Das Museum für Kunst und Wissenschaft – heute Künstlerhaus – Hannover
Von Birte Rogacki-Thiemann
Das Künstlerhaus in der hannoverschen Sophienstraße ist nicht nur der Bau des ältesten öffentlichen Museums Hannovers, einer der Kernbauten der Hannoverschen Schule und eines der Hauptwerke von Conrad Wilhelm Hase (1818-1902), sondern zudem bis heute ein lebendiges Denkmal, dessen grundsätzliche Struktur gut überkommen ist und nach wie vor für die Öffentlichkeit zugänglich. In ihm sitzen auch noch immer zwei der ursprünglichen hannoverschen Vereine, die Mitte des 19. Jahrhunderts den Anstoß zum Bau des Gebäudes gaben: Der hannoversche Kunstverein (gegründet 1832) und der hannoversche Künstlerverein (gegründet 1842). Gemeinsam mit den ebenfalls aus dem wissenschaftlich und kulturell interessierten Bürgertum Hannovers hervorgegangenen Naturhistorischen und Historischen Vereinen sowie dem Verein für öffentliche Kunstsammlung wurde 1851 ein Komitee gebildet, das als Ziel die Schaffung eines gemeinsamen Sammlungsgebäudes – entweder durch Ankauf eines bestehenden Baus oder durch einen Neubau – hatte. Durch Unterstützung des damaligen hannoverschen Königs, Georg V. (1819-1878), gelang der Erwerb des Grundstücks an der Sophienstraße 2 und im Februar 1852 die Auslobung eines Wettbewerbs für den Neubau eines „Museums für Kunst und Wissenschaft“. Der Ausschreibung zufolge war jeder „im Königreich Hannover wohnende, sowie jeder sich zur Zeit im Auslande aufhaltende in Hannoverschen Landen geborene Architekt [...] zur Preiswerbung zugelassen.“ Das Preisgericht war mit namhaften Leuten besetzt, z.B. mit Georg Ludwig Friedrich Laves (1788-1864), zu diesem Zeitpunkt Oberhofbaurat, und Hector Wilhelm Heinrich Mithoff (1811-1886), den man als Verfasser des ersten Kunstdenkmälerinventars für das spätere Niedersachsen kennt. Bis zur Abgabe der Entwürfe am 1. Mai 1852 stand der Baubeamte Christian Adolf Vogell (1806-1865) für Auskünfte bereit.
Es wurden 14 Entwürfe eingereicht, den ersten Preis erhielt Conrad Wilhelm Hase, den zweiten Christian Heinrich Tramm (1819-1861), dessen Hauptwerk das hannoversche Welfenschloss (heute Leibniz Universität Hannover) ist. Für Hase ist das Künstlerhaus einer der ersten eigenständigen Entwürfe. Zuvor war er nach längerer Wanderschaft zunächst bei der Königlich Hannoverschen Eisenbahndirektion und seit 1848 mit der Restaurierung der Klosterkirche Loccum beschäftigt gewesen und seit 1849 auch als Lehrender am Polytechnikum Hannover.
Die Grundsteinlegung fand am 27. Mai 1853 in Anwesenheit Georgs V. statt, der auch der Einweihung des fertigen Museums am 23. Februar 1856 beiwohnte.
Dabei war der Bauplatz verhältnismäßig bescheiden und der Neubau in eine bestehende Häuserreihe eingepasst. Der Hauptfassade nach Süden kam daher eine besondere Bedeutung zu. Gegliedert ist sie in fünf Zonen, symmetrisch gestaltet mit zwei Seitenrisaliten und einem Mittelrisalit, in dem – über eine Treppe erreichbar – auch der Eingang liegt. Errichtet in einer Mischung aus Backstein (die Backsteine und die Form- und Glasursteine stammten von der Lindner Ziegelei Stephanus) und Werkstein, durch den Wechsel aus rosa, gelben und roten Backsteinen sowie Steinen mit unterschiedlichen Glasuren entfaltet der dreigeschossige Bau eine besonders malerische vielfarbige Wirkung. Von Anfang an war er auch als „Vielzweckgebäude“ gedacht, denn er beinhaltete neben den Sammlungsräumen der verschiedenen Vereine vor allem auch Gesellschaftsräume zu deren Zwecken.
