Baustile im Wandel – Die Veränderung des Fachwerks in Goslar über die Jahrhunderte

Von Nele Berlin und Anna Streit

Vom Mittelalter bis in die Neuzeit prägen Fachwerkhäuser das Goslarer Stadtbild und spiegeln die Entwicklung der Fachwerkarchitektur wider. Rund 1.500 Fachwerkgebäude aus den vergangenen Jahrhunderten sind in der historischen Altstadt gut erhalten. Die städtebauliche Struktur derselben zeigt im Südwesten eine dichte Bebauung, die sich nach Nordosten auflockert. Die Fachwerkgebäude der dichten Bebauung gehen auf die Zeit bis zum 17. Jahrhundert zurück. Die lockere Bebauung weist Fachwerkgebäude mit überwiegenden Merkmalen aus dem 18. und 19. Jahrhundert auf. Dies lässt darauf schließen, dass im nordöstlichen Bereich mehr Zerstörungen der älteren Bausubstanz stattgefunden haben, sodass hier die Häuser im neueren Stil wiederaufgebaut wurden. Romanische Kirchen, die Kaiserpfalz, das Rathaus, die Stadtmauer und die dazugehörigen Befestigungsanlagen prägen Goslar ebenso. Die gut erhaltene historische Altstadt von Goslar, zusammen mit dem stillgelegten Rammelsberg-Bergwerk und der Oberharzer Wasserwirtschaft, ist Teil des UNESCO Welterbes.

Im Tal der Gose, am nördlichen Rand des Harzer Mittelgebirges, entstand im 10. Jahrhundert eine stetig wachsende Siedlung, da die Region um den Rammelsberg für ihre reichen Bodenschätze bekannt war. Mit dem Aufschwung des Bergbaus entwickelte sich Goslar bereits im Mittelalter zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Zentrum.

Das älteste noch vollständig bestehende Fachwerkgebäude in Goslar ist das St. Annenhaus aus dem Jahr 1488. Es diente im Mittelalter als Hospital und Herberge für Reisende. Später wurde es als Wohnhaus für hilfsbedürftige Menschen genutzt, darunter Witwen und Waisen. Seit 1998 steht das St. Annenhaus gemeinnützigen Vereinen zur Verfügung. Es handelt sich um ein schlichtes zweigeschossiges Gebäude und das einzige in Goslar, das vollständig in Langständerbauweise erhalten geblieben ist. Die Gefache sind gleichmäßig aufgeteilt. Im Erdgeschoss sind die Ständer durch unregelmäßig angebrachte Fußbänder verstärkt. Die Querschnitte der Hölzer wirken ungleichmäßig und im Vergleich zu heutigen Standards teilweise überdimensioniert. Dies sind Merkmale, die auch auf viele andere spätmittelalterliche Fachwerkgebäude in Goslar zutreffen.

Bei weiteren Gebäuden aus dem Spätmittelalter ist häufig eine Stockwerkbauweise zu erkennen. In der Regel handelt es sich um dreigeschossige Bauwerke mit einem Unterbau, einem Wohnbereich und einem meist auf langen Knaggen weit auskragenden Speichergeschoss. Diese Unterstützungshölzer sind, genau wie die Deckenbalkenköpfe, häufig profiliert und sorgen für eine größere Fläche im oberen Stockwerk. Im Mittelalter waren Auskragungen ein Weg, den Wohnraum und die Nutzfläche zu maximieren, ohne zusätzlichen teuren und raren Baugrund erwerben zu müssen. Die mittelalterlichen Fachwerkgebäude wie das Wohnhaus in der Bergstraße 45, das vermutlich noch aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt, waren daher meist schmal, hoch und dicht aneinandergebaut. Zwischen den Traufknaggen befinden sich schlichte Windbretter, die verhindern, dass der Wind unter die Fußböden der auskragenden Geschosse zieht.

