„aus roten Ziegelsteinen gebauet“ - Die Stadt Leer in Ostfriesland
Von Ansgar Brockmann
Im Jahr 1798 verfasse Dr. Johann Gottfried Hoche, Pastor aus Rödinghausen im Ravensberger Land, einen Reisebericht und beschrieb Leer als „eine kleine, aber sehr lebhafte und nahrhafte Stadt. Die Häuser sind beinahe alle aus roten Ziegelsteinen gebauet, […] stehen mit den Giebeln in die Straße und sind sehr bunt und burlesk. […] Das Ganze gewährt einen freundlichen Anblick und gibt zugleich die Idee von der Wohlhabenheit der Einwohner.“
In günstiger Lage an der Mündung der Leda in die Ems und am Kreuzungspunkt überregionaler Verkehrswege hatte sich Leer über die Jahrhunderte von einem kleinen Marktflecken zu einer bedeutenden Seehafenstadt entwickelt. Ein bauliches Zeugnis und Abbild dieser Entwicklung ist die Leeraner Altstadt. Anfang der 1970er Jahre war der kleinstädtische Charakter der ostfriesischen Handels- und Hafenstadt jedoch in Gefahr. Den damaligen Maßgaben des modernen Städtebaus folgend sollten nach Abbruch sanierungsbedürftiger Altbauten neue Wohnblocks entstehen und großzügig angelegte Straßen die Innenstadt autogerecht erschließen. Erste realisierte Bauvorhaben sowie der öffentlichkeitswirksame Protest der 1973 gegründeten Bürgerinitiative „Altstadtsanierung Leer“ führten schließlich zu einem Bewusstseinswandel und nachfolgend zu einem Umdenken bei der Stadtpolitik. An die Stelle der geplanten Flächensanierung trat die Objektsanierung mit dem Ziel, das alte Stadtbild zu bewahren und behutsam weiterzuentwickeln. So zeigt Leer heute geschlossene, von historischen Gebäuden gesäumte Straßenzüge mit herausragenden Einzelbauwerken, und hat damit eine der am besten erhaltenen Altstädte in Nordwestdeutschland.
Stadtgeschichte
Auf einem erhöhten, hochwassergeschützten Geestrücken zwischen Leda und Ems entstand der älteste Siedlungskern von Leer im Bereich Kaakspütte/ Alte Marktstraße. Am westlichen Ortsrand lag die Kirche St. Liudger, die wohl Ende des 8. Jahrhunderts im Zuge der Friesenmission durch den Heiligen Liudger als erster Kirchenstandort in Ostfriesland gegründet wurde. Im Mittelalter entwickelte sich daraus eine Propstei des Bistums Münster. Mit der Reformation etablierte sich 1525 das evangelisch-reformierte Bekenntnis. Durch Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden kamen um 1540 zudem Mennoniten nach Leer. Im Laufe des 17. Jahrhunderts bildeten sich weiterhin eine jüdische Glaubensgemeinschaft sowie eine evangelisch-lutherische und eine katholische Kirchengemeinde.
Der geschützte, natürliche Hafen am Ledaufer und die Verkehrswege, die von Münster nach Emden sowie von Bremen nach Groningen bei Leerort durch Fähren über Ems und Leda führten, boten günstige Voraussetzungen für den überregionalen Handel. Die Verleihung des Marktrechtes zu St. Gallus (16. Oktober) im Jahr 1508 durch Graf Edzard I. von Ostfriesland beförderte den wirtschaftlichen Aufschwung. Mit zunehmender Bedeutung der Schifffahrt entwickelte sich der Marktflecken im 16. Jahrhundert nach Südosten bis ans Ufer der Leda, wo sich am Hafen der neue Marktplatz etablierte. Manifestiert wurde diese Verschiebung des Ortskernes Mitte des 16. Jahrhunderts durch die Verlegung der Waage, die sich zuvor im Turm der Liudgerkirche am Westerende befunden hatte.
