Das Kontorhaus des Herrn Brachvogel am Jödebrunnen – Eine Braunschweiger Erfolgsgeschichte
Südwestlich des Altstadtringes von Braunschweig, heute eingerahmt von der Autobahn und einem Gewerbegebiet, befindet sich das Areal des Jödebrunnens, einer mittelalterlichen Anlage zur Wasserversorgung der Stadt Braunschweig. Unmittelbar südlich davon befindet sich auf einer kleinen Anhöhe ein eingeschossiges Bauwerk über querrechteckigem Grundriss mit vorgelagerter Veranda in Holzkonstruktion und unter steilem Walmdach: Als sogenanntes „Comptorgebäude für den Herrn Friedrich Brachvogel am Westbahnhof“ wurde dieses Bauwerk im Jahr 1899 nach den Plänen des Maurermeisters F. Schönemann aus der Braunschweiger Firma C. Braun/ F. Schönemann erbaut.
Die Firma Brachvogel war ein in Braunschweig ansässiges Unternehmen, das sich auf den Handel mit Hölzern, genauer auf den Import von Holz aus Nordeuropa, Russland und Amerika spezialisiert hatte. Die Verlagerung des Firmensitzes erfolgte im Jahr 1886 von der Braunschweiger Innenstadt (Beckenwerkerstraße) in das damals noch brachliegende, großzügige Areal des Westbahnhofes. Um diese Zeit bediente die Firma Friedrich Brachvogel zwei Geschäftszweige, den Holzhandel einerseits und das Lagerlogistikgeschäft andererseits. 1932 umfasste das Firmengelände rund 40.000 Quadratmeter, darunter ein stetig anwachsender Gebäudebestand. Das weitläufige Areal lag unmittelbar an der Eisenbahntrasse der ehemaligen Ringbahn und war mit vier eigenen Gleisanschlüssen ausgestattet. Mit Errichtung des sog. Comptorgebäudes erhielt das im Welthandel tätige Unternehmen ein exklusives, ausgelagertes Vorstandsbüro.
Der eingeschossige Bau misst 4,7 mal 7,85 Meter, die Veranda erstreckt sich entlang der gesamten östlichen Gebäudebreite bei einer Tiefe von 2 Metern. Es gibt ein Souterraingeschoss, für welches die künstliche Anhöhe entstand; durch den angeschütteten Boden konnte der Kellerraum konstruiert werden und an der Ostseite entlang des Hanges die zur Veranda führende Freitreppe entstehen.
Historisierende Details wie Wasserspeier in Form eines (wohl chinesischen) Drachens auf dem Dachfirst schmückten zur Entstehungszeit das Bauwerk. Die heutige Firstbekrönung mit Drachen und Jahreszahl 1899 ist eine Nachbildung. Die Haupterschließung erfolgt, von Osten kommend, über die Veranda, in den Keller führt eine schmale Außentür im Sockelbereich an der nördlichen Traufseite. Das größte Fenster ist auf das Bassin des Jödebrunnens hin nach Norden ausgerichtet.
Auf Grundlage eines historischen Fotos lässt sich der Innenraum als aufwändig gestaltet und qualitätvoll ausgeprägt erahnen; beim Betreten des Raumes dominiert der Kamin an der Westseite den ersten Raumeindruck. Eine Lambris in vertikaler Anbringung erstreckt sich bis zur Hälfte des Raumes, die Wandzone darüber ist mit Malerei versehen: Arkanthusranken in geschwungener, bisweilen ornamentaler Anordnung, den Kamin flankieren zwei weibliche Allegorien, mittig am Kamin findet sich ein Schiff mit den initialen CB auf den Segeln. Auf der Konsole des Kamins liest sich der Sinnspruch: „Kämpfe, strebe aber lebe. Schaffe, ringe, aber singe.“ Neben der Malerei und den neugotischen Möbeln trugen Buntglasfenster erheblich zu dem historisierenden Raumeindruck bei.
