Der Hafen in Stade

von Andreas Schäfer

Stade - eine maritime Stadt

Die Hansestadt Stade liegt am Übergang von der Geest zur Marsch und an der Schwinge, die die Stadt mit der heute knapp sechs Kilometer entfernten Elbe verbindet. Stade ist der einzige natürliche Hafen an der Elbe zwischen Hamburg und Cuxhaven; über die Schwinge und Elbe war die Stadt mit allen wichtigen Fernhandelsrouten direkt verbunden. Dies sind verkehrstopografische Voraussetzungen, die für die Anlage eines maritimen Handelsplatzes nahezu ideal sind. Die Stadt war bis in das Hochmittelalter der wichtigste Warenumschlagplatz an der Niederelbe, die maritime Stellung der Stadt und deren Einbindung in den internationalen Warenaustausch waren für die Entwicklung stets von zentraler Bedeutung.

Stades Tor zur Welt war zu diesem Zeitpunkt der Hansehafen. Er war die entscheidende Schnittstellezwischen dem Wasser- und dem Landtransport, hier gelangten Erzeugnisse der Region an Bord der Schiffe und diese brachten Waren aus entfernten Ländern in die Stadt.

Seit 2009 darf sich Stade nach einem Beschluss des Niedersächsischen Innenministeriums wieder Hansestadt nennen – einer der zentralen Punkte in der Begründung war der platzkonstante Hafen in der Altstadt seit der Hansezeit. Die Stadtarchäologie und der Denkmalschutz spielen hier eine entscheidende Rolle, und ohne die Ausgrabungen wäre diese Benennung kaum möglich gewesen.

Der erste Hafen an der Schwinge

Wie im frühen Mittelalter typisch, wird im Hinterland eine Burganlage, die Schwedenschanze, angelegt. Diese, mit Maßen von 140 x 70 Metern direkt an der Schwinge gelegen, ist naturräumlich als Niederungsburg gut geschützt. Der Beginn dieser Befestigung liegt im 7. Jahrhundert, sie weist eine hölzerne Uferrandbefestigung auf, die auch als Schiffsanleger genutzt werden konnte und als erste Hafenanlage gedeutet werden kann.

Durch umfangreiche archäologische Untersuchungen im Umfeld dieser Befestigung verdichten sichdie Hinweise, dass hier ein frühmittelalterliches Zentrum an der Schwinge bestand. Es handelte sichum den Vorläufer der an Bedeutung gewinnenden Siedlung in der Altstadt. Die Schwedenschanzewurde um 930 n. Chr. aufgegeben.

Drei Kilometer flussabwärts in Richtung Elbe wurde inmitten der heutigen Altstadt um 800 n. Chr. eine Siedlung angelegt. Ab etwa 900 wird diese Siedlung durch eine Burg, den Spiegelberg, geschützt.
Die Siedlungen in der Altstadt

Nach der Aufgabe der Schwedenschanze entwickelte sich aus einem ehemaligen Ufermarkt in der heutigen Altstadt Stade eine Ansiedlung. Die Harsefelder Grafen verlegten ihren Herrschaftssitz auf den Spiegelberg und errichteten dort eine Burg, die heute noch gut topografisch erkennbar ist. Durch neue Bauphasen und Anhäufungen von Wällen aus Erde und Holz wuchs der Spiegelberg bis zu einer Höhe von rund elf Metern über dem Meeresspiegel.

Ende des 10. Jahrhunderts lässt sich im Bereich des Hansehafens eine einfache Schifflände mit einem durch Faschinen gesicherten Uferwall nachweisen. Der Chronist Thietmar von Merseburg erwähnt in seinem Bericht zum Wikingerüberfall auf Stade 994 einen Hafen und eine Burg.