Zur Zeit der Gotik liegt ein besonderes Augenmerk auf dem Geschossübergang. Die Geschossschwellen sind oft mit verschiedenen Friesen verziert, die aus stufen-, trapez- oder bügelförmigen Vertiefungen bestehen. Diese Verzierungen erfüllen nicht nur dekorative Zwecke, sondern berücksichtigen auch die statische Lastenverteilung. Auf dem Schwellholz über den Balkenköpfen bleiben oft freigelegte Flächen übrig, die mit Symbolen wie Brezeln, Lebkuchen oder Fratzengesichtern verziert sind – Motive, die sowohl den Alltag als auch Feste widerspiegeln und Unheil abwenden sollen. Die Schwelle und das Obergeschoss des Gebäudes An der Gose 31 aus dem späten 15. Jahrhundert zeigen die genannten Merkmale deutlich.

Während zunächst die Konstruktion der Fachwerkgebäude im Mittelpunkt stand, rückte ab dem 16. Jahrhundert die Gestaltung stärker in den Fokus. Balken wurden aufwändiger verziert, Schnitzereien, Inschriften und farbig bemalte Elemente kamen hinzu. Die dreigeschossigen Gebäude mit auskragendem Speichergeschoss und gleichmäßigen Gefachen blieben bestehen, die Auskragung der oberen Geschosse nahm jedoch ab. Die tragenden Knaggen wurden kürzer oder verschwanden ganz. Es tauchten vermehrt Erker auf, wie in der Bäckerstraße 2 von 1606 zu sehen ist. Die Balkenköpfe wurden schlichter profiliert, statt der Schwelle gewann nun der Brüstungsbereich an Bedeutung. Fußbänder wurden teilweise durch Fußwinkelhölzer oder Brüstungsbohlen ersetzt. Diese dienten der Stabilisierung der oberen Geschosse, die oft als Lager genutzt wurden. Gleichzeitig boten sie mehr Platz für dekorative Elemente. Hier entstanden Rosetten in verschiedenen Formen wie Muschel-, Fächer-, Palmen- oder Sonnenrosenornamente, wie sie etwa am 1573 erbauten Wohnhaus Bergstraße 53 zu erkennen sind. Auch die Schwellen wurden kunstvoller gestaltet und mit floralen Motiven, Runen, Profilrahmen oder Handwerksmarken verziert. Manche Schwellen trugen Sprüche, die Schutz oder Glück für das Gebäude und seine Bewohner:innen erbitten, so wie am Wohnhaus Schilderstraße 23 von 1602. Symbole wie Rosetten, Rauten und Lebensbäume spiegeln Fruchtbarkeit und Glück wider und finden sich als Glückszeichen an den Fassaden. Windbretter, sofern noch vorhanden, wurden ebenfalls verziert. Zudem kamen zunehmend Füllhölzer mit Schiffskehlen oder Taubändern zum Einsatz, wie am 1633 erbauten Wohnhaus Schuhhof 4. Die Fassadengestaltung orientierte sich mit der Zeit immer mehr an Steinbauten. Blendarkaden und balkenförmige Konsolen imitierten steinerne Architektur, ein Beispiel befindet sich in der Bäckerstraße 3, das 1592 erbaut wurde. Später ergänzten Ornamente und Flachschnitzereien die traditionelle Holzverzierung, wie am Schuhhof 4. Diese ahmten die Optik von Metallbeschlägen nach.

