Vom Patrizierhaus zum Hotel: Das Brusttuch

Von Günter Piegsa

Innerhalb der früheren Stadtbefestigung mit ihren Mau­ern, Türmen, Toren und Kasematten bietet die Altstadt von Goslar eine nahezu unübersehbare Fülle an histori­schen Bauwerken. Sie reichen von der Pfalz, der Dom­vorhalle, den Kirchen, dem Rathaus, den Hospitälern und den Gildehäusern über gewerbliche Bauten wie den Mühlen und Braustätten hin zu den Wohnhäusern von Patriziern, Handwerkern und Bergarbeiterfamilien.

Das Brusttuch gehört wie die Kaiserworth zu den ein­drucksvollsten Häusern in Goslar. Anders als die Kai­serworth war es ursprünglich kein Gilde-, sondern ein Patrizierhaus. Aber wie die Worth wurde es im 19. Jahr­hundert zum Hotel umgenutzt. Und wie bei der Worth eröffnet die Hans-Joachim Tessner-Stiftung als neue Eigentümerin dem früheren Wohnhaus des wohlhaben­den Patriziers Johannes Thiling und seiner Frau Alheit Wegener nach mehr als zweijährigem Leerstand nun eine Zukunft im Umfeld des Marktplatzes und im Welt­erbe Goslar.

Der Bauherr des Brusttuches, Johannes Thiling, ge­hörte einer seit dem 12. Jahrhundert in Goslar ansässi­gen Familie an. Johannes war Sohn eines Kaufmanns, studierte in Leipzig und Frankfurt (Oder) Jura und erwarb den Titel eines Magisters. Als vermögender und gebilde­ter Bürger konnte er Reichtum und Bildung mit seinem Wohnhaus an dieser exponierten Stelle gegenüber der Turmfront der Marktkirche baulich zur Schau stellen.

Das Brusttuch ist drei Jahrzehnte jünger als die Worth. Es wurde von Thiling möglicherweise in zwei Bauab­schnitten 1521 und 1525/26 errichtet. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Jahreszahl 1521 über dem Spitzbo­genportal an der Giebelfront „nur“ auf die Hochzeit Thi­lings mit Alheit Wegener hinweist, da sie mit dem Allianz­wappen des Bauherren und seiner Frau kombiniert ist.

Brusttuch: Ein ungewöhnlicher Hausname

Der trapezförmige Grundstückszuschnitt an der Einmün­dung des Hohen Weges und des Stobens in die Markt­straße hat zur Folge, dass die Giebelseite des Hauses relativ schmal in einem steilen Spitzgiebel ausläuft, wäh­rend sich das Gebäude nach Süden deutlich verbreitert und die Dachneigung bei gleichbleibendem First- und Traufverlauf flacher ausgebildet wird. Auf dem steiner­nen Erdgeschoss mit gotischen Fensterumrahmungen sitzt ein reich geschnitztes Fachwerkgeschoss auf. Die schmale Giebelseite mit dem Eingangsportal wird durch einen mittig angeordneten Erker zusätzlich betont. Da es gegen Ende des 15. Jahrhunderts Mode wurde, die sehr engen und kurzen Männerröcke (Wams) über der Brust aufzuschneiden und mit einem steifen, meist an­dersfarbigen Stück Stoff, dem Brusttuch, auszufüllen, und auch bei Frauen das Dekolleté mit einem Brusttuch zu verhüllen, könnte der Name des Hauses hierher rüh­ren. Anders Sieglinde Bauer: Sie erkennt darin einen auf ein Gewässer bezogenen Flurnamen und sieht auch in der Bezeichnung eines Raums des Brusttuches einen Hinweis auf Wasser.

Erdgeschoss aus Stein – Obergeschoss aus Fachwerk

Im steinernen Erdgeschoss befindet sich hinter dem ursprünglichen Bogenportal, das um 1870 durch den Einbau von Steinen, die von einer Kaminrahmung stam­men, verkleinert wurde, die Diele. An der Fassade wird die Diele durch ihre hohen Fenster ablesbar. Sie sind mit spätgotischen Steinmetzarbeiten geschmückt. Ähnlich dürften ursprünglich auch die Fenster der Worth ver­ziert gewesen sein. Im hinteren Teil des Erdgeschosses machen am Hohen Weg die übereinander angeordneten kleineren Fenster den Wohnteil und dessen Zwischen­geschoss deutlich.