Die Nutzung des Gebäudes durch den Unternehmensinhaber Brachvogel war sowohl privat als auch geschäftlich. Zwischen 1899 und 1933 wurde der Innenraum als separates Büro von Brachvogel genutzt; die aufwändige und durchaus repräsentative Ausstattung könnte auch auf eine Nutzung als Empfangsraum für Geschäftskontakte hindeuten. Das Haus war umgeben von einer Gartenanlage, die fließend in die Umgebung des Jödebrunnens überging. Die kompakte Größe und Lage deuten auf einen eher privaten Rückzugsort hin; statt eines großzügigen Empfangsraumes offenbart sich ein kleiner, behaglicher Raum, etwa nach Vorbild eines klösterlichen Skriptoriums oder der Schreibstube eines Humanisten der Renaissance. Im Büroraum gab es außer dem Kamin keine Wärmequelle. Wenn dieser nicht an war, konnte der Raum von einem Ofen im Souterraingeschoss beheizt werden: Die warme Luft dort trat durch (bis heute erhaltene) Luftschlitze in der Decke zum Bürogeschoss empor (erhalten). Man hatte damit eine Art Warmluftheizung geschaffen. Um vom Büro zum Souterrain zu gelangen, musste man übrigens nicht nach draußen gehen. In der Südwestecke befindet sich eine Holzklappe, die eine winzige Wendeltreppe in den Keller verbirgt. Das Haus bot genug Platz für einen Arbeitsplatz, Empfangsmöbel sowie für einen kleinen funktionalen Bereich mit Sanitär- und Kochgelegenheiten im Souterrain. Es war Arbeits- und Erholungsraum zugleich.
Der Leerstand des Gebäudes und die geringen Pflegemaßnahmen am Gebäude, die nach dem Tod des Erbauers, spätestens aber nach der Betriebsauflösung im Jahr 1933 zu verzeichnen waren, setzten dem Bauwerk zu, erste Verfallserscheinungen traten auf. Das stadtplanerisch bisweilen als schwierig erachtete, eher stiefmütterlich behandelte Terrain rund um den Westbahnhof sollte mittels des Städtebauförderung-Programms ab 2011 aufgewertet werden. Dabei geriet das verbarrikadierte, vor Vandalismus nicht gefeite Kontorhaus in den Blick engagierter BürgerInnen und der aufgeschlossenen Stadtverwaltung: Es konstituierte sich ein Verein, der eine Ideenwerkstatt organisierte und zu breiter Beteilung aufrief, um sich mit Perspektiven für das Gebäude auseinanderzusetzen. Es wurde ein Konzept erarbeitet, welches ausschlaggebend und grundlegend für die anstehende Sanierung war.
Aufgrund seiner stadtgeschichtlichen Bedeutung im Zusammenhang mit der Firma Brachvogel und deren Expansion im ausgehenden 19. Jahrhundert sowie der geschichtlichen Zeugniswerte für die planmäßige Stadterweiterung im Bereich außerhalb der Ringgebietes ist der pavillonartige Bau ein prägendes historisches bauliches Zeugnis. Er gehört zu einer Objekttypgruppe, welche nur noch selten erhalten ist und deren bau- und sozialgeschichtlicher Zeugniswert dafür umso größer ist. Zum einen wird dem Bauwerk mit für die Epoche beispielhaften baugeschichtlichen Schauwerten und der damit verbundenen historischen Aussagekraft für ein Kleinbauwerk mit repräsentativem Anspruch innerhalb eines ehemals auch gartenkünstlerisch gestalteten Freiraumes eine besondere geschichtliche Bedeutung zuteil. Zum anderen zeugt es auch exemplarisch von der Firmengeschichte eines erfolgreichen mittelständischen Unternehmens aus Braunschweig, das sich im Zuge der Betriebserweiterung und einer beginnenden Intensivierung internationaler Handelskontakte im außerkernstädtischen Bereich niederließ und die neu aufgebaute Infrastruktur in direkter Nähe des Westbahnhofes zu nutzten wusste, und hat daher wirtschafts- und sozialgeschichtliche Schauwerte.