Im 17. Jahrhundert blieb die Gefacheinteilung weiterhin gleichmäßig, während die Auskragung noch stärker zurückging. Die verkürzten Knaggen und Windbretter, die bereits zuvor seltener wurden, befanden sich nun meist nur noch in der Traufebene. Die Balkenköpfe wurden nur noch minimal profiliert und oft wulstartig gestaltet. Spruchschwellen wurden seltener und beschränkten sich meist auf ein einzelnes Geschoss, während Profilrahmen weiterhin erhalten blieben. An einigen Gebäuden tauchten Brettprofile an den Geschossübergängen auf. Die Metallornamente wandelten sich zum Ohrmuschelstil mit geschwungenen, fließenden Formen wie Schlingen und Ranken, wie sie etwa in der Bäringerstraße 4 von 1660 zu sehen sind. Häufig standen Wappen oder Engelsköpfe im Zentrum dieser Verzierungen. Später entstanden Rocailleornamente sowie florale, vegetative Muster, die zunehmend die Fassadengestaltung prägten. Mit der Zeit verschwanden die Brüstungsbohlen aus dem gefragten architektonischen Repertoire, während Fußbänder wieder an Bedeutung gewannen. Sie traten oft in Form von Andreaskreuzen, Rauten oder Buckelstreben auf und bildeten neue Muster wie liegende Rauten oder blumenartige Umrisse, wie sie das Wohnhaus An der Gose 32 aus der Zeit um 1700 beispielhaft zeigt. Die Gestaltung der Brüstungszone wurde nun durch diese konstruktiven Elemente bestimmt. Ein prägendes Merkmal bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts ist die Entwicklung der sogenannten Siemenshausschwelle, benannt nach dem 1692-93 errichteten Siemenshaus in der Schreiberstraße 12. Hier werden Schiffskehlen und Taubänder durch horizontal profilierte Füllhölzer ersetzt. Der Balkenkopf nimmt diese Profilierung auf, so dass ein einheitliches Bild entsteht. Schwelle, Balkenkopf, Füllholz und Rähm wirken wie ein zusammenhängendes Bauteil. Verschiedene Varianten dieser Schwellenform treten auf, wie die Kombination mit dem Treppenfries. Auch die kunstvolle Ausmauerung der Gefache, wie sie am Siemenshaus zu sehen ist, wird beliebter.
1728 und 1780 kam es zu zwei Stadtbränden, die zusammen mehr als 400 Gebäude zerstörten. Diese wurden im zu der Zeit aktuellen Stil neu errichtet.

Ab etwa der Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden in Goslar klare, schlichte und symmetrische Fassaden bevorzugt, während Verzierungen weitgehend verschwanden. Die Holzquerschnitte fielen schlanker aus als in den vorhergegangenen Jahrhunderten. Gestaltungsmerkmale der klassizistischen Steinarchitektur erhielten Einzug in den Fachwerkbau. Die Ständer und Gebäudeöffnungen ordneten sich häufig symmetrisch um eine zentrale Achse, in der sich meist die Eingangstür befand. Die Fassaden erscheinen durch die systematische Anordnung der Ständer und das akkurate Übereinanderliegen der Gefache über die Stockwerke hinweg rhythmisch gegliedert. Einzelfenster lösten die Fensterbänder ab. Um größere Fensterflächen für mehr Lichteinfall mit regelmäßigen Abständen zwischen den Fenstern zu schaffen, wurde auf Doppelständer gesetzt, wie sie etwa das Wohnhaus Bäckerstraße 8 aus dem frühen 18. Jahrhundert zeigt. Zwei Ständer mit kleinen Gefachen dazwischen wechselten sich mit größeren Gefachen für Fensteröffnungen ab. Die Geschosshöhen wuchsen und zusätzliche Riegel wurden als Stürze eingezogen, wodurch kleinere Gefache oberhalb der Fenster entstanden, wie sie am Jakobikirchhof 2 von 1838 zu erkennen sind Die Auskragungen der oberen Geschosse entfielen vollständig. Auch Erker und dekorative Holzstrukturen waren zu der Zeit nicht mehr populär. Glatte, oft verputzte oder übertünchte Fassaden ermöglichten es, die teure Steinarchitektur kostengünstig zu imitieren. Viele der in der Vergangenheit verputzten Fachwerkfassaden sind später freigelegt worden, sodass sie heute kaum ausfindig zu machen sind. Ein Beispiel für eine erhaltene verputzte Fassade findet sich am Haus Jakobikirchhof 3, das vermutlich zeitgleich mit dem Nachbargebäude Nr. 2 entstanden ist.

Aus dem kompletten Wegfall der Auskragungen entstanden statische Herausforderungen: Die Auflagerpunkte der Schwelle auf den Deckenbalken sowie der Deckenbalken auf dem Rähm wurden geschwächt. Um mehr Auflagerfläche zu schaffen, wurden Schwelle und Rähm teilweise verbreitert, leicht vorgezogen und profiliert. Dazwischen wurden waagerecht profilierte Bretter gesetzt. An einigen Gebäuden sind Elemente der Steinarchitektur wie Fenstereinfassungen, Fensterbänke, Dreiecksgiebel, Gesimse oder Säulenkapitelle aus Holz, die an massive Bauten erinnern, zu finden. Besonders anschaulich lassen sich viele der genannten Eigenschaften an der Bäckerstraße 18, entstanden um das Jahr 1840, erkennen.

