Berliner Bären in Niedersachsen - Denkmale für das geteilte Deutschland

Von Simone Thulke

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, so lauteten die Worte Walter Ulbrichts am 15.06.1961, zwei Monate bevor die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland tatsächlich errichtet wurde. Zu diesem Zeitpunkt standen schon einige der sogenannten Bären-Steine oder auch Berliner Meilensteine an Autobahnen und in Ortschaften in der gesamten Bundesrepublik Deutschland verteilt. Der erste dieser Meilensteine wurde im Januar 1954 an der Autobahn Köln-Frankfurt aufgestellt. Es folgten bis zum Mauerfall im Jahr 1989 mehr als 250 weitere solcher Steine, die in der Zeit des geteilten Deutschlands ein Zeichen der Solidarität mit Berlin setzen sollten. Die Gedenksteine erinnern an die Teilung Deutschlands ab 1945 und an die isolierten Lage Westberlins inmitten der DDR.

Meilensteine mit dem Berliner Bären - die Idee zur Entstehung der Meilensteine

In West-Berlin spitzte sich die Situation während des Kalten Krieges immer mehr zu. Die politische, wirtschaftliche und auch seelische Lage der Stadt und ihrer Bewohner verschlechterte sich zunehmend. Aus einem Arbeiterprotest heraus entwickelte sich am 17. Juni 1953 in der DDR ein Volksaufstand gegen das kommunistische System, der brutal unterdrückt wurde. Die Ereignisse führten zu der Idee des Hamburger Verlegers und CDU-Abgeordneten Gerd Bucerius, an allen westdeutschen Autobahnen Gedenksteine für die geteilte Stadt aufstellen zu lassen. Ein Jahr zuvor hatte Otto Suhr, der damalige regierende Bürgermeister von Berlin, an Gerd Bucerius eine kleine Bärenfigur als Wappentier und Symbol der Stadt Berlin übersandt. Diese Figur war der Ursprung des Gedankens, den Bären für den Entwurf der Gedenksteine zu nehmen. In einem Schreiben vom 24. November 1953 an die obersten Straßenbaubehörden der westdeutschen Bundesländer informierte das Bundesministerium für Verkehr (BMV) über die Veranlassung, sogenannte „Meilensteine mit dem Berliner Bären“ an den Autobahnen aufstellen zu lassen, um die Verbundenheit der Bundesrepublik mit Berlin zum Ausdruck zu bringen, insgesamt waren fünf Bundesländer in die Aktion involviert. Es wurde geplant, die Steine in Abständen von 100 Kilometern zu Berlin zu errichten, um auf die eigentliche Hauptstadt hinzuweisen. Beigefügte Pläne erläuterten detailliert die Form, Darstellung und Ausführung der Gedenksteine. Finanziert werden sollten die Denkmale aus einem Sonderfond des Bundes vom Berliner Senat. Die Portlandzementfabrik Dyckerhoff & Söhne aus Wiesbaden sollte die Steine herstellen. Aufgrund der jeweiligen individuellen Situation an den Aufstellungsorten wären die Autobahnämter jedoch selber dafür verantwortlich, die Fundamente an die Bodenverhältnisse anzupassen. Die Steine sollten senkrecht so auf dem Mittelstreifen aufgestellt werden, dass das Bärenrelief und die Kilometerzahl in Richtung Berlin wahrgenommen werden könne. Insgesamt waren 17 dieser genormten Steine an den bundesdeutschen Autobahnen geplant. Bereits 1954 wurde der erste Berliner Meilenstein (BERLIN 600 KM), der siebte der Liste, an der Autobahn Köln-Frankfurt in Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss sowie weiterer bekannter Repräsentanten von Politik und Wirtschaft feierlich eingeweiht.

Der bereits 1951 gegründeten Verein „Bund der Berliner Freunde Berlins“ (BdBFB) griff die Initiative der Aufstellung der Berliner Meilensteine mit auf. Der in der Nachkriegszeit ehrenamtlich agierende Verein verfolgte das Ziel, an möglichst vielen Orten im Bundesgebiet den Kontakt zu Berlin aufrechtzuerhalten. In diversen kulturellen sowie symbolischen Aktionen engagierte sich der „Bund“ dafür, dass neben den an den Autobahnen geplanten und angefertigten Erinnerungssteinen auch die Gemeinden entsprechende Steine und Skulpturen in ihren Ortschaften aufstellten. So wurden allein bis in die 1980er Jahre in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und den Ortsvereinen des BdBFB sowie dem Berliner Senat, der zu den Festakten Repräsentanten in die Städte entsandte, über 100 Bärensteine in der Bundesrepublik Deutschland aufgestellt.

