tiefgang. Über die Häfen in Wustrow und Lüchow konnte so das wendländische Leinen Hitzacker erreichen. Von dort gelangte es nach Hamburg und in die ganze Welt. Die natürlichen Geestbäche wurden frühzeitig mit Anlage der Dörfer zu Mühlbächen ausgebaut. Die Relikte dieser einstigen Wassernutzung sind auch nach Aufgabe der Wasserrechte durch die Müller in der Mitte des 20. Jahrhunderts bis heute überall in der Landschaft nachweisbar.
Das Siedlungsgebiet der Draweno-Polaben
Rundlinge bildeten nur in der Frühphase des mittelalterlichen Landesausbaus, also im 12. und 13. Jahrhundert, den bevorzugten Dorftypus. Sie unterscheiden sich erheblich von den im Laufe des 13. und 14. Jahrhundert neu erschlossenen Siedlungsgebieten in den östlich angrenzenden Regionen von Mecklenburg und Brandenburg. Dort entstanden deutlich größere Anger- und Straßendörfer mit überwiegend deutschen Neusiedlern, während im Wendland die slawischen Altsiedler, die Draweno-Polaben, ihre Traditionen mit einbrachten. Die Siedlungslandschaft Rundlinge im Wendland bildet ein zusammenhängendes Gebiet mit ausschließlich Rundlingsdörfern, die in Abständen von nur wenigen hundert Metern wie Perlen an der Geotopengrenze aufgereiht sind. Im Bereich der Siedlungslandschaft gibt es keine Siedlungen aus der Zeit vor dem 12. Jahrhundert, noch gibt es Dörfer, die zu einem späteren Zeitpunkt entstanden sind. Die Siedlungslandschaft Rundlinge im Wendland dokumentiert in einer heute noch ablesbaren Form die Frühphase des hochmittelalterlichen Landesausbaus im Bereich der deutsch-slawischen Kontaktzone.
Rundling und Landschaft
Entwicklungsschübe und Wandlungsprozesse, wie sie für andere Regionen mit Rundlingen typisch waren, unterblieben im Wendland auch wegen der abseitigen Lage zu den im Mittelalter wichtigen Handels- und Verkehrswegen. Aufgrund der Insellage, abgeschottet durch den Höhenzug des Oberen Drawehns nach Westen, der Elbe- und Jeetzel-Niederung nach Norden und Osten sowie der Dumme-Niederung nach Süden, konnte sich hier eine einmalige Siedlungslandschaft erhalten. Kennzeichnend ist die Erschließung ausgehend von den Überlandstraßen über Stichwege mit sackgassenartigen Zuwegungen in die Dörfer. Aus der Perspektive der Offenlandschaft, die früher keineswegs so offen war, wie sie heute erscheint, sind die kleinräumigen Rundlinge durch einen die Hofstellen hufeisenförmig umschließenden Hofwald wahrnehmbar. Die Hofwälder, soweit nicht abgeholzt oder durch Trockenschäden betroffen, bestehen heute oft aus überalterten und dicht stehenden Laubbäumen. Dabei handelte es sich eigentlich um keinen „Wald“, sondern um sogenannte Laubwiesen mit einem lockeren Bestand an Eichen oder Buchen. Vermehrte Holzknappheit im Hochmittelalter, Eichelmast für die Hausschweine, Laubeinstreu für die Viehhaltung und Schutz vor Funkenflug und Schneeverwehungen können als Gründe für die Anlage dieser Hofwälder benannt werden.
Die späte Christianisierung der Wenden
Erst ab der Mitte des 13. Jahrhunderts wurden Kirchen errichtet. Ihre Standorte liegen grundsätzlich außerhalb der Rundlinge in der Landschaft. Zusammen mit den bis in das 13. Jahrhundert genutzten spätslawischen Gräberfeldern können sie als untrügliche Hinweise auf die späte Christianisierung der bereits bestehenden Rundlinge gewertet werden. Zu jedem Gräberfeld und zu jedem Kirchspiel gehörten mehrere Dörfer. Im Unterschied zu den Altsiedlungsgebieten im Westen und den benachbarten Regionen im Osten waren die Bauern im Wendland nicht zehntpflichtig. Kirche und Pfarrstelle mussten also selbstverwaltet aus eigenen Mitteln bestritten werden. Die Kirchen, Pfarrhäuser und die im 16. Jahrhundert mit der Reformation hinzukommenden Küsterschulen sind entsprechend schlicht und sparsam gehalten. Zu den wenigen Kirchdörfern wie Bussau, Zeetze, Meuchefitz und Satemin führten ganzjährig begehbare Kirch-, Toten- und Schulwege. Im Bereich der Niederungen sind sie oft auf Dämmen erhalten geblieben, andernorts erst in den letzten Jahren untergepflügt.