Ab etwa 1850 entstand eine Rückbesinnung auf frühere Baustile. Dies führte zu einer Wiederbelebung des dekorierten Fachwerks. An den Gebäuden dieser Zeit lässt sich eine Anlehnung an alte Traditionen und Fachwerkkunst erkennen. Steinimitationen um Fenster- und Türöffnungen blieben weiterhin beliebt. Es wurden wieder Streben, Andreaskreuze und Fußbänder verwendet, die dekorativ angeordnet waren und keine statische Funktion übernahmen. In Goslar ist besonders häufig der Einsatz von Kreisen zu erkennen, die an gotische Vierpässe erinnern, zu sehen in den Straßenzügen der Mauerstraße und Zehntstraße. Je nach Anzahl der Zierhölzer wirken die Fassaden schlicht oder reich geschmückt. Die Streben und Bänder sind maschinell geschnitten, was zu einem schlankeren und einheitlicheren Aussehen führte. Die Deckenbalkenköpfe waren oft wieder sichtbar und profiliert. In einigen Gebäuden befinden sich zinnenartige Friese oder Schränkschichten aus Backstein. Ein weiteres typisches Element ist das Fluggespärre, bei dem ein vor den Giebel gesetztes Sparrenpaar sichtbar ist, wie es am Wohnhaus Zehntstraße 20 erkennbar wird. In Goslar sind zudem Zwerchhäuser weit verbreitet. Auch Fachwerkelemente an Massivbauten, etwa Erker oder ganze Obergeschosse auf massiven Erdgeschossen, wurden häufig verwendet. Es entstanden viele gleichartige Doppelhäuser, was darauf hindeutet, dass diese Gebäude möglicherweise als zusammenhängende Mietobjekte geplant wurden.

Die Übergänge zwischen den verschiedenen Bauphasen sind fließend und lassen sich nicht in einer klaren Abfolge darstellen. Viele Merkmale entwickelten sich weiter, wurden aufgegeben oder später wieder aufgegriffen. Die Ausprägung der Baustile ist in unterschiedlichem Maß erkennbar. Zwischen 1530 und 1560 wurden aufgrund von Auseinandersetzungen zwischen Goslar und dem Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel nur wenige neue Fachwerkbauten errichtet. Während sich in dieser Zeit in benachbarten Städten die Darstellung der Rosette weiterentwickelte, ist diese in Goslar nur in begrenztem Umfang zu finden. Besonders prägend für das Stadtbild ist die Zeit nach dem Stadtbrand von 1728, in der viele Gebäude im damals aktuellen Baustil neu errichtet wurden. Zahlreiche Fachwerkgebäude sind aufgrund späterer Umbauten nicht mehr im Originalzustand erhalten. Häufig sind die oberen Geschosse noch im ursprünglichen Fachwerkstil zu sehen, während im Erdgeschoss Veränderungen deutlich erkennbar sind.

Insgesamt lässt sich beobachten, dass sich die Fachwerkarchitektur kontinuierlich weiterentwickelte. Die Konstruktion, Gestaltung und die Verwendung von Dekoration spiegeln die technologischen und stilistischen Veränderungen wider. Heute ist Altstadt ein beliebtes Ziel für Tourist:innen und steht unter besonderem Schutz, sodass sie als ein lebendiges Zeugnis vergangener Zeiten die Geschichte der Stadt für Besuchende erlebbar macht.

 

Zum Weiterlesen:

Günter Piegsa (Hg.): Renaissance in Holz. Das Brusttuch in Gos­lar; Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar / Goslarer Fundus, Band 55, Bielefeld 2015

Elmar Arnhold / Sándor Kotyrba: Fachwerkarchitektur in Goslar, Braunschweig 2011

Hans-Günther Griep: Das Bürgerhaus in Goslar, Tübingen 1959

Hans-Günther Griep: Führer durch Goslar, Bd. 3: Die Bürgerhäuser, Goslar 1994

Heinrich Stiewe: Fachwerkhäuser in Deutschland, Darmstadt 2007



Die Autorinnen Nele Berlin und Anna Streit haben 2025 ihren Master an der HAWK Hildesheim absolviert. Der Artikel entstand aus einer Studienarbeit unter der Betreuung von Carolin S. Prinzhorn. 

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