Der Bär ist seit Jahrhunderten das Wappentier von Berlin und symbolisiert Stärke und Widerstandskraft. Die Idee hinter den Berliner Bärensteinen entstand aus dem Wunsch heraus, die historische und kulturelle Identität Berlins durch Kunst und speziell ein Kunstobjekt im öffentlichen Raum zu stärken. Die verschiedenen Künstler, die letztendlich an diesen Projekten beteiligt waren, interpretieren das Symbol des Bären auf ihre eigene Weise, wodurch eine vielseitige Sammlung von Steinen und Skulpturen entstanden ist.  Es handelt sich um Kleindenkmale im öffentlichen Raum, deren Errichtung einen symbolisch-gesellschaftlichen Hintergrund hatte. Die Berliner Meilensteine nehmen zudem den historischen Kontext von Wegmarkierungen auf, die einst entlang wichtiger Straßen aufgestellt wurden, um Entfernungen zu messen und Reisenden Orientierung zu bieten. Sie wurden hauptsächlich im 18. und 19. Jahrhundert errichtet, oft aus Stein gehauen und mit eingravierten Entfernungsangaben versehen. Die „Berliner Meilensteine“ sind deshalb heute wiederum wichtige Meilensteine der deutschen Geschichte und Relikte einer besonderen historischen, sozialen wie auch politischen Epoche.

Die Künstlerin Reneé Sintenis

Als „Mutter“ des Berliner Meilenstein-Bären gilt die damals in Berlin lebende Künstlerin Renée Sintenis (1888–1965). Sie war eine bedeutende deutsche Bildhauerin, Malerin und Medailleurin. Sie wurde in Glatz, im damaligen Schlesien geboren und zog später nach Berlin, wo sie den Großteil ihres Lebens verbrachte. Besondere Bekanntheit errang sie für ihre kleinen Tierskulpturen, insbesondere Pferde, Hunde und Bären, die sie mit einer bemerkenswerten Lebendigkeit und Dynamik darstellte. Ihr Stil zeichnet sich durch eine klare Formensprache und eine sensible Behandlung der Oberflächenstruktur aus. 1948 erhielt sie an der Hochschule für Bildenden Künste einen Lehrauftrag für eine Meisterklasse in Tierplastik und wurde 1955 zur ordentlichen Professorin ernannt. Sintenis war nicht nur eine herausragende Künstlerin, sondern auch eine Pionierin für Frauen in der Kunstwelt. Sie war eine der ersten Frauen, die in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen wurde. Ihr Beitrag zur deutschen Kunst und Kultur bleibt unvergessen und wird weiterhin international geschätzt und bewundert. René Sintenis' Arbeiten sind in vielen bedeutenden Sammlungen und Museen zu finden, darunter die Nationalgalerie in Berlin und das Museum of Modern Art in New York.

Die Künstlerin Sintenis war mit den Bären auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen. Das Bärenmotiv ist dem Stadtwappen Berlins entnommen und wurde ein paar Jahre später auch als Vorlage für die Plastiken und Statuen für die Berliner Bären genommen, die in zwei verschiedenen Größen Aufstellung an Autobahnen fanden. Der erste dieser Bären wurde 1957 als lebensgroße Bronze an der Autobahn nahe Zehlendorf am Stadteingang zu Berlin aufgestellt, fünf Jahre später folgte der Münchner Geschwisterbär. Das Motiv der Berliner Bärenplastiken von Reneé Sintenis ist sprichwörtlich filmreif, denn zur Verleihung des Preises des 1951 in Berlin ins Leben gerufene berühmte Filmfestivals, die Berlinale, werden die goldenen und silbernen Bären nach den Entwürfen der Künstlerin vergeben. Der prominente Berliner Bär, der jedem ein Begriff ist und der bis heute über den roten Teppich in Berlin wandert, entwarf Reneé Sintenis schon 1932 in einer jüngeren und tapsigeren Form, ab 1956 wurde das Motiv dann von der erwachseneren Version abgelöst. Es handelt sich um einen im Ausfallschritt aufrechtstehenden Bären, die ausgetreckten, teilweise mit Krallen besetzten Pfoten weisen in die Höhe, der Kopf ist geradeaus gerichtet bis leicht angehoben.

