Der Krabbenkutter HINDERK, DIT 20
Von Christiane Curti
Der HINDERK ist ein Krabbenkutter in Holzbauweise, der 1969 auf der Bültjer Werft in Ditzum im Landkreis Leer gebaut wurde und das Fischereikennzeichen DIT 20 trägt. Konzipiert ist er für den Fang von Krabben bzw. Nordseegarnelen an der Ostfriesischen Küste bzw. in der Emsmündung. Er hat eine Länge von 15,51 m, eine Breite von 4,65 m sowie einen Tiefgang von 1,45 m und besitzt zwei Ausleger und Baumkurren. Zudem haben diese Kutter Vorrichtungen zur Sortierung und Verarbeitung (zum Kochen) der Krabben an Deck. Die Außerdienststellung des Kutters erfolgte 2004. Der Kutter ist nahezu im ursprünglichen Zustand erhalten.
Auf der Holzbootwerft Bültjer in Ditzum wurden u.a. mit dem Krabbenkutter JAN 1965 und dem Krabbenkutter HINDERK 1969 zwei speziell für den Krabbenfang ausgerüstete Schiffe gebaut. Beide gehören zur letzten Serie von Holzkuttern, die nachfolgend von Schiffen in Stahlbauweise abgelöst wurden, und dokumentieren daher eine vergangene Epoche des Schiffsbaus an der deutschen Nordseeküste.
Die sogenannte Granatfischerei hat für die Gewässer der Emsmündung und des Küstenraums um die Ostfriesischen Inseln eine besondere Bedeutung. Sie gehört zu den ältesten Kulturtechniken der Fischerei an der Nordsee. Wichtig für die Krabbenfischerei ist das örtliche Vorkommen der Nordseegarnele, die spätestens seit dem 17. Jahrhundert im Wattenmeer mit Netzten gefangen wurde. Obwohl die Garnele ein großes Verbreitungsgebiet hat (bis nach Marokko, zum Mittelmeer und zum Schwarzen Meer), ist sie auch für Deutschland bis heute von fischereiwirtschaftlicher Bedeutung. Der erwerbsmäßige Fang von Nordseegarnelen erfolgte zunächst mittels Reusen bzw. Stellnetzen im Emsstrom. Seit dem 19. Jahrhundert wird an der Nordsee mit Hilfe von Krabbenkuttern über zwei Ausleger mit der sogenannten Baumkurre gefischt, eine spezielle Technik, die in der Region entwickelt wurde. Heimathäfen der Kutter verfügen zudem häufig über einen Verarbeitungsbetrieb für den Fang. So gelangte auch der Ort Ditzum um 1900 zu gewisser Bedeutung für die Verarbeitung von Futtergranat und die wirtschaftliche Bedeutung der Krabbenfischerei an der Ems wuchs. Wenige Jahre später – um 1920 – wurde auch an der Ems und am Dollart die Kutterfischerei mit Baumkurre eingeführt.
Der dafür notwendige Schiffstyp wurde speziell für den Fang von Nordseegarnelen entwickelt. Er ging aus der Smack, einem englischen Schiff der Kanal- und Ostküste für die Hochseefischerei mit Schleppnetz, hervor. Der flachbodige, einmastig getakelte Krabbenkutter war jedoch mit 8-15 m Länge kleiner als die englischen Schiffe. Für die spezielle Fangtechnik wurden zudem zwei große Ausleger benötigt, an denen die Fangnetze, die sogenannten Kurren, befestigt sind. Sie werden seitlich ins Wasser gelassen und an Rollen gleitend über den Meeresboden gezogen. Bei der Baumkurre wird die horizontale Öffnung des Netzes mittels eines zwischen 9 und 10m langem Rundholz unter Wasser offen gehalten. An jedem Ende des Kurrbaums befinden sich Eisenkugeln und ein Eisen bzw. Kufen (heute meist aus Stahl), auf denen die Baumkurre über den Meeresboden gleitet. Ein Rollengrundtau/ Rollengeschirr beschwert die Baumkurre und erzeugt Erschütterungen während des Gleitens über den Meeresboden, wodurch die Krabben, wie auch Plattfische, die ebenfalls mit dieser Methode gefangen werden, aufgeschreckt und anschließend in den beutelartigen Grundschleppnetzen gefangen werden.
An Deck wurden die Garnelen zunächst von Hand und später durch Sortiermaschinen vom Beifang getrennt und anschließend aufgrund ihrer Verderblichkeit noch auf dem Kutter in mit Salzwasser gefüllten Kochkesseln gekocht und verarbeitet.
Die Kutter JAN und HINDERK waren bis zu ihrer Stilllegung 2002 bzw. 2004 im Bereich der Krabbenfischerei an der Ostfriesischen Küste in Betrieb. Die geschichtliche Bedeutung der beiden Krabbenkutter sowohl für den Schiffsbau wie auch für die Fischerei an der Nordseeküste und dem anschließenden Binnenland ist sehr hoch. Diese Art von Schiffstypus ist in Deutschland nur für den Bereich Schleswig-Holstein und Niedersachsen und ausschließlich für eine spezielle Fangmethode, die sich aus dieser Region heraus entwickelt hat, belegt. Der Krabbenkutter JAN konnte nicht erhalten werden und wurde bereits abgewrackt. Krabbenkutter HINDERK ist jedoch original aus der Erbauungszeit erhalten geblieben und dokumentiert als authentisches Zeugnis – wie bereits anfangs erwähnt – einen Schiffstypus in Holzbauweise, der in dieser fast unveränderten Form nur noch sehr selten anzutreffen sein dürfte.
Zwar sind noch immer hölzerne Kutter für den Krabbenfang in Betrieb, sodass der Krabbenkutter HINDERK nicht als letztes erhaltenes Exemplar angesprochen werden kann. Für Kutter HINDERK kann allerdings im Zusammenhang mit dem Hafen und Verarbeitungsstandort Ditzum sowie der dortigen langjährigen Tradition im Krabbenfischfang ein sehr hoher regionaler Bezug belegt werden. Der Bau des Schiffes auf der in Ditzum ansässigen Bültjer Werft unterstützt diese regional- und ortsgeschichtliche Bedeutung. Aufgrund seiner Wichtigkeit für die Geschichte der Schifffahrt und des Fischereiwesens an der Nordseeküste und aufgrund seines ungestörten Erhaltungszustandes prägt der Krabbenkutter HINDERK mit seinem Aussage- und Zeugniswert das maritime wie kulturelle Erbe mit. An der Erhaltung des Schiffes besteht ein öffentliches Interesse.
Seit 2005 ist der Krabbenkutter ein eingetragenes Kulturdenkmal.
Warum sind die beweglichen Denkmale nicht im Denkmalatlas Niedersachsen zu finden? Lesen Sie hierzu ein Extra-denkmal.thema zu den beweglichen Denkmalen im Verzeichnis der niedersächsischen Kulturgüter.
Zum Weiterlesen:
Hansen, Clas Broder/ Knuth, Peter: Lexikon der Segelschiffstypen, Oldenburg, 1987
Dudszus, Alfred: Das große Buch der Schiffstypen, Stuttgart 2004
Und zum Schauen:
Vom Schlickschlitten zum Hochseekutter

