Ein Gulfhaus in Detern-Velde

Von Katharina Knapik


Das hier beschriebene Gulfhaus befindet sich im Ortsteil Velde im Landkreis Leer zwischen Stickhausen und Detern, mit denen dieser heute baulich zusammengewachsen ist. Die Orte liegen auf einem Geestrücken, südlich und westlich grenzt ein Niedermoor an. Die Streusiedlung Velde wurde bereits 1482 erwähnt. Sie entwickelte sich an einer Heerstraße zwischen Groningen und Bremen, an die der Straßenname noch heute erinnert. Das Gulfhaus an der Alten Heerstraße 39 entstand 1913 auf einem Eckgrundstück zur Straße Am Warf im Süden des Ortes. Gebaut wurde es von Hillius Hemmen, dem Sohn des Landwirts und Sielrichters Gerhard Hemmen. In einem älteren Gebäude wohnten drei Schwestern von Gerhard Hemmen. Als ihr Neffe Hillius seinen Gulfhof errichten ließ, musste hierfür der Wirtschaftsteil des alten Gebäudes weichen. Es entstand ein Gulfhaus mit nahezu quadratischer Gulfscheune (22,70 x 21 m), sowie einem mittig vorgesetzten, längs orientierten Wohnteil (14 x 11 m) unter einem Satteldach. Die Außenwände beider Gebäudeteile wurden, wie bei Gulfhäusern üblich, massiv in Backstein ausgeführt. Man richtete das Gebäude mit dem repräsentativen Wohnteil, dem so genannten Vorderende, zur Alten Heerstraße aus, so dass der Wirtschaftsteil, das Achterende, zum angrenzenden Feld orientiert war.

Die Gulfscheune ist recht schlicht gehalten. Ein Klötzchenfries bildet das Traufgesims und in abgetreppter Form das Giebelgesims. Am Wirtschaftsgiebel, der im oberen Bereich abgewalmt ist, sind die Maueranker als Ziffern des Erbauungsjahres geformt. Rechts befindet sich das Tor der Durchfahrtsdiele und links die Tür zum Kuhstall. Die gusseisernen Fenster und die Tür der Scheune weisen Stichbögen auf, die Tore wurden mit Korbbögen ausgebildet. Im Inneren befinden sich innerhalb des Gulfgerüstes die Gulfe, in denen die Ernte gelagert wurde. Davor am Wirtschaftsgiebel wurden im Hammfach die Pferde untergebracht und an der Brandwand wurden ein Wagenraum und ein Kartoffelkeller eingerichtet. Entlang der nördlichen Traufwand wurde die so genannte Auskübbung oder Utkübben abgetrennt. Gemäß Plan befanden sich hier ein Torfraum und weitere Ställe. Im südlichen Schiff, welches zu den Gulfen durch Mauern abgetrennt ist, wurden beidseitig Kuhställe eingerichtet. Hier sind noch der alte Ziegelboden sowie die hölzernen Abteile, in die die Kühe eingestellt wurden, erhalten. Vor den Ställen, direkt hinter der Brandwand und neben dem Zugang zur Spülküche, befand sich ein Raum für die Magd. Am anderen Ende der Ställe, vor dem Wirtschaftsgiebel und in der Nähe des Pferdestalls, wurde eine Kammer für den Knecht und gegenüber davon der Abort angeordnet. 

Der im Westen vorgelagerte Wohnteil ist eineinhalbgeschossig. Der Giebel ist durch vier gleichmäßig verteilte Fensterachsen achsensymmetrisch angelegt, wobei die seitlichen Fenster des Drempelgeschosses kleiner ausgebildet sind. An den Traufseiten befinden sich im Drempel über den Erdgeschossfenstern kleine, liegende Fenster. Im Gegensatz zur Scheune sind am Wohnteil alle Fenster mit geradem Sturz ausgebildet, prägend ist die kleinteilige Sprossengliederung. An der nördlichen Traufseite befindet sich der Haupteingang, der zurückversetzt in einer korbbogigen Nische liegt. Ein zurückliegendes Putzfeld über der Tür weist die Baudaten und Bauherren von damals und heute auf. Im Dachgeschoss befindet sich in dieser Achse eine Schleppgaube. An der gegenüberliegenden Südseite, der Gartenseite, springt die Spülküche vor die Flucht des Wohnteils, so dass sich im Grundriss ein zweifacher Versprung zum Wirtschaftsteil ergibt.

