Geschichte in Stein – Bestandsaufnahme der Felsgesteinwerkzeuge aus der Sammlung Norbert Koch
Von Tobias Uhlig
Was bisher geschah
„Steinbeilzeit“ titelte Bezirksarchäologe Michael Geschwinde im Denkmalatlas, kurz nachdem das NLD im Jahr 2021 die bedeutende Privatsammlung Norbert Koch aus Remlingen, Lkr. Wolfenbüttel, übernommen hatte. Schon damals war klar, dass sowohl die Qualität der Dokumentation und des Fundmaterials, als auch die umfassende Sammlungstätigkeit Kochs die Sammlung zu einer „sekundären“ archäologischen Quelle erster Güte machen musste. Der verdiente Sammler und Hobbyarchäologe Norbert Koch verstarb leider im Frühjahr 2024. Seit 1981 war er auf den Äckern rund um seinen Heimatort Remlingen unterwegs gewesen und hatte eine beeindruckende Menge archäologischen Fundmaterials durch einfache optische Prospektion zusammengetragen. Dabei beeindrucken Fundmengen und Qualität der Funde. Auf den durch tiefe Erosionsrinnen gegliederten Südhängen fanden sich durch den Pflug an die Oberfläche gezogene Funde der Jungsteinzeit, der älteren Bronze- sowie der römischen Kaiserzeit. Inzwischen konnte mit großzügiger finanzieller Unterstützung der Stiftung Assefond eine erste wissenschaftliche Sichtung und katalogartige Erfassung, inkl. eines umfangreichen Tafelteils einer ersten Materialgruppe erfolgen – der besonders zahlreich vorhandenen Steinbeile und Äxte aus Felsgestein. Diese bilden natürlich nur einen Aspekt des reichhaltigen Materials aus dem Südassegebiet ab, illustrieren aber eindrücklich das Potenzial, das eine systematische wissenschaftliche Bearbeitung des Sammlungsmaterials für die Archäologie des Nordharzvorlandes hätte. Mit der kürzlich erfolgten Übernahme der schriftlichen Unterlagen, die nun gesammelt als Nachlass Norbert Koch archiviert wurden, soll daher im Folgenden eine erste Fundvorlage dieser Materialgruppe im Denkmalatlas als Open-Access zur Verfügung gestellt werden, in der Hoffnung durch systematische Bearbeitung und Anregung weiterer Forschung das Lebenswerk Norbert Kochs zu würdigen.
Norbert Koch – ein „Citizen Scientist“
Während Norbert Koch als Entdecker des Mauerkammergrabes von Remlingen 1997 deutschlandweit bekannt wurde, er nannte es stets seinen „Sechser im Lotto“, war es ein anderer bedeutender jungsteinzeitlicher Fundplatz, der seine Begeisterung für die lokale Ur- und Frühgeschichte weckte. 1976 wurde bei Bauarbeiten für ein neues Wohngebiet das bedeutende Gräberfeld von Wittmar, Lkr. Wolfenbüttel entdeckt. Die charakteristischen Hockergräber waren vergleichsweise reich mit Steinwerkzeugen und Keramikgefäßen ausgestattet; einige zeigten auch ungewöhnliche Totenhaltungen, so etwa die berühmte „Tänzerin von Wittmar“. Seine besondere Bedeutung erhält es aber durch die Nachweisbarkeit gleich dreier archäologischer Kulturen: Zunächst der bandkeramischen Kultur, die hier seit der Mitte des 6. Jahrtausend an der Asse Träger der ersten sesshaften Besiedlung in Niedersachsen ist. Hervorzuheben ist hier, dass es sich nach wie vor um den einzigen in Niedersachsen entdeckten sicheren Bestattungsplatz der Bandkeramischen Kultur handelt – und das bei über hundert Siedlungen im Gebiet südlich der Lössgrenze. Neben den bandkeramischen Bestattungen traten aber auch zahlreiche Bestattungen der jüngeren Rössener Kultur auf, sowie ein einzelnes Grab dessen Beigaben auf die eigentlich weiter östlich verbreitete stichbandkeramische Kultur hinweisen. Diese insgesamt 51 Bestattungen erfreuen sich bis heute internationaler Aufmerksamkeit. So konnten ADNA-Untersuchungen 2014 neue Hinweise zur Verwandtschaft zwischen Ackerbauern und mesolithischen Gruppen aufzeigen.