Durch den Zuzug der niederländischen Glaubensflüchtlinge, die Kenntnisse und Handelsbeziehungen mitbrachten, wurde Leer zu einem Zentrum der Leinenweberei. Das Umland bot gute Bedingungen für den Flachsanbau. Leinenreeder, meist Mennoniten, organisierten die Verarbeitung und überregionale Vermarktung des qualitativ hochwertigen Tuchs.
Im Dreißigjährigen Krieg hatte Leer unter Einquartierungen und Kriegszahlungen an verschiedene Truppen zu leiden, die Verwüstung und Zerstörung hinterließen. Die Leinenweberei blieb ein bedeutender Wirtschaftszweig, und zu Hochzeiten waren etwa 20% der Bevölkerung im Weberhandwerk tätig. 1735 erklärt Stephan Rudolph Ketteler, Amtmann in Leerort, dass der Flecken Leer „neben Emden der hervorragendste Ort Ostfrieslands“ sei. Nach der Übernahme des Fürstentums Ostfriesland 1744 durch das Königreich Preußen und der schrittweisen Einschränkung des Emder Stapelrechtes nahmen die Seeschifffahrt und der Marktflecken in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weiterhin eine positive Entwicklung. So konnte der Niedergang der Leinenweberei kompensiert werden, der durch zunehmende Konkurrenz einsetzte. Eine kurze Blüte erlebte der Seehandel ab 1795 aufgrund der Neutralität Preußens und durch neue Handelswege im Zuge der britischen Seeblockade.
Im Jahr 1806 wurde Leer mit Ostfriesland Teil des Königreiches Holland und 1810 des französischen Kaiserreiches. Die bereits 1585 durch Graf Johann erlassene Fleckensordnung wurde aufgehoben. Nach dem Sieg über Napoleon kam Ostfriesland 1813 erneut an Preußen und mit Beschluss des Wiener Kongresses im Jahr 1815 schließlich an das Königreich Hannover. So war es Georg IV., in Personalunion König von Großbritannien und Hannover, der Leer am 1. August 1823 die Stadtrechte verlieh. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts und insbesondere nach dem Anschluss an die Hannoversche Westbahn 1854 war Leer durch die Industrialisierung geprägt. Entsprechend entwickelte sich die Stadt nach Osten zum Bahnhof. Nördlich der Mühlenstraße entstanden gründerzeitliche Wohnquartiere, eine groß angelegte Stadterweiterung nach Planung des Aachener Professors Karl Henrici wurde allerdings nicht realisiert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte mit der Errichtung der Seeschleuse der tidefreie Ausbau des Hafens. Die Nesse wurde in den 1920er Jahren als Industrieareal und Viehmarkt erschlossen und mit der Fertigstellung der Dr.-vom-Bruch-Brücke 1926 an das historische Stadtzentrum angebunden. Aufgrund der verbreiteten Wohnungsnot entstanden nordwestlich der Altstadt genossenschaftliche Siedlungen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 begannen die Repressalien gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Mit der Zerstörung der Synagoge im November 1938 sowie mit der Vertreibung und Ermordung der Juden fand die über dreihundertjährige Geschichte der jüdischen Gemeinde ein gewaltsames Ende. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Altstadt ohne größere Schäden und blieb weitgehend erhalten.
Stadtgrundriss
Ein Situationsplan der Stadt Leer, lithografiert im Jahr 1826 durch den Wasserbauinspektor Diedrich Reinhold, zeigt den Grundriss der Altstadt, der sich seit dem 16. Jahrhundert ausprägte und bis heute mit kleinteiliger Parzellierung sowie überkommenen Straßen- und Platzräumen erhalten hat.