Die Fassaden des Wohnteils sind über dem backsteinernen Sockel glatt gemauert. Ins Auge fällt das zwischen den Geschossen umlaufende Zickzackfries durch seine geputzten, weißen Dreieckfelder. Innerhalb des Frieses befinden sich am Giebel vier Telleranker mit stilisierten Sonnenblumenmotiven. Besonders hervorzuheben ist der Dreieckgiebel auf Höhe des Spitzbodens: dieser ist in Fachwerk mit Backsteinausfachung ausgeführt. Die zwei hier vorhandenen Fenster haben das gleiche Format wie die Drempelfenster.

Betritt man den Wohnteil durch den Haupteingang, kommt man zunächst in den Flur, von dem aus die angrenzenden Räume und das Dachgeschoss erschlossen werden. Zum Giebel hin befinden sich die Stube und die Wohnstube, wobei die Räume ursprünglich mit einer Schiebetür verbunden waren. Gegenüber dem Eingangsflur, entlang der gartenseitigen Außenwand, sind die Küche und daneben die Spülküche angeordnet. Zwischen dem Flurraum und der Brandwand liegen zwei Schlafstuben, die über die Küche zu erreichen sind. Von der Spülküche aus gelangt man in die Gulfscheune und über eine Treppe in die zwei Kellerräume, die sich unter den Schlafstuben befinden, sowie in den Dachraum. Außerdem gibt es hier einen direkten Zugang zum Garten. Über die Haupttreppe im Eingangsflur gelangt man im Drempelgeschoss über einen Vorraum in die drei entlang des Giebels angeordneten Räume: eine Stube in der Mitte und je eine Schlafstube rechts und links davon. Hinter den Stuben ist der Dachboden nicht ausgebaut und dient als Lagerraum.

Das Gulfhaus in der Alten Heerstraße 39 in Detern-Velde stellt einen verhältnismäßig jungen Vertreter des Haustyps dar, welcher ab der Mitte des 16. Jahrhunderts allmählich Einzug auf die ostfriesische Halbinsel hielt und sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte zu einem hier weit verbreiteten und die ostfriesische Landschaft maßgeblich prägenden Gebäudetyp entwickelte. Ein Wohn-/Wirtschaftsgebäude mit eingerücktem Wohnteil unter einem gemeinsamen Dach, welches über der Scheune tief herabgezogen ist und dadurch noch mächtiger wirkt, die seitliche Durchfahrtsdiele, der dadurch asymmetrische Wirtschaftsgiebel und innen ein weitmaschiges schlankes Gulfgerüst – das sind typische Merkmale, die die Gulfhäuser seit Jahrhunderten charakterisieren und insbesondere durch die äußeren Merkmale für jeden als solche erkennbar sind.

