Das Segelflugzeug Ka 6 E

Von Christiane Curti

Das Segelflugzeug Ka 6 E mit dem Kennzeichen D – 0986 wurde 1972 von der Firma Alexander Schleicher GmbH & Co. mit Hauptsitz in Poppenhausen (Wasserkuppe) im Landkreis Fulda (Hessen) gebaut und an den Auftraggeber, den Luftsportverein Hameln e.V., der aus dem 1930 gegründeten Luftfahrtverein Hameln hervorging, ausgeliefert.

Der deutsche Segelflughersteller Schleicher gründete 1931 seine Firma, nachdem der gelernte Tischler Alexander Schleicher sich durch den Gewinn mehrerer Segelflugwettbewerbe mit selbstgebauten Flugzeugen den finanziellen Grundstock für eine erste eigene Werkstatt aufgebaut hatte. Die Firma ist mit ihrer fast 100jährigen Firmengeschichte der älteste Segelflughersteller der Welt und noch immer einer der Weltmarktführer. Der Eintritt des renommierten Segelflugkonstrukteurs Rudolf Kaiser in die Firma markiert dort den Beginn der Herstellung einer neuen Konstruktionsreihe. Das Konzept für die Ka-Reihe – das Kürzel steht für die ersten zwei Buchstaben des Nachnamens des Konstrukteurs – erarbeitete Kaiser bereits ab 1950 während seines Studiums an der Staatsbauschule in Coburg. Für Schleicher entwickelte er die Ka 1 ab 1952/53 zur Ka 2 weiter und konstruierte einen für Schulung und Streckenflug konzipierten hölzernen Doppelsitzer. Durch stetige Weiterentwicklungen und Überarbeitungen entstand 1955 mit der Ka 4 das bis dato erfolgreichste Schulungsflugzeug der Nachkriegszeit, welches eine Verbreitung bei Luftsportvereinen im In- und Ausland erfuhr.

Höhepunkt von Kaisers Konstruktionstätigkeiten für Segelflugzeuge in Holzbauweise bildete jedoch die Ka 6, auch Rhönsegler genannt. Dieses Flugzeug war vor allem als Wettbewerbsflugzeug konzipiert und wurde an die damaligen Bestimmungen der neu entstandenen Standardklassen angepasst. Mit der Einführung von Wettbewerbsklassen sollte die Entwicklung im Sport und die Gerechtigkeit im Wettbewerb gefördert werden (es gibt mehrere Klassen, darunter u.a. auch die Standardklasse, die Ende der 1950er Jahre in Abgrenzung zur sogenannten Offenen Klasse eingeführt wurde).  Als Inbegriff dieser Standardklasse galt damals die Ka 6. Durch die Erfolge bei internationalen Wettbewerben wie den Segelflugweltmeisterschaften 1960 in Köln-Butzweilerhof und 1963 in Junín (Argentinien) wurde die Ka 6 zu einem weltweit anerkannten Leistungssegelflugzeug. Die Nachfrage nach diesem Modell bei der Firma Schleicher stieg daraufhin enorm. Noch bis Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre dominierte das Ka 6 Modell den Markt und wurde schließlich durch das Aufkommen der Kunststoffsegelflugzeuge in der Standardklasse abgelöst.

In Abgrenzung der seit der Ka 2 als Doppelsitzer konzipierten Vorgängermodelle wurde die Ka 6 wieder als Einsitzer konstruiert. Sie hat eine Spannweite von 15,00 m, eine Länge von 6,68 m und eine max. Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h. Eine bzw. die letzte Weiterentwicklung innerhalb der Ka 6 Reihe war die Ka 6 E. Ebenfalls als einsitziger, freitragender Schulterdecker wurde die Ka 6 E am 29.07.1965 erstmals in Deutschland zugelassen. Als Weiterentwicklung der Ka 6 CR und unter Verwendung der Flügelprofile der K 10 wurden bei der Ka 6 E jedoch bereits einige Glasfaserkunststoff-Formteile (GFK) verarbeitet. Das geschah vor allem aus aerodynamischen Gründen und zur Erhöhung der Gleitzahl, um die Reichweite zu maximieren. Zudem zeigt die Ka 6 E einige von der Ka 6 abweichende Details, wie den von den Innenraummaßen her 7cm niedrigeren Rumpf, wodurch der Pilot eine eher „liegende“ Position im Cockpit einnimmt, die Ausführung des Höhenleitwerkes (zur Stabilisierung und Steuerung der Fluglage und des Anstellwinkels) als Pendelruder (so sind hier Ruderklappen und Flossen in einer beweglichen Fläche zusammengebracht) und die Anbringung der Seitenruderpedale am Cockpitboden (zuvor oben am Rumpfspant, womit Bauteile zur Verstärkung des Rumpfes, ähnlich wie „Rippen“ gemeint sind). Weiterhin ist die Plexiglashaube länger und besser an die Linienführung des Rumpfes angepasst und ermöglicht beste Sicht.

Die auf Leistung angelegte Flugmaschine ist noch immer sehr beliebt bei Luftsportlern, vor allem wegen ihrer harmonischen Ruderabstimmung durch Nutzung des Pendelruders und wegen ihrer Wendigkeit. Insgesamt wurden nur 394 Segelflugzeuge des Modells Ka 6 E von der Firma Alexander Schleicher in Poppenhausen gebaut. Obwohl in Deutschland 97 Flugzeuge zugelassen sind, ist diese Ka 6 E bisher das einzig bekannte Segelflugzeug dieser Bauweise in Niedersachsen. Aufgrund der großen Beliebtheit des Modells wurde die Ka 6 E noch bis 1972 weiter produziert, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits seit vier Jahren die Baureihe ASW 15 in Serie hergestellt wurde, die die Ära der Kunststoffsegelflugzeuge – nicht nur bei der Firma Schleicher – einleitete.

Die Ka 6 E mit dem Kennzeichen D – 0986 ist mit ihrer Werksnummer 4390 nachweislich die letzte Ka 6 E, die von der Firma Alexander Schleicher & Co. gebaut wurde. Somit bildet die Fertigung dieses Flugzeugs den Endpunkt der traditionelle Holzbauweise bei einem der weltweit führenden Segelflughersteller. Nach Auslieferung wurde das Flugzeug über 50 Jahre vom Luftportverein Hameln e.V. geflogen sowie bei Wettbewerben und sporadisch zu Schulungszwecken eingesetzt. 2022 wurde es vom Luftsportverein Hameln e.V. an den heutigen Eigentümer verkauft, ist aber nach wie vor beim Verein in Hameln gemeldet. Bauliche Veränderungen gibt es an dem Flugzeug nicht. Gemäß den Anforderungen des Luftfahrtbundesamtes wird im luftfahrttechnischen Betrieb ein sogenannter Musterbetreuer für jedes Flugzeug durch den Eigentümer bestellt. Dieser Musterbetreuer nimmt jährlich eine Inspektion am Flugzeug vor, um die Betriebsfähigkeit weiterhin zu gewährleisten und eventuelle Mängel zu beheben. Als Grundlage dafür gelten die sogenannten „Technischen Anforderungen“ (TA), die das Luftfahrtbundesamt vorgibt. Diesen entsprechend wurde bei der Ka 6 E beispielsweise 2000 eine Bugkupplung eingebaut. Weiterhin wurden u.a. Verschleißteile ausgetauscht und die textile Bespannung erneuert.

Das Segelflugzeug Ka 6 E bildet den Höhepunkt und gleichzeitig das Ende der Entwicklung von Hochleistungssegelflugzeugen in traditioneller Holzbauweise, in einer Zeit, in der der Übergang zur Kunststoffkonstruktion bereits begonnen hatte. Das zeigt seine äußerste Beliebtheit bei Luftsportlern damals wie heute.

Die Konstruktion von Rudolf Kaiser ist bis ins Detail ausgereift und wurde aus vielen Vorgängermodellen über mehrere Jahre hinweg entwickelt, um die Flugeigenschaften des Modells zu perfektionieren. Dadurch konnten der Flugkomfort und die Leistungsfähigkeit erhöht werden – auch um entsprechende Erfolge bei Wettbewerben zu erzielen. Daher kommt dem Segelflugzeug eine hohe technikgeschichtliche Bedeutung zu. Diese wird ergänzt dadurch, dass das Flugzeug von einer führenden Firma entwickelt und gebaut wurde, was wiederum zur weltweiten Verbreitung dieses Modells führte.

Aufgrund des Überlieferungszustandes und aufgrund der substanziellen und erkennbar funktionsfähigen Originalität hat das Segelflugzeug zudem eine hohe wissenschaftliche Bedeutung. Die Ka 6 E ist ein authentisch erhaltenes Hochleistungsflugzeug, das bereits ca. 8.500 Starts und ca. 6.000 Flugstunden nachweisen kann, ohne dass es umfassend nachgerüstet wurde. Sein hoher Aussage- und Zeugniswert wird zudem durch den Seltenheitswert als Höhepunkt in der Entwicklung der Konstruktion von hölzernen Segelflugzeugen – die über Schulungsflüge hinaus weltweit Erfolge bei Segelflugwettbewerben erzielen konnten – und zugleich als Endpunkt eines wichtigen Entwicklungsschritts in der Luftfahrttechnik noch gesteigert.

Zudem kann für das Segelflugzeug ein Bezug zu Niedersachsen, namentlich zum Luftsportverein Hameln e.V., der es in Auftrag gab, hergestellt werden. Wenn auch außerhalb von Niedersachsen gebaut, so kann das Segelflugzeug seit seiner Auslieferung auf eine über 50jährige Geschichte in der Pilotenausbildung sowie im Luftsportvereinswesen in Niedersachsen zurückblicken. Es diente nicht nur vielen Flugschülern für ihre Ausbildung, sondern war zudem verantwortlich für eine Reihe von Erfolgen bei Wettbewerbsteilnahmen in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren, darunter in Issoire (Frankreich) und Kyritz. Die Ka 6 E ist ein seltenes Dokument, dass einen wichtigen Beitrag für die Geschichte der Luftfahrttechnik und des Luft- und Segelflugsports leisten kann.

Seit 2025 ist das Segelflugzeug ein eingetragenes Kulturdenkmal.

 

Warum sind die beweglichen Denkmale nicht im Denkmalatlas Niedersachsen zu finden? Lesen Sie hierzu das denkmal.thema Bewegliche Denkmale – mobiles Kulturgut mit eigenen Gesetzmäßigkeiten!

 

Zum Weiterlesen:

Georg Brütting: Die berühmtesten Segelflugzeuge, Stuttgart 1991

Dietmar E. Geistmann: Die Segelflugzeuge und Motorsegler in Deutschland, Stuttgart 2007

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