Da es sich bei der Grabung in Wittmar um eine Notbergung handelte wurden in den Nachbarorten interessierte Grabungshelfer angeworben, so auch der Schulleiter der damaligen Remlinger Schule, an der Norbert Koch als Hausmeister angestellt war. Dieser nahm den praktisch veranlagten Koch kurzerhand mit: Unter dem Eindruck dieser bedeutenden Ausgrabung folgte dann eine tiefergehende Beschäftigung mit der Ur- und Frühgeschichte des Harzvorlandes.
Erste reguläre Fundmeldungen von Feldbegehungen liegen seit 1981 vor, dabei wurden zwar auch bekannte Fundplätze älterer Sammler wie O. Krone und Erich Adler aufgesucht, Kochs Ziel war es aber von vornherein systematisch alle Äcker „seiner“ Gemarkung Remlingen zu begehen um einen möglichst repräsentativen Querschnitt durch die prähistorische Besiedlung zu gewinnen. Dabei passte er seine Begehungen stets an die Bedürfnisse der Landwirte an und taktete sie – mal früh morgens, mal spät abends, in seinen Berufsalltag ein. Auch hatte er stets ein offenes Ohr für Zufallsfunde aus dem Nachbar- und Bekanntenkreis. So lässt sich die Entdeckung des frühmittelalterlichen Gräberfeldes auf dem Spielberg – es ist übrigens schon das zweite größere Körpergräberfeld dieser Zeitstellung, das neben dem von Hartmut Rötting gegrabenen Gräberfeld „Ammerbeek“ um Remlingen bekannt ist – auf die Jugenderinnerung eines Nachbarn zurückführen. Dieser erzählte, er habe in den 1950er Jahren beim Hamstergraben am Spielberg neben einem keramischen Gefäß auch menschliche Knochen gefunden. Eine Nachgrabung durch die Kreisarchäologie Wolfenbüttel kam 2001 gerade noch rechtzeitig: Es zeigte sich, dass die nur flach in den Kalkmergel eingetieften Gräber bereits stark durch den Pflug in Mitleidenschaft genommen worden waren. In einer Notgrabung konnten damit über 50 Bestattungen besonders der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts gesichert werden – unter tatkräftiger Mithilfe Kochs, der dafür bekannt war, abgelegtes Zahnarztbesteck aus den umliegenden Dörfern einzusammeln, um ein stets an die aktuellen Gegebenheiten angepasstes Arbeitsbesteck zu unterhalten.
Dass zahlreiche hochwertige Felsgesteinwerkzeuge durch Kochs Begehungen zu Tage traten, ist im Nordharzvorland nichts Ungewöhnliches, finden sich doch auf den Lössböden ideale Standortbedingungen für frühesten Ackerbau betreibenden Kulturen. O. Krone urteilte schon 1931, geschliffene Felsgesteinäxte und -beile seien im Nordharzvorland sehr häufig und würden „viele Schränke und Kästen füllen“. Als häufige Funde, die bei der Feldarbeit anfielen, gab es ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Sammler, Ärzte, Pastoren, Lehrer, die Private oder auch Schulsammlungen anlegten. Die Fülle des Bestandes lässt sich an den rund 2400 Objekten ablesen, die neben den lokalen Museen aus 30 Schul- und Privatsammlungen ab 1934 durch Hans Adolf Schulz im Rahmen seiner Dissertationsschrift auf dem Gebiet des alten Herzogtums Braunschweig zusammengetragen wurden. Diese sind für die aktuelle Forschung jedoch kaum noch fassbar. Denn wenn Sie nicht verschollen sind, kranken diese Objekte fast immer daran, dass sie sich nur sehr grob verorten lassen, auch weil sie oftmals erst aus zweiter oder dritter Hand in die bestehenden Sammlungen kamen. Dem gegenüber müssen nun Norbert Kochs Funde gestellt werden. Von 392 bestimmbaren Beil- und Axtfragmenten lassen sich 272 über Einträge in Kartenblätter im Maßstab 1:25 000 mit relativ hoher Detailschärfe verorten, womit ihre Verbreitung, Einbindung in größere Fundstellen und ihr Verhältnis untereinander in eine Auswertung mit einfließen kann.
Beile, Äxte, Dechseln…die Linienbandkeramik und ihre Nachfolger (5500 v. Chr. – 4500 v. Chr.)
Als einer der Leitfunde der Bandkeramik lassen sich fast zwei Drittel aller Felsgesteinwerkzeuge der Sammlung Koch diesem querschneidigen Multifunktionsgerät zuordnen: den Dechseln. Forschungsgeschichtlich wurde meist zwischen „Flachhacken“ und hochgewölbten „Schuhleistenkeilen“ unterschieden. Für diese Materialvorlage wurden angelehnt an die für das Leinetal etablierte Abgrenzung vier unterschiedliche Formengruppen erkannt. Diese lassen sich aus den Höhen-Breiten-Indices auch statistisch relativ sicher ableiten. Die Gruppe 1 bezeichnet dabei die kleinen, hochgewölbten, meist parallelseitigen Dechseln, während Gruppe 2 die kleinen, meist trapezförmigen „Flachhacken“ abbildet. Die Gruppe 3 enthält deren deutlich größer dimensionierte Pendants, während Gruppe 4 eine Reihe sehr großer, hochgewölbter Dechseln ähnlich Gruppe 1 umfasst. Auch liegen einige Vertreter dieser Gruppe mit horizontalen Durchbohrungen vor, die aber anders als etwa bei U. Weller nicht einem gesonderten Typ zugeordnet wurden. Viele der Dechseln sind aus einem metamorphen Felsgestein, in einigen Fällen ist rein optisch die Zuweisung zum klassischen, wahrscheinlich aus dem Balkan stammenden Amphibolit, möglich. Die systematisch geologische Ansprache und Suche nach den Rohmaterialquellen allein dieses Fundensembles ist ein erstes weiterführendes Desiderat. Auffällig ist weiterhin die häufige sekundäre Überarbeitung der Dechseln zu beobachten. Darunter sind nicht nur die an nahezu jedem Gerät sichtbaren Nachschleifspuren auf der Unterseite zur Klinge gemeint, sondern Modifikationen an Form und Querschnitt, mehrere Stücke wurden offensichtlich über einen längeren Zeitraum sekundär als Mahlsteine verwendet. Dies spricht zunächst für eine besondere Wertschätzung des Werkstoffes während der Bandkeramik – oder verbirgt sich hier ein Recyclingprozess späterer Epochen?
Mit „Setzkeilen, Plättbolzen oder Breitkeilen“ fächert die Terminologie für die durchbohrten alt- bis mittelneolithischen Werkzeuge – Äxte – noch deutlich weiter auf. Problematisch ist auch, dass viele der Formen auch oder sogar hauptsächlich mit Nachfolgekulturen der Bandkeramik wie der Rössener Kultur im Zusammenhang stehen, aber selten aus geschlossenen Befundkontexten vorliegen, was eine enge Datierung erschwert. Sie wurden nach Brandts Typologie zunächst nur nach ihrer Grundform in dreieckige oder bügeleisenförmige Typen unterteilt. Besonders häufig tauchen die als „Rössener Breitkeile“ bezeichneten Formen mit abgeschrägter Nackenpartie im Fundmaterial auf. Tatsächlich finden sich hier einige Formen, die besonders den Nachfolgekulturen der Bandkeramik zugeordnet werden, so auch mindestens zwei durchlochte Dechseln.
Das Jung- und Spätneolithikum: Felsgesteinbeile und Prunkäxte
Beile werden durch ihre senkrecht geschäfteten Klingen von den Dechseln unterschieden. Auch die meist nicht asymmetrische Form und die nicht gekrümmte Klinge unterscheiden die beiden Formtypen. In der Sammlung Koch gibt es aber interessanterweise auch mehrere kleine Beile, die noch Elemente von Dechseln aufweisen – entweder handelt es sich um stark überformte Gebrauchsstücke, oder aber um Übergangsformen, wie sie auch für das Gräberfeld von Wittmar vermutet worden sind. Die Beile lassen sich nach Brandt in Rechteck- und Ovalbeile unterscheiden, wobei letztere zahlenmäßig deutlich dominieren. Auch das Rohmaterial unterscheidet sich mit einer breiteren Varietät an Farben und Gesteinskörnung stark von dem der Dechseln. Die vorliegenden Formen bilden dabei die Epoche des Mittel- und Jungneolithikums ab.
Mit nur zehn ansprechbaren Stücken bilden die endneolithischen Äxte die jüngste und kleinste Gruppe. Hierbei handelt es sich um Formen, die aus den nordeuropäischen Einzelgrabkulturen, als typische Grabbeigaben überliefert sind. Sie sind meist aufwändig geschliffen und sind, wohl als soziale Abzeichen zu verstehen, ohne dass eine Verwendung als Waffe ausgeschlossen werden kann. Die Grundformen der hier vorliegenden Stücke sind vorwiegend schwach bootsförmig, was einen Anschluss an die nordische Terminologie, ebenfalls nach Brandt (1967) sinnvoll erscheinen lässt. Ein markanter Fund stellt das facettierte Fragment einer Thüringer Hammeraxt dar, das sein Hauptverbreitungsgebiet südlich des Harzes findet.
Das Besondere: Keulenköpfe und Schiefermesser
Enigmatisch ist die Fundgruppe der sog. Keulenköpfe. Sie besteht aus meist sorgfältig zurechtgeschliffenen Steinen, die verschiedenste Formen und Schliffe zeigen können. Gemeinsam ist allen eine meist mittige Durchbohrung. Ihr Verwendungszweck ist unklar. Ob es sich hier um Werkzeuge, Netzsenker, Waffen oder Indikatoren von Sozialprestige handelt, wird nach wie vor diskutiert. Klar ist, dass es sich um einen sehr langlebigen Typ handelt, der sowohl vor als auch nach der bandkeramischen Besiedlung der Lössflächen auch auf mesolithischen Lagerplätzen in ganz Nordeuropa vorkommt. E. Biermann arbeitete als Datierungsansatz die Formgebung der Durchbohrung heraus und unterschied zwischen senkrechten, konischen und doppelkonischen Bohrungsquerschnitten. Tatsächlich lassen sich unter den sechs Keulenköpfen der Sammlung Koch sowohl konische wie sanduhrförmige Bohrungen beobachten, womit möglicherweise sogar die mesolithische Besiedlung der Südasse in seiner Sammlung repräsentiert ist.
Eine andere Sonderform ist für Remlingen von besonderer Bedeutung. Fünf „Messerklingen“ von meist halbkreis- bis trapezförmiger Grundform mit flach gerundeten Rücken können den sogenannten „Schiefermessern“ zugeordnet werden. Sie gelten als „Leitfossil“ der Bernburger Kultur (ca. 2900-3100 v. Chr.), der auch die berühmte, von Nobert Koch entdeckte Totenhütte zuzuordnen ist. Während ihre genaue Verwendung spekulativ bleibt, ist es auffällig, dass sie bisher nur in Siedlungskontexten angetroffen wurden: sie geben uns also erste Einblicke in die Bernburger Siedlungskammer an der Südasse.