Das historische Stadtzentrum liegt mit dem alten Markt unmittelbar am Ledaufer mit Zugang zum Hafen. Das Rathaus und die frei auf dem Platz stehende Waage bilden die städtebaulichen Dominanten und zusammen ein bemerkenswertes Ensemble. Die anschließende, in weitem Bogen nach Nordwesten führende Rathausstraße, ehemals die bevorzugte Wohnlage der wohlhabenden Kaufmanns- und Handwerkerfamilien, zeigt auf schmalen Parzellen eng aneinandergereihte, meist zweigeschossige Giebelhäuser. Über den Wilhelminengang und die Hellingstraße sind die Norderstraße und Wörde angebunden, die parallel nach Norden zur Mühlenstraße führen. Vom Markt und Waageplatz nach Westen verläuft die Königstraße, nach Süden parallel zum Hafen die Neue Straße. Wie an der Wörde und teils an der Rathausstraße grenzen die Grundstücke der östlichen Straßenseite unmittelbar ans Hafenbecken, so dass Pack- und Lagerhäuser die Stadtansicht prägen. Dieser Umstand wird bereits von Onno Klopp 1858 in einer Publikation zur Geschichte Ostfrieslands beklagt: „Aber die Häuser schauten nicht, wie in Emden, mit der Vorderseite auf den Hafen, und ließen nicht am Ufer des Stromes einen breiten Raum zum Aus- und Einladen, wie es einer Seestadt geziemt. Vielmehr kehrten die Wohnungen gleichsam verzichtend der belebenden Pulsader des Stromes sämtlich den Rücken [zu].“
Die Mühlenstraße, die in Ost-West-Richtung die Altstadt mit dem Bahnhof verbindet, ist heute die Hauptgeschäftsstraße mit Fußgängerzone und wird im westlichen Abschnitt durch gründerzeitliche Wohn- und Geschäftshäuser gesäumt. Die Brunnenstraße, die Verbindung von der Mühlen- zur Rathausstraße, zeigt wie auch die Wörde einen heterogenen Baubestand. Neben einzelnen, großen Wohn- und Geschäftshäusern haben sich auch kleinteilige Baustrukturen erhalten. Durch die Verschiebung des Stadtzentrums Richtung Bahnhof haben die Straßenzüge im Westen und Süden der Altstadt weit weniger bauliche, durch den Einzelhandel bedingte Veränderungen erfahren und vermitteln noch einen kleinstädtischen Charakter. Die Kirchstraße stellt in Fortsetzung der Rathausstraße nach Nordwesten die Verbindung zum alten Siedlungskern mit dem ursprünglichen Kirchenstandort am Westerende her. Prägend für den westlichen Teil der Altstadt sind die drei Stadtkirchen, die mit den Glockentürmen gemeinsam mit dem Rathausturm die Stadtsilhouette bilden – die reformierte Große Kirche nördlich der Kirchstraße sowie die lutherische Lutherkirche im Süden, dazwischen die katholische Kirche St. Michael, die mit der Turmfassade unmittelbar an der Kirchstraße steht. Am Reformierten Schulgang hat sich das Gebäudeensemble der ehemaligen reformierten Schule erhalten. Städtebaulich reizvoll ist der Gegensatz zwischen der weitgehend geschlossen bebauten Kirchstraße und den seitlich abzweigenden Gassen, die abseits in eine offenere Bebauung mit den baumbestandenen Kirchhöfen und eingefriedeten Gärten übergehen.
Architektur und Gestaltung
Die zweischiffige Krypta auf dem reformierten Friedhof am Westerende wurde um 1200 errichtet und ist damit das älteste Bauwerk in Leer. Es handelt sich um den baulichen Rest der alten St. Liudgerkirche, die nach dem Neubau der Großen Kirche abgebrochen wurde. Mit der Harderwykenburg hat sich ein Steinhaus aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erhalten. Ein weiterer städtischer Adelssitz ist die Haneburg, im Kern ein Steinhaus aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, das 1621 und 1671 im Stil der niederländischen Renaissance zu einer zweiflügeligen Anlage erweitert wurde. Die Lutherkirche wurde mit Unterstützung der Fürstin Christine Charlotte ab 1675 in nachgotischen Formen errichtet und mit dem Anwachsen der lutherischen Gemeinde im 18. und 19. Jahrhundert sukzessive erweitert.
