Der Hof Rieken in Westerende-Kirchloog – Von der aufgegebenen Hofstelle zur Kindertagesstätte

Von Caroline Schmidt


Wer heute vor dem roten Backsteingiebel des ehemaligen Hofes Rieken in Westerende-Kirchloog steht, sieht vor sich zunächst ein regionaltypisches Gulfhaus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Doch können die großen, segmentbogigen Fenster und die zeittypischen Ziegelziersetzungen leicht über das wahre Alter der Hofstelle hinwegtäuschen. Denn im Inneren der Gulfscheune verbirgt sich ein Tragwerk aus dem dritten Viertel des 16. Jahrhunderts und damit wohl das älteste bislang bekannte erhaltene Gulfgerüst Ostfrieslands.

Archivalisch lässt sich die Hofstelle anhand der Unterlagen der Ostfriesischen Landschaftlichen Brandkasse erst ab dem Jahr 1778 fassen. Dieselben Versicherungsunterlagen belegen bauliche Veränderungen für das Jahr 1886. Damals ließ der Eigentümer und Landwirt Harm Auts Gastmann den Wohnteil seines Hofes erneuern und einen vier auf drei Achsen messenden, eingeschossigen Backsteinbau mit Drempel und Krüppelwalmdach errichten. Mit Ausnahme des Krüppelwalms, der im 20. Jahrhundert durch einen Steilgiebel ersetzt wurde, hat sich das Äußere des Wohnteils seitdem bis heute kaum verändert. Gut zwanzig Jahre später ließ derselbe Bauherr auch die Außenmauern der Scheune erneuern, worauf die verzierten Maueranker am Wirtschaftsgiebel hinweisen: Sie zeigen neben den Initialen des Bauherrn H. A. G. auch den Zeitpunkt der Fertigstellung im Jahr 1908.

Erst in den 1990er Jahren wurde die jahrhundertelang währende landwirtschaftliche Nutzung der Hofstelle aufgegeben. Aus Altersgründen überschrieben im Jahr 2018 die bisherigen Eigentümer Annemarie und Aut Harm Rieken den Hof ihrer Tochter Erika Deeken. Zu diesem Zeitpunkt befand sich insbesondere das Dach der Gulfscheune bereits in einem dringend sanierungsbedürftigen Zustand. Der First der mit einer Reethaube gedeckten Gulfscheune war undicht geworden.

Gemeinsam mit ihrem Architekten Wilhelm Lienstromberg und den Denkmalbehörden suchte die neue Eigentümerin nach Möglichkeiten und Wegen, den bereits 1924 über familiäre Verbindungen in Familienbesitz gelangten Hof vor dem drohenden Verfall zu retten. Schon bei den ersten Begehungen im Jahr 2017 gelangte dabei das Innengerüst der Scheune in den Mittelpunkt des denkmalpflegerischen Interesses.

Das eichene Stapelwerk besteht aus vier Gebinden in Hochrähmzimmerung mit durchgezapften Ankerbalken und einfachen Kopfbändern, die in Querrichtung verhältnismäßig tief ansetzen. Ostfriesische Gulfhäuser, besonders in der Westhälfte Ostfrieslands, sind zum weit überwiegenden Teil in Oberrähmzimmerung abgebunden. Speziell in den Geestgebieten finden sich daneben aber auch Gulfhäuser in Hochrähmbauweise – eine Konstruktionsweise, die in Ostfriesland auch treffend als dörstoken Wark bezeichnet wird. Auf der Geest und in der Grenzregion zum Hallenhausgebiet hat sich diese Bauweise verhältnismäßig lang gehalten, nach bisherigen Erkenntnissen noch bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Hochrähmzimmerung kann aber auch Indiz für ein sehr altes Gefüge sein. Eine vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege finanzierte dendrochronologische Untersuchung bestätigte diesen Verdacht: Das Kerngerüst in Westerende-Kirchloog stammt von 1567/68 +2/-8 (d).

Damit ist es zwar gut zehn Jahre älter als das bis dato älteste bekannte und in situ erhaltene Gulfgerüst: Das eichene Stapelwerk der Gulfscheune des Hofes Jacobs in Woquard datiert von 1579 +14/-6 (d). Ob sich in Westerende-Kirchloog tatsächlich das älteste echte Gulfgerüst Ostfrieslands befindet, ist noch nicht abschließend beantwortet. Möglicherweise handelt es sich auch um das weiterverwendete Gerüst eines Hallenhauses und damit wohl um den Vorgänger des Gulfhauses innerhalb der Region. Bauspuren an den Ankerbalken jedenfalls deuten auf eine Zweitverwendung der Hölzer hin.