Der Südteil des Gebäudes bleibt rätselhaft. Hier schließt sich an eine massive Wand ein späterer Neubau an, an dessen Stelle sich zuvor ein Brauhaus befunden haben soll. In der Fassade zum Stoben ist ein spätroma­nisches Zwillingsfenster zu finden, das auf eine Kemena­te, also einen steinernen Turmbau des 13. Jahrhundert hindeutet, der in den späteren Neubau einbezogen wur­de.

Hans-Günther Griep berichtet von einem Gewässer, das hier unter dem Haus geflossen sei und zwei Zister­nen gespeist habe. Ähnlich sei es u.a. beim Dukaten­keller der Worth der Fall gewesen. Anders als bei der Kaiserworth ist nördlich des ehemaligen Brauhauses und späteren Neubaus jedoch kein Vorgängerbau nach­zuweisen. Wahrscheinlich entstand das Haupthaus des Brusttuches auf einem bis dahin unbebauten Garten­grundstück.

Das Obergeschoss aus Fachwerk kragt nicht über das Erdgeschoss aus. Ursprünglich dürfte es ein weit­gehend ungeteiltes Speichergeschoss gewesen sein. Nicht ausgeschlossen werden kann, dass Teilbereiche des Obergeschosses bereits von Beginn an zu Wohn­zwecken ausgebaut waren. Hierauf deutet zumindest der reichverzierte Erker hin. Die heutigen Fenster des Obergeschosses stammen weitgehend aus dem Umbau der 1870er Jahre. 

Schnitzwerk zeugt von der humanistischen Bildung des Bauherren

Das Fachwerk zum Hohen Weg und an der Giebelseite ist auf Ständern, Fußdreiecken und Riegeln mit einem reichen astrologisch-alchemistischen, mythologisch-allegorischen Bildprogramm verziert. Demgegenüber ist die wenig im Straßenraum sichtbare Westfassade am Stoben nur mit Trapezfries und Fußdreiecken ohne Schnitzwerk ausgeführt.

Die Ständer zeigen am Hohen Weg die Planetengötter Saturn, Jupiter, Mars, Merkur, Luna, Venus und Sol. Sie sind denen des kurz zuvor entstandenen Huneborstel­schen Hauses am Burgplatz in Braunschweig sehr ähn­lich. Beiden Häusern wird der Holzschnitt des Planeten­zyklusses von Hans Burgkmair d. Ä. als Vorlage gedient haben, der um 1510 gefertigt wurde. Durchaus möglich ist, dass die gleiche Schnitzerwerkstatt wie in Braun­schweig am Brusttuch tätig wurde. Paul Jonas Meier, von 1901 bis 1924 Direktor des Herzoglichen Museums Braunschweig, spekulierte, dass das Huneborstelsche Haus vom einzigen aus jener Zeit in Braunschweig be­kannten Bildhauer Simon Stappen verziert worden sein könnte. Diese bloße Vermutung wurde auf Goslar über­tragen, hier aber als Gewissheit weitererzählt. Tatsäch­lich liegen keinerlei Quellen vor, die Stappen mit irgend­einem Fachwerkbau in Verbindung bringen.

Die Traufe des Daches kragt über die Fassade aus. Die Knaggen, die das Dachwerk tragen, sind mit Figuren geschmückt – „Hexen und Heiligen“. Hier regt die Butter­hanne als „Prima Donna“ Betrachter zum Schmunzeln an. Butter war zu jener Zeit schwer herzustellen. Misslang das Buttern, wurden schnell böse Mächte verantwort­lich gemacht. Insofern kann das „Leck mich“ der Butter­hanne dem Teufel gegenüber als Abwehrzauber gelten. Möglich ist aber auch, dass der humanistisch gebilde­te Thiling an die politisch-religiösen Konflikte jener Zeit dachte, an die „Butterbriefe“, mit denen das verordnete lange Fasten tierischer Produkte finanziell abgelöst wer­den konnte. Ob Thiling im Teufel die Papstkirche sah?