Die ältesten Bürger- und Handwerkerhäuser zeigen noch Bausubstanz aus dem 16. oder 17. Jahrhundert und folgen dem in Leer bis ins frühe 19. Jahrhundert verbreiteten Bautyp des eingeschossigen Giebelhauses, so die Rathausstraße 9 (1572), Neue Straße 45 (1584), Neue Straße 46 (1610) oder die Neue Straße 57 (1550). Als zweigeschossige Variante sind die Bürgerhäuser Rathausstraße 12 aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und Rathausstraße 14 (1587) zu nennen. Insbesondere das Haus Samson an der Rathausstraße 18, das um 1570 errichtet und nach Zerstörung 1643 mit der Giebelfassade in frühbarockem Stil wiederaufgebaut wurde, dokumentiert die engen Beziehungen zu den Niederlanden, die die Kultur und Architektur Ostfrieslands maßgeblich geprägt haben.
Zwei herausragende Einzelbauwerke des niederländischen Barock-Klassizismus aus dem frühen 18. Jahrhundert sind die Waage und das von Rheden'sche Haus an der Wörde. Die beiden zweigeschossigen Backsteingebäude unter Walmdach zeigen achsensymmetrische, durch Kolossalpilaster gegliederte Fassaden mit einzelnen Sandsteinelementen und Holzblockrahmenfenstern. Während die katholische Kirche St. Michael (1775) große Übereinstimmungen mit der Architektur des westfälischen Baumeisters Johann Conrad Schlaun aufweist, wurde die reformierte Große Kirche 1785-1787 als Zentralbau nach dem Vorbild der Noorderkerk in Amsterdam sowie der Nieuwen Kerk in Groningen errichtet. Der mehrfach abgestufte, 1805 vollendete Glockenturm schließt in 57 Meter Höhe mit einer offenen, achteckigen Laterne ab. Die Mennonitenkirche von 1825 gibt sich bescheiden als klassizistischer Saalbau mit Walmdach und ohne Turm.
Neben den weiterhin üblichen Giebelhäusern wurde im 18. Jahrhundert das eingeschossige, traufständige Wohnhaus beliebt, mit Holzblockrahmenfenstern und Zwerchhaus mit geschwungenem Volutengiebel, beispielhaft sind das Fastenau'sche Haus Süderkreuzstraße 6 (1734) oder das Schelten'sche Haus Kirchstraße 21 (1742). Die beiden Armenhäuser der lutherischen Gemeinde an der Süderkreuzstraße 7 (1788) sowie der reformierten Gemeinde an der Kirchstraße 54 (1790) präsentieren eine entsprechende Betonung der Mittelachse durch Zwerchhäuser und sind zu dreiflügeligen Anlagen erweitert. Den klassizistischen Bürgerhäusern aus dem späten 18. und aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gemeinsam ist eine backsteinsichtige, stringent gegliederte Straßenfassade mit kräftigem Kranzgesims. Besonders qualitätvolle Beispiele im Stil des niederländischen Klassizismus sind Mühlenstraße 33 (1777), Neue Straße 14 (1791), Mühlenstraße 57 (1803) oder Mühlenstraße 31 (1806). Als Bauherr tritt wiederholt die wohlhabende mennonitische Kaufmannsfamilie Vissering auf, die weitere Wohn- und Packhäuser in der Altstadt im Besitz hatte und durch das Familienwappen – ein Fisch mit Ring im Maul – kennzeichnete.
Die einfachen Wohnhäuser der unteren sozialen Schichten sind noch in der westlichen Altstadt zu finden, teils auch zwischen der Norderstraße und der Wörde. Niedrige, traufständige Gebäude, die budenartig aneinandergereiht den kleinsten Bautyp eines städtischen Handwerker- und Arbeiterhauses dokumentieren, haben sich in den schmalen Seitengassen am Lutherischen Schulgang 11, am Reformierten Kirchgang 21/23/25 oder an der Kampstraße 30 anschaulich erhalten. Eine Weiterentwicklung aus dem späten 19. Jahrhundert ist das Doppelwohnhaus am Lutherischen Schulgang 15. Ein Zeugnis des genossenschaftlichen Siedlungsbaus der 1920er Jahre sind die Reihenhäuser an der Onno-Klopp-Straße, die mit geschwungener Fassaden- und Straßenführung den Blick auf den Turm der Großen Kirche lenken.
