Neue Lichtdecken für das Niedersächsische Landesmuseum Hannover
Von Sara Obornik und Rocco Curti
Die östlich des Maschparks gelegene Vierflügelanlage des Niedersächsischen Landesmuseums entstand in der Dienstzeit des ab 1890 zuständigen, ersten Direktors des damaligen Provinzialmuseums Jacobus Reimers (1850-1914). Es handelt sich um ein Gebäude im Stil der Neorenaissance mit Elementen der italienischen Hochrenaissance, das auf einer dreieckigen Grünfläche platziert ist, mit dem Hauptzugang nach Westen zum Maschpark hin orientiert. Die vier Gebäudeflügel umschließen einen großen Innenhof. Der monumentale, breit gelagerte, geschlossene Baukörper weist an seiner Hauptfassade 15 Fensterachsen auf, er verfügt hier über einen risalitartig überhöhten Mittelteil und leicht vorgezogene Seitenflügel mit Eckbauten sowie zwei Hauptgeschosse über rustiziertem Sockelgeschoss. An der Westfassade sind die Hauptgeschosse durch frei vor der Fassade stehende Säulen, die ein ausladendes Gebälk tragen, zusammengefasst. Nach außen hin zeigt der Werksteinbau reichen Bauschmuck, darunter ein über den hohen Rundbogenfenstern des Erdgeschosses im ersten Obergeschoss angeordnetes, zehnteiliges Relieffries.
Die verschiedenen Sammlungen des Provinzialmuseums, die im Künstlerhaus an der Sophienstraße untergebracht waren, waren seit dessen Errichtung 1856 immer weiter gewachsen, sodass Reimers 1893 schließlich einen Neubau des Museums vorschlug. Dabei sollte die Stadt Hannover das Künstlerhaus übernehmen und es als „Vereinshaus“ (der Kunstverein, der Künstlerverein, der Architekten- und Ingenieurverein, später die Bauhütte zum weißen Blatt hatten hier ihren Sitz) weiterführen und im Gegenzug dem Museum einen geeigneten Bauplatz überlassen. Dieser Vorschlag wurde 1894 im Provinziallandtag genehmigt, sodass der ab 1894 zudem als Provinzialkonservator tätige Reimers nun den Neubau eines Museums umzusetzen hatte. In Vorarbeit auf einen 1895 ausgeschriebenen, offenen Wettbewerb bereiste Reimers daher Museen in Berlin, Leipzig, Hamburg, Schwerin und Gotha. Im Rahmen des Wettbewerbs wurden 42 Entwürfe eingesendet und von einem prominent besetzten Preisgericht bewertet. Den ersten Preis erhielt der hannoversche Architekt Hubert Stier (1838-1907), der deutschlandweit baute und für Hannover zahlreiche prominente Bauten wie den hannoverschen Hauptbahnhof, die Reformierte Kirche oder die im Zweiten Weltkrieg teilzerstörte Flusswasserkunst entwarf.
Erbaut wurde das Museum zwischen 1897 und 1902. Der Mittelbau mit innenliegender Funktion als Treppenhalle besaß ursprünglich eine hohe Kuppel, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde (heute unter flachem Walmdach). Die Dächer über den Oberlichtsälen waren ursprünglich als Lichtdächer in Glas ausgeführt.
