Die Dachkonstruktion des Torhauses im Schloss zu Gifhorn

Von Thorsten Henke und Moritz Reinäcker

Die Dachkonstruktion des Torhauses des Gifhorner Schlosses gilt seit den umfassenden Umbau- und Renovierungsarbeiten an dem Gesamtensemble von 1978 bis 1984 als einzigartig in Nord- und Mitteleuropa. Unter dem Eindruck ihrer Entdeckung beschreibt Horst Masuch, dass der zutage getretene „Befund nach dem Entfernen der Dachraumunterteilungen und Verkleidung der Dachkonstruktion […] alle Erwartungen“ übertraf.[1]

Er resümiert: „Das Torhaus in Gifhorn scheint das einzige und letzte Gebäude in Nordeuropa zu sein, das Zeugnis über eine einstmals verbreitete Dachkonstruktion gibt.“

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Baugeschichte der Technischen Universität Braunschweig haben die Museen und Kultur der Gemeinnützigen Bildungs- und Kultur GmbH des Landkreises Gifhorn ein Projekt zur Sichtbarmachung dieses für die Besucher des Schlosses nur schwer zugänglichen Gebäudeteiles angeregt. Unter der Leitung des Institutsleiters Prof. Dr.-Ing. Alexander von Kienlin und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Moritz Reinäcker, führten die Studierenden Leon Buttmann und Merlin Poschmann als Grundlagen für eine Semesterarbeit eine Vermessung der Dachkonstruktion des Torhauses durch. Aus der Vermessung haben die Studierenden im Auftrag der Gemeinnützigen Bildungs- und Kultur GmbH ein Modell des Dachwerks im Maßstab 1:10 erarbeitet. Das Modell ist in den Räumlichkeiten der Kreisverwaltung für Besucher zugänglich und erlaubt einen umfassenden Blick auf dieses einmalige Bogendachwerk.

Es soll die Zimmermannskunst zeigen, die im Dachraum lange Zeit versteckt und vergessen war. Die Besonderheit des Dachwerkes steckt in seiner Form. So führt das Dachwerk die Kontur der von außen gut sichtbaren runden Giebel in zwei Quertonnen die eine Längstonne schneiden weiter. Die sich kreuzenden Tonnen wurden in den Garten mit Rippen ausgeführt, zwischen denen die Gewölbeschale eingefügt war. Im Gegensatz zu den zahlreichen bekannten massiven Gewölben aus Werkstein, wurde hier ein Gewölbe aus Holz gefertigt. Die Gratrippen waren aus Eichenstämmen gefertigt, die ein Alter von zum Teil 150 Jahren besaßen. Aus den Balken wurden Bogensegmente herausgearbeitet, die mittels Blattungen und Holznägel zusammengefügt wurden. So ergaben sich die radialen Rippen, zwischen die nun schmalere Bögen eingefügt wurden. Dieses Skelett der Rippen und Bögen wurde zuletzt mit Bohlen geschlossen auf denen die Dachverblechung angebracht wurde.

Für die sowohl konsequente als auch sehr markante Fortführung der runden Giebel in einem kreuztonnenförmigen Dachstuhl scheint das Torhaus eines der letzten erhaltenen Objekte zu sein. Es ist ein querrechteckiger Bau von 21,84m Länge und 10,24m Breite. Im Erdgeschoss umfassen die massiven, über zwei Meter starken Mauern die Tordurchfahrt. Ein Kreuzgratgewölbe erstreckt sich über fünf Joche und überspannt die gesamte Länge. Ehemals bildete das südöstliche Tor den einzigen Zugang zu der von breiten Wassergräben umgebenen Festung. Das Wappen Herzog Franz‘ von Braunschweig-Lüneburg sowie sechs Medaillons mit grotesken Köpfen waren ursprünglich auf der Grabenseite über dem zweiteiligen Tor angebracht. Die exklusiven Bildhauerarbeiten werden Levin Storch, dem sog. Rethener Meister, zugeschrieben. Sein künstlerisches Hauptwerk, die monumentale Triumphkreuzgruppe aus der Kirche zu Rethen, befindet sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Historischen Museum Schloss Gifhorn. Levin Storch war unter anderem in Celle, Hildesheim und Medingen tätig, ihm und seinem Umkreis werden etwa das Hildesheimer Eleven-Retabel und die Reliefs aus den Zyklen am Torhaus und dem Südflügel des Celler Schlosses zugeschrieben.[2] Seit dem Umbau des Gifhorner Torhauses im Jahr 1906 sind vier der Tondi und die feine Bildhauerarbeit des Wappens auf der zum Hof hin geneigten Seite eingelassen. Ein Medaillonfragment, das bei Erdbauarbeiten gefunden wurde, ist in der Dauerausstellung des Historischen Museums Schloss Gifhorn zu sehen.

