Die Industriedampflokomotive „Pledgery“ der Hanomag

Von Christiane Curti

Die Dampflokomotive mit der Bauartbezeichnung B-Zwilling Nassdampf-Tenderlokomotive (Anzahl von gekuppelten/ gemeinsam angetrieben Achsen, entsprechend Alphabet; B = zwei Achsen), welche auch unter dem Kennwort „Pledgery“ hergestellt wurde, ist 1910 als zweiachsige Tenderlokomotive für den industriellen Betrieb in Hannover hergestellt worden. Von dieser Baureihe wurden insgesamt etwa 60 Exemplare im Zeitraum von 1909 bis 1915 gebaut. Die Dampflok in Burgwedel war mit der Fabriknummer 5426 die vierte dieser Bauart. Jede Lok der Baureihe hatte mehrere Kennwörter, die immer an die modernen Gegebenheiten angepasst wurden, so war die erste Lok die „Pledgery“ und es folgte die „Torino“, die mit der Fabriknummer 6103 auf der Weltaufstellung in Turin 1911 ausgestellt wurde. Das zeigt die Bedeutung dieser kleinen Industrieloks, die aufgrund ihrer Geschwindigkeit von mehr als 25 km/h für die entsprechenden Werke und Betriebe von großem Nutzen waren. Erhalten haben sich von diesen Industrie- bzw. Werksbahnen in Niedersachsen und wohl deutschlandweit nur zwei Exemplare.

Gebaut wurde die „Pledgery“ von der Hannoverschen Maschinenbau AG, kurz Hanomag, die 1871 in Hannover gegründet wurde. Vorläufer des Unternehmens war die Eisen-Giesserey und Maschinenfabrik Georg Egestorff, welche bereits 1835 im damaligen Dorf Linden ihren Anfang nahm. Neben Nutzfahrzeugen wie Baumaschinen stellten die Unternehmen auch Zugmaschinen, darunter zahlreiche Lokomotiven her. Bereits 1846 wurde die erste Dampflokomotive („Ernst-August“) an die Königlich Hannöversche Staatseisenbahn geliefert. Viele Jahrzehnte gehörte die Hanomag zu den bedeutendsten Lokomotivproduzenten in Deutschland. Im heutigen Niedersachsen wurden sämtliche Staatsbahnen – sowohl die von Braunschweig und die des Königreichs Hannover, nach 1866 die Preußische und ab 1894 auch exklusiv die Oldenburger Staatsbahn – beliefert. Darüber hinaus gehörten Werk- und Privatbahnen zu den Abnehmern.

Ausgeliefert wurde diese Lokomotive 1912 an die Schiffswerft AG Weser in Bremen-Gröpelingen, wo sie als Lok Nr. 4 im Hafen nachweislich u.a. zum Bau des Linienschiffs „Markgraf“ 1913, an drei kleinen Kreuzern der Graudenz- und Königsberg-Klasse (1914-16), an zahlreichen U-Booten (1914-18), am Turbinenschnelldampfer „Bremen“ von 1929 und letztendlich auch beim Bau des U-Boot-Bunkers „Hornisse“ eingesetzt wurde. In Betrieb war die Lok auf dem Gelände zum Materialtransport bis zum 1. April 1933 und wurde anschließend an die Spedition Paul Klempt im Industriehafen (Ölhafen) von Bremen verkauft, wo sie noch bis 1972 als letzte Industriedampflokomotive eingesetzt wurde. 2000 wurde sie vom heutigen Eigentümer erworben.

Die zweiachsige Tenderlokomotive, bei der die Wasser- und Brennstoffvorräte in Behältern auf der Lokomotive selbst mitgeführt worden sind (Dampf- und Sanddom sowie Kohlevorrat), hat eine Spurbreite von 1435 mm, eine Länge von 6925 mm, eine Breite von 2600 mm und eine Höhe von 3305 mm. Zudem wog sie im Leergewicht 14,7 t und im Dienstgewicht 20,1 t. Die Lok besaß einen einfachen Blechrahmen mit einer Stärke von 9 mm, der zudem als Wasserkasten ausgebildet war. Die Kohle befand sich rechts und links vom Führerhaus. Betrieben wurde die Dampflokomotive mittels Heusinger-Steuerung und geschwungener Schleife zu den Zylindern, die mit Flachschiebern realisiert waren. Gebremst wurden die Hinterräder zweiseitig von Hand. Die Beleuchtung erfolgte mit Petroleumbeleuchtung – zwei vorn und zwei hinten.

Die „Pledgery“ hat einen direkten Niedersachsenbezug, da sie von einem der größten hannoverschen Industriebetriebe, der Hanomag, erbaut wurde. Darüber hinaus zeigt die Lokomotive einen bestimmten Schienenfahrzeugtypus, wie er in größeren Werken und Betrieben häufig eingesetzt worden ist. Alleinstellungsmerkmal der Lok ist die Bauart, die in dieser Form in nur einem begrenzten Zeitraum erbaut worden ist und den Forderungen der Industrie an mehr Leistung und Geschwindigkeit entspricht. Entsprechend wurde diese Baureihe auch auf der Weltausstellung 1911 präsentiert. Somit ist die „Pledgery“ eines der letzten erhaltenen Dokumente des Lokomotivbaus für Werks- und Privatbahnen aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Dadurch tritt zur geschichtlichen Bedeutung für die Verkehrs- und Technikgeschichte auch eine wissenschaftliche Bedeutung mit einem Seltenheitswert hinzu.

Durch den erfolgten, vollständigen Wiederaufbau kann an der Lokomotive der originale Ablieferungszustand von 1910 und somit der ursprünglich konzipierte Aufbau mit entsprechendem Antrieb anschaulich nachvollzogen werden. Im Gegensatz zu anderen (beweglichen) Objekten, die im Laufe ihrer Inbetriebnahme erforderliche Anpassungen an eine weitere und vollumfängliche Nutzung aufweisen (Einbau von zusätzlichen Motoren bei Schiffen, v.a. ursprünglichen Segelschiffen etc.), greift bei der Dampflok der Umstand, dass aufgrund einer Teildemontage retrospektiv der Ablieferungszustand von 1911 wiederhergestellt worden ist.

Seit 2024 ist die Lok ein eingetragenes Kulturdenkmal.

 

Warum sind die beweglichen Denkmale nicht im Denkmalatlas Niedersachsen zu finden? Lesen Sie hierzu das denkmal.thema Bewegliche Denkmale – mobiles Kulturgut mit eigenen Gesetzmäßigkeiten!

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.