Trotz aller Kontinuität haben sich auch Gulfhäuser mit sich ändernden Anforderungen und Moden gewandelt. Zu Beginn der Entwicklung bestanden die damals noch freistehenden Wohnhäuser aus zwei Räumen, von denen einer oftmals erhöht über einem halb vertieften Keller lag. Auch als die Wohngebäude bei Neubauten an die Scheune gerückt und das gemeinsame Dach darüber gezogen wurde, hielt man an dieser Grundrissdisposition weiter fest. Der Wohnteil wurde quer vor der Gulfscheune angeordnet und erhielt hinter den Räumen einen Querflur mit Ausgängen an beiden Traufen. Der Flur verband und vermittelte zwischen Wohn- und Wirtschaftsteil. Das Schlafen, Wohnen und Wirtschaften spielte sich in der ebenerdigen Küche ab. Die Kellerstube, die so genannte Upkammer, bliebt weitestgehend als repräsentativer Raum im Alltag ungenutzt. In der Kubatur stellte sich dieses Vorderende als ein recht breiter jedoch kurzer Vorbau dar, anfangs meist noch mit Walm- oder Krüppelwalmdach, später mit einem sehr breit gelagerten Giebel. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kamen allmählich weitere Räume hinzu, wie die Sommerküche oder Gesinderäume. Diese wurden im Wirtschaftsteil eingerichtet, wodurch eine Trennung zwischen Arbeiten und Gesinde einerseits sowie Wohnen und der Bauernfamilie andererseits begann. In den folgenden Jahrhunderten kamen weitere Kammern hinzu, zuletzt als die regionaltypischen Butzen, die Schrankbetten, zugunsten freistehender Betten aufgegeben wurden. Durch die Zunahme der Räume in den Wohnteilen wurden diese länger und ihre Grundfläche erreichte nahezu eine quadratische Form. Der Hausflur diente nicht mehr als Verkehrsfläche während der Arbeitstätigkeiten, sondern für die Erschließung der Wohnräume und wurde vom Querflur zu einem parallel zum First verlaufenden Mittellängsflur mit der Eingangstür in der Mitte des Giebels. Soweit die Erschließung des Wohnteils wieder an die Traufe verlagert wurde, lag sie mittig und nicht mehr zwischen Wohn- und Wirtschaftsteil. Die Wohnteile waren ursprünglich nur eingeschossig und das Dachgeschoss diente ausschließlich der Lagerung von Erntegut. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde auf ertragreichen Höfen neben dem Vorderende ein zweites Tor im Wirtschaftsteil eingesetzt und die befahrbare Dreschdiele zu einer Durchfahrtsdiele erweitert. Um genug Platz für das Tor neben dem Vorderende zu haben, musste der Wohnteil gegenüber der Scheune stärker eingerückt werden. Dies führte zu höheren Traufwänden und damit zu Drempelgeschossen. Die im 19. Jahrhundert häufiger auftretenden Drempel- und manchmal auch Vollgeschosse wurden jedoch weiterhin nur als Lagerräume genutzt, auch wenn die Giebel und Traufseiten ebenfalls Fenster erhielten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann man kleine Kammern in Dachböden an der Giebelwand abzutrennen, um dort hauswirtschaftliche Dinge zu lagern wie Gefäße oder Wäsche. Konnte sich die Familie ein „Fräulein“ für die Versorgung der Kinder leisten, wurde dieses in einer Kammer im Dachboden untergebracht – im Gegensatz zum Gesinde, welches seine Räume im Wirtschaftsteil behielt. Mit der zunehmenden Erschließung der Dach- oder Obergeschosse für Wohn- und Hauswirtschaftszwecke hielten Treppen in den Wohnteilen Einzug. Bis dahin wurden die Dachböden meist nur vom Wirtschaftsteil erschlossen. Der rückwärtige Teil der Böden blieb aber auch weiterhin bis ins 20. Jahrhundert Lagerzwecken vorbehalten.

Der Grundriss des Gulfhauses in Detern steht am Ende dieser Entwicklung. Die Anzahl der Räume im Wohnteil ist so weit angewachsen, dass das Vorderende weit vor die Gulfscheune ragt und auch Wohn- und Schlaffunktionen im Drempelgeschoss aufweist. Der Flur im Erdgeschoss ist zu einem vermittelnden Raum zwischen den Wohnräumen und zum repräsentativen Eingang geworden. Lediglich die Spülküche war noch für Arbeitstätigkeiten im Zusammenhang mit dem Hofbetrieb vorgesehen. Ihre direkte Verbindung zur Gulfscheune, zum Lagerboden, zum Keller und zum Garten ermöglichte es, dass die Arbeitswege in der Regel nicht über Wohnräume verliefen.

Was die äußere Gestaltung der Gulfhäuser betrifft, so war diese über Jahrhunderte überwiegend schlicht und streng. Zunächst war man bestrebt, die beiden erst getrennt stehenden Gebäudeteile Scheune und Wohnhaus nicht nur zu verbinden, sondern als Ganzes harmonisch zusammenzufügen. Als repräsentatives Bauteil galt der Wohnteil, und hier der Giebel als Schauseite. Im Laufe der Zeit versuchte man, seine Fassadengliederung immer mehr durch möglichst gleichmäßige Verteilung der Fenster oder das Angleichen der Höhenunterschiede der Fenster von Küche und Upkammer zu vereinheitlichen. Eine Gestaltung der glatten, backsteinernen Fassaden entstand durch das Beitelmauerwerk der Giebel, die Maueranker oder einzelne Sandsteinelemente, so zum Beispiel Haussteine mit Bauherreninschriften und Datierungen. Klassizistische Akzente in Form von verkröpften Traufgesimsen, Putzeinfassungen von Türen oder Ecklisenen, die im 19. Jahrhundert an den Gulfhäusern der herrschaftlichen Domänen umgesetzt wurden, fanden bei bäuerlichen Gebäuden nur regional Anwendung. Erst mit dem Historismus setzte sich ein überregionaler, zeitgenössischer Stil bei den Gulfhäusern weitestgehend flächendeckend durch, der zudem zu teils umfangreich gegliederten und verzierten Fassadengestaltungen auch bei diesen bislang schlicht gehaltenen Gebäuden führte. Verwendung fanden Eck- oder Wandlisenen, Geschoss- und Traufgesimse, Segment- oder Rundbögen sowie verzierte Brüstungsfelder. Vereinzelt wurden neben Formsteinen auch Stuck oder Terrakottaelemente eingesetzt oder die Wohnteile vollständig mit Stuckfassaden versehen. Ende des 19. Jahrhunderts ging der Gestaltungsreichtum zurück und die Fassaden wurden wieder zurückhaltender, blieben aber vorwiegend der traditionellen, historistischen Formensprache treu. In den 1930er Jahren griff man zunehmend auf Formen des norddeutschen Backsteinexpressionismus zurück, mit denen man oftmals nur den Hauseingang sparsam betonte.