Die beiden Geschosse des Torhauses sind seit 1906 über einen, die südwestliche Fassade teilenden Treppenturm zugänglich. Das Dachgeschoss erreicht man hingegen über einen nordöstlich, leicht in der Mittelachse verschobenen oktogonalen Turm mit geschweiftem Kupferdach und Wetterfahne mit dem Monogramm „EC 1664“. Ekkehard Buthe nimmt an, dass der später errichtete Turm möglicherweise erst zusammen mit dem kleinen Treppenhaus errichtet wurde, das an das Ablagerhaus angrenzt und dessen Portal die Jahreszahl 1568 zeigt.[3]

Die Dachfassade wird von Halbkreisgiebeln mit Kugelbesatz bestimmt. Sie sind mit Maßwerk ausgefüllt und haben ihre Vorgänger etwa in den ornamentalen Blendmaßwerkmotiven Mittel- und Nordostdeutschlands.[4] Die Größe der halbkreisförmigen Giebel des Torhauses nehmen die Maße des Gewölbes auf. Auf quadratischem Grundriss erheben sich zwei Kreuzrippengewölbe, die von einer Längstonne verbunden werden. Die Bogenkonstruktion des Gewölbes besteht aus „aufwändig bogenförmig“ gefertigten Eichensparren.[5] Der offene, überwölbte Raum konnte durch zwei Kamine beheizt werden und besaß einen Abort.[6] Auf eine vergleichbare Dachkonstruktion des Mansfelder Schlosses konnte Conrad in einem Gemälde Lucas Cranach d.Ä. aus dem Jahr 1529 hinweisen. Diese wurde vermutlich kaum zwanzig Jahre später bereits umgebaut.[7]

Um eine zeitliche Orientierung für diese heute einmalige Dachkonstruktion zu erhalten, wurden bereits im Zuge der Renovierung der 1980er Jahre Holzproben für eine dendrochronologische Untersuchung entnommen. Das Ergebnis wies dabei auf den Sommer 1526 als Fälldatum hin.[8] Damit rückte sowohl der bis dahin nicht als glaubwürdig erachtete und von Merian überlieferte Baubeginn des Schlosses im Jahr 1525 in den Fokus als auch die in einem Eckquader des Torhauses eingehauene „Z6“ als bauzeitliches Datum für die Abkürzung von 1526.[9] Das Torhaus ist damit der erste, heute noch erhaltene Baukörper des Gifhorner Schlosses. Nachdem die alte Burg in der Hildesheimer Stiftsfehde 1519 geschleift wurde, verlegte man die herzogliche Festung westlich der Siedlung. Unter der Doppelregentschaft der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, Otto und Ernst, von 1520 bis 1527, wurde mit dem Bau des Gifhorner Schlosses begonnen. Der weniger unter dem Aspekt der Verteidigung, denn der Repräsentation errichtete Torhausbau nahm vermutlich bereits Teile des Celler Hofstaates auf, der im Jahr 1529 dem „Englischen Schweiße“ in der Residenzstadt auswich. Gesicherte Daten für den weiteren Schlossbau liegen kaum vor. Nachdem Herzog Franz den bereits 1534 in Celle nachgewiesenen Baumeister Michael Clare 1539 nach Gifhorn holte, wurde 1547 die Schlosskapelle vollendet. Zu diesem Zeitpunkt sind vermutlich die Festungsanlagen in Teilen bereits umgesetzt worden. Der Pulverturm wurde 1564 fertiggestellt.[10] Der Bauabschluss des Ablagerhauses ist mit der oben genannten und heute kaum mehr zu lesenden Inschrift in dem Korbbogen des Portals: „ANNO NA DER GEBORT CHRISTI: 1568“ zusammengebracht worden.[11] Das „Neue Haus", das spätere Kommandantenhaus, wurde Ende der 1570er Jahre vollendet.[12]

Im 18. Jahrhundert waren im Torhaus und im Ablagerhaus die Wohnungen für die ersten landesherrlichen Beamten untergebracht. Aus dem Jahr 1783 stammt das Tor an der südlichen Bastion als neue Zuwegung zur Schlossanlage. Die Wall- und Befestigungsanlagen wurden in der Folgezeit abgetragen, das Torhaus verlor seine Bedeutung als Zugang zum Schloss.[13] Von um 1790 bis Anfang des 19. Jahrhunderts diente das Torhaus als Kornspeicher. Erst im Zuge der Übernahme des Schlosses durch die Preußische Kreisverwaltung ab 1885 wurde die Einrichtung weiterer Büroräume nötig. Am 29. Mai 1907 konnte das Torhaus als Teil der Kreisverwaltung feierlich eingeweiht werden. Seit dieser Zeit sind im Torhaus Büro- und Sitzungsräume der Kreisverwaltung untergebracht.

