Glas, Faden und Draht – Ein ungewöhnlicher Fund aus dem Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges

Von Dorte Schaarschmidt

Seit dem beginnenden 20. Jahrhundert sind in dem Gebiet des Landkreises Holzminden am Rande der norddeutschen Mittelgebirgszone eine Vielzahl von Glashüttenstandorten bekannt. Sowohl archivalische als auch archäologische Untersuchungen konnten zahlreiche Waldglashütten, datierend vom Mittelalter bis in die Neuzeit, nachweisen. Einer dieser Standorte, der Glashüttenplatz „unter dem Hilsborn“, Forstort Talsköpfe, am Bergkamm des Hils bei Grünenplan gelegen, war nachweislich zwischen 1632 und 1667/68 in Betrieb. Die Denkmalpflege des Landkreises Holzminden, unter der Leitung von Dr. Christian Leiber, führte hier von 1996 bis 2017 archäologische Untersuchungen durch und konnte unter anderem einen Fundplatz mit vier Ofenanlagen, dem Wohnbereich der Glasmacher sowie zwei Abfallhalden erfassen. Die Ausgrabungen der Kreisarchäologie im Sommer 2016 förderten zudem einen eher ungewöhnlichen Fund zu Tage. Im Abraum neben einem der Brennöfen fand sich ein kleinteiliges Kompositobjekt, welches in mehreren Fragmenten beim Aussieben entdeckt und anschließend der archäologischen Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege in Hannover übergeben wurde.

Der Fund

Der Fund stellt sich zunächst als ein in drei größere Teile fragmentiertes Objekt dar. Auf den ersten Blick sind bereits verschiedene – sowohl organische als auch anorganische – Materialien zu erkennen, die ein komplexes Ornament bilden. Bei den zwei kompakt erhaltenen Fragmenten sind die Grundformen „scheibenblumenartig“ einmal mit sieben und einmal mit vier Ausbuchtungen gestaltet. Die so ausgeformten Körper bestehen aus einem mit Faden umwickelten Draht, welcher in Abständen mit Manschetten aus Metalllahn akzentuiert ist. Über diesem verschlungenen Gebinde finden sich – aufgereiht auf einem verzwirnten organischen Träger - Schmuckelemente von Glasperlen, zylindrischen Glasstäben, scheibenförmigen Pailletten sowie Spiralelementen in Form von krausen Kantillen.

Fragmentarisch erhaltenes Textil in Leinwandbindung auf der Rückseite sowie der an einem der Stücke vernähte Filz deuten auf eine Nutzung der Objekte als Verzierung an einem Kleidungsstück oder einer Kopfbedeckung. Herstellungsart der Funde, verwendetes Material und die Fundumstände lassen keinen Zweifel an der Zusammengehörigkeit der Objekte. Ob diese aber direkt miteinander verbunden oder einzeln auf einem Träger aufgebracht waren, lässt sich anhand des vorliegenden Materials nicht mehr erschließen.

Dokumentation und Untersuchungen

Neben der fotografischen Dokumentation (makroskopisch und mikroskopisch) der Funde bei Einlieferung sowie während der Bearbeitung, wurden die Objekte mit Hilfe eines Operationsmikroskopes und Zeichentubus in 8-facher Vergrößerung zeichnerisch dokumentiert. Diese Methode erlaubt es, Details und Besonderheiten, die sich schlecht fotografisch darstellen lassen hervorzuheben und weitere Einblicke in den Aufbau und die Herstellung des Objektes zu gewinnen. Die Röntgentechnische Untersuchung des Fundes in der Restaurierungswerkstatt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe wurde hierbei zur Unterstützung herangezogen und zeigt noch einmal deutlich die miteinander verschlungenen Drähte, welche mit Faden umwickelt den Körper der Ornamente bilden.

Am Landesamt für Denkmalpflege in Hannover mittels RFA durchgeführte Materialanalysen identifizieren diesen Draht als reinen Kupferdraht, während Pailletten und Kantillen versilbert sind. Die als Manschetten um die Faden-Draht-Wicklungen gelegten Metallahne weisen hingegen einen hohen Anteil (5-8%) an Zink auf und dürften somit als Messinglegierung weitere farbliche Akzente innerhalb der Ornamente gesetzt haben. Die Faseranalyse sowohl des um den Kupferdraht gewickelten Fadens als auch des gezwirnten Ornamentträgers zeigen mit den quer zur Faser verlaufenden Knotenbildungen deutlich ihren pflanzlichen Ursprung.