Packhäuser, die in der gesamten Altstadt und insbesondere in Hafennähe zu finden sind, dokumentieren den regen Handel der Seehafenstadt. Gut erhaltene Beispiele aus den unterschiedlichen Zeitstellungen sind die Packhäuser Wilhelminengang 2 (1778), Brunnenstraße 24 (1803), Ostersteg 28 (1807) und nicht zuletzt das stattliche Zollhaus am Bahnhofsring 4 von 1863. Daneben ist in Leer der Bautyp des traufständigen Wohn-Packhauses verbreitet, bei dem das Erdgeschoss für Kontor- und Wohnräume sowie die Ober- und Dachgeschosse als Lagerfläche genutzt wurden. Anschaulich erhalten sind das Baumann´sche Haus Neue Straße 63 (1757), Norderstraße 34 und die um 1800 errichtete Baugruppe der Wohn-Packhäuser an der Königstraße 14, 16 und 17. Das Lager- und Fabrikgebäude am Harderwykensteg 1 wurde im frühen 20. Jahrhundert durch die Firma J. Bünting & Co. gebaut.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden an der Mühlenstraße und vereinzelt auch an der Wörde oder Brunnenstraße Wohn- und Geschäftshäuser, die in den 1850er und 1860er Jahren mit Putzfassaden im spätklassizistischen oder im Rundbogenstil gestaltet wurden, in den nachfolgenden Jahren dann in den verschiedenen Ausprägungen des Historismus. Herausragend ist die Löwen-Apotheke an der Brunnenstraße 19, die 1870-1873 im Stil der englischen Neugotik gebaut wurde. Fassaden, die um 1900 mit Backsteinmauerwerk und Putzdekor im Neorenaissancestil gestaltet wurden, mögen durch den Neubau des Rathauses (1892) beeinflusst sein. Zudem entstanden Backsteinfassaden mit farbigen oder glasierten Ziegeln, so an der Neuen Straße 8, Brunnenstraße 20 sowie an der Rathausstraße 30 als besonders anschauliches Beispiel im Stil der Hannoverschen Schule. Im frühen 20. Jahrhundert wurde die Ornamentik des Jugendstils beliebt, zu finden an dem Bankgebäude Mühlenstraße 6/8 (1905) oder dem Wohn- und Geschäftshaus Brunnenstraße 28 (1907). Einzigartig in Leer ist die Putzfassade des Gebäudes Mühlenstraße 24, die Anfang der 1930er Jahre im Stil der Neuen Sachlichkeit gestaltet wurde.
Planierung oder Sanierung
Die Leeraner Altstadt überdauerte den Zweiten Weltkrieg weitgehend ohne Schäden. Der schlechte bauliche Erhaltungszustand und die Vorstellungen von einer modernen Stadtentwicklung veranlassten Anfang der 1960er Jahre erste Konzepte zur Stadterneuerung. Im Dezember 1961 wurde in der westlichen Altstadt ein Sanierungsgebiet ausgewiesen. Damit einhergehend wurden 1962 eine Satzung zum städtischen Vorkaufsrecht sowie 1963 eine Veränderungssperre erlassen mit dem Ziel, alte Gebäude aufzukaufen und abzubrechen. Private Investitionen wurden verhindert und Bewohner, die es sich leisten konnten, verließen die historische Altstadt. Bereits 1965 mahnte der Bremer Architekt Bernhard Wessel in einem Vortrag: „Bewahren Sie das dieser Stadt eigene Fluidum, das sie so liebenswert macht und sie vor vielen anderen Städten auszeichnet. Machen Sie aus Leer keine Allerweltsstadt!“
Eine gesamtheitliche Stadtplanung und -entwicklung war durch vereinzelte Sanierungsmaßnahmen aber nicht zu erreichen. Das historische Straßennetz galt als völlig unzureichend, und spätere Erhebungen ergaben, dass etwa 50% des Gebäudebestandes in der Altstadt dringend modernisierungsbedürftig war. 1968 wurde die Technische Hochschule Hannover mit der Erstellung eines Generalverkehrsplanes beauftragt, 1969 erhielt die Gesellschaft für Wohnungs- und Siedlungsbau mbH (GEWOS) den Auftrag für eine vorbereitende Strukturanalyse und 1970 wurde mit der Neuen Heimat als Sanierungsträger ein Rahmenvertrag geschlossen. Als eine der ersten Städte in Deutschland wurde