Trotz des aufsehenerregenden Befundes war im Jahr 2018 die Zukunft des Hofes Rieken weiterhin ungewiss. Es fehlte ein finanziell tragfähiges Nutzungskonzept, das die Erhaltung auf Dauer sichern konnte. Dessen ungeachtet entschloss sich die Eigentümerin zu einem ersten Bauabschnitt und ließ in den Jahren 2018 bis 2020 das Kerngerüst ertüchtigen und das Dach erneuern. Finanzielle Unterstützung erhielt sie dabei vom Bund, von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und vom Land Niedersachsen. Damit war die wertvolle Substanz vorerst gesichert.

Im Jahr 2022 zeichnete sich eine neue Nutzung für den Hof in Westerende-Kirchloog ab. Die Gemeinde Ihlow war daran interessiert, ihre Kindertagesstätte im ehemaligen Hofgebäude unterzubringen. Obwohl von Anfang an klar war, dass die geplante Nutzungsänderung aufgrund der damit verbundenen hohen Anforderungen eine Reihe von Zugeständnissen auch auf denkmalpflegerischer Seite erfordern würde, stimmten die Denkmalbehörden dem Konzept zu.

Im Landkreis Aurich hatte man bereits in den 1990er Jahren positive Erfahrungen mit einem ähnlichen Projekt gesammelt. In den Jahren 1997/99 hatte die Gemeinde Krummhörn den auf der Dorfwurt Loquard liegenden Hof Swyter, ein stattliches Gulfhaus aus dem 18. Jahrhundert, zu einer Grundschule umgebaut. Seit 2015 beherbergt das Gebäude zusätzlich eine Krippe und seit 2020 auch noch einen Kindergartenteil. Durch die neue Nutzung konnte nicht nur ein ortsbildprägendes Gebäude erhalten werden, hierdurch ist es sogar zum neuen Mittelpunkt des Dorfes geworden.

In Westerende-Kirchloog startete die von Landkreis, Land und Deutscher Stiftung Denkmalschutz geförderte zweite Bauphase im Jahr 2023. Denkmalpflegerisches Ziel war der Erhalt des denkmalwerten äußeren Erscheinungsbildes sowie des Anschauungs- und Zeugniswerts des Innengerüsts. Erstmals rückte nun aber auch die Beschäftigung mit dem Wohnteil in den Fokus der Denkmalpflege. Der 1886 errichtete Wohnteil verfügt trotz kleinerer baulicher Veränderungen während des 20. Jahrhunderts noch über einen für Gulfhäuser typischen zweizonigen Aufbau.

Hinter dem Giebel des Wohnteils befinden sich traditionell zwei durch eine massive Querwand voneinander getrennte Räume: in der einen Ecke die ebenerdige Küche, in der anderen die auf einem halb eingetieften Keller liegende Kellerstube (Upkamer). Erschlossen werden die Räume über einen untergeordneten Raum bzw. ein Gebäudeteil an der Nahtstelle zum Wirtschaftsteil. Diese Aufteilung hatte seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Bestand und wandelte sich erst ab dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts durch das Hinzutreten der Sommerküche. Diesen ebenfalls mit einer Feuerstelle ausgestatteten Raum brachte man jenseits der Brandmauer am Ende des Stallseitenschiffs der Gulfscheune unter. Er diente, wie der Name bereits erahnen lässt, der Speisenzubereitung während der Sommermonate. So wurde die vormals im Vorderhaus gelegene Küche, die fortan als Winterküche bezeichnet wurde, während der Sommermonate nicht zusätzlich aufgeheizt.

