Das Segelschiff Giekewer FRIEDA

Von Christiane Curti

1908 bestellte Schiffer Claus Böhrgert aus Kolmar bei der Werft Gustav Junge einen Ewer mit einer Tragfähigkeit von 50 t und mit den Abmessungen für den Lägerdorfer Kanal. Mit einer Länge im Boden von 15 m, einer Breite über die Spanten von 4,05, einer Tiefe von Oberkante Boden bis Seite Deck von 1,47 m wurde das Schiff im März 1909 zu Wasser gelassen und auf den Namen „FRIEDA“ mit Heimathafen Kolmar getauft. Im Seeschiffregister war die „FRIEDA“ auch eingetragen, da sie vor allem für Fahrten zwischen Hamburg und Lägerdorf sowie für Transporte bis nach Cuxhaven und über den Kaiser-Wilhelm-Kanal (Nord-Ostseekanal) bis Kiel eingesetzt werden sollte. Bereits bei ihrer ersten Fahrt am 14.04.1909 von Glücksstadt nach Hamburg, brach bei einer Wende der Giekbaum. Während Schipper Böhrgert an Land gerudert war um Ersatz zu organisieren sank die hinter Pagensand verankerte Frieda, wahrscheinlich war Wasser durch eine nicht ganz verschlossene Luke eingedrungen. Das Schiff wurde geborgen, in der Werft Junge repariert und war Ende Mai wieder einsatzfähig. Unter ihrem neuen Besitzer ab Ende Juni 1909, dem Schiffer Theodor Barkmann aus Krempe, wurde die „FRIEDA“ bis Ende der 1950er Jahre fast ausschließlich auf der Unterelbe sowie in Teilen auf der Weser und der Ostsee für Zement-, Ziegelstein- und Gemüsetransporte eingesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte der Ausbau der Straßenverkehrswege und die Herstellung von zuverlässigen Lastkraftwägen dazu, dass Transporte von Waren auf die Straße verlagert wurden. Der Transport mit so kleinen Segelschiffen wurde unrentabel. Sie verschwanden oder nutzten einige Bereiche für einen Weiterbetrieb u.a. als Hafenschiffe, Werkstattschiffe oder Hafenlieger. So wurde die „FRIEDA“ zwischen 1959 und 1982 im Hamburger Hafen von der Hamburger Mineralölfirma Ernst Jung als Transportschiff eingesetzt. Nach Außerdienststellung 1982 wurde sie an den Museumshafen Oevelgönne e.V. übereignet, wo sie eine umfangreiche Restaurierung erfuhr.

Die an dem Giekewer „FRIEDA“ nachweisbaren Veränderungen sind für Schiffe im Allgemeinen, aber auch besonders für diesen Schiffstyp nachvollziehbar und regelhaft. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden viele der Ewer verlängert, erhöht und/oder motorisiert, um diesen Schiffstyp wirtschaftlich zu erhalten und weiterhin effektiv einsetzen zu können. So wurde auch der „FRIEDA“ 1928 ein HMG 2-Zylinder Glühkopfmotor mit 25 PS Leistung eingebaut, was wiederum den Einbau einer untergenieteten Ruderhacke und einer Schwanzwellendurchführung nach sich zog. Dabei wurde das bauzeitliche Plattenruder weiter nach hinten verschoben, die Ruderanlage auf ein Steuerrad um- und ein festes Ruderhaus aufgebaut. Zudem wurde der Rumpf um 5-8 m verlängert, um die Lagerkapazität zu erhöhen. Mit dem Einsatz des Giekewers im Hamburger Hafen ab 1959 wurde das Schiff mit einem neuen Motor, einem 3-Zylinder 4-Takt Dieselmotor, Typ M 203 B, mit 92 PS Leistung der Fima Daimler Benz AG (Berlin Marienfelde) ausgestattet. Der Motor von 1928 ist nicht erhalten.

Nach Übergang in den Museumsbetrieb in den 1980er Jahren erfuhr das Schiff umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen. So wurde der Rumpf nach originalen Plänen wieder auf das alte Maß verkürzt, die erhaltenen Plattenstöße wurden konserviert wie auch die originalen achteren Bullaugen der Kapitänskabine. Das Rigg samt Klüverbaum und die Seitenschwerter wurden rekonstruiert, da diese zuvor mit der erfolgten Motorisierung obsolet waren. Zudem wurde der Lagerraum auch als Wohnraum nutzbar gemacht. Der technische Zustand entspricht etwa dem Stand des Jahres 1928, motorisiert und mit Radsteuerung. Weitere Ausstattungselemente wie der Niedergang vorne sowie der dort gehalterte Not-/Reserveanker, der Stockanker mit Ankerkette, die verzierten Ruderköpfe und Klüsbacken sowie der Alkoven und die Delfter Kacheln in der Kapitänskajüte sind im Original erhalten geblieben. Andere Elemente, wie die typische Ladewinde und das Nachthaus zur Aufnahme von Kompass, Fernglas und Maschinensteuerung sind nach Originalplänen rekonstruiert worden.