Das Bärenrelief, das auf den Autobahnsteinen eingraviert wurde, entstammt ebenfalls aus einer der zahlreichen Tierstudien der Künstlerin, die bereits schon in den 1930er und 1940er Jahren entstanden. Es zeigt die stets linksseitige Silhouette eines leicht in die Knie gehenden, aber aufrechtstehenden jungen und verspielt wirkenden Bären, die Pfoten nach vorne ausgestreckt, den Kopf weit angehoben.

Namen für die Objekte mit Bären gibt es mittlerweile zahlreiche. Der Stein mit Bärenrelief und Kilometerangabe, der von dem BMV als „Meilensteine mit Berliner Bären“ benannt wurde und daher als „Berliner Meilenstein“ in aller Munde ist, entspricht dem ursprünglichen Gedanken. Aber neben der geplanten Meilensteinaktion an den Autobahnen entwickelte sich eine Eigendynamik, indem immer mehr Gemeinden und Städte ihre Solidarität mit dem eingeschlossenen Berlin zeigten und in eigenen Aufträgen Steine, Plastiken und Skulpturen entwarfen. Nicht mehr alle von ihnen tragen eine Kilometerangabe, daher ist die sonst übliche allgemeine Bezeichnung „Berliner Meilensteine“ nicht für alle diese Kleindenkmale anzuwenden. In der Literatur wird auch von Bären-Steinen, Berlin-Erinnerungssteinen oder aber auch von Autobahn-Bären gesprochen.

Aus dem heutigen Fundus heraus können somit zwei Oberkategorien benannt werden: Das sind zum einen die hochrechteckigen Steine mit Bärenrelief, zum anderen Skulpturen und Plastiken.

Zur ersteren Kategorie zählen vor allem die Prototypen der Berliner Meilensteine, die an den Autobahnen mit dem Relief des jungen Bären samt Kilometangabe aufgestellt wurden. Die sich daraus entwickelten Varianten mit ähnlichen Motiven zeigen entweder einen variierten jungen Bären nach Sintenis-Art und enthalten ebenfalls eine Kilometerangabe oder sie zeigen das Motiv des Berliner Bären, das dem Berliner Stadtwappen entnommen ist. Sowohl die genormten als auch die individuellen Steine mit Variationen des Bärenmotivs haben eine wesentliche Gemeinsamkeit: das linksseitige Profil des Bären, wie es auch im Stadtwappen zu sehen ist.

Bei der Kategorie der Skulpturen sind Bronzeplastiken anzutreffen, die nach dem Prototyp des Sintenis-Bären angefertigt wurden, oder aber auch Skulpturen aus Stein, die wiederum das Motiv des Berliner Stadtwappens aufgreifen, mit und ohne Kilometerangabe.

Von den Kleindenkmalen mit dem Motiv des Berliner Bären gibt es viele, den Gesamtüberblick zu behalten, fällt bei der Fülle an Steinen schwer, jedoch beschäftigen sich seit langer Zeit verschiedene Initiativen damit, die Zeitzeugen des geteilten Deutschlands, die in der Zeit zwischen 1954 und 1989 im öffentlichen Raum errichtet worden sind, zu dokumentieren, Informationen zu sammeln und der Öffentlichkeit bereit zu stellen. Ob in Form von den ursprünglichen Kilometersteinen, Skulpturen, Reliefs oder Plastiken, es sind über 260 Objekte, die in Deutschland sowie 15 weitere, die im Ausland gezählt worden sind, die Liste ist jedoch nicht vollständig.

Die niedersächsischen Bären

In Niedersachsen werden aktuell insgesamt 33 Denkmale gelistet, die mit dem Berliner Bären zusammenhängen, von denen nach derzeitigem Stand 13 der sogenannten Berliner Meilensteine bzw. Bärenskulpturen mit Kilometerangabe als Kulturdenkmale im Sinne des § 3.2 des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes ausgewiesen wurden. Neben diesen Gedenksteinen gibt es in Niedersachsen auch noch drei als Kulturdenkmale ausgewiesene Bärenplastiken bzw. Statuen, die ebenfalls in Solidarität mit Berlin stehen. Bei den letzteren handelt es sich um die sogenannten Berliner Bären in Helmstedt und Braunschweig, zwei Bronzeplastiken und eine Betonskulptur jeweils ohne Kilometerangaben. Die beiden Bären in Helmstedt, damals Grenzstadt im Zonenrandgebiet und in nächster Nähe zu Berlin, die im Jahre 1962 aufgestellt wurden, sowie das Wendener Bärenstandbild, welches ebenso noch im Original erhalten ist, versuchten im geteilten Deutschland das Interesse und die Erinnerung an Berlin wachzuhalten.