Leer in das Stadtsanierungsprogramm von Bund und Land aufgenommen, das nach Verabschiedung des Städtebauförderungsgesetzes vom 27. Juli 1971 aufgelegt wurde. Mitglied im Sanierungsbeirat wurde Josefhermann Höcker, der Vorsitzende des Heimatvereins Leer. Auf Grundlage des Generalverkehrsplanes und der Strukturanalyse wurde am 12. Juni 1972 die „Satzung über die förmliche Festlegung eines Sanierungsgebietes“ von der Stadt beschlossen. Die Planung sah die autogerechte Erschließung sowie eine weitreichende Neubebauung im Bereich der Altstadt vor. Als eine der ersten Maßnahmen umgesetzt wurde die Flächensanierung am Westerende, wo nach Abbruch der nördlichen Häuserzeile ohne Bezug zur historischen Parzellierung und Bauflucht große Wohnblocks und das fünfgeschossige Katasteramt neu gebaut wurden. Für die geplante Westtangente, eine breite Haupterschließungsstraße von der Pferdemarkt- über die Süderkreuzstraße und an der Harderwykenburg vorbei bis zum Ostersteg, sollten 60 Häusern abgebrochen werden.
Im Sanierungsbeirat warnte Josefhermann Höcker eindringlich vor der Realisierung dieser Konzepte, die Einwände wurden jedoch als „Heimattümelei“ abgewertet. Höcker trug die Informationen schließlich in die Sitzungen des Heimatvereins, was im Mai 1973 zur Bildung eines Arbeitskreises und im Juli 1973 zur Gründung der überparteilichen Bürgerinitiative „Altstadtsanierung Leer“ führte. Die zentralen Forderungen der Bürgerinitiative waren der Erhalt historischer Gebäude und die Zurückstellung der autogerechten Stadtplanung, um das charakteristische Stadtbild zu bewahren. Zudem war die Berücksichtigung sozialer Belange der betroffenen Altstadtbewohner ein Anliegen. In den folgenden Monaten betrieb die Bürgerinitiative eine intensive, teils konfrontative Öffentlichkeitsarbeit und konnte innerhalb kurzer Zeit 3.000 Unterschriften von Bürgern sammeln, die sich mit den Zielen der Initiative solidarisch erklärten. Wiederholt wurden Flugblätter in der Stadt verteilt, überschrieben mit dem Slogan „PLANIERUNG oder SANIERUNG“. Einhergehend wurde durch Aktionen, Leserbriefe und Veranstaltungen zum Protest aufgerufen. So wurden die maßstabslosen Bauvorhaben angeprangert, Alternativen aufgezeigt sowie die ungenügende Einbindung und Information der Sanierungsbetroffenen bemängelt. Gespräche mit der Stadt Leer und der Neuen Heimat führten 1974 letztendlich zu einem Umdenken bei den politischen Entscheidungsträgern. Die Planung zum Bau der Westtangente wurde aufgegeben, an die Stelle der Flächensanierung trat die erhaltende Objektsanierung. Im Oktober 1975 wurde der Städtebauliche Rahmenplan vom Rat beschlossen. Ungeachtet der grundsätzlichen Einigung standen sich in konkreten Einzelfällen weiterhin unterschiedliche Vorstellungen gegenüber. Im Denkmalschutzjahr 1975 wurden 30 Häuser mit Plakaten beklebt, die im Besitz der Stadt waren, um auf den Leerstand und Verfall aufmerksam zu machen. Durch den beharrlichen Widerstand der Bürgerinitiative konnte ein fünfgeschossiger Anbau am Amtsgericht abgewendet werden, durchgesetzt wurde ein reduzierter Ausbau der Pferdemarktstraße. Seit Mitte der 1970er Jahre wurden zahlreiche Gebäude in der Altstadt saniert und Baulücken durch angepasste, kleinmaßstäbliche Neubauten geschlossen. Der Abbruch der Altstadthäuser an der Mühlenstraße 1 bis 9 und die viergeschossige Neubebauung in zeittypischer Betonarchitektur durch die Kleemann AG konnten jedoch nicht mehr verhindert werden. Der Ostersteg wurde zugunsten der Fußgängerzone in der Mühlenstraße als Haupterschließungsstraße ausgebaut, wodurch das historische Straßenbild verloren ging.
