Der Oste-Hamme-Kanal und die Klappstauwehre

Von Maja Albert

 

Als das Herzogtum Bremen-Verden 1712 bzw. 1715/1720 durch Kauf an das, in Personalunion mit dem Königreich Großbritannien regierte, Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg fiel, lagen bereits umfangreiche Erfahrungen in der Moorkolonisation vor: „Unordentlich, ohne Erlaubnis und Anweisung […]“ war das Moor bisher besiedelt und genutzt worden, so dass der Ruf nach landesherrlichen Ordnungsmaßnahmen zur „Einführung guter Ordnung und beßerer Nutzung der Möhren“ ab der Mitte des 18. Jahrhunderts laut wurde. Mit dem Ziel der Besiedlung und damit Nutzbarmachung des Moores wurden dessen Entwässerung und Erschließung durch den Bau des Oste-Hamme-Kanals ab 1766 begonnen. Die Leitung überantwortete man dem späteren Moorkommissar Jürgen Christian Findorff, dem älteren Bruder des in mecklenburg[-schwerin]ischen Diensten stehenden Johann Dietrich. Die Kolonisten sollten zunächst Torf abbauen und verkaufen und auf den Flächen schließlich Landwirtschaft betreiben, so dass neben der Entwässerung, vor allem der Hochwasserschutz der Anbauerhofstellen und die Nutzung als Verkehrs- und Transportweg im Mittelpunkt des Kanalbauprojektes standen.

Durch die Zuflüsse aus den Wasserlösen und die Hofstellen trennenden Grenzgräben war zwar genug Wasser in den Schiffgräben vorhanden, eine Stauhaltung war aufgrund des Gefälles dennoch erforderlich. Zunächst wurden einfachste Schütte errichtet, die allerdings jeweils einen großen Zeit- und Wasserverlust bedeuteten. Fugendicht aufeinandergesetzte Bretter in Holzführungen rechts und links am Grabenrand mussten von jedem Torfschiffer gezogen und nach der Passage wieder gesetzt werden.

Als wesentliche technologische Verbesserung kann daher die Invention des Klappstauwehres des auf Findorff folgenden Moorkommissars Claus Witte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelten. Der platte Bug des Torfkahns schiebt sich auf den Klappstau und drückt ihn unter Wasser, währenddessen die Staustufe Wasser verliert und den Kahn mit sich zieht (vgl. die historische Abbildung). Nach der Passage schiebt der Wasserdruck den Klappstau empor und er ist wieder aktiv. Durch diese automatische, die natürlichen Wasserkräfte nutzende Konstruktion konnte eine erhebliche Zeitersparnis erreicht werden.

Der Oste-Hamme-Kanal einschließlich seiner neun Klappstauwehre und querenden Stege ist seit dem 12. Oktober 1994 in das Verzeichnis der Kulturdenkmale des Landes Niedersachsen aufgrund seiner Bedeutung für die Landes-, Siedlungs- Wirtschafts- und Technikgeschichte sowie seiner Seltenheit und wegen seines prägenden Einflusses auf das Landschaftsbild eingetragen. In den letzten beiden Jahren (2022/2023) wurde die Rekonstruktion von drei Klappstauwehren mit Landesmitteln der Denkmalpflege gefördert. Eine kontinuierliche Aufgabe, führen doch Hinterspülungen und mechanische Beanspruchung in Folge von Hochwasser, erhöhter Fließgeschwindigkeit und mitgeführtem Treibgut regelmäßig zu Schäden. Besonderes Augenmerk lag auf der Ausführung nach historischem Vorbild, also der materialgerechten und technikhistorisch überlieferten Bauweise: Ein in Leinöl getränkter circa 0,5 cm dicker Schweinslederstreifen wurde jeweils zwischen den horizontalen Tannenholzbrettern montiert und gewährleistet die Beweglichkeit des Staus. Eingehaust ist die Doppel-Konstruktion in einem Eichenholzverbau innerhalb der seitlich einfassenden Deiche.

Das Thema Urbachmachung der Moore, Klappstauwehr und Infrastrukturmaßnahmen während der Personalunion ließe sich beliebig weiterspinnen – weitere Denkmale, wie die Findorffkirche von Gnarrenburg gehören zum Beispiel ebenso zu diesem Komplex.

In Gnarrenburg findet übrigens jedes Jahr die „Klappstauregatta“ statt, bei der mehrere Kanuten versuchen, den einen oder anderen Klappstau auf dem Oste-Hamme-Kanal zu bezwingen und nebenbei Rätselaufgaben zu lösen.  

 

Der vorliegende Text erschien in ähnlicher Form bereits in: Die Denkmalpflege 1/2024, S. 89-90.

 

Zum Weiterlesen:

https://glv-teufelsmoor.de/

Moorkultivierung und Moorkolonisation zwischen Ems und Elbe

https://spreckens.de/freizeit/historischer-klappstau/

 

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