In der Nacht vom 8. zum 9. Oktober 1943 wurde das Museum von Bomben in Folge eines Luftangriffs auf die Stadt Hannover getroffen. Zunächst fing die Dachkonstruktion der Kuppel Feuer, von hier aus breitete sich der Brand auf die Obergeschosse aus, die erheblich beschädigt wurden. Der Bau büßte – neben der Kuppel – Teile seiner Glasdächer sowie der Fenster der Obergeschosse ein. Die Kriegsschäden wurden sukzessive bis in den Zeitraum 1954-56 zur Wiedereröffnung des Museums beseitigt, auf die Wiederherstellung der Kuppel wurde verzichtet. Vor den letzten umfänglichen Modernisierungsmaßnahmen in den Jahren 1995 bis 2000 wurden bereits 1983-87 Provisorien der Nachkriegszeit – auch im Dachbereich – beseitigt, die Glasdächer des Museums wurden erneuert.In den letzten Jahren kam es zu erheblichen Undichtigkeiten in eben diesem Bereich: Es handelt sich um sieben Glasdächer an den bauzeitlichen Positionen mit Einscheibenverglasungen aus den 1980er Jahren, die über die darunterliegenden Lichtdecken die oberen Säle (zweites Obergeschoss) belichten. Vom Prinzip her liegt hier eine typische Konstruktion und Belichtungslösung für Museumsbauten der Zeit um 1900 vor. Für den Nutzer bestand, neben der Problematik des Wassereintrags, jedoch noch ein weiterer Wartungsaufwand, der unter anderem dadurch entstand, dass die Gläser jedes Jahr im Frühling klassisch gekalkt werden mussten, um die Sonneneinstrahlung ein wenig zu reduzieren. Der Kalkanstrich witterte dann über den Sommer bis zum Herbst ab und ließ in den Wintermonaten wieder mehr Licht in die Säle ein. Die bestehende Konstruktionsweise der jeweils einfachverglasten Dächer und Decken hatte im Sommer hohe Temperaturen in den Ausstellungsräumen zur Folge, so dass erhebliche Anstrengungen seitens des Landesmuseums nötig waren, um das Klima in den Oberlichtsälen für das Kulturgut stabil zu halten. Eine umfängliche technische Klimatisierung gab es bis dato nicht. Die vorhandenen Tageslichtdecken erzeugten darüber hinaus keine gleichmäßige Ausleuchtung der Ausstellungsräume, die Intensität des natürlichen Oberlichts wies im Tages- und Jahresverlauf freilich Schwankungen auf. Die Lichteinstrahlung wurde durch das Kalken der Gläser gemindert, teilweise aber auch durch den Einsatz von Folien, die von oben auf die Lichtdecken gelegt werden mussten, um die eindringende Feuchtigkeit kontrolliert abzuleiten.
Es bestand nun dringender Handlungsbedarf, sodass das Staatliche Baumanagement Hannover (SBH) 2017 eine Machbarkeitsstudie zum Zweck der Sanierung der Glasdächer erarbeitete. Als Ergebnis entschieden sich das Landesmuseum und das SBH in Abstimmung mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege – auch aus konservatorischen Gründen zur Stabilisierung des Raumklimas in den Ausstellungsräumen – die Glasdächer durch eine opake, lichtundurchlässige Konstruktion zu ersetzen. Als wesentlicher Vorteil der gewählten Lösung ist zunächst aufzuführen, dass dadurch die solare Einstrahlung in die Räume der Ausstellung komplett vermieden wird und dass darüber hinaus das sommerliche Aufheizen der Dachräume zwischen Dachhaut und Lichtdeckenoberseite – auch durch den massiven Einsatz von Wärmedämmung – entfällt. Die für das Kulturgut unerwünschten Temperaturschwankungen können damit erheblich reduziert werden. Der Aufwand des jährlichen Kalkens entfällt. Die zu überarbeitenden Dachräume wurden zudem zur Einfügung von Klimatechnik zum Zwecke der zusätzlichen Stabilisierung des Raumklimas in den darunterliegenden Sälen genutzt. Dies erfolgte durch den Einbau von Raumlufttechnischen (RLT-) Anlagen zur Vorbehandlung der Außen- und Zuluft mit Kühlung für die Oberlichtsäle und die Installation einer neuen Kälte-Kompaktanlage mit einer Leistung von 85 Kilowatt (für insgesamt fünf RLT-Anlagen) sowie der additiven Einfügung einer Be- und Entlüftung der Dachräume zur Abführung von Stauwärme. Dabei stellen die fünf Kompaktanlagen nur den geforderten Mindestluftwechsel von maximal 70 Prozent des Luftvolumens pro Stunde in den Ausstellungsräumen sicher, da für eine vollwertige Klimaanlage in den bauzeitlichen Dächern kein Platz vorhanden ist.