Hinter dem Giebel des Hofes Rieken liegen die vermutlich bereits bauzeitlich durch eine Holzwand unterteilte Upkamer in der Nordostecke und eine bereits vornehmlich dem Wohnen und Schlafen dienende, ebenerdige Stube in der Südostecke des Hauses. Das Vorderhaus wird erschlossen über einen traufseitig entlang der Brandwand angeordneten, durchgehenden Querflur, in dem sich auch die Treppen zum Keller sowie zum ehemaligen Kornboden im Dachgeschoss des Wohnteils befinden. Westlich des Gangs und am östlichen Ende des Stallseitenschiffs befindet sich die Küche.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde dieser im Grundsatz zweizonige Aufbau durch den Einbau von Leichtbauwänden in der Stube überformt. Den Umbau begleitende restauratorische Untersuchungen zeigten, dass es sich bei dieser Querwand, die die ehemalige Wohnstube heute mittig teilt, um eine bauzeitliche und nachträglich innerhalb des Raumes versetzte Butzenwand handelt. Als Butzen werden die in Ostfriesland bis ins frühe 20. Jahrhundert üblichen Alkoven oder Wandbetten bezeichnet. Die ursprüngliche Butzenzone befand sich an der Westwand zum Flur. Womöglich wurde die Butzenwand nach Aufgabe des Schlafens in Butzen dazu verwendet, eine nun benötigte (weitere) Schlafkammer abzuteilen. Nach Entfernen der Dielenfußböden, die vermutlich aus den 1980er oder 1990er Jahren stammten, trat außerdem der bauzeitliche Fußboden der Wohnstube, ein grauroter, geritzter Zementfußboden, zutage. Durch die Ritzung sollte der Anschein eines Steinplattenbodens erzeugt werden. Traditionell wurden in der Winterküche bzw. Wohnstube graurote, in Ostfriesland als Bremer Fluren bezeichnete Sandsteinplatten verlegt. Als sich die Winterküche immer mehr zur reinen Wohnstube entwickelte, versah man ihren Boden zunehmend mit Dielung, die Bremer Fluren hingegen fanden regelmäßig im Flur weitere Verwendung. Abgeschlossen wurde der Zementboden in Westerende von einem umlaufenden Band aus Sockelfliesen, dessen Reste sich ebenfalls unterhalb der Dielung an den Außenwänden erhalten haben. Dabei handelte es sich um zweitverwendete Fayence-Fliesen, die vermutlich Ende des 18. bzw. zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Harlingen produziert worden waren. An der südlichen Außenwand der ehemaligen Stube markiert das Ende des Fliesensockels die ursprüngliche Tiefe der Butzenzone.

Im Frühjahr 2025 konnte die Kindertagesstätte im ehemaligen Hof Rieken feierlich eröffnet werden. Die Gulfscheune bietet nun Raum für zwei Gruppen, eine Kindergarten- und eine Krippengruppe. Der ehemalige Wohnteil beherbergt Büro-, Pausen- und Besprechungsräume im Erdgeschoss sowie eine kleine Wohnung im Dachgeschoss. Dem Engagement aller Projektbeteiligten – beginnend bei der Eigentümerin, ihrem Architekten und den Handwerksbetrieben über die Behörden und Fördermittelgeber bis hin zur neuen Nutzerin – ist es zu verdanken, dass das ortsbildprägende Hofgebäude erhalten und das jahrhundertealte Tragwerk für die Zukunft gesichert werden konnten. Auf diese Weise steht es den Fragen der ständig fortschreitenden Wissenschaft weiterhin zur Verfügung und ermöglicht künftig vielleicht eine zweifelsfreie Antwort darauf, ob in Westerende-Kirchloog tatsächlich das älteste Gulfhaus Ostfrieslands steht.

Gleichzeitig gelangen in Westerende-Kirchloog bereits die Jüngsten in engen und regelmäßigen Kontakt mit dem Kulturerbe ihrer Region. Dies mag den Grundstein legen für eine Wertschätzung insbesondere der Gulfhäuser und dazu beitragen, über das konkrete Gebäude hinaus eine ganze reiche Kulturlandschaft zu erhalten.

 

 

Zum Weiterlesen

Volker Gläntzer: Das Gulfhaus in Ost-Friesland – eine Innovation des 16. und 17. Jahrhunderts. In: Jan Klápště (Hg.), The Rural House from the Migration Period to the Oldest Still Standing Buildings. Prag 2003, S. 58-75 (= Ruralia IV)

Tanja Pieper-Beenken: Restauratorische Befunduntersuchung, Juli – September 2023

Tanja Pieper-Beenken: Dokumentation der Konservierung und Restaurierung der Butzenwand in der ehemaligen Stube des Gulfhofes Rieken, Dezember 2024

Wolfgang Rüther: Hausbau zwischen Landes- und Wirtschaftsgeschichte. Die Bauernhäuser der Krummhörn vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Diss. Münster 1999





Der Hof Rieken im Denkmalatlas Niedersachsen

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