Im Zusammenhang mit dem Areal des Jödebrunnens wird dem Pavillon auch eine kulturgeschichtliche Bedeutung zuteil. Bis 1864 war dieser Teil der Wasserversorgung Braunschweigs. Vor den Toren Stadt errichtet, erstmals nachweislich Mitte des 14. Jahrhundert erwähnt, bestand seine Funktion sowohl in der Wasserverteilung als auch in der Wassergewinnung. Man fing dort in einem Auffangbecken das Schichtenwasser ein und leitete es über zwei Kilometer in der sogenannten Pipenleitung in Eichenholz-Rohren bis zum Marienbrunnen im Westen der Braunschweiger Kernstadt. Die Brunnenanlage ist ein wichtiges Kulturdenkmal, welches die Geschichte der Wasserversorgung in der mittelalterlichen Stadt erfahrbar macht. An diese räumliche Nähe knüpft das derzeitige Nutzungskonzept des Kontorhauses an. Es hat u.a. die Vermittlung dieser besonderen historischen Bedeutung des Areals zum Ziel.
Die Wiederinstandsetzung des Kontorhauses und seine Umnutzung stehen nicht nur beispielhaft für den ressourcenschonenden Umgang mit einem Bauwerk, das wesentliche Schauwerte über die Geschichte der Industrialisierung Braunschweigs preisgibt, vielmehr steht es auch in einem engen stadträumlichen Zusammenhang in dem Versuch, Gewerbebrachen zu revitalisieren und einer nachhaltigen Nutzungsperspektive zuzuführen.
Die Sanierung des Objektes wäre nicht ohne das große bürgerschaftliche Engagement geglückt. Dank der Verdienste des Vereins Kontorhaus am Jödebrunnen e.V. und weiterer ehrenamtlicher Akteure konnte das Objekt umfassend saniert, mit einer regelmäßigen Nutzung als Veranstaltungsort wieder erlebbar gemacht und somit der Öffentlichkeit zugeführt werden. Als Teil des Sanierungsgebietes „Soziale Stadt – Westliches Ringgebiet“ wurden Mittel der Städtebauförderung sinnvoll eingesetzt, um das Kontorhaus vor dem drohenden Verfall zu retten und dank einer umfassenden Sanierung wieder erfahrbar zu machen. Die Städtebauförderung stand in Verbindung mit einer Förderung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (Lotterie GlücksSpirale und Richard Borek-Stiftung). In der Nähe zum Jödebrunnen, einem bedeutsamen Kulturdenkmal mit herausragender wissenschaftlicher Bedeutung und hohen stadtgeschichtlichen Zeugniswerten, erhält das Bauwerk als Ort der Begegnung und als Lernortes zum Thema Wasser, Ressourcennutzung eine zusätzliche Dimension. Neben dem Treffpunkt für Jung und Alt mittels verschiedener Veranstaltungsformate steht der Vermittlungsaspekt stets im Vordergrund. Umwelt und Baukultur, Industrie- und Wirtschaftsgeschichte sowie Baugeschichte werden vielfältig beleuchtet. Im Jahr 2023 erfolgte – ebenfalls aus Mitteln der Städtebauförderung, getragen zu gleichen Teilen von Bund, Land Niedersachsen und Stadt (insgesamt 80.000 Euro) – die Neugestaltung der Außenanlagen, sodass der sog. Kontorhausgarten als Wirk- und Aktionsraum in das Nutzungskonzept des Vereins seit 2024 miteinbezogen werden kann.
Dieses erfolgreiche Projekt kann bespielgebend für die Revitalisierung weiterer historischer Bestandsgebäude wirken: Bürgernähe, Transparenz und Dialogfähigkeit, politischer Konsens und unermüdlicher Tatendrang sowie Ideenreichtum der Initiatoren waren hierbei Faktoren, die Synergien ausbildeten und den Erfolg des Projekts ausmachten. Das ganzheitliche Zusammenwirken verschiedener Disziplinen lässt das kreative Potential erahnen, das noch in vielen weiteren historischen Gebäuden der niedersächsischen Kulturlandschaft steckt und lässt hoffen, dass die Sensibilisierung für dieses baukulturelle Erbe auch weiterhin gelingt.
Zum Weiterlesen:
Vereinshomepage Kontorhaus am Jödebrunnen e.V.
Förderbericht Instandsetzung des Jödebrunnenbeckens - Monumente online
Das Kontorhaus am Jödebrunnen in Denkmalatlas Niedersachsen