Die Fassade weist zudem ein interessantes Bildprogramm auf, das bereits von Anfang an im Haseschen Entwurf mit geplant war, aber erst 1870 umgesetzt werden konnte: An den beiden Seitenrisaliten stehen die von Bildhauer Wilhelm Engelhard (1813-1902) geschaffenen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) im Westen und Alexander von Humboldt (1769-1859) im Osten; am Mittelrisalit befinden sich zwei Künstler, nämlich der Maler und Graphiker Albrecht Dürer (1471-1528) links und der Bildhauer Adama Kraft (gest. 1509) rechts. Die rechte Figur wurde von Hase selbst fälschlicherweise als Peter Vischer d.Ä. (1455-1529) bezeichnet, was mittlerweile widerlegt ist. Beide Figuren wurden geschaffen von Carl Dopmeyer (1824-1899). Zusätzlich finden sich die allegorischen Figuren der Architektur und der Musik in den Zwickeln des Rundbogens im Giebel. Auffallend sind zudem die aus quadratischen, übereck gestellten blauen und weißen Keramikplatten bestehenden sternförmigen Rosetten auf der Wandfläche oberhalb der Blendarkaden – dies sind Motive, deren Vorbilder Hase, der sich 1852 längere Zeit in Italien aufhielt, wohl von dort (Florenz?) mitgebracht hat. Aufgrund seiner Abwesenheit in der ersten Bauphase wurde die Bauleitung vor Ort übrigens Emil Hackländer (1830-1902) übertragen.
In der rückseitigen Nordfassade gibt es bauzeitliche große Medaillons, die die verschiedenen Zweige der Kunst vom Architekten bis zum Terracottaproduzenten darstellen. Gestaltet wurden sie in der florentinischen Art eingebrannter Malerei auf Ton durch den Maler Georg Laves (1825-1907; Sohn von G. F. L. Laves). Der ursprüngliche rückwärtige Garten war eine Planung von Christian Schaumburg (1788-1868), dem damaligen Leiter des Georgengartens.
In den zunächst offenen Arkaden im Erdgeschoss der Hauptfassade sollten ursprünglich noch Malereien in Freskotechnik angebracht werden, die eine Darstellung der Entwicklung der menschlichen Kultur zum Inhalt haben sollten (diese sind in Zeichnungen auch überliefert), aus Kostengründen wurden sie nie verwirklicht. Hase mag dabei als Vergleich das Alte Museum in Berlin von Schinkel als Vorbild gehabt haben.
Um 1880 wurden die beiden Granitlöwen seitlich der Freitreppe vor dem Eingang hinzugefügt: Es handelt sich dabei um, ebenfalls von Dopmeyer geschaffene, fast originalgetreue Kopien der nach ägyptischen Vorbild geschaffenen Löwen, die am Fuß der Kapitolinischen Treppe in Rom stehen. Es ist unklar, was der Anlass der Aufstellung dieser Löwen war. Am ehesten bringt man dabei vielleicht die hannoversche „Thronnachfolge“ (im Exil) mit in Verbindung: 1866 endete das hannoversche Königreich mit der Annexion Hannovers durch die Preußen, 1878 starb Georg V. und ihm folgte sein Sohn Ernst August als Duke of Cumberland nach. Seinen möglichen gesamtdeutschen Thronanspruch versuchte Ernst August u.a. mit dem Bau der Cumberlandschen Gemäldegalerie 1883-86 als nördlichen Flügel des Museums für Kunst und Wissenschaft zu untermauern, sodass die Löwen als Herrschaftsinsignien – immer auch im Vergleich zur Berliner Museumsinsel zu betrachten – hierbei möglicherweise zu dieser Idee dazugehörten.
Im Grundriss war der Ursprungsbau von 1853/56 vierflügelig mit zwei Innenhöfen, die als verglaste Lichthöfe dienten, im Zentrum lag, hinter dem Eingang und dem Vestibül, das große Treppenhaus, größere Säle befanden sich v.a. im Westflügel und in den Obergeschossen. Das Haupttreppenhaus besitzt bis heute das ursprüngliche Gewölbe, das von Sandsteinsäulen getragen wird, die ehemals „reiche Bemalung der Wände und Gewölbe zur Auszeichnung des Haupteingangs-Vestibulums“ ist heute nicht mehr erlebbar, der Fußboden aus Steinzeug ist teilweise erhalten. Im östlichen Seitenrisalit lag von Beginn an eine zweite große Treppe, die bis ins zweite Obergeschoss führte, nach dem Krieg zunächst zurückgebaut wurde, heute aber wieder ergänzt ist.
Im Erdgeschoss befanden sich die Räume des Künstlervereins sowie des Architekten- und Ingenieurvereins, die großen Säle wurden gemeinsam und zusätzlich auch noch von der hannoverschen Singakademie genutzt. Im ersten Obergeschoss lagen die großzügigen Ausstellungsräume des Kunstvereins (teilweise von oben belichtet, was insbesondere Königin Marie bei der Erstbesichtigung 1856 lobte) sowie im Osten diejenigen des Historischen Vereins, und im zweiten Obergeschoss die Ausstellungsräume des Naturhistorischen Vereins mit einem großen zentralen Ausstellungssaal im Mittelrisalit.