Denkmalschutz und Stadtbildpflege
Der Denkmalschutz spielte in den ersten Jahren der Stadtsanierung allenfalls eine untergeordnete Rolle. Der Ensemblewirkung der historischen Straßenzüge war man sich bewusst, so hatte die Stadt Leer bereits im Jahr 1950 ein „Ortsstatut über besondere Anforderungen für die Baugestaltung und die Pflege der baulichen Eigenart“ erlassen. Doch wenige stadtbildprägende Gebäude standen als Baudenkmale unter Schutz. Nur bei einzelnen Erhaltungs- und Gestaltungsfragen wurden der Regierungsbaumeister Dietrich Rohlfs Hermann Müller-Stüler (1908-1984) aus Aurich oder der Landeskonservator aus Hannover eingebunden. Nach dem Inkrafttreten des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes am 1. April 1979 erfolgte erst Ende der 1980er Jahre auf Grundlage einer systematischen Bestandserfassung die Aufstellung des Denkmalverzeichnisses, das seither fortgeschrieben wird. Aktuell umfasst das Verzeichnis rund 450 Baudenkmale, die zum Großteil in der Altstadt liegen.
Mit Blick auf die Stadtsanierung ab Mitte der 1970er Jahre ist zu konstatieren, dass das Ziel erreicht wurde, das charakteristische, von historischen Strukturen und Gebäuden getragene Stadtbild zu bewahren. Doch auch die Objektsanierungen bedeuteten zunächst einen Verlust von Bausubstanz. Gebäude wurden regelmäßig entkernt, rückseitige Anbauten und Fassaden angepasst, um moderne Wohn- und Gewerbenutzungen zu realisieren. Mit zunehmender Erfahrung und Berücksichtigung des Denkmalschutzes setzte sich die Überzeugung durch, über die Straßenfassaden hinaus die historische Bausubstanz zu erhalten. Im Jahr 1986 wurde von der Stadt Leer ein Gestaltungskonzept aufgestellt, das für Neu- und Altbauten Leitlinien und Handlungsempfehlungen formulierte. Mit den kleinmaßstäblich angepassten Neubauten oder der Platzanlage um das neue Rathaus wurden innerhalb der Altstadt neue Qualitäten geschaffen, die im Kontext der damaligen Umstände und des Zeitgeistes zu bewerten sind.
Im Jahr 2005 fand die Stadtsanierung nach 34 Jahren einen formalen Abschluss. In dem Bewusstsein, dass die Altstadt der fortwährenden Pflege bedarf, wurde Leer 2015 in das Stadtsanierungsprogramm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ (seit 2020 Lebendige Zentren) aufgenommen, so dass die erfolgreiche Stadterneuerung mit finanzieller Unterstützung von Bund und Land fortgeführt werden kann. So wird die Stadt Leer auch in Zukunft baukulturelle und immaterielle Werte bewahren, ein Identifikationsort für die Leeraner sein, ein attraktives Zentrum für das Umland und beliebtes Ziel für Reisende – eine Stadt in Ostfriesland, die sehens- und lebenswert ist.
Zum Weiterlesen:
Stadt Leer (Hrsg.): Leer – Gestern Heute Morgen, Leer 1973
Stadt Leer/ BauBeCon Sanierungsträger GmbH (Hrsg.): Die Altstadtsanierung im Rückblick 1971-2005, Abschlussdokumentation 34 Jahre Stadtsanierung in Leer, Leer 2005
Stadt Leer (Hrsg.): Een Markt tho Lehr up Galli – 500 Jahre Markt und Stadtgeschichte, Leer 2008
Heimatverein Leer e. V. (Hrsg.), Kramer, Margarete: Bürger kämpfen für ihre Altstadt – Die Bürgerinitiative Altstadtsanierung Leer 1973 – 1978, Leer 2017





































