Das Mathematische Institut der Universität Göttingen

Von Eckart Rüsch


Geschichte und Beschreibung

 

Lang ist die Liste berühmter Mathematiker an der Georg-August-Universität Göttingen, denn seit dem 19. Jahrhundert galt Göttingen als mathematisches Lehr- und Forschungszentrum mit Weltruhm. In dieser Zeit kamen die kreativsten Mathematiker und Mathematikerinnen in Göttingen zusammen: Carl Friedrich Gauß, Bernhard Riemann, Felix Klein, David Hilbert, Emmy Noether und andere. Der Mathematiker und Historiker Norbert Schappacher sprach von einer „fantastischen Konzentration hervorragender Mathematiker im vornationalsozialistischen Göttingen“. Diesen Rang repräsentiert das 1927-1930 neu errichtete Institutsgebäude am Rande der Göttinger Altstadt in der Bunsenstraße, von dem hier berichtet werden soll.

Der seit 1914 gehegte Plan zur Zusammenfassung der über das Stadtgebiet verteilten mathematischen Einrichtungen an einem Ort stammte von dem seit 1886 in Göttingen wirkenden Mathematiker Felix Klein (1849-1925), doch verhinderte der Erste Weltkrieg weiteres. Ein erneuter Anlauf ist mit dem Namen des 1921 als Mathematik-Professor an die Universität berufenen Richard Courant (1888-1972) verbunden, der sich stark für die Neuorganisation von Forschung, Lehre und Strukturen der Göttinger Mathematik engagierte. Er wurde 1922 zum Geschäftsführer eines nun erstmals so bezeichneten „Mathematischen Instituts“, das auch die legendären bisherigen Lehreinrichtungen des „Mathematischen Lesezimmers“ und der „Sammlung mathematischer Instrumente und Modelle“ vereinte. Direktoren waren die drei Mathematik-Professoren David Hilbert, Edmund Landau und eben Richard Courant. Unter diesen Vorzeichen und in der Absicht der künftig noch engeren Zusammenarbeit mit dem Physikalischen Institut erlangte die Göttinger Mathematik nach dem Ersten Weltkrieg und den Inflationsjahren erneut eine internationale Blüte.

Um nun den lang gehegten Traum eines eigenständigen Institutsgebäudes für die Mathematik finanzieren zu können, wandten sich ab 1925 die drei Direktoren unter Führung Courants an das amerikanische International Education Board (IEB), einen Teil der 1913 gegründeten Rockefeller-Stiftung, deren Zweck es war, das „Wohl der Menschheit auf der ganzen Welt“ zu fördern, und tatsächlich entschied die Stiftung Ende 1926, dass die Universität Göttingen für sie ein geeigneter Standort zur Förderung der Mathematik in Europa sei. Sie übernahm einmalige Bau- und Einrichtungskosten in Höhe von 350.000 US-$, während die laufenden Kosten vom Preußischen Staat garantiert werden sollten. Das Baugrundstück war bereits im Besitz der Universität, doch erst jetzt begann Architekt Werner Seidel vom zuständige Universitätsbauamt unter großem Zeitdruck mit genaueren Entwurfsarbeiten. Bei den Planungen am Mathematischen Institut wirkte Courants Oberassistent Otto Neugebauer (1899-1990) wesentlich mit. Im letzten Moment wurde die Planung erweitert um einen von Courant persönlich gewünschten Garagenbau für seinen Kraftwagen. Baubeginn war Mitte 1927; am 2. Dezember 1928 fand die feierliche Einweihung statt, wenngleich sich einzelne Bauarbeiten noch bis März 1930 hinzogen.

 

Der Neubau auf einem T-förmigen Grundriss stellt sich als imposanter, zweigeschossiger Baukörper auf einem hohen Sockelgeschoss mit besonders hohem Obergeschoss sowie flachem Walmdach dar, dessen Putzfassaden durch Schlichtheit, Sachlichkeit und wohlproportionierte Symmetrie mit feinen Details überzeugen. Sockel und Öffnungsrahmen sind aus Muschelkalk-Steinblöcken. Die gestalterische Nähe zu zwei weiteren Seidel-Institutsbauten in Göttingen (Pathologie, Völkerkunde) ist unübersehbar. Die Anmutung ist schon äußerlich repräsentativ, was nach Westen in der Hauptfassade an der Bunsenstraße die zwei Freitreppenanlagen zu den hoch gelegenen Eingängen des Hochparterres noch unterstreichen.

Im Innern gilt (außer in den kleinen Büros) räumliche Großzügigkeit, die sich gleich im Eingangsbereich mit einer großen Empfangshalle zeigt. Vorne im Querbau schließen bis heute links ein großer Vorlesungsaal und rechts der alte Sitzungssaal der Mathematischen Gesellschaft an. Im langgestreckten hinteren Flügel befinden sich Büros und im Obergeschoss die große und aufwändig gestaltete Fachbibliothek als Nachfolgerin des Mathematischen Lesezimmers. Der Neubau wurde gefeiert; der Hannoversche Anzeiger vom 6. Dezember 1929 notierte: „Alles ist nunmehr in den imposanten Bau an der Bunsenstraße verlegt. […] Meisterhaft hat die Architektur im Innern die Räume hergestellt. Schlicht, aber deshalb nicht weniger wirkungsvoll, vor allem außerordentlich zweckmäßig. Beim Durchschreiten gewinnt man den Eindruck, daß der Erbauer auf Raumbedarf und Hygiene das Beste geschaffen hat.“

