Das Mönchehaus Goslar. Beispielhafte Erhaltungsstrategie für den Goslarer Schiefer

Von Erwin Stadlbauer, Cordula Reulecke, Rolf Niemeyer und Bernhard Recker

Kulturdenkmale sind authentische, gebaute Archivquellen, an deren Erhaltung ein öffentliches Interesse besteht. Als Archivquelle ist hierbei nicht nur die gebaute Gesamtleistung zu verstehen. Auch die einzelnen Materialkomponenten in ihren Ausführungstechniken beinhalten das Werden und Wissen der Vergangenheit, welche den nachfolgenden Generationen zu bewahren sind.

Häufig wurden und werden in großem Umfang insbesondere so genannte Verschleißschichten wie Dacheindeckungen und Wandbehänge ungeprüft dem Bauschutt zugeführt. Dabei stellen auch diese Ausbauelemente einen wesentlichen Teil der konstituierenden Denkmalgeschichte dar. Während alte Dachziegel, Sandsteinplatten, Blechplatten oder Zementsteine ab und zu der Wiederverwendung als historische Baustoffe übergeben werden, wurden bislang beim Material Schiefer verwitterte Platten stets gegen neue ausgetauscht. Für die Wiederanbringung von altem Schiefer nach seiner Abnahme gibt es bislang so gut wie keine veröffentlichten Beispiele.

Das Mönchehaus in Goslar und das Modellprojekt

Das Mönchehaus ist ein bedeutendes Baudenkmal der Renaissance in der Welterbestadt Goslar. Der Fachwerkbau von 1528 musste in den vergangenen Jahren grundlegend instand gesetzt werden. Der historische Wandbehang aus Goslarer Schiefer wurde in diesem Zusammenhang sorgfältig abgenommen und zur Wiederverwendung aufbewahrt. Dadurch kam ein sensationeller Befund zum Vorschein: Reste ältester Ausmalungen an den Außenseiten der Gefache, die im Schutz des Wandbehangs erhalten geblieben sind.

Das Alter des Wandbehangs ist leider nicht dokumentiert und kann nur geschätzt werden. Die Ausmalungsbefunde beweisen, dass der Schieferbehang in altdeutscher Deckung jedenfalls nicht der Bauzeit im 16. Jahrhundert zuzurechnen ist. Ein relativ hohes Alter von mehr als 100 Jahren oder sogar von über 200 Jahren erscheint aber durchaus realistisch.

Das Mönchehaus steht exemplarisch für die durch Umweltschäden gefährdeten Wandbehänge aus Goslarer Schiefer. Sein charakteristisches Farbspiel, das von Grau bis Rötlich­braun reicht, sowie die typischen Muster und vielfältigen Gestaltungen prägen das Stadtbild. Die Gewinnung von bruchfrischem Steinmaterial des Goslarer Schiefers wurde um 1970 beendet. Bei Instandsetzungen muss daher meist Ersatzmaterial verwendet werden, das sich in Dunkelgrau bis Schwarz farblich deutlich absetzt. Wiederverwendbares Altmaterial des Goslarer Schiefers steht bislang leider nur ausnahmsweise zur Verfügung.

Das ist der Ansatzpunkt für das Modellprojekt Mönchehaus. Mit Fördermitteln der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) werden seit 2015 verschiedene Erhaltungsstrategien erprobt und jetzt auch praktisch umgesetzt.

Bergung und Aufbewahrung von Goslarer Schiefer zur Wiederverwendung

Der Bestand an verbautem Material ist die Ressource, die es zu schonen gilt. In Zusammenarbeit mit dem Gebäudemanagement der Stadt Goslar (GGM) wurde deshalb damit begonnen, wiederverwendbares Schiefermaterial zu bergen und aufzubewahren, um für zukünftige Maßnahmen einen Vorrat zu schaffen. Diese wichtige Pilotarbeit wurde durch das Amt für Bau­ und Kunstpflege in Hildesheim unterstützt. Dabei konnte geeignetes Dachschiefermaterial der Kirche in Bledeln sorgfältig abgenommen und gesichert werden.

Die Verwendung von Goslarer Schiefer war bis Ende der 1960er­Jahre nicht nur im Harz üblich, sondern auch weit darüber hinaus, wie das Beispiel Bledeln im Raum Hildesheim zeigt. In Zukunft wird es darauf ankommen, bei Instandsetzungen den Verlust von wiederverwendbarem Baumaterial zu verhindern. Das wird nicht nur guten Willen erfordern, sondern auch Rahmenbedingungen und Fördermittel zur Schaffung der notwendigen Infrastruktur sowie zur Bestandspflege und Bewahrung der Baukultur.