Selten sieht man Gulfhäuser mit Gestaltungselementen des Jugendstils, Art Deco oder Reformstils. Mit dem verputzten Zickzackband, der korbbogigen Eingangsnische oder der Gestaltung der Türen wurden bei dem Gulfhaus in Detern Gestaltungselemente aufgenommen, die in die Richtung eines Reform- oder Heimatschutzstils weisen. Dazu zählt auch das Fachwerk im oberen Giebeldreieck, welches auch deswegen ins Auge fällt, weil es bei den üblicherweise massiv aus Backstein errichteten Außenwänden der Gulfhäuser in der Regel nicht vorkam. Damit hebt sich das Gebäude von den auch zeitgleich errichteten, traditionellen Gulfhäusern ab. Im Denkmalverzeichnis finden sich nur einige wenige Gulfhäuser in der Architektursprache dieser Zeit. Beispielhaft zu nennen wären die Gulfhäuser in der Leeraner Straße 8 in Filsum, Landkreis Leer, und in der Hauptstraße 634 in Apen, Landkreis Ammerland.

 

Instandsetzung

Die jetzigen Eigentümer haben den Gulfhof in der Alten Heerstraße 39 in Detern-Velde 2024 übernommen. Der Hof wurde zwar von seiner letzten Besitzerin bis zu ihrem Tod bewohnt, jedoch seit 1980 nicht mehr bewirtschaftet. So war das Gebäude einerseits in einem dringend sanierungsbedürftigen Zustand, bewahrte sich jedoch andererseits weitestgehend seinen historischen Charakter. Dieser reicht auch ins Innere, wo im Wohnteil noch die alten Türen, Böden, im Flur die Holztreppe, Fliesen und teilweise Wandfassungen vorhanden sind und in der Gulfscheune noch die Ziegelböden der Ställe und des Kuhgangs sowie die hölzernen Abteile und Raumabtrennungen erhalten geblieben sind. Nach erforderlichen Sicherungen an Wänden und am Dach der Scheune wurde in den letzten Jahren zunächst der Wohnteil umfangreich instandgesetzt. Neben Reinigungs- und Ausbesserungsarbeiten an der Außenhaut wurde beispielsweise auch der Dachüberstand mit profilierten Pfettenköpfen am Giebel wiederhergestellt. Im Inneren wurde so viel historische Ausstattung wie möglich erhalten und wiederhergestellt, so dass die bauzeitlichen Türen, Treppen, Fliesen und Wandfassungen neben moderner und zeitgemäßer Einrichtung einen anschaulichen Eindruck der – hier sicherlich gehobenen – Wohnkultur im ländlichen Raum zu Beginn des 20. Jahrhunderts vermitteln.

Als nächste große Aufgabe steht die behutsame Instandsetzung der Gulfscheune an. Die spannende Herausforderung dabei wird sein, eine Nutzbarkeit zu schaffen unter möglichst umfangreicher Wahrung der historischen Ausstattung.

 

Zum Weiterlesen:

Volker Gläntzer: Das Gulfhaus in Ost-Friesland – eine Innovation des 16. und 17. Jahrhunderts. In: Jan Klápště (Hg.), The Rural House from the Migration Period to the Oldest Still Standing Buildings. Prag 2003, S. 58-75 (= Ruralia IV)

Wolfgang Rüther: Hausbau zwischen Landes- und Wirtschaftsgeschichte. Die Bauernhäuser der Krummhörn vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Diss. Münster 1999

 

Das Gulfhaus Detern-Velde im Denkmalatlas Niedersachsen

 

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