Das Buch aus der Gruft – Ein Buchdeckel aus Walkenried

Von Markus C. Blaich

Dass sich eine Inventur aller Funde in Werkstatträumen lohnen kann, beweist eine kleine Kiste mit der Dokumentationsnummer 19-1982, die im NLD aufbewahrt worden war. Inhalt ist ein aufwendig gestalteter Buchdeckel, eingehüllt in Zellstoff. Anhand der Dokumentationsnummer sowie der vorliegenden Unterlagen kann die Fundgeschichte rekonstruiert werden. Demnach wurde der Buchdeckel am 26. Januar 1982 bei der von Maria Keibel-Maier geleiteten Klostergrabung in Walkenried entdeckt. Die genaue Fundstelle wird mit Grab 12 in der Vorhalle des nördlichen Kreuzganges angegeben. Bei Auffindung war auf der vorderen Seite des Einbandes auch noch eine schlecht zu lesende Jahreszahl zu erkennen, die beiden ersten Ziffern lauteten 16. Damit ist für diesen Fund ein wertvoller Datierungshinweis gewonnen – und zugleich wird er um eine interessante Facette bereichert: Es handelt sich um einen der wenigen nachreformatorischen Fund aus den Grabungen!

Die nach Einlieferung und Reinigung angefertigten Zustandsaufnahmen vermitteln einen wertvollen Blick auf den besonderen Fund. Ergänzend wurde für die weitere Dokumentation eine Röntgenaufnahme des Buchdeckels in Auftrag gegeben. Für die 1980er-Jahre war dies keine Selbstverständlichkeit und nur herausragenden Objekten vorbehalten. Es handelt sich bei dem Fundstück um ein klassisches Kompositobjekt: Der aus Leder gefertigte Bucheinband ist auf einen dünnen Holzdeckel aufgezogen, um so die nötige Steifigkeit und einen Schutz für den Buchblock zu garantieren. Zusätzlich ist der Einband an allen Ecken durch jeweils vier an Vorder- und Rückseite befindliche dreieckige Randverstärkungen aus Bronze gesichert. Diese sind mit Nietlöchern versehen, um das umgeschlagene Leder mit dem Holzrahmen zu verbinden. Mit zwei kleinen Buchschließen, ebenfalls aus Bronze, konnte das Buch geschlossen werden. Als weitere Besonderheit sind der Erhalt von beschrifteten Papierfragmenten auf dem Holzrahmen sowie Beschriftungsrückstände und Hinweise auf Verzierungselemente auf der Buchaußenseite zu nennen. Für die Restaurierung und Konservierung eine enorme Herausforderung!

Eine makroskopische Betrachtung des Holzdeckels lässt erkennen, dass es sich um Buche (Fagus sylvatica L.) handelt.

So genau sich die Konservierung der Hölzer nachvollziehen lässt, so unklar ist das Vorgehen bei der Behandlung des Ledereinbandes. Ausgehend von den damaligen Empfehlungen und noch vorhandenen Unterlagen zu ähnlichen Funden lässt sich die Behandlungsmethode jedoch vermuten. Demnach kommen zwei Rezepte aus der Ende der 1970er-Jahre erschienenen Restaurierungsfibel des Deutschen Ledermuseums (Offenbach / Main) infrage. Dabei kann es sich um die entwickelte Emulsion DML 1101 oder die Emulsion 3070 handeln. Bei beiden Methoden wird dem Leder Fett zugefügt und „… es gewinnt dabei ein frisches gepflegtes Aussehen …“, so der Hinweis in der Restaurierungsfibel. Beide Verfahren führen zu einem dunkleren Erscheinungsbild, wie in diesem Fall auch geschehen.

Die Grabungen im Zisterzienserkloster Walkenried zählen zu den größten Maßnahmen dieser Art, die am NLD durchgeführt wurden. Im Zuge einer umfangreichen Sanierungs- und Instandsetzungsmaßnahme mit dem Ziel, die Liegenschaft für kulturelle und musealische Zwecke nutzen zu können, wurden zwischen 1978 und 1992 in vielen Teilen der gotischen Klausurgebäude und dem Umfeld der Kirchenruine archäologische Ausgrabungen durchgeführt. Bauforschungen an Teilen des gotischen Bestandes, etwa der sogenannten Abtskapelle und dem östlichen Flügel des Kreuzgangs (Obergeschoss), ergänzten diese Arbeiten. Aus heutiger Sicht überaus glücklich ist vor allem die konsequente Verknüpfung von Archäologie und Bauforschung. Dies war in jenen Jahren keineswegs selbstverständlich und wird auch heute noch nicht immer im wünschenswerten Maße verfolgt.

Neben diesem eher forschungsgeschichtlichen Aspekt verdient der Fund noch aus anderen Gründen weitergehende Beachtung: Es handelt sich mit Grab 12 um einen der wenigen gesicherten Befunde des Kloster aus nachreformatorischer Zeit, und bei dem Buchdeckel um einen an sich seltenen Fund. Derartige Bucheinbände sind aus dem deutschsprachigem Raum bislang erst in geringer Zahl bekannt geworden und in nur wenigen Fällen so gut erhalten wie in Walkenried. Damit erlaubt Grab 12 einen ganz besonderen Einblick in die nachreformatorische Nutzung von Walkenried. Diese Epoche ist für die norddeutschen Zisterzienserklöster bislang nur wenig untersucht, denn im Mittelpunkt stand vor allem die Blütezeit der Klöster und ihrer Architektur während der Gotik (12./13. Jh.).

Restaurieren und Konservieren eines archäologischen Objektes dient dessen Sicherung und Bewahrung vor weiterem Verfall oder völligem Verlust. Dies konnte bei dem Buchdeckel aus Walkenried abgewendet werden. Er ist damit indirekt ein Beispiel für die großen Fortschritte, die bei der Restaurierung archäologischen Fundgutes erzielt wurden. Und dank dieser Arbeiten steht der Fund nun, 37 Jahre nach seiner Auffindung, für neue Fragestellungen im Zusammenhang mit der Gesamtauswertung der Forschungen zu Walkenried immer noch zur Verfügung.

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