Intensivierung des Ackerbaus
In einmaliger Klarheit zeugen die in hoher Dichte und Geschlossenheit vertretenen Rundlinge von der großen europäischen Aufbruchzeit in der deutsch-slawischen Kontaktzone. Der natürliche Landschaftsraum der niederen Geest war als Altsiedlungsgebiet mit seinen trockenen sandig-lehmigen aber auch warm-humosen Böden auf Höhen bis 40 m üNN bestens geeignet für die Ausweitung und Intensivierung des Ackerbaus. Die mit rund 20 m üNN deutlich tiefer liegenden, feuchten, teilweise vermoorten Niederungen mit ihren Erlenbruchwäldern konnten als Grün- und Weideland von der bereits ansässigen, slawischen Bevölkerung genutzt werden. Am Rande dieser Niederungen auf hochwasserfreiem Gelände ab 20 m üNN entstanden die planmäßig angelegten Rundlinge. Die oft bewaldeten oder mit Heide überzogenen Geestrücken wurden gerodet und für Ackerbau urbar gemacht. Aufgrund der Notwendigkeit zur ständigen Aufhöhung der Siedlungsflächen in den nachfolgenden Jahrhunderten um bis zu 2,0 m gibt es bislang kaum Kenntnisse über mögliche Vorgängersiedlungen. Mit der Siedlungsform der Rundlinge korrespondiert die ebenfalls neue Flurform der langgezogenen Gewannfluren. Anders als die übliche deutsche Ostkolonisation durch westeuropäische Neusiedler waren es die im Wendland bereits ansässigen Slawen, die wesentliche Teile ihrer traditionellen Lebens- und Sozialordnung in die neue Agrarverfassung mit einbrachten.
Das Schulzenrecht im Wendland
Gefühlt jeder zweite Bewohner im Wendland trägt den Namen „Schulz“. Wie kommt das? Die neue fränkisch-sächsische Form der Villikationsverfassung wurde in den slawischen Alt-Siedlungsgebieten in die bestehende Agrarverfassung integriert. Anstelle des üblichen Meierrechtes kommt das Erbschulzenrecht zum Tragen, das wesentlich besser mit den traditionellen slawischen Familienverbänden harmonierte. Entsprechend musste eine Siedlungsform zur Anwendung kommen, die sich von den üblichen Weilern, Streusiedlungen, Einzelhöfen, Haufen- und Hagenhufendörfern deutlich unterschied. Der Starost („storüst“), die draweno-polabische Bezeichnung für den Dorfschulzen, war nicht wie beim Meierrecht an die Person, sondern an die Hofstätte gebunden. Diese lagen anders als die Meierhöfe immer der Dorfzufahrt gegenüber inmitten des offenen Kreises der übrigen Hofstellen. Der Dorfschulze slawischer Prägung könnte auf die vorkolonisatorische Form des Obersten eines Geschlechterverbandes verweisen. Entsprechend waren die auffallend kleinen Rundlinge mit selten mehr als 6-8 identisch ausgestatteten Hofstellen die konsequente Weiterentwicklung der Siedlung einer slawischen Großfamilie. Die Wirtschaftsfläche des auch teilbaren Schulzenhofes wurde lediglich durch ein zusätzliches Stück Land innerhalb der Ackerflur ergänzt, durch den sogenannten Güsteneitz. Innerhalb der Kernzone des Niederen Drawehn lassen sich aufgrund der allein dort überwiegend erhaltenen slawischen Flur- und Ortsnamen diese Sonderflächen des Dorfschulzen gut lokalisieren. Sie liegen meist in günstiger Lage direkt vor dem Dorf an der Ausfahrt in die Ackerflur. Diese zusätzlichen Flächen werden auch als das Gastland des Schulzen bezeichnet. Neben der Rossdienstpflicht gehörte die Gastungspflicht gegenüber dem herrschaftlichen Vogt und Grundherren zu den wichtigsten Aufgaben des wendländischen Schulzen, der zur Erfüllung diese Gegengabe erhielt. Das Dorfschulzenamt lebte innerhalb des wendländischen Brauchtums und im Rechtswesen mit den Dorfschöffen bis weit in das 19. Jahrhundert fort.
Rundling und Gemeinschaft gehören zusammen
Ein weiteres Charakteristikum der slawisch besiedelten Rundlinge ist die Einbindung und Unterordnung der wenig ausgeprägten Gehöftstrukturen in die gemeinschaftlich genutzten Funktionsareale. Beispiel dafür sind die direkt an das Dorf zur Niederung angrenzenden Gemeinheitsflächen in Form von Weideland und Gehölzen, die Nutzung der Heide für Bienenzucht, Plaggenhieb, Beweidung und Brennholzbeschaffung, die Nutzung der Moore für Torfstich und Beweidung, die Nutzung der Wasserstellen für Fischerei und Leinenproduktion, die multifunktional nutzbaren Dorfteiche, die Rotte- oder Flachskuhlen und die Nutzung der Sanddünen für Sandabbau. Zurückgehend auf die slawische Tradition der Hauskommunion unterlagen alle Weideflächen und die siedlungsnahen Nutzgärten (im Wendland Kohlgärten genannt) einer gemeinsamen Bewirtschaftung. Allein die Ackerflächen wurden gleichmäßig entsprechend den Hausständen des Dorfes aufgeteilt. Für den über das 12. Jahrhundert hinaus genutzten, slawischen Hakenpflug waren die trockenen, sandigen Hochflächen der niederen Geest ideal.