Die Siedlungslandschaft an der Südasse
Der besondere Wert der Sammlung Koch lässt sich abschließend auch in der Umsetzung in die räumliche Darstellung erahnen. So kann ein zunächst mit grobem Pinsel gezeichneter Überblick über die Siedlungsentwicklung an der Südasse fassbar werden. Die mutmaßlich ältesten Funde, die steinernen Keulenköpfe streuen dabei in drei Gruppen entlang der 150er Höhenlinie, sowie in der heute durch die Bundesstraße überprägten Erosionsrinne. Ob es sich hier jedoch tatsächlich um Anzeiger für mesolithische Fundstellen handelt, ist tendenziell zu verneinen. Gleicht man die Verteilung der Keulenköpfe mit denen der Dechsel ab, dann überlagern sich diese stets: Es scheinen sich drei separate bandkeramische Siedlungsareale anzudeuten, die auch über entsprechende Keramikfunde abgesichert sind. Ein Siedlungsschwerpunkt ist an den Südhängen der Fluren „Auf dem Rodeland“/ „Am Ammerbeek“ deutlich fassbar. Interessant ist die dünne Fundstreuung außerhalb der mutmaßlichen Siedlungszentren: möglicherweise werden hier Aktivitätsareale in der Siedlungsperipherie fassbar. Dies lässt sich auch gut mit der Verteilung der durchlochten Arbeitsgeräte vergleichen, wobei hier häufiger auch Funde außerhalb der Siedlungsareale auftauchen. Bemerkenswert ist die Konzentration von durchlochten Arbeitsgeräten in der südöstlichsten Siedlungsfläche an der Gemarkungsgrenze zu Klein Vahlberg: Von hier ist auch eine einzelne Rössener Bestattung bekannt, die 1996 bei der Begleitung einer Gas-Hochdruckleitung aufgedeckt wurde. Eine hier angedeutete mögliche Verschiebung des Siedlungsschwerpunktes während des Mittelneolithikums bedürfte detaillierter weiterer Überprüfung. Die bisher nur grob dem Jungneolithikum zuzuordnenden Beilfunde deuten dann einen deutlicheren Umbruch im Siedlungsgefüge an. Hier tritt besonders die Flur „Kuhlager“ hinter der Schachtanlage Asse II deutlich in den Fokus, während im Bereich Rodeland/Ammerbeek eine deutlich reduzierte Fundkonzentration fassbar ist. Diese Verteilung deckt sich auffällig mit der der Prunkaxtfragmente.
Durch das Hinzuziehen weiterer Daten wie Bodenarten, Hangneigungen und Gewässernetze, sowie der weiteren Aufschlüsselung der einzelnen Objektgruppen, gepaart mit dem Hinzuziehen der reichhaltigen Keramikfunde scheint es möglich, die neolithische Siedlungsentwicklung und eine möglicherweise für das gesamte Nordharzvorland typische Siedlungsgeographie in größerer Detailschärfe sichtbar zu machen. So verdienen etwa Keramikfunde der ältesten Bandkeramik besondere Aufmerksamkeit: Neben Klein Denkte und Eitzum ist die Südasse bei Remlingen damit möglicherweise eine der ältesten neolithischen Siedlungsstellen in ganz Niedersachsen.
