Am Hohen Ufer: Das Historische Museum in Hannover

Von Rocco Curti und Birte Rogacki-Thiemann

Das Historische Museum Hannover wurde 1903 als "Vaterländisches Museum der Hauptstadt Hannover" mit ursprünglichem Sitz in der Prinzenstraße (die Reste dieses Museum bildet heute die Cumberlandsche Galerie) gegründet. Bereits 1935 existierten drei dezentral untergebrachte Abteilungen für Stadtgeschichte, Landesgeschichte und Volkskunde. Im Zweiten Weltkrieg und durch die damit einhergehenden Bombenangriffe wurden 1943 mehrere Standorte und Teile der Sammlungen geschädigt. Das Museumsgut wurde ausgelagert. Obwohl auch das Stammhaus an der Prinzenstraße größtenteils zerstört worden war, begann der kommissarische Leiter des Museums, Helmut Plath (1911-1990), mit der provisorischen Rückführung der Bestände dorthin. Die beengten Umstände und das Anwachsen des Sammlungsbestandes machte schließlich die Suche nach einer dauerhaften Unterbringung erforderlich.

Unter Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht (1910-1999) wurde 1949 mit der Erarbeitung des Aufbauplans für die Innenstadt Hannovers begonnen. In diesem Zusammenhang wurden auch Vorschläge zur Standortfindung für einen Museumsneubau zwischen Plath und Hillebrecht diskutiert, in deren Folge man sich schließlich auf den Platz am Hohen Ufer einigte. Zudem hatte Plath bereits genauere Vorstellungen zum Raumprogramm des Neubaus entwickelt: Drei Sammlungsbereiche, Räume für Studiensammlung/Magazin, Verwaltung, wissenschaftliche Hilfsmittel und Werkstätten sollten hergestellt werden. Hillebrecht versuchte zunächst den Architekten Paul Bonatz (1888-1958), der in Hannover 1911-14 den Stadthallenkomplex auf der Kleinen Bult gemeinsam mit Friedrich Eugen Scholer realisiert hatte und Anfang der Fünfziger Jahre wiederum in Hannover an deren Wiederaufbau beteiligt war, für den Entwurf des neuen Museums zu gewinnen. Erste Entwurfsüberlegungen von Bonatz zeigten damals bereits die vom heutigen Bau bekannte Gruppierung der Baumassen um einen unregelmäßigen Innenhof. Die Planungen wurden jedoch aufgrund dringender Bauaufgaben wie insbesondere der vordringlichen Beseitigung der Wohnungsnot zunächst zurückgestellt.

Erst 1960 wurde seitens der Stadt ein Wettbewerb zum Neubau des Heimatmuseums am Hohen Ufer ausgeschrieben, in welchem die Erhaltung der vor Ort vorhandenen Reste historischer Bauten ebenso wie die Vermeidung einer "heimattümelnden" gestalterischen Anpassung gefordert wurde. Aus dem Wettbewerb gingen Dieter Oesterlen (1911-1994) und Gerhard Graubner (1899-1970) als gleichberechtigte Erstplatzierte hervor. Beauftragt wurde schließlich Oesterlen, der heute bundesweit als einer der führenden und prägenden Architektenpersönlichkeiten der Nachkriegszeit sowie als Mitbegründer der sogenannten Braunschweiger Schule bekannt ist. Als seine Hauptwerke gelten in Niedersachsen der Wiederaufbau der Marktkirche Hannover (1946-52) sowie der Wiederaufbau und die Neugestaltung des Leineschlosses für den Niedersächsischen Landtag (1957-62), der Bau der Zwölf-Apostel-Kirche in Hildesheim (1964-67) und das Chemie-­Hörsaalgebäude an der TU in Braunschweig (1957-59), darüber hinaus war Oesterlen aber auch bundesweit und international tätig, u.a. stammt der Deutsche Soldatenfriedhof Futapass nördlich von Florenz (1962-67) und das Gebäude der Deutschen Botschaft in Buenos Aires (1980-83) von ihm.

Die Bauzeit des Museumsgebäudes am Hohen Ufer in Hannover liegt zwischen1964 und 1967. Gebaut wurde auf einem am östlichen Leineufer gelegenen Grundstück eines kriegszerstörten Baublocks, auf dem der mittelalterliche Beginenturm, die daran anschließenden Stadtmauerreste und Fragmente des ehemaligen Zeughauses erhalten waren. Der Neubau, der sich östlich an diese Reste anfügt, ist ein dreigeschossiger Stahlbetonbau auf unregelmäßigem Grundriss, der mit Flachdach abschließt. Die Fassaden werden geprägt durch die Betonskelettkonstruktion und das Bruchsteinmauerwerk aus Ruhrsandstein, im Osten ist der Baukörper markant gestaffelt ausgebildet. Es bestehen Blickbeziehungen über große, geschosshohe Verglasungen zu den umliegenden Bauten, zudem, von der Dachterrasse aus, auch zur Calenberger Neustadt im Westen der Altstadt. Der Bau umringt einen begrünten Innenhof mit Wasserbecken und bezieht die erhaltenen historischen Elemente mit in seine Gestaltung ein.

