Die Windmühle in Aschwarden. Bürgerschaftliches Engagement und öffentliche Mittel ermöglichen den Erhalt eines technischen Kulturdenkmals

Von Verena Ummenhofer

Der Landkreis Osterholz war ehemals ein Kerngebiet norddeutscher Windmühlen, nur ein Bruchteil hat sich allerdings bis heute erhalten. In Aschwarden (Gemeinde Schwanewede) erhebt sich zwischen dem Winterdeich zur Weser und dem Hof des heutigen Besitzers die Aschwardener Windmühle. Ihre Flügel aus roter Rute und weißen Jalousieklappen heben sich an schönen Tagen kontrastreich vom Blau des Himmels und Grün der umgebenden Wiesen ab. Jedoch ist die gut 20 Meter hohe Mühle nicht nur Landmarke und Wahrzeichen der Ostermarsch. Dank des Engagements der Mühlenfreunde Aschwarden ist das Gebäude mit vollständiger Mühlentechnik und drehenden Flügeln auch Museum und regelmäßig im Betrieb erlebbar. Im Erdgeschoss des Gebäudes haben die Mühlenfreunde ein Café eingerichtet und zwei Mal im Jahr veranstalten sie ein Mühlenfest mit Handwerkermarkt, das zahlreiche Besucher anlockt. Diese Aktionen steigern zum einen auf niederschwellige Weise das Bewusstsein für den Wert eines solchen Kulturdenkmals in der Bevölkerung, zum anderen generieren sie die dringend erforderlichen Mittel, die es dem Verein ermöglichen, Instandhaltungs- und Reparaturmaßnahmen zu finanzieren. So hätten die Mühlenfreunde vermutlich auch die Reparatur des jüngsten Schadens selbst finanziert, wenn nicht Corona jeglichen Aktivitäten Einhalt geboten hätte und somit die Einnahmen ausgeblieben wären. Als Ende Juni 2020 ein Sturm die Mühlenkappe beschädigte und von einem der Flügel sämtliche Jalousieklappen abriss, war der Verein für die Reparatur des Flügels auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Ein Drittel der 18.000 Euro teuren Maßnahme konnte in Form von ELER Kulturerbe durch die Europäischen Union und kofinanziert vom Land Niedersachsen bezuschusst werden und ermöglichte so, die Mühle wieder in Betrieb zu nehmen.

Schon seit gut 200 Jahren ist in Aschwarden am heutigen Standort eine Windmühle prägend für die umgebende Marschenlandschaft. Der Wunsch, hier eine Mühle zu errichten, reicht sogar noch weiter zurück. So mussten die Bewohner des Ortes und der umgebenden Dörfer im 18. Jahrhundert weite Strecken auf nicht befestigten Wegen zurücklegen, um ihr Korn zu einer der sechs auf der Geest gelegenen Mühlen der weiteren Umgebung zu bringen. Bei anhaltendem Regen waren die Wege nicht passierbar. Natürlich hätte jedoch eine weitere Mühle Konkurrenz für die vorhandenen bedeutet, deren Eigentümer aus dem Adel stammten und somit entsprechend einflussreich waren. Sicher war ein Protestschreiben aus diesem Kreis, das heute im Staatsarchiv in Stade verwahrt wird, entscheidend dafür, dass der Antrag auf Errichtung einer Mühle im Marschengebiet um die Mitte des 18. Jahrhunderts noch negativ beschieden wurde. Erst die veränderten Besitzverhältnisse der benachbarten Mühlen im ausgehenden 18. Jahrhundert ermöglichten schließlich die Errichtung einer Mehl- und Graupenmühle in Aschwarden, natürlich verbunden mit jährlichen Abgaben an die Königliche „Domainen Cammer“.

Mitte des 19. Jahrhunderts scheint die erste Mühle durch eine neue ersetzt worden zu sein, wie der Inschrift auf einer Sandsteinplatte an der Mühle zu entnehmen ist: „Im Jahre 1850 hat Martin Kayser und seine Ehefrau Meta diese Mühle von Grund auf neu erbauen lassen vom Mühlenbaumeister Diedr. Meyer aus Sebaldsbruche.“ Während es sich bei der um 1800 errichteten Mühle vermutlich noch um eine Bockwindmühle handelte, wurde die neue als sogenannte Galeriewindmühle errichtet. Bei diesem Typus muss nicht mehr der ganze Mühlenkörper nach dem Wind ausgerichtet werden, sondern es dreht sich nur noch der oberste Teil, die sogenannte Kappe. Dieser Bau brannte 1896 ab und wurde von der Firma Wehrmann aus Delmenhorst neu errichtet, wobei die zentralen Elemente der Mühlentechnik, also das gehende Werk und die Windrosentechnik gemäß modernsten Standards von der Mühlenbauanstalt Anton Wetzig aus Wittenberg geliefert wurden. Zentrale Elemente wie die Flügelwelle, Kammrad und Königswelle wurden nunmehr aus Gusseisen statt Holz gefertigt. Vermutlich wurden auch erstmals Jalousieflügel statt der in der Küstenregion noch bis zur Jahrhundertwende dominierenden Gatterflügel, die mit Segeltuch bespannt werden mussten, angebracht. Die frühen Jalousien wurden aus Eisenblech gefertigt oder aus einem Drahtrahmen, der mit Segeltuch bespannt wurde. Beide Varianten waren jedoch wartungsintensiv. Auf jeden Fall befand sich die Mühle zur Jahrhundertwende mit der Technik der im gesamten Deutschen Reich agierenden Firma Wetzig, deren charakteristische Kappen gleichsam ein Signet darstellen, auf dem neuesten Stand der Technik. Die Reetdeckung wurde damals durch eine blechverkleidete Holzschalung ersetzt.

Im Großen und Ganzen ist die Mühle in der damaligen Form überliefert. Es handelt sich um ein achteckiges Gebäude, dessen untere Hälfte backsteinsichtig ist, während sich die obere einschließlich der Kappe schieferverkleidet präsentiert. Die heutige Schieferdeckung ersetzte dabei 1989 die Holzschalung mit Blechabdeckung. Die untere Hälfte des Gebäudes wird von der namensgebenden Galerie umfangen, die es ermöglicht, die Flügel zu bedienen. An der den Flügeln gegenüber liegenden Seite ragt die Windrose, orthogonal zu den Flügeln ausgerichtet, über die Kappe hinaus. Ihre Funktion ist es, die Flügel automatisch in den Wind auszurichten. Dies geschieht, indem die Rose, solange sie dem Wind ausgesetzt ist, über Räder die Kappe in Bewegung setzt.  Sobald sie aufgrund der Kappenrotation dem Wind keine Angriffsfläche mehr bietet und still steht, sind die Flügel ausgerichtet und drehen sich. Diese wiederum setzen die Flügelwelle mit Achsrad in Bewegung. Das als Bunkler bezeichnete Zahnrad überträgt die vertikale in eine horizontale Drehbewegung. Unter der Kappe ist die Mühle in sechs Böden unterteilt. Durch die oberen fünf führt nun die Königswelle die Bewegung. Sie wird im ersten Obergeschoss (dem Mehlboden) über das Stirnrad auf Zahnräder übertragen, die im zweiten Obergeschoss (dem Steinboden) die zwei Mahlgänge mit je zwei Mühlsteinen antreiben.

Der Sturm vom Juni 2020 war nicht der erste, der durch Zerstörung eines Flügels den Mühlenbetrieb zum Erliegen brachte. Schon 1922 mussten nach einem Unwetter die bis dato hölzernen Flügel ersetzt werden, wobei man sich nunmehr für Flügelruten der Werft Stortmann aus Bremen-Lesum aus genietetem Stahl entschied, die mehrfach in der Gegend Verwendung fanden. Auf Fotos der 1950er und 1960er Jahre sind Jalousieklappen aus Drahtrahmen mit Segeltuchbespannung, zum Teil auch gemischt mit Holzklappen, zu erkennen. Daran lässt sich ablesen, wie sehr diese Elemente dem Verschleiß unterworfen sind.

Eine weitere Neuerung ab den 1920er Jahren stellte der Einsatz von Diesel und dann von Strom für den Betrieb der Mühle bei Windstille dar. Eine größere Reparatur an Flügeln und Kappe nach einem Sturmschaden ist auch für 1970 aktenkundig. 1980 wurde der Mühlenbetrieb schließlich eingestellt. In den 1980er Jahren erfolgten grundlegende Instandsetzungsarbeiten unter anderem an Mühlenkopf, Flügeln, Windrose und Galerie aus Mitteln des Landkreises. Dabei scheinen die Ruten instandgesetzt, die abgängigen Jalousien hingegen eher provisorisch durch Gatter ersetzt worden zu sein, wovon Fotos aus der Zeit zeugen. Immerhin ermöglichten diese, wenn sie mit Tuch bespannt wurden, dass sich die Flügel wieder drehten.

Seit 1983 wird die Mühle aufgrund ihres Zeugnis- und Schauwertes für Wirtschafts- und Technikgeschichte als Einzeldenkmal im Verzeichnis der Kulturdenkmale Niedersachsens geführt. Für ihren weiteren Erhalt war es entscheidend, dass sich 1984 mit Franz Schnelle ein Mühlenwart fand, der sich dafür einsetzte, dass die Mühle auch zukünftig betrieben wurde, und dass sich die Mühlenfreunde zusammenfanden, die 1998 einen Verein gründeten, um die Instandhaltung auch finanziell leisten zu können. So stand bereits Anfang der 2000er-Jahre eine erneute Generalinstandsetzung an. Nun wurden neben Mitteln des Kreises, des Landes und anderer Fördergeber das erste Mal europäische Mittel über das Amt für Agrarstruktur (heute Amt für regionale Landesentwicklung) eingeworben. Auf diese Weise konnte die Kappe abgenommen und in der Werkstatt des Mühlenbauunternehmens Vaags repariert werden. Die Stahlflügel von 1922 waren nach 80 Jahren so verrostet, dass sie ersetzt werden mussten. Die Jalousieklappen wurden nunmehr in pulverisiertem Aluminium ausgeführt. Mit dieser Materialwahl knüpfte man gewissermaßen an das Material der ersten Jalousieklappen aus Eisenblech an. Zentraler Beweggrund der Denkmalpflege, diesen Materialwechsel mitzugehen, ist jedoch der geringere Wartungsaufwand und die längere Lebensdauer, Aspekte, die bei einem unwirtschaftlichen Denkmal berücksichtigt werden müssen, um es in seiner Gesamtaussage in die Zukunft führen zu können.

Natürlich schloss auch die letzte Instandsetzung, die Reparatur des sturmgeschädigten Flügels an das beschriebene Konzept an. 22 Jalousieklappen wurden in pulverbeschichtetem Aluminium gefertigt, 12 der Heckscheite, die Saumleisten, Bordbretter und Böcke wurden in Lärche erneuert.  Im Vergleich zu den umfassenden Instandsetzungsmaßnahmen, die die Mühle in ihrer 220jährigen Geschichte erlebt hat, war diese Maßnahme eine verhältnismäßig kleine Aufgabe. In Zeiten von Corona und knapper werdenden öffentlichen Mitteln stellte jedoch auch sie für einen gemeinnützigen Verein eine Herausforderung und große Leistung dar, die ohne Förderung nicht zu stemmen gewesen wäre.



Zum Weiterlesen

 

Düring, Klaus von: Windmühle in Aschwarden, in: Straße der Wind- und Wassermühlen, Bremen 1977, S. 28-33

Heßling, Rüdiger: 200 Jahre Mühle Aschwarden, in: Der Mühlstein, November 2010, S. 45-51

Kleeberg, Wilhelm: Niedersächsische Mühlengeschichte, Hannover 1979, S. 274

 

 

Der Text wurde erstmals veröffentlicht in den Berichten zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 43. Jg. (2023), Heft 1.

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