Anlässlich der Eröffnung im Februar 1856 erschien ein ausführlicher Artikel in der Hannoverschen Morgenzeitung, in dem es u.a. heißt: „Diese Räume entsprechen vorläufig allen Anforderungen, doch ist im Plane auf eine später wahrscheinlich nöthig werdende Erweiterung des Gebäudes durch Fortsetzung der beiden Eckflügel, nach dem Hofe zu, vortrefflich Bedacht genommen.“ Man hatte also von Anbeginn an eine Erweiterung in Richtung des Hofes vorgesehen, der erste Flügel im Westen wurde noch unter Hase in den Jahren 1863 bis 1865 angefügt.
1866 wurde Hannover von Preußen annektiert, Georg V. ging ins Exil nach Österreich (damit endeten auch seine Stiftungsgelder, die er zuvor als jährliche Zuwendungen zugesagt hatte – diese wurden von der preußischen Provinz Hannover übernommen). Die im Künstlerhaus untergebrachten Sammlungen wurden 1869 offiziell vereinigt, die wenigen in der Stadt verbliebenen Musealia des Königshauses als Fideikommiss verwaltet und in die Ausstellung integriert. Ab 1869 hieß das ehemalige Museum für Kunst und Wissenschaft dann Provinzialmuseum, und die Provinz Hannover übernahm nach und nach die Verwaltung der Sammlungen, parallel dazu bestand das Museum für Kunst und Wissenschaft formell zunächst weiter. Man kann sich vorstellen, dass das Museum ab diesem Zeitpunkt trotz der ersten Erweiterung bereits wieder zu klein wurde. Entsprechend wurden zwischen 1876 und 1878 dann der Ost- und Nordflügel angebaut und zwischen 1882 und 1886 wurden die Ausstellungsräume des Provinzialmuseums neu gestaltet und die Cumberlandsche Galerie als weiterer Flügel nördlich des Gesamtkomplexes gebaut. Ab 1890 wurden auch hauptamtliche Museumskräfte für die Sammlungen im Provinzialmuseum angestellt und anschließend nach einem neuen Standort gesucht, aus dem dann 1895 der Wettbewerb am Maschpark und der Bau des neuen Provinzialmuseums (heutiges Landesmuseum) hervorging – 1902 zog das Museum dorthin um.
Das Gebäude an der Sophienstraße wurde 1902 von der Stadt Hannover übernommen und zum „Künstlerhaus“ umfunktioniert, was v.a. auch damit zusammenhing, dass nun mehr Vereine dort saßen und mehr Aufenthalts- und Versammlungsräume gebraucht wurden. Man nahm verschiedenen Bauarbeiten vor. An der Hauptfassade sind mehrere Veränderungen ablesbar, die aus dieser Bauphase stammen: So wurden die Erdgeschoss-Arkaden zu diesem Zeitpunkt geschlossen und den dahinter liegenden Gängen zugeschlagen sowie ein zweiter Ausgang im westlichen Seitenrisalit eingefügt. Dieser bedient eine neue Treppe, die zu einem neu ausgebauten großen Festsaal mit Bühne im Westflügel führte, der für Feiern, Konzerte und Theater genutzt wurde. Im zweiten Obergeschoss wurden nach Auszug der Naturhistorischen Gesellschaft mehrere Schulräume für Klassen eingerichtet. Die Bauleitung dieser Umbaumaßnahmen übernahm Stadtbauinspektor Otto Ruprecht (1860-1946), ein Schüler von Conrad Wilhelm Hase. Die Ausstattung der Räume erfolgte durch verschiedene Künstler, die von den einzelnen Vereinen beauftragt wurden. Eingeweiht wurde das neue „Künstlerhaus“ am 4. Januar 1903 und zu diesem Zeitpunkt abschließend der bis heute erhaltene Schriftzug über dem Haupteingang angebracht. Zeitgleich wurde dabei das 60jährige Bestehen des hannoverschen Künstlervereins gefeiert. Zum Jahreswechsel 1903 zog die Hannoversche Bauhütte zum weißen Blatt ebenfalls ins Künstlerhaus ein (der Schriftzug mit dem – leider fast verblichenen – ehemaligen Hüttenzeichen befindet sich bis heute an der östlichen Hofeinfahrt). Man mietete den nördlichen Teil des ehemaligen „Skulpturensaals“ im Westflügel, genauer in der Nordwestecke des Gebäudes im Erdgeschoss. Die sehr rührigen und aktiven Mitglieder der Bauhütte, die 1882 von Conrad Wilhelm Hase selbst begründet worden war (und die bis heute besteht), fühlten sich dem Haus ob der Architektenschaft ihres Altmeisters natürlich sehr verbunden und initiierten 1914 einen beschränkten Wettbewerb für ein Denkmal von Conrad Wilhelm Hase am Ostflügel des Künstlerhauses, den der Architekt Otto Lüer (1865-1947) und der Bildhauer Karl Gundelach (1856-1920), beide aktive Mitglieder der Bauhütte, gewannen. 1916 wurde das epitaphähnliche Denkmal eingeweiht und hängt bis heute an der Südseite des Ostrisalits.