Die Nutzung des Bauwerks umfasste, nach einem von Museumsdirektor Plath erarbeiteten Plan, sowohl Ausstellung als auch Verwaltung, Depots und Werkstätten in einem gemeinsamen Bau. Das ursprüngliche innenräumliche Konzept, von Plath und Oesterlen in kongenialer Zusammenarbeit geplant und umgesetzt, sieht größere Bereiche für die landesgeschichtliche, die stadtgeschichtliche und die volkskundliche Abteilung, sowie einen Bereich für Wechselausstellungen vor. Dabei waren das Ineinanderfließen der Räume, das freie Zusammenspiel von Schausammlung und Wechselausstellung und eine weitestgehende Flexibilität von größter Bedeutung. Die eher statischen Zonen der Nebenräume, der Verwaltung, des Magazins und der Werkstätten wurden daher in Randbereichen im Kellergeschoss, in Teilen des Erdgeschosses und im Dachgeschoss untergebracht. Die Bibliothek mit Leseraum, der Archivraum und der Unterrichtsraum bzw. Vortragssaal sind flankierend zu den besucherfrequentierten Hauptzonen platziert. Auf tragende Wände wurde innerhalb des Museums weitestgehend verzichtet, um eine räumliche Wandelbarkeit von Zeit zu Zeit zu gewährleisten. Der Rundgang durch die Abteilungen war in oben genannter Abfolge unter Einbeziehung des Innenhofs vorgesehen. Den Besuchern wurde durch die geschickte Positionierung der Erschließungszonen und der Treppenhäuser zudem ermöglicht, auf kurzen Wegen je nach Bedarf einzelne Teilbereiche auch als in sich thematisch abgeschlossene Kompartimente zu besuchen und danach an einen Ausgangspunkt zurückzukehren.

Legendär geworden ist die während der Werkplanung geführte Diskussion zur Fassadenmaterialität, in der sich letztendlich Hillebrecht mit der Wahl des helleren Ruhrsandsteins - auch in Anpassung an die Materialitäten der vorhandenen historischen Baufragmente - gegen die Vorstellungen Oesterlens, der lieber dunklen Backstein verwendet hätte, durchsetzen konnte. Dem gesamten Objekt wohnt jedoch ansonsten die ausgeklügelte Farb- und Materialkonzeption Oesterlens inne. So wurde beispielsweise ein dunkles Natursteinmaterial (norwegischer Solveig-Quarzit) für den Fußboden des offenen Foyers, des Übergangs zum Innenhof sowie der angrenzenden inneren und äußeren Bereiche genutzt. Die drei größeren Museumsabteilungen sind im Folgenden im Fußbodenbereich durch den Einsatz verschiedener Materialien gestalterisch voneinander abgesetzt, so wurde der „höfische Bereich“ der landesgeschichtlichen Abteilung mit großformatigen Sandsteinplatten, der „bürgerliche Bereich“ der stadtgeschichtlichen Abteilung mit einem hellen Spannteppich und die volkskundliche Abteilung mit verschiedenen kleinformatigen Tonfliesen ausgestattet.

Das Historische Museum Hannover wurde in den Jahren nach der Eröffnung mehrfach publiziert (Bauwelt 1967, dbz 1967, Glasforum 1967, Baumeister 1968) und auch hochwertig fotografiert (u.a. durch den hannoverschen Fotografen Wilhelm Hauschild [1902-1983] als auch durch den in Braunschweig und Wolfsburg ansässigen international tätigen Fotografen Heinrich Heidersberger [1906-2006]). Es fand so auch schnell international Anerkennung. Durch die gestalterische Einbeziehung der mittelalterlichen und neuzeitlichen Architekturelemente liegt hier ein bundesweit frühes Beispiel für eine kontextangepasste Architektur vor. Die Verbindung von Alt und Neu und die Reaktion auf umgebende Bauten in der Altstadt wurde in Fachkreisen - über das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 hinweg - hoch gelobt und gilt heute als wegweisender historischer Beitrag für das Bauen im Bestand in der Bundesrepublik Deutschland. Der Umgang mit historischer, teilweise auch kriegszerstörter Bausubstanz in der noch jungen Bundesrepublik ist hier beispielhaft sensibel und nachvollziehbar gelungen. So nimmt das Bauwerk in städtebaulich markanter Lage am Rande der Altstadt und am Hohen Ufer gelegen, gestalterisch­-konzeptionell selbstverständlich einen wichtigen Platz in der Entwicklungsgeschichte der niedersächsischen Architektur ein.

 

Im Moment (April 2024) steht die umfassende Sanierung des Gebäudes an. Seit 2023 wird die Sanierungsplanung für das Historische Museum am Hohen Ufer dazu konkretisiert, dies unter anderem auf Grundlage bauhistorischer Recherchen und restauratorischer Untersuchungen. Mit den denkmalfachlich begleiteten Maßnahmen soll etwa Anfang 2025 begonnen werden. Die Gesamtsanierung des Museums wird durch den Bund, aus dem Etat der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) als Zuschuss für investive Kulturmaßnahmen bei Einrichtungen im Inland, über mehrere Jahre hinweg gefördert.




weiterführende Links:

Das Historische Museum Hannover im Denkmalatlas Niedersachsen.

Hier können Sie das Stadtpanorama am Hohen Ufer aus dem Jahr 1925 virtuell "betreten" und erleben:
https://h-story.de/1925/

 

 

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.