Ein Ewer ist ein Segelschiffstyp, der aus dem Bereich Friesland stammt. Die kleineren Ewer waren ursprünglich nur von einem Mann befahren und als sogenannte „Einfahrer“ bezeichnet. Sie hatten zumeist einen Mast, nachfolgende und größere Ewer hatten zwei. Diese Ewer sind als flachbordige Frachtsegler in verschiedenen Varianten gebaut und genutzt worden. Unterscheidungen von Typen können dabei anhand der Besegelungen vorgenommen werden. Diese bestand bei der einfachsten Ausführung aus einem umlegbaren Mast, einem Rah-, Spriet- oder Gaffelsegel und einem am Vorstag gefahrenen Vorsegel (Fock). Das Großsegel der Rah- und Spriet-Ewer bestand aus einem Schotsegel, das heißt, es wurde ohne Baum und mit offenem Unterliek gefahren. Bei den Giekewern wurde erstmals ein Baum eingesetzt, an dem die Lieken des Großsegels befestigt wurden. Größere Giekewer erhielten zusätzlich weitere Segel, die am Klüverbaum befestigt waren – so auch bei der „FRIEDA“. Dieser Schiffstypus verdrängte die ersten beiden Takelungsarten und wurde selbst vom zweimastigen Besan-Ewer verdrängt.

Die Ewer wurden für unterschiedlichste Frachtfahrten eingesetzt, darunter für Stein-, Zement- und Kreidetransporte, Ewer mit Holzdeck und hölzernen Lukenaufbauten vor allem für Ost- und Gemüseladungen, damit die Ware frisch blieb bzw. keinen Frostschaden erlitt. Komplett offene, hölzerne Ewer dienten auch für den Blumen- und Gemüsetransporte. Das Hauptverbreitungsgebiet der Ewer fokussierte sich in den Elbmarschen von Kehding bis Hamburg, während sie an der Weser und in Nordwestdeutschland seltener vertreten waren. Gebaut wurden diese Schiffstypen ausschließlich auf kleineren Werften an der Elbe. Zu diesen gehörte auch die Werft Gustav Jung in Wewelsfleth (seit 1862), in der der Giekewer „FRIEDA“ 1909 entstand. Bereits seit Ende des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wurden die Ewer auch als eiserne Schiffe gebaut – in einer Übergangszeit noch mit Schiffsboden aus Fichten- oder Kiefernholz. „FRIEDA“ wurde jedoch als vernietetes Stahlschiff ohne Holzboden gebaut. Einige eiserne Ewer, die auf der Werft Jung gebaut wurden, sind noch immer als Traditionsschiffe in Betrieb. Darunter ist die „FRIEDA“ der einzige erhaltene Typ eines Giekewers.

Die „FRIEDA“ ist einer von zahlreichen Ewern, die auf der Elbe verkehrten und im Küsten- sowie Binnenbereich als Transportschiff eingesetzt wurden. Als Weiterentwicklung der einfachen Ewer ist der stählerne Giekewer ein wichtiges Dokument innerhalb der geschichtlichen Entwicklung dieses aus dem Friesischen stammenden Segelschifftyps. Daher kommt dem Schiff eine für Niedersachsen hohe geschichtliche Bedeutung für die Technik- und Wirtschaftsgeschichte sowie für die Verkehrs- und Schifffahrtsgeschichte zu. Trotz der Veränderungen hat sich ein hohes Maß an Originalsubstanz erhalten. Dadurch hat das Schiff „FRIEDA“ als anschauliches Beispiel eines über eine lange Zeit sehr verbreiteten und charakteristischen Schiffstyps im Bereich der Elbe einen hohen Aussage- und Zeugniswert. Zudem besteht aufgrund des Seltenheitswertes, als einer der wenigen erhalten Giekewer der Werft Gustav Jung und aufgrund des relativ ungestörten Überlieferungszustandes an der Erhaltung des Segelschiffs ein öffentliches Interesse.

Nachdem sie bereits in Hamburg und Schleswig-Holstein ein Kulturdenkmal war, konnte die „FRIEDA“ 2023 auch in das Denkmalverzeichnis in Niedersachsen aufgenommen werden.

 

Warum sind die beweglichen Denkmale nicht im Denkmalatlas Niedersachsen zu finden? Lesen Sie hierzu ein Extra-denkmal.thema zu den beweglichen Denkmalen im Verzeichnis der niedersächsischen Kulturgüter.


Zum Weiterlesen:

Giekewer Frieda


Und zum Schauen:


Die Frieda beim Stader Kohltag

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