Durchgeführte Maßnahmen und Konservierung

Untersuchungen und Dokumentation bilden immer die Basis, um einen Fund materialgerecht zu erhalten. Der restauratorische Eingriff sollte mit Blick auf künftige Untersuchungen zwar so gering wie möglich gehalten werden, die konservatorischen Maßnahmen aber sowohl die Erhaltung als auch sichere Handhabung des Fundes ermöglichen. Im Fall des vorliegenden Objektes wurden lediglich vorsichtige Reinigungsmaßnahmen mit feinen Pinseln, Spateln und anderen Dentalwerkzeugen durchgeführt. Anschließend wurde der Fund kontrolliert getrocknet. Die punktuelle Festigung der verschiedenen, zum Teil stark korrodierten, Metallornamente gestattete nach Abschluss der Konservierungsarbeiten das gefahrlose Umdrehen und Untersuchen der rückwärtig anliegenden Gewebefragmente. Die Rückseitenansicht des ersten Fragmentes zeigt noch einmal deutlich, wie das Ornament auf einem leinwandbindigen Gewebe liegend mit einem gezwirnten Faden am Filz befestigt wurde. Das Leinwandgewebe ist mit einer Fadenstärke von 34-36 Fäden pro cm² in beiden Systemen relativ fein. Die Faseranalyse von Kett- und Schussfaden zeigt eine sehr glatte Faseroberfläche, ohne dass direkt charakteristische Merkmale von Tierhaaren oder Pflanzenfasern wie Schuppen oder Querknoten zu sehen sind. Es darf also ein weiteres – noch nicht näher bestimmtes Material – zu der langen Liste der hier verwendeten Materialien hinzugefügt werden.

In seiner maximalen Ausdehnung gerade einmal 3,5 cm lang, gibt dieser ungewöhnliche Fund einen vielseitigen und spannenden Einblick in die verschiedenen Gewerke der Glas-, Metall- und Textilverarbeitung des 17. Jahrhunderts. Rekonstruktion des dritten Fragmentes, spezifische Fragen zu Material, Funktion und Herstellungstechnik sind jedoch noch offen und dürften mit Sicherheit Gegenstand zukünftiger Forschung sein.



Zum Weiterlesen:

T. Lehmann, Die frühneuzeitliche Waldglashütte auf der Glasebachwiese bei Grünenplan, Landkreis Holzminden. Vorbericht über die Grabung 1989. Die Kunde, Neue Folge 43, 1992, 239–252

C. Leiber, Vorbericht über die Ausgrabung einer frühneuzeitlichen Glashütte bei Grünenplan im Hils. In: P. Steppuhn (Hrsg.), Glashütten im Gespräch. Berichte und Materialien vom 2. Internationalen Symposium zur archäologischen Erforschung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Glashütten Europas (Lübeck 2003) 18–26

C. Leiber, Eine Waldglashütte aus dem 17. Jahrhundert bei Grünenplan im Hils. In: M. Fansa, F. Both, H. Haßmann (Hrsg.), Archäologie/Land/Niedersachsen. 25 Jahre Denkmalschutzgesetz – 400000 Jahre Geschichte. Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft 42 (Oldenburg 2004) 275–280

C. Leiber, Überfall auf eine Waldglashütte im Hils bei Grünenplan während des Dreißigjährigen Krieges. In: T. Gärtner et al. (Hrsg.), Von der Weser in die Welt. Festschrift für Hans-Georg Stephan. Arbeiten aus dem Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas. Neue Folge 7, (Langenweissbach 2015) S. 277 – 291

H. Six, Spätmittelalterliche Glashütten im Hils bei Grünenplan mit Farbglasproduktion. In: T. E. Haevernick und A. von Saldern (Hrsg.), Festschrift für Waldemar Haberey (Mainz 1976) 129 – 139

F. Tenner, Alte Glashütten im Vogler und Hils. In: Sprechsaal für Keramik, Glas- und verwandte Industrien, 61, 1928, Nr. 43, 849–850; Nr. 44, 872–874; Nr. 45, 891–894


Die Waldglashütte unter dem Hilsborn im Denkmalatlas Niedersachsen

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