Da es sehr viele von den sogenannten Berliner Meilensteinen oder Variationen von Bären-Steinen gibt, die auch in Niedersachsen errichtet worden sind, wurde 2012 vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege ein Kriterien-Katalog entwickelt, nach dem die Steine auf ihre Denkmalqualitäten im Sinne des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzte (NDSchG) hin überprüft werden können, da es weder den strengen Anforderungen des Denkmalschutzgesetzes noch der Systematik des Landesamtes entspricht, alle existenten Steine als Kulturdenkmal auszuweisen. Es gelten für die Bären dieselben strengen Anforderungen, die für jedes andere Kulturdenkmal in Niedersachsen zur Überprüfung herangezogen werden. Das bedeutet, dass nur die Steine als Kulturdenkmal auszuweisen sind, die auch die Kriterien des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes erfüllen. Das sind in diesem Fall Objekte, die eine Zugehörigkeit zur ersten oder zweiten Aufstellungsphase besitzen, was bedeutet, dass sie entweder direkt in den Folgejahren des 17. Juni-Aufstandes von 1953 oder des Mauerbaus vom 13. August 1961 errichtet wurden und somit einen orts-, landes- und nationalgeschichtlichen Bezug aufweisen. Ein weiteres Kriterium bildet eine öffentlichkeitswirksame Aufstellung in Form einer Feier durch die jeweilige Stadt oder der Gemeinde, die das öffentliche Interesse sowie einen Erinnerungs- und Symbolwert begründet. Die Originalität des Steines, der Plastik oder der Statue müssen ebenfalls hinsichtlich ihrer originalen Substanz, Ausführung und Farbfassung sowie der Erhalt des originalen Aufstellungsortes gegeben sein. Da darüber hinaus sehr unterschiedliche Stein- und Bärentypen vertreten sind, kann davon zumindest ein Exemplar beispielhaft in das Denkmalverzeichnis aufgenommen werden, sofern sie die weiteren Kriterien erfüllen. Steine ab den späten 1960er Jahren bis in die 1980er Jahre wurden daher nur in begründeten Fällen ausgewiesen.

Die Autobahn-Meilensteine

Zu den frühen, den zunächst für die Autobahnen geplanten Steinen, gehören die hochrechteckigen Kunststeine, die einen eingravierten, stehenden Bären, die jeweilige Entfernung nach Berlin und die inschriftliche Bezeichnung „Berlin“ beinhalten. Hierzu zählt der Autobahn-Meilenstein an der A7 bei Northeim , der somit einer der ältesten Berliner Meilensteine in Niedersachsen ist. Er ist der siebte von insgesamt 17 Steinen auf der Liste des 1953 verfassten Schreibens des Bundesministeriums für Verkehr (BMV), der auf den Autobahnen des deutschlandweiten Netzes mit der Kilometerangabe 300 km auf der A7 errichtet werden sollte und entspricht dem Prototyp der Renée Sintenis-Steine.

Die heutige A7 ist die längste Autobahn in der Bundesrepublik Deutschland. Ihre Teilstrecken waren schon in den 1920er Jahren Bestandteile von Autostraßen, wurden in der Zeit des Nationalsozialismus in Teilabschnitten weiter ausgebaut und schließlich in den 1950er/1960er Jahren mit Schließung der restlichen Abschnitte vollendet. In diese Zeit fällt die Planung des Autobahn- Meilensteines bei Northeim. Da dieser Teil 1956 noch nicht beendet war, sollte der Berliner Bären-Stein zunächst an der Zubringerstraße Northeim-Northeim-West, etwa 3 Kilometer östlich der Anschlussstelle Northeim-West aufgestellt und später nach km 243,5 auf die Autobahn versetzt werden. Durch den aktuellen Ausbau der A7 auf sechs Spuren musste der Stein aufgrund der Bauarbeiten vom Mittelstreifen entfernt werden und ist derzeit noch eingelagert.


Meilensteine mit dem Berliner Bären

Neben dem in Niedersachsen aktuell einzig ausgewiesenen Autobahn-Meilenstein existieren zahlreiche weitere Berliner Meilensteine und Berliner Bären, die die Verbundenheit der jeweiligen Städte und Gemeinden mit Berlin in Anlehnung an die auf den Autobahnen aufgestellten Berliner Meilensteine aus der Ursprungsplanung von 1953 demonstrieren. Diese Steine sind meist an Bundestraßen, Ortsdurchfahrten, prägnanten Ortsplätzen oder in Parkanlagen anzutreffen und geben ihre jeweilige Entfernung nach Berlin an.