 

Der Aufsatz wurde leicht gekürzt, der ungekürzte Text ist hier erschienen: Thorsten Henke, Moritz Reinäcker: Die Dachkonstruktion des Torhauses im Schloss zu Gifhorn, in: Gifhorner Kreiskalender 2020, S. 9 – 14.



Zum Weiterlesen:

Das Schloss Gifhorn im Denkmalatlas Niedersachsen

Die Schlossanlage im Denkmalatlas Niedersachsen


Fußnoten:

  • [1] Masuch, Horst: Eine ungewöhnliche Dachkonstruktion im Torhaus von Schloß Gifhorn, in: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, Jg. 1, (1981) Heft 3, S. 21. Wir danken der Projektleiterin Johanna Gabrisch M.A. sehr herzlich für die Unterstützung und die Literaturhinweise.
  • [2] Albrecht, Uwe: Der Renaissancebau des Celler Schlosses. Zur Genese des Zwerchhauses und zum Bildprogramm der Fassaden des 16. Jahrhunderts (Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte 32), Celle 2003; Karrenbrock, Reinhard: Das Altarretabel der Passion Christi aus St. Michael. Anmerkungen zum Bildhauer Levin Storch, in: 1000 Jahre St. Michael in Hildesheim. Kirche. Kloster. Stifter, hrsg. Von Gerhard Lutz und Angela Weyer (Schriften des Hornemann Instituts 14), Petersberg 2010, S. 285–304.
  • [3] Buthe, Ekkehard: Landkreis Gifhorn. Schlossumbau und Kreishausneubau 1978–1984 (Schriftenreihe des Landkreises Gifhorn 2), Gifhorn 1986, S. 41f.
  • [4] Albrecht, 2003 (wie Anm. 2), S. 13.
  • [5] Buthe, 1986 (wie Anm. 3), S. 35, s.a. Rüsch, Eckart: Die Bogendachkonstruktion des sogenannten „Bullenstall“-Gebäudes, in: Eine Arche für die Kunst. Das Kunstgebäude auf dem Schlosshof in Bodenburg, hrsg. von der Stiftung Kunstgebäude Schlosshof Bodenburg, Hildesheim 2017, S. 59.
  • [6] Buthe, 1986 (wie Anm. 3), S. 38, weist allerdings auf die verhältnismäßig dünnen, „lediglich ½ Stein stark“ ausgemauerten Nischen der Schildbögen hin.
  • [7] Lucas Cranach d.Ä. stellte es im Hintergrund seiner „Hirschjagd Kurfürst Friedrich des Weisen“, Kunsthistorisches Museum, Wien, aus dem Jahr 1529 dar. Conrad, Jürgen: Lucas Cranach und das Torhaus des Gifhorner Schlosses, in: Kreiskalender des Landkreises Gifhorn 1987, S. 25–27; s.a. Rosch-Lemmer, Irene: Schloß Mansfeld auf Cranach-Gemälden, in: Martin Luther und der Bergbau im Mansfelder Land, hrsg. von Rosemarie Knape, Eisleben 2000, 218–225, mit späteren Darstellungen des Schlosses.
  • [8] Masuch, Horst: Die Datierung der Dachkonstruktion im Torhaus vom Schloß Gifhorn, in: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, Jg. 2, (1982) Heft 3, S. 77f.
  • [9] Merian, Matthäus: Topographia und eigentliche Beschreibung der vornembsten Stäte, Schlösser […] in denen Hertzogthümern Braunschweig und Lüneburg […], Frankfurt am Main 1654, S. 90; Kiecker, Oskar; Lütgens, Hans: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover, Regierungsbezirk Lüneburg 3, Kreis Gifhorn 4, 1931, S. 122.
  • [10] Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Hann. 074 Gifhorn Nr. 4333 I, unfol.
  • [11] Kiecker/Lütgens 1931 (wie Anm. 8), S. 123, und S. 109, Abb. 107.
  • [12] Merian 1654 (wie Anm. 8), S. 90.
  • [13] Kiecker/Lütgens 1931 (wie Anm. 8), S. 118.

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