Eine große Besonderheit des Baudenkmals ist der heute bis in Details erhaltene große Anteil von baufester originaler Ausstattung der Erbauungszeit: die Treppen, der Hörsaal mit Bestuhlung, die Bibliothek mit Einbauschränken und Empore, das Mobiliar im Sitzungssaal der Mathematischen Gesellschaft, sämtliche Türen mit Bekleidungen und Beschlägen sowie Vitrinen, Wandschränke, Tafeln, Lampen, Uhren und so weiter. Charakteristisch im Gebäude sind die für Mathematiker typischen, zahllosen Wandtafeln, auf die noch heute schnelle Einfälle und Formeln mit Kreide notiert werden. Im ehrwürdigen Sitzungssaal wurde ein vom berühmten Berliner Impressionisten Max Liebermann geschaffenes großes Portraitgemälde des 1913 emeritierten und weiter verehrten Mathematikers Felix Klein aufgehängt. Ein Kleinod sind in der Obergeschosshalle die originalen Glasvitrinen der berühmten Göttinger Sammlung mathematischer Modelle und Instrumente mit über 500 Exponaten, deren älteste Stücke von 1780 sind.

1933/34 verlor das Mathematische Institut alle seine brillanten Köpfe, weil sie entweder Juden waren oder jüdische Verwandte hatten. So verließen Göttingen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Mathematiker und Mathematikerinnen Paul Bernays, Felix Bernstein, Werner Fenchel, Edmund Landau, Hans Lewy, Rudolf Lüneburg, Otto Neugebauer, Emmy Noether, Kurt Reidemeister Hermann Weyl usw. Auch Courant bat 1934 um seine Emeritierung. Als der bereits 1930 emeritierte David Hilbert 1934 vom deutschen Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Bernhard Rust bei einem Bankett gefragt wurde, wie es mit der Göttinger Mathematik stehe, nun da die Universität vom jüdischen Einfluss befreit worden sei, soll er in seiner ostpreußischen Mundart erwidert haben: „Dat jibt es doch janich mehr.“

Der große Maler Max Liebermann war 1933 zu alt und zu berühmt, als dass er noch als entartet hingestellt werden konnte. So konnte sein Klein-Portraitgemälde die ‚tausendjährige Zeit‘ überstehen und bis heute an seinem Platz im Sitzungssaal des Institutsgebäudes bleiben. Seit 1945 ist das Mathematische Institut der Universität Göttingen nun nur noch eines von mehreren solcher Einrichtungen an deutschen Universitäten, und es ist nie wieder gelungen, die ursprüngliche herausragende Stellung zu erlangen.

Denkmalschutz und Denkmalpflege

 

Das Gebäude des Mathematischen Instituts der Universität Göttingen in der Bunsenstraße 3/5 kam 2003 ins Denkmalverzeichnis; die Garage wurde 2022 ergänzt. Zur Begründung sei verwiesen auf den Zeugnis- und Schauwert für die Orts- und Universitätsgeschichte Göttingens sowie für die Baugeschichte, auch wegen der beispielhaften Ausprägung eines Hochschulgebäudes für Mathematik sowie wegen der Bedeutung für die Wissenschaftsgeschichte der Mathematik und damit zusammenhängend die Personengeschichte, wegen der bis 1933 hier lehrenden bedeutenden Mathematiker. Hervorzuheben ist die bedeutende Innenraumgestaltung sowie wissenschaftliche Bedeutung wegen des ungestörten Überlieferungswertes der wandfesten Innenausstattung. Schließlich liegt auch eine städtebauliche Bedeutung vor, wegen des prägenden Einflusses auf das Straßenbild der Bunsenstraße.

Für die 2020er-Jahre steht eine große Sanierungsmaßnahme und Brandschutzertüchtigung an. Um das Schutzgut auch des Gebäudeinneren besser kennenzulernen, ist vom Universitätsbaumanagement zur Vorbereitung der Planungen eine detaillierte Bauuntersuchung mit Raumbuch beauftragt worden, deren Ergebnisse seit 2022 vorliegen. Diese 1001 Seiten umfassende Arbeit bietet eine ausgezeichnete Grundlage, um auch die Besonderheiten der wertvollen bauzeitlichen Ausstattung berücksichtigen und erhalten zu können.



Zum Weiterlesen:

Historische Persönlichkeiten Göttingens in der Mathematik (Online: http://www.math.uni-goettingen.de/historisches/mathematiker.html, Zugriff 12.12.2023)

Saunders Mac Lane: Die Mathematik in Göttingen unter den Nazis. In: Mitteilungen der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Heft 2/1996, S. 13-18. (Digital im Internet unter: https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/dmvm-1996-0206/pdf, Zugriff 12.12.2023)

Otto Neugebauer: Das mathematische Institut der Universität Göttingen. In: Die Naturwissenschaften, Jg. 1930 (18), H. 1, S. 1-4.

Norbert Schappacher: Das Mathematische Institut der Universität Göttingen 1929–1950. In: Heinrich Becker, Hans-Joachim Dahms, Cornelia Wegeler (Hrsg.): Die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus, K.G. Saur, München, 2. Auflage 1998, S. 523–551. (Digital im Internet: https://irma.math.unistra.fr/~schappa/NSch/Publications_files/GoeNS.pdf; Zugriff 12.12.2023)

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.