Am nördlichen Ortseingang von Syke bei Bremen beispielsweise wurde 1957 ein Gedenkstein aufgestellt, den das im Ort ansässige Betonwerk Lüning & Sohn gestiftet hatte. Er gehört somit zu den frühen Steinen, die ab 1954 errichtet wurden und nach aktuellem Kenntnisstand sogar um das älteste Exemplar aus dieser Reihe in Niedersachsen. Er zeigt das von Renée Sintenis entworfene linksseitige Relief des aufrechtstehenden jungen Bären mit der Kilometerangabe 380. Schon früh, im Jahre 1961 wurde auf Initiative des Stadtrats beschlossen, den Stein farbig zu fassen, um eine bessere Sichtbarkeit zu gewährleisten. Das Relief und die Inschrift wurden geschwärzt, der Stein rundum geweißt.

Zu den weiteren Steinen, die nach dem Prototyp von Renée Sintenis angefertigt wurden, zählen der Gedenkstein in Emden, der 1961 von Emdens Stadtvätern gemeinsam mit Berlins damaligem regierendem Bürgermeister Willy Brandt enthüllt wurde, der 1960 in Braunschweig heute auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof versetzt stehende Berliner Meilenstein sowie der in Göttingen 1960 von dem Bildhauermeister Georg Schorn angefertigte und im Rahmen einer Solidaritätsbekundung am 17. Juni 1960 - am ehemaligen Tag der Deutschen Einheit - an der Berliner Straße enthüllte Gedenkstein. Auch der 1959 errichtete Stein im Stadtgebiet von Hannover wurde bereits 1959 an städtebaulich prägnanter Lage und an einem verkehrstechnisch stark frequentierten Platz aufgestellt, um seine Wirkung als Zeichen der Solidarität mit Berlin zu entfalten. 


Variationen der Meilensteine

Die Berliner Meilensteine in Lüneburg, Oldenburg, Nordhorn und Bückeburg gehören zu der Kategorie der Gedenksteine, die Variationen mit individuellen Gestaltungsmerkmalen aufweisen. Zu den frühesten Gedenksteinen gehört der 1958 in Lüneburg errichtete schlanke Stein (BERLIN 260 KM) mit asymmetrischem Dreiecksabschluss an der Schießgrabenstraße, dessen eingraviertes Motiv einen modifizierten, aufgerichteten Bären zeigt. Das Nordhorner Denkmal von 1962 wiederum zeigt einen beidseitig gestalteten, sich nach oben verjüngendem Stein. Die Besonderheit liegt hierbei darin, dass nicht nur der Berliner Bär und die Kilometeranzeige nach Berlin angezeigt werden, sondern auf der Rückseite auch das Amsterdamer Stadtwappen dargestellt ist und dessen Entfernung aus Nordhorn. Diese Doppelbezeichnung ist selten, taucht aber in ähnlichen Fällen beispielsweise in Berlin-Steglitz, Travemünde, Spandau, Siegen und Wilhelmshaven auf. Die Inschriften hier verweisen überwiegend auf die Stiftungs- oder Geschenkherkunft. Auch das Motiv des aufrechtstehenden Bären mit ausgestreckter Zunge, das nicht, wie meist üblich eingraviert, sondern erhaben ist, ist dem Motiv des Berliner Stadtwappens entlehnt und in Rotenburg (Wümme) anzutreffen.


Skulpturen & Plastiken

Zu der Kategorie Skulpturen und Plastiken mit Abstandsentfernung gehören die Bären in Wilhelmshaven und Ronnenberg.