Dem Dorfplatz fällt eine besondere Bedeutung zu. Die Versammlungshäuser der dörflichen Bauernschaften, die sogenannten Burstaven, standen überwiegend bis zur Verkoppelung teilweise auch noch bis in das ausgehende 19. Jahrhundert (Bausen, Kremlin, Mammoißel, Schreyahn) inmitten der Rundlinge, die Hirtenhäuser dagegen vor dem Dorf. Nur noch wenige Hirtenhäuser sind erhalten, nachdem im späten 19. Jahrhundert mit der ständig fortschreitenden Aufteilung der Gemeinheitsflächen kaum noch Hirten von der Gemeinde beschäftigt wurden. Sämtliche neueren Gemeinschaftseinrichtungen der Rundlinge konzentrieren sich bis heute auf den Dorfplatz (die Löschwasserentnahmestellen, der Briefkasten, die Bushaltestelle und das Kalthaus, die Gemeinschaftsgefrieranlage aus den späten 50er Jahren des 20. Jahrhunderts). Trotz der geringen Größe der Rundlinge zeichnete sich das Wendland bis in das späte 19. Jahrhundert durch eine unvergleichlich große Einwohner- und Siedlungsdichte aus. Eine Abwanderung war aufgrund der in den Städten wirksamen Wendenparagrafen nicht möglich, die den Zuzug und die Bürgerrechte oft bis in das 18. Jahrhundert verwehrten. So entstand eine hohe Kontinuität in der Dorfgemeinschaft. Im 19. Jahrhundert war eine Ab- oder Auswanderung nicht erforderlich, solange der Flachsanbau und die häusliche Leinenweberei ein hohes Maß an Beschäftigung sicherstellten. Dies änderte sich schlagartig erst um 1880, als der Import von Baumwolle und der Bau mechanischer Webereien die Textilproduktion grundlegend veränderte und in die Städte verlagerte.
Die Bauerndörfer der Rundlinge
Charakteristisch für das Kerngebiet der Rundlinge ist das gänzliche Fehlen von Adelssitzen, Herrenhöfen, Klöstern und Rittergütern. Die sich erst recht spät im 12. Jahrhundert bildenden Grafschaften und Burgbezirke innerhalb des Wendlandes (um 1100 Grafschaft Warpke, 1144 Grafschaft Lüchow, 1158 Grafschaft Dannenberg) zeichneten sich zwischen den beiden großen Territorien, der Markgrafschaft Brandenburg und dem Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, durch eine hohe Eigenständigkeit aus. Erst ab dem 14. Jahrhundert mit der Auflösung und Übertragung in den Machtbereich des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg entwickelte sich mit der Vogtei Lüchow eine bis heute nachwirkende Verwaltungsgliederung.
Ab der Mitte des 13. und verstärkt im 14. Jahrhundert entstanden als Zeichen einer späten Christianisierung außerhalb einiger Dörfer auch Kirchen mit christlichen Begräbnisplätzen. Sie lösten die spätslawischen Gräberfelder und Kultplätze ab. Besonders spektakulär ist die von 1991 bis 2002 mit 182 Bestattungen dokumentierte Nekropole an der Alten Clenzer Heerstraße auf freiem Feld zwischen Güstritz, Satemin und Klennow innerhalb der Gemarkung von Satemin. Das nachweislich zwischen der ersten Hälfte des 12. und der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts für Körperbestattungen genutzte heidnische Gräberfeld gehörte vermutlich zu den sechs umliegenden Rundlingen. Es wurde in der Mitte des 13. Jahrhunderts durch einen christlichen Friedhof mit Kirche bei Satemin abgelöst. Da die hörigen Bauern der kleinen Rundlinge entgegen den rein deutschen Siedlungsgebieten nicht zehntpflichtig waren, konnten Pfarrstellen und Kirchengebäude nur gemeinschaftlich im Zusammenschluss zu Kirchspielen mit mehreren Dörfern entstehen. Für die gemeinsame Kirche wurde ein zentraler, für alle Dörfer ganzjährig zugänglicher Standort in der Feldmark gesucht. Kirche, Pfarrstelle, Pfarrhaus und Schule wurden gemeinschaftlich getragen.
Teil 2 des denkmal.themas finden Sie hier.