Für die Oberlichtsäle wurde zudem ein neues Lichtkonzept umgesetzt: Die bisherigen Glaslichtdecken und das hier einfallende natürliche Licht wurden durch LED-Lichtdecken und Kunstlicht ersetzt. Ziel war es hier, eine möglichst natürliche Anmutung des künstlichen Lichts in Form von Tageslichtdecken einzustellen. Dazu wurden vorab verschiedene Varianten im Lichtlabor der HAWK in Hildesheim untersucht und als Muster gebaut. Im Mai 2019 wurden dann vor Ort zwei verschiedene Tageslichtdecken bemustert und die komplexen Anforderungen visuell und praktisch überprüft.Für das Landesmuseum wurde somit eigens eine mehrschichtige „Tageslichteffektdecke“ entwickelt, die im Ergebnis die Idee vom natürlichen Tageslicht mittels künstlichem LED-Licht weiterführt. Selbst im gedimmten Zustand erzeugt sie eine hohe visuelle Qualität, bei maximaler Helligkeitsleistung entsteht hingegen keinerlei Schädigungspotential für das präsentierte Kunstgut. Ein eingebautes farbiges Gitter, das sogenannte „Grid“, erzeugt in der Wahrnehmung des Betrachters eine Tiefenwirkung und sorgt damit für eine, beim Durchschreiten der Räume erfahrbare, Lichtdynamik: einen ,,Tageslichteffekt“. Eine eingebaute Diffusorschicht erzeugt – im Zusammenwirken mit dem „Grid“ – eine homogene, gestreute Lichtfläche: die einzelnen LED-Leuchtmittel sind aus den Ausstellungsräumen heraus nicht erkennbar. Das neue Lichtkonzept kombiniert die Wirkung der Lichtdecke und der indirekten Voutenbeleuchtung mit zusätzlich einsetzbaren, auf Stromschienen montierten Effektstrahlern, um bei Bedarf einzelne Ausstellungstücke in Szene zu setzen. In dem Zusammenhang wurde in Abstimmung mit allen Beteiligten entschieden, die drei noch vorhandenen Nachkriegslichtdecken in den Oberlichtsälen unten den Dächern B, A und F im zweiten Bauabschnitt ebenfalls auf ihre ursprünglichen, bauzeitlichen Proportionen der Zeit um 1902 zurückzubauen. Es wurde keine historisierende Rekonstruktion im Detail erstellt, sondern nach erfolgter Bestandsanalyse in Annäherung an den historischen Zustand eine zeitgenössische Antwort entwickelt.
Mit der Baumaßnahme wurde im September 2019 begonnen, vier Jahre später (September 2023) konnte das Vorhaben erfolgreich abgeschlossen werden. Für das Baudenkmal wurden Raumqualitäten in Bezug auf Lichtführung, Höhen, Proportionen und durch die nun im Rundgang wieder erlebbare, durchgängig wirkende Saalfolge zurückgewonnen. Die Gestaltung der neuen Lichtdecken greift ehemals vorhandene Maße auf, hält sich im Detail aber zurück, um eine dauerhafte und in gewissem Maße zeitlose Lösung anzubieten. Aus denkmalpflegerischer Sicht ist die behutsame Einfügung der Technik in den vorhandenen Raum zwischen den Lichtdecken (Saaldecken) und der Dachhaut als besonders gelungen zu bezeichnen. Die vorhandene Dachkonstruktion wurde an Ort und Stelle belassen und ergänzt. Auch die nach außen hin kaum wahrnehmbare Veränderung der Dachdeckungsmaterialität (vom Glas der 1980er Jahre hin zu einer weiß gefärbten Metalldeckung) über den Oberlichtsälen überzeugt.
Zum Weiterlesen:
Sid Auffarth: Vom Unbehagen am Monumentalen – Notizen zur Baugeschichte des Niedersächsischen Landesmuseums in Hannover, in: Heide Grape-Albers: Das Niedersächsische Landemuseum Hannover – 150 Jahre Museum in Hannover, 100 Jahre Gebäude am Maschpark, Hannover 2002, S. 96-129
Das Landesmuseum in Hannover
Das Landesmusuem im Denkmalatlas Niedersachsen

