Neandertaler-Kommunikation: 51.000 Jahre alter verzierter Knochen von der Einhornhöhle

von Dirk Leder, Jens Lehmann und Thomas Terberger

 

Die Ausgrabungen des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege (NLD) und der Gesellschaft Unicornu fossile e.V. haben an der Einhornhöhle (Lkr. Göttingen) im Jahre  2019 einen kleinen, aber sehr feinen Fund ans Tageslicht befördert. Im verstürzten Eingangsbereich der Höhle wurde in über 2 m Tiefe ein Knochen entdeckt, der bei seiner Reinigung eine Überraschung bereithielt: auf einer Seite des knapp 6 cm großen Knochens waren tiefe Kerben eingearbeitet, die zusammen ein Muster aus drei gestapelten Winkeln ergeben. Zusätzlich sind an der Basis vier kurze Einschnitte vorhanden. Das Exemplar konnte von Gabrielle Russo als Fußknochen eines Riesenhirsches bestimmt werden. Der Riesenhirsch war ein sehr eindrucksvoller Großsäuger, der am Ende der Eiszeit in Europa ausgestorben ist. Der Fund gehörte somit eindeutig in einen eiszeitlichen Kontext, aber das konkrete Alter des verzierten Stückes war unklar.

Eine kleine Probe aus dem Knochen lieferte die Lösung: mit Hilfe der Radiokarbonmethode konnte am Leibniz Labor der Universität Kiel ein Alter von ca.51.000 Jahren bestimmt werden. Das hohe Alter findet in Datierungen aus der Umgebung des Fundes eine Bestätigung. Zu dieser Zeit lebte in Mitteleuropa nur der Neandertaler. Experimente zeigen, dass es sich nicht um zufällig entstandene Schnittspuren, sondern um ein bewusst hergestelltes, komplexes Muster handeln muss. Die Kerben wurden durch Einschneiden des Knochens, gefolgt vom Abschaben der Knochenoberfläche eingetieft. Die neuen Ergebnisse aus der Einhornhöhle zeigen, dass der Neandertaler bereits zu symbolischem Verhalten fähig war, bevor Homo sapiens in Europa eintraf. Damit repräsentiert der verzierte Riesenhirschknochen von der Einhornhöhle ein herausragendes Zeugnis aus der Zeit des Neandertalers in Niedersachsen. Nachdem er mehr als 150 Jahren unter dem Image des primitiven Vorfahren gelitten hat, lässt der Knochen keinen Zweifel: der Neandertaler konnte Verzierungen fertigen und hat allem Anschein nach mit Symbolen kommuniziert.

Die Bedeutung des Musters bleibt uns allerdings verschlossen.

Die sensationellen Ergebnisse wurden kürzlich in der Zeitschrift Nature Ecology and Evolution vorgestellt.


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