Der Gasometer in Stade

Von Klaus Püttmann

2011 erst wurde der Gasometer in der Stadt Stade stillgelegt. Das dunkle, große Gebilde am Rande der Stader Altstadt ist optisch durchaus präsent. Das technische Kulturdenkmal säumt eine der Hauptverkehrsachsen Stades und gehört zugleich zu den dominierenden Blickpunkten des Stader Hafens. Was aber lässt sich anfangen mit einem enormen „Niedrigdruck-Gasbehälter“, errichtet 1955 und als Zwischenspeicher für Gas zum Abfangen von Erzeugungsspitzen nicht mehr in Verwendung?

Die drei ineinander gefügten Stahlbehälter hatten einen Durchmesser von 30, 28,7 und 28 Metern. Wurden sie innerhalb des filigranen Stahlgerüstes teleskopartig ausgefahren, erreichten sie eine Höhe von 14,20 Metern und kamen auf ein Fassungsvermögen von 9.000 m³. Der Bautyp des nicht ummantelten Teleskop-Gasbehälters mit vollständig genieteter Glockenkonstruktion löste die ummauerten Gasometer des 19. Jahrhunderts ab. Durch ein Rohr im Boden wird das Gas in die Glocke geführt, die sich schließlich anhebt. Mittels eines einfachen, aber zuverlässigen Systems ist sie zur nächsten Glocke des Teleskops abgedichtet. Ein umlaufender Ringspalt der oberen Glocke ist mit Wasser gefüllt, in ihn greift der umlaufende Wulst des zweiten Elements.

Ein solches Zeugnis der Technikgeschichte vollständig und unverändert zu erhalten, ist in Europa bisher nur mit einem kleinen Exemplar in Schlieren in der Schweiz gelungen. Der sanierte und betriebsfähige Teleskop-Gasometer kann im Schaubetrieb mit Luftdruck besichtigt werden. Viele Exemplare wurden hingegen abgebrochen. In der Stader Region war es 1984 der Gasometer in Hamburg-Grasbrook und vor einigen Jahren der Lüneburger Behälter. Wie aber lässt sich ein solches Technikdenkmal umnutzen, ohne gleichwohl so viel von sich preisgeben zu müssen, dass die Denkmaleigenschaft verloren geht? Allein die Schmieröle zwischen den Teleskopteilen führen zu einer Kontaminierung, die bei Erhaltung aller drei ineinander gefügten Glocken nicht zu beseitigen ist. In das Innere führt zudem kein einziger Zugang. Schnell rostet, wie im Lüneburger Fall, die Decke der inneren Glocke durch, sodass anschließend mit dem Regenwasser die Zersetzung beginnt.

Auch bei dem dreihübigen Gasometer im Münster von 1953/54, mit einem Durchmesser von 56 m noch einmal bedeutend größer, fehlt der Deckel. Seit der Stilllegung 2005 wurde der Leerstand durch diverse erfolgreiche Kulturevents unterbrochen. In besserem Zustand ist der umgenutzte Gasometer in Berlin-Schöneberg. In dem Exemplar gleichen Typs, doch noch größer, wurde eine eigenständige Kuppelhalle eingefügt, die als Eventlokation dient. In weiteren Fällen, wo museale Einrichtungen das 360-Grad-Panorama im Objekt geschickt als Ausstellungshalle nutzen, bleibt viel von der Originalsubstanz dieses Denkmaltypus erhalten.

In Stade gab es lediglich einen Interessenten, der aber von Beginn an auch das Erfordernis einer Rentabilität der Investitionen, einschließlich der langfristigen Pflege des umfänglichen Gerüstes vor Augen hatte. Sein Entwurf sah ein Parkhaus im Bereich des Behälters vor und darüber einen nach außen vollverglasten Rundbau mit leichtem Abstand zum Gerüst und damit im Verlauf und Volumen entsprechend der ausgefahrenen Behälter. Seitens des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege wurde geprüft, ob mit dem Konzept der Eingriff in die Substanz, das heißt seine Reduzierung oder abträgliche Veränderung, so umfänglich sein würde, dass der Denkmalwert verloren gehen würde. Sicher war, dass neben den neu zu schaffenden Zugängen in den Stahlbehälter die Teleskopkonstruktion verloren gehen würde. Zudem war klar, dass trotz des Glases die Transparenz des Gerüstes nicht beizubehalten war. Die Denkmalpfleger legten sich gleichwohl fest und entschieden, dass bei der doch angepassten Nutzung des Behälterbereichs als fensterloses Parkhaus und der sensibel angedachten „Füllung“ des oberen Bereichs wesentliche Merkmale ablesbar überliefert sind und auch die städtebauliche Wirkung dieses besonderen Gebildes der Technikgeschichte weitergeführt wird.

In der Ausführung entstanden unten zwei Parkebenen und darüber sieben Ebenen mit insgesamt 36 Wohneinheiten. Alle Wohnungen, in unterschiedlicher Größe, sind in der Form wie Tortenstücke angelegt und durch einen mittig liegenden Turm erschlossen. Die Eingriffe waren im Ergebnis jedoch umfangreicher. So mussten die Fundamentpfähle und damit der Boden ausgewechselt und verstärkt werden, das Parkhaus bedurfte zweier Einfahrten, der Brandschutz forderte den Anbau zusätzlicher Rettungskonstruktionen. Geradezu museal aufbereitet ist hingegen der Technikraum, in dem der Gaszulauf geregelt wurde.

Wie stellt sich das Ergebnis optisch dar? Der Charakter der Trommel hat sich verstärkt, der eingefügte Rundbau lässt die optische Wirkung erahnