Rote Überraschung: Ein Klingenfragment aus Helgoländer Feuerstein

Von Jana Ester Fries, Jürgen Schneider und Thomas Terberger

Die Aufarbeitung von Altgrabungen ist mitunter ein mühsames Geschäft: die Geländeuntersuchungen entsprachen häufig nicht den modernen Standards und die Fundbergung erfolgte nicht mit der wünschenswerten Systematik. Gleichwohl kann die Auswertung solcher Fundkomplexe sehr lohnenswert sein, so auch im Fall der Fundstelle Edewecht 82-Ost im Lkr. Ammerland. Die Gebrüder Kramer erlebten ihre erste Grabung als Dieter Zoller einen späteiszeitlichen Fundplatz nahe des elterlichen Hofes  im Juli 1967 untersuchte. Einzelne Stielspitzen erlaubten Zoller eine Einordnung der Steinartefakte in einen ahrensburgerzeitlichen Zusammenhang vor  etwa 12.000 Jahren (Jüngere Dryaszeit). Als 1974 erneut Steinartefakte auf dem Grundstück zutage kamen entschlossen sich die Brüder zu einer Untersuchung in eigener Regie.  Im Rahmen eines Projektes zur Erfassung der altsteinzeitlichen Funde im Weser-Ems-Gebiet konnte das Fundmaterial nun erstmals systematisch untersucht werden.

Das Inventar zeigt Merkmale wie eine Gewinnung der Klingen durch bipolare Abbautechnik, Klingenkratzer und schließlich auch einzelne Stielspitzen. Sie sprechen wiederum für einen Lagerplatz der Ahrensburger Kultur am Rande eines späteiszeitlichen Sees, heute ein großes Moorgebiet. Verbrannte Artefakte und die Fundverteilung lassen auf einen typischen kleinen Lagerplatz mit einer Feuerstelle schließen. Bei der Erfassung der Steinartefakte weckte ein in zwei Teile gebrochenes Klingenfragment unser besonderes Interesse: das Artefakt zeichnet sich durch eine durchgehende, intensive rote Farbe aus. Mit Unterstützung von Jaap Beuker konnte das Exemplar eindeutig als Roter Feuerstein von der Insel Helgoland bestimmt werden. Damit lässt sich in erfreulicher Weise ein Kontakt zu dem ca. 120 km entfernten Rohstoffvorkommen nachweisen. Helgoland war vor 12.000 Jahren durch den deutlich niedrigeren Meeresspiegel noch mit dem Festland verbunden. Das kleine rote Wunder von Edewecht 82 war für uns der Anlass, der Rolle dieses Gesteins in der Späteiszeit nachzugehen. Es zeigt sich, dass erste Nachweise für die Nutzung des Roten Feuersteins schon während der Hamburger Kultur vor etwa 14.300 Jahren zu finden sind. Wiederholte Belege finden sich dann aus der milderen Phase des Allerød Interstadials (ca. 12.000-10.700 v.Chr.), so z.B. von einer Fundstreuung am Dümmer See. In der Ahrensburger Kultur wurde der exotische Rohstoff nur selten genutzt. Dies mag durch die ausgeprägten kaltzeitlichen Bedingungen verursacht gewesen sein. Der erfreuliche Fund zeigt einmal mehr: bei den Rohmaterialien spielte neben den Bearbeitungseigenschaften sicher auch die Ästhetik eine Rolle.

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