Zehn Jahre nach der ersten Aufstellung des Autobahn-Bären bei Berlin im Jahr 1957 schuf Hildebert Kliem einen Meilenstein, der 1967 in Ronnenberg aufgestellt wurde. Hildebert Kliem (1927-1986) war ein deutscher Künstler und Bildhauer, der bis 1952 an der Meisterschule für das Kunsthandwerk in Berlin studierte und dann unter anderem am Reichstag, am Schloss Charlottenburg, an der Staatsoper Unter den Linden, am Theater des Westens und am Märchenbrunnen im Friedrichshain als Restaurator arbeitete. Der Sportverein Ihme-Roloven unterhielt in den 1960er Jahren eine Partnerschaft mit einem Westberliner Sportverein und bemühte sich um den Erwerb eines Berliner Meilensteins. Hildebert Kliem wandte sich in einem Schreiben vom 14. Januar 1967 an den Verein, der anschließend die Aufstellung eines von ihm angefertigten Meilensteins in Form eines Bronzebären an der Weggabelung Hauptstraße Ecke Hiddestorferstraße einstimmig bewilligte. Am 6. Februar 1967 wurde der Bär in einer Feierstunde enthüllt. Bei dem Ronnenberger Exemplar handelt es sich um eine etwa 85 cm hohe Bronzesplastik in leicht vereinfachten Formen eines schreitenden Bären auf einer rechteckigen Plinthe, dessen Kopf leicht seitlich und nach links gedreht ist. Die Plinthe ist am Rand und auf der Oberseite mit dem Schriftzug "Kliem" signiert. Die Plastik steht inmitten einer von Bäumen gesäumten Grünfläche auf einem ca. 1,50 m hohem Waschbetonsockel. Eine straßenseitig angebrachte Granitplatte mit vertieft eingearbeiteter Inschrift "BERLIN 312 KM" wurde im Nachhinein als Ersatz für die verloren gegangenen Bronzebuchstaben hergestellt.

1967 stiftete der Bund der Berliner und Freunde Berlins (BdBFB) der isländischen Hauptstadt Reykjavik ein solches Exemplar von Kliems Bären. Bevor der Berliner Bär jedoch nach Island kam, wurden 1967 einige Bronzeabgüsse der Bärenfigur angefertigt, zu den jüngsten dürfte der 1988 im Wilmersdorfer Rathaus in Berlin aufgestellte Bär gehören. Das weltweit bekannte Exemplar in Reykjavik und das weit weniger bekannte in Ihme-Roloven gehören aufgrund des Entstehungsjahrs 1967 zu den ältesten Abgüssen. Weitere Exemplare gingen in die Neumarkt in der Oberpfalz, Nümbrecht (1974), Rottenbuch in Bayern sowie nach Dallas (1970) und Santiago de Chile (1972). Die Abgüsse der Figuren Hildebert Kliems zählen zu den Variationen der von Renée Sintenis entworfenen Bärenplastiken.

Der aus einem Granitstein gehauene Bär auf Backsteinsockel in Wilhelmshaven wiederum wurde 1963 von den Wilhelmshavener Kanu-Freunden gestiftet und von dem Bildhauer Johannes Schulz geschaffen. Er zeigt eine weitere Variation des Berliner Bären, dessen Motiv dem Berliner Stadtwappen entlehnt ist, mit der typischen Haltung der nach vorne und oben ausgestreckten Tatzen in gebeugter Kniehaltung sowie mit den auch im Wappen verwendeten Details der Krallen und der ausgestreckten Zunge.

Als Nichtdenkmal ist in Seesen am Harz beispielsweise ein Gedenkstein in Form eines Bären als Steinskulptur auf einem dreieckigen Sockel mit der Kilometerangabe KM 280 zu erwähnen, der 1968 aufgestellt, aber erst jüngst als Nichtdenkmal aufgrund der verloren gegangenen Originalität bewertet wurde.

Auch wenn einige der Berliner Meilensteine oder Berliner Bärenfiguren nicht als Denkmal im Sinne des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes ausgewiesen wurden oder werden, stellen sie dennoch einen großen Symbolwert dar, den es gilt zu bewahren. Von daher ist es sehr zu begrüßen, wenn jede Gemeinde, die einen solchen Berliner Bären in Obhut hat, auf diesen weiterhin aufpasst, ihn hegt und pflegt und somit eine große Solidaritätsbewegung, die über Jahrzehnte anhielt, in Erinnerung hält!

 

 

Zum Weiterlesen:

Angelika Geiger: Berliner Bären-Steine. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 2/2015, Hameln 2015, S. 60-61

Archiv für Autobahn- und Straßengeschichte: strassengeschichte.de

Berliner Meilensteine: http://www.berliner-meilensteine.de/home.html

Bären für Berlin: https://www.m1k.de/berlinermeilensteine.html

Berliner Bärenfreunde e. V.: https://www.berliner-baerenfreunde.de/web/

Alexandra Demberger (Hg.): Zwischen Freiheit und Moderne. Die Bildhauerin Renée Sintenis, Berlin 2019 (Ausstellungskatalog)


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