Der Katalog
Die ersten Ergebnisse sollen an dieser Stelle nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wissenschaftliche Erschließung der Sammlung Koch noch ganz in ihren Anfängen begriffen ist. Um diesen wertvollen Quellenbestand aber einem weiteren (Fach-)Publikum zu erschließen, wird anbei zunächst der Materialkomplex der Felsgesteinwerkzeuge (abzüglich der Mahlsteine) in Katalogform vorgelegt. In der Bemühung um eine einheitliche Terminologie ist nach wie vor das Referenzwerk von K.-H. Brandt (1967) als Grundgerüst brauchbar und wurde für die Objektansprache hinzugezogen. Je nach Objekttypen wurde neuere Literatur ergänzend hinzugezogen, um eine zeitgemäße Ansprache und Anschlussfähigkeit insbesondere an die niedersächsische Forschung sicherzustellen (vgl. etwa das System für Dechsel bei Richter/Schwarz-Mackensen 2015; Lönne 2003 für das Mittelneolithikum; für Steinmesser und Beile auch Dirks 2001). Weiterhin wurden die metrischen Daten ermittelt, um den Bestand für statistische Auswertungen zu erschließen. Aus demselben Grund wurde der Erhaltungszustand erfasst: Vollständige oder annährend vollständige Objekte, deren Maße als repräsentativ anzusehen sind, können so von Fragmenten getrennt werden, bei denen lediglich zwischen Fragmenten der Schneide, des Nackens oder von unbekannter Position unterschieden wird. Der Wunsch auch die zahlreichen sekundären Umarbeitungsspuren angemessen zu berücksichtigen, konnte nicht umfassend erfüllt werden. Es zeigt sich aber, dass bis zu einem Drittel der Stücke im Nachhinein verändert oder sekundär genutzt wurden, wobei die Dechseln hier überproportional stark betroffen sind. Gebrauchsspurenanalysen könnten hier an einem hinreichend großen Bestand möglicherweise neues Licht auf die Nutzung und Lebenszyklen bestimmter Werkzeuggruppen werfen. Gleiches gilt für die Bestimmung der Rohmaterialien, die zunächst nur subjektiv-optisch erfolgen konnte, vor dem Hintergrund von hier sichtbaren Austauschnetzwerken aber gerade für den Übergang vom Alt- zum Mittelneolithikum besonderes Gewicht haben. In beiden Bereichen wären weitere systematische Studien auf der Grundlage der hier publizierten Daten wünschenswert.
Dieser Katalog ist dabei nur ein erster Baustein um die Sichtbarkeit dieser bedeutenden Niedersächsischen Steinzeitlandschaft zu erschließen. Dies geschieht vor dem Hintergrund anstehender größerer Baumaßnahmen für die Rückholungsmaßnahmen im Bereich des Schachts Asse II. Diese werden einerseits dafür sorgen, das ganze Teile der hier erstmals skizzierten Besiedlung unwiederbringlich zerstört werden; sie bieten andererseits aber auch das Potenzial, durch begleitende Grabungen wesentliche neue Erkenntnisse zur Besiedlungsentwicklung während der Jungsteinzeit im Nordharzvorland zu liefern.
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Zum Weiterlesen:
E. Biermann, Steinerne Keulenköpfe – Die mesolithische Revolution und die Bandkeramik. In: H.-J. Beier, R-. Einicke, E. Biermann (Hrsg.), Dechsel, Axt, Beil & Co – Werkzeug, Waffe, Kultgegenstand= Aktuelles aus der Neolithforschung, Beiträge der Tagung der AG Werkzeuge und Waffen im Archäologischen Zentrum Hitzacker 2010 und Aktuelles, Beiträge zu Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 63 und Varia Neolithica VII (Langenweissbach 2011), S. 9-27.
K. H. Brandt, Studien über steinerne Äxte und Beile der Jüngeren Steinzeit und der Stein-Kupferzeit Nordwestdeutschlands, Münstersche Beiträge zur Vorgeschichtsforschung 2 (Hildesheim 1967).
K. H. Brandt, Donauländische Geräte aus dem Südkreis Soltau-Fallingbostel. Die Kunde Bd. 46 (1995), S. 1-27.
U. Dirks, Die Bernburger Kultur in Niedersachsen. Beiträge zur Archäologie in Niedersachsen Bd. 1 (Rahden/Westf. 2001).
O. Krone, Vorgeschichte des Landes Braunschweig (Braunschweig 1931).
P. Lönne, Das Mittelneolithikum im südlichen Niedersachsen, Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsen Bd. 31 (Rahden/Westf. 2003).
E. Schulz, Die jungsteinzeitlichen Felsgeräte des Landes Braunschweig und der Nachbargebiete, Braunschweig 1936.
P. B. Richter, G. Schwarz-Mackensen, Bandkeramik an der Peripherie. Erdwerk und Siedlung von Esbeck I (Stadt Schöningen). Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens Bd. 45 (Rahden/Westf. 2015).
U. Weller, Steingeräte der Linearbandkeramik im Leinetal zwischen Hannover und Northeim. Eine technologisch-archäologische Analyse. Beiträge zur Archäologie in Niedersachsen Bd. 4 (Rahden/Westf. 2003).