Es folgten vergleichbar ruhige Jahre für das Haus, bis es im Zweiten Weltkrieg 1944/45 wie nahezu alle innerstädtischen Bauten in Teilen zerstört wurde, v.a. die späteren Flügelbauten fielen dem Krieg zum Opfer, während der ursprüngliche Kernbau weitgehend erhalten blieb.
1958 verkündete die Presse, dass die „Stadt Hannover (Kulturamt) beabsichtigt, das Künstlerhaus, Sophienstraße 2, wieder zu einem wirklichen Kulturzentrum auszubauen. Das Gebäude, dessen linker Flügel im Erd- und Kellergeschoß noch im Rohbau daliegt, soll im Endzustande erhalten: einen Festsaal mit Bühne für 150 Personen und entsprechende Nebenräume [...], eine Gaststätte mit Weinstube im Kellergeschoß.“ Bis 1961 entstand an alter Stelle im Westflügel ein neuer Theatersaal („Rambergsaal“) mit insg. 172 Sitzplätzen: das „Theater im Künstlerhaus“ wurde in den Folgejahren vielfach genutzt durch die Tanz- und Schauspielklassen der hmtmh und bildete 1965 neben Opernhaus, Ballhof und dem „Theater in der Humboldtschule“ das vierte reguläre Theater Hannovers. Nach dessen Auszug um 1980, zog 1983 das Kommunale Kino (gegründet 1974, das zuvor seinen Sitz in den Kinos am Raschplatz hatte) ein und ist seitdem eine feste Institution des Künstlerhauses – wie auch immer noch der Künstlerverein, der u.a. eine sehr wertvolle Graphische Sammlung hat, und der Kunstverein, der immer wieder spektakuläre Ausstellungen bietet – er war z.B. für die erste hannoversche Retrospektive der Künstlerin Niki de Saint Phalle in Hannover (Eröffnung am 2. März 1969) verantwortlich.
Ab 1984 wurden die Fassaden des Künstlerhauses umfassend saniert, ab 1995/99 auch die Innenräume, wobei es auch zu zahlreichen Rückbauten kam, wie z.B. die Wieder-Freilegung der zwischenzeitlich zugebauten Lichthöfe sowie einer Säule am östlichen Lichthof, der Wieder-Aufnahme der alten Raumabfolgen in den Räumen des Kunstvereins im ersten Obergeschoss und zum Neubau des Treppenhauses an alter Stelle im östlichen Seitenrisalit.2006 wurde zum 150jährigen Jubiläum des Hauses „Das Grosse Leuchten“ von Stephan Huber – der Kristallleuchter vor dem Künstlerhaus – installiert.
Das Hannoversche Museum für Kunst und Wissenschaft stellt einen ähnlich architektonischen Höhe- und Wendepunkt im Museumsbau dar wie die Karlsruher Kunsthalle von Heinrich Hübsch (1795-1863), hatte allerdings kaum Einfluss auf nachfolgende Museumsbauten – wohl auch wegen der Besonderheit dieser Bauaufgabe mit den unterschiedlichen Vereinen. Für Hannover ist dies einer der wichtigen Initialbauten der so genannten Hannoverschen Schule und zwar in einem noch frühen Stadium im so genannten Rundbogenstil. Wie bei allen Bauten der Hannoverschen Schule ist auch hier die sorgsame Durchbildung des Materials erkennbar, in dem sich Konstruktion und Komposition, Technisches und Ästhetisches ausdrücken.
Zum Weiterlesen:
Günther Kokkelink: Die Neugotik Conrad Wilhelm Hases – Eine Spielform des Historismus, Erster Teil: 1818 bis 1859, in: Hannoversche Geschichtsblätter, N.F. 22, Hannover1968, S. 83-88
Frank Achhammer: Die Bauhütte zum weißen Blatt - Eine Schöpfung Conrad Wilhelm Hases - und umgekehrt? Ein Beitrag zur Geschichte der Hannoverschen Schule. In: Hannoversche Geschichtsblätter N.F. 78, Hannover 2024, S. 103-135
Birte Rogacki-Thiemann: Die Bauhütte zum weißen Blatt - Eine Auswertung des "Hütten-Archivs". In: Hannoversche Geschichtsblätter N.F. 78, Hannover 2024, S. 71-102
Frank Achhammer/Birte Rogacki Thiemann: Die Hannoversche Schule im DA