Der Hansehafen - Motor der Stadt im hohen Norden

Die Genese des einzigartigen Hafens konnte durch zwei Grabungen in den Jahren 1989 und 2013 (Abb. 1) erforscht werden. Bei den Grabungen konnte ein umfangreiches und sehr facettenreiches Fundmaterial dokumentiert werden. Von überregionaler Bedeutung sind über 500.000 Einzelfunde. Es handelt sich dabei um Funde aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen wie Schmuck, Schiffbau Bildung, Reitzubehör, Hausrat, Waffen oder Spielzeug. Daneben vermitteln die über 1.500 gefundenen Münzen oder Pilgerzeichen tiefe Einblicke in die weitreichenden Handelsbeziehungen und Kontakte von Stade. Da der Hafen in Stade im Gegensatz zu vielen anderen nordeuropäischen Häfen nie ausgebaggert wurde, ist das geborgene Fundmaterial einzigartig. Vergleichende Fundkomplexe bei den Waffenfunden sind beispielsweise derzeit nur in London zu finden. Schmuckstücke aus dem Alten Hafen haben Parallelen in Frankreich, England oder Italien.
Der Ausbau des Hafens mit dem Bau einer Kaimauer um 1300

Die Stadt expandierte im 13. Jahrhundert, der feuchte Untergrund der Marsch wurde großflächig aufgeschüttet, wodurch das Stadtgebiet um über ein Drittel erweitert wurde. Und auch der Hafen erfuhr eine wichtige Erweiterung. Die erste Hafenanlage, die einst zusammen mit der Burg um das Jahr 1000 entstanden war, wurde um 1300 durch ein deutlich vergrößertes Hafenbecken ersetzt. Auf beiden Seiten des Hafens wurden hölzerne Kaimauern gebaut, was die Kaifläche für den Warenumschlag verdoppelte. Der Hansehafen entspricht damit bereits um 1300 in seinen Grundrissen dem heute noch erkennbaren Hafenbecken und hat seine Lage nicht verändert. Diese Kaimauern bilden noch heute das Fundament der Kaimauern.

Die Schriftquellen belegen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine durchgreifende Entwicklung. Erzbischof Hildebold von Bremen bestätigt 1259 nicht nur die Rechte Stades, sondern erweitert diese auch um das Stapelrecht. Demnach mussten dort alle vom Meer kommenden Kaufleute mit ihren Schiffen in Stade anlegen und drei aquas, also Tiden, vor Anker gehen und ihre Waren anbieten. Im Jahr 1272 erhält Stade das Münzrecht, 1279 wird das Stadtrecht kodifiziert, ein größeres Rathaus und am Fischmarkt die neue Stadtwaage werden errichtet.

Die Verlagerung der Häfen in Richtung Elbe

Spätestens im 15. Jahrhundert begann die wirtschaftliche Stagnation der Stadt, dennoch behält der Alte Hafen seine Funktion als Drehpunkt des Stader Handels. Mit der Entfestigung 1880/1881 und der dadurch möglich gewordenen Anlage des neuen Hafens verlor der Alte Hafen an Bedeutung, wurde aber auch danach bis in die 1960er-Jahre genutzt. Im 20. Jahrhundert verlor die Schwinge weitgehend ihre Funktion als Transportweg für Waren und Güter. Durch die Größe der Containerschiffe spielt nur noch die Elbe eine Rolle im Transportverkehr, die wirtschaftlich relevanten Häfen auf dem Gebiet Stades liegen heute an der Elbe in Bützfleth und am Stader Sand; die Schwinge wird heute fast nur noch touristisch und für Sportboote genutzt. Der Warentransport auf der Elbe besitzt noch heute eine zentrale Bedeutung, denn Stade ist derzeit der drittgrößte Hafen in Niedersachsen.

Die Häfen in Stade wanderten, historisch gesehen, immer weiter in Richtung Elbe – ein einzigartiges Phänomen. Stade ist immer mit seiner Hafengeschichte verbunden – wenn es den Häfen gut ging, wuchs die Stadt. Stade hat seinen Charakter als Hafenstadt stets bewahrt und ist auch künftig bemüht, von seiner geografischen Lage an Elbe und Schwinge bestmöglich zu profitieren.


Der Text wurde erstmals veröffentlicht in den Berichten zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 39. Jg. (2019), Heft 4, S. 112-114.

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