Die Butterhanne ist neben dem Dukatenmännchen am Kaiserworth das zweite Goslarer Wahrzeichen. Aber auch am Brusttuch ist ein Dukatenscheißer angedeutet: im nördlichsten Fußdreieck.

Auch der Erker an der Giebelfront ist reich verziert. Die Balkenköpfe enden mit den vier Temperamenten. Im Riegel der östlichen Erkerseite hat Thiling sein „Türschild“ angebracht – in griechischen Buchstaben. Die Fenster des Erkers schließen oben mit Vorhangbögen ab.

Insgesamt ist das Hausgefüge als spätgotisch anzu­sprechen; die Fassadengestaltung spiegelt jedoch den Zeitgeist der Frührenaissance und des Humanismus.

1870: Umnutzung zum Hotel

Die Stadt, die mittlerweile Eigentümerin des Brusttuches war, verkaufte das baufällig gewordene, verwahrloste Ge­bäude 1870 an den Bauunternehmer Gustav Völker, der sich im Gegenzug u. a. verpflichtete, das Küsterwohn­haus westlich der Marktkirche niederzulegen und eine neue Küsterwohnung im ehemaligen Brauhaus neu zu erstellen. Insgesamt wurde das Innere des Brusttuches vollständig verändert. Die Däle diente als „Wirtsstube“, das Obergeschoss beherbergte Gästezimmer.

Weitere Umbaumaßnahmen folgten. In den 1970er Jahren wurde ein Schwimmbad ins Dachgeschoss ein­gebaut. 2007 erwarb das Ehepaar Oberhuber, Eigen­tümer der Kaiserworth, das Gebäude. In ihrer Zeit er­folgte 2010/11 die Sanierung am Fachwerkgefüge und der Fassaden. Sie führte zur monochromatischen Farb­gebung der zuvor farbig angestrichenen Schnitzereien. Diese Sanierungsmaßnahmen wurden mit bauhistori­schen Untersuchungen begleitet. Eine Gesamtdarstel­lung der Baugeschichte des Gebäudes steht wie bei der Kaiserworth jedoch noch aus.

Ab 2017 zogen sich Oberhubers aus Altersgründen zurück. Wie beim Hotel Kaiserworth setzte damit auch der Niedergang des Brusttuches bis hin zum mehrjäh­rigen Leerstand ein. Der Ende 2024 bekanntgewordene Erwerb des Hauses durch die Hans-Joachim Tessner-Stiftung verheißt eine neue Zukunft des Patrizierhauses.




Zum Weiterlesen:

Elmar Arnhold: Aus Stein gebaut. Goslars mittelalterliche Wohnhäuser; Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar / Goslarer Fundus, Band 56, Bielefeld 2016, S. 56 ff.

Sieglinde Bauer: Der Sarg im Brusttuch in Goslar, Harz-Zeit­schrift, 73. Jahrgang 2021, Berlin und Wernigerode 2022, S. 77 ff.

Hans-Günther Griep: Ausgrabungen und Bodenfunde im Stadt­gebiet Goslar (III), Goslar 1973, S. 53 ff.

Günter Piegsa (Hg.): Renaissance in Holz. Das Brusttuch in Gos­lar; Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar / Goslarer Fundus, Band 55, Bielefeld 2015

Carl Wolff / Anton von Behr / Uvo Hölscher: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover, II. Regierungsbezirk Hildesheim, 1. und 2. Stadt Goslar, Nachdruck 1979, Kunstdenkmälerinventare Nieder­sachsen, Band 23, Osnabrück 1979, Seite 366 ff.


Das "Brusttuch" im Denkmalatlas Niedersachsen


Der Artikel erschien erstmals in den "Stadtgeschichten - Informationen des Geschichtsvereins Goslar e.V.", 1/2025, S. 10-13.

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