Schieferkonservierung erfolgreich erforscht

Um den schwindenden Bestand an Goslarer Schiefer möglichst lange zu erhalten, wurde im Projekt geprüft, ob und womit das umweltgeschädigte Material beständig konserviert werden kann. Die rund 1.000 Platten des Mönchehaus­Behangs wurden in Schadensklassen eingeteilt. Für die Konservierungsversuche wurden die am stärksten geschädigten Schieferplatten verwendet, deren Wiederverwendung bei der traditionellen handwerklichen Reparatur des Wandbehangs nicht möglich gewesen wäre. Von den insgesamt 14 verschiedenen Behandlungsarten hat sich letztlich nur eine bewährt. Die beste Wirksamkeit und Dauerhaftigkeit weist die Konservierung mit einer Epoxidharzmischung auf. Dies wurde durch Laboruntersuchungen mit künstlicher Bewitterung sowie auch durch mehrjährige Freibewitterungstests in Goslar festgestellt. Die Materialuntersuchung endete mit der denkmalpflegerischen und handwerklichen Eignungsprüfung. Erfahrene Goslarer Schieferdecker attestieren dem konservierten Material die typische Optik und Haptik sowie auch den hellen Klang, der beim Anschlagen mit dem Hammer ertönt.

Aus der Forschung in die Praxis: Konservierung und Restaurierung des Wandbehangs

Die Testergebnisse der Projektgruppe waren so überzeugend, dass das Gebäudemanagement der Stadt Goslar die praktische Durchführung beauftragt hat. Mitentscheidend war nicht nur die fachliche Fürsprache durch das projektleitende NLD, sondern auch die anteilige Mitfinanzierung aus den Fördermitteln der DBU.

Die Konservierung des Schiefers von besonders bedeutenden Wandbehängen ist technisch möglich und bildet eine neue und willkommene Option der Denkmalpflege. Die Beständigkeit am Bauwerk ist vermutlich von der Exposition stark abhängig, vor allem von der Feuchteeinwirkung durch Schlagregen sowie durch die Sonneneinstrahlung. Am Mönchehaus bestehen gute Voraussetzungen, weil der Behang durch einen Dachvorsprung geschützt wird und somit nicht direkt „im Wetter steht“.

Die am 11. Mai 2019 begonnene Wiederanbringung des Wandbehangs am Mönchehaus erfolgt im Ehrenamt durch das Goslarer Schieferdeckergewerk in Zusammenarbeit mit dem Goslarer Gebäudemanagement (GGM). Die Besonderheit des Modellprojekts zur Erhaltung des Wandbehangs wurde an diesem Tag auch durch die Gesellschaft für Bautechnikgeschichte gewürdigt. Im Rahmen ihrer Jahrestagung besuchte die Gesellschaft unter Leitung der NLD­Präsidentin Dr. Christina Krafczyk das Mönchehaus, um sich in einem Fachgespräch vor Ort zu informieren.

Der dokumentierte Vorzustand der altdeutschen Deckung ist die Arbeitsgrundlage der Schieferdecker. Ziel ist die möglichst weitgehende Annäherung an den Vorzustand mit dem konservierten Originalmaterial. Einige Schieferplatten waren jedoch so stark geschädigt, dass sie nicht konserviert werden konnten. Für die notwendigen Ergänzungen wird das Steinmaterial von Bledeln verwendet, das im GGM für diesen Zweck aufbewahrt wird.

Der Arbeitsfortschritt wird von den Bürgern mit großem Interesse verfolgt, und die Fertigstellung wird mit Spannung erwartet. Im Jahr 2020 sind eine Veranstaltung und eine Publikation geplant, um die Ergebnisse der Öffentlichkeit sowie auch der Fachwelt vorzustellen. Weiterhin ist seitens des NLD geplant, den Zustand des Wandbehangs regelmäßig zu kontrollieren. Ziel ist die Untersuchung der Wirksamkeit und Dauerhaftigkeit der Konservierung – in erster Linie, um im Bedarfsfall sofort nachzusorgen. Die Untersuchung soll außerdem dazu dienen, aus den Beobachtungen und Erfahrungen zu lernen, um die gewonnenen Erkenntnisse auf vergleichbare Objekte in Goslar und Umgebung zu übertragen.

Die interdisziplinäre Projektgruppe wird durch das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege geleitet. Der DBU sei für die Bewilligung der Fördermittel herzlich gedankt sowie allen Beteiligten für die gute Zusammenarbeit und für ihr außerordentliches Engagement. Die am Projekt Beteiligten sind (in alphabetischer Reihe): Amtliche Materialprüfanstalt der Freien Hansestadt Bremen (MPA, Dr. Frank Schlütter), Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR, Dr. Angela Ehling), Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK), Studiengang Konservierung u. Restaurierung, Hildesheim (Prof. Dr. Nicole Riedl­Siedow (†), Dipl.­Rest. Gerhard D’ham), Materialuntersuchungen im Bestand und Zentrum für Materialkunde von Kulturgut GmbH & Co. KG (MIB & ZMK, Dipl.­Ing. Antje Rinne), Skasa­Restaurierung, Wolfenbüttel (Dipl.­Rest. Beate Skasa­Lindermeir) sowie die Stadt Goslar, Goslarer Gebäude Management (GGM, Dipl.­Ing. Oliver Heinrich, Jörg Scheller) und das Goslarer Schieferdeckergewerk unter Federführung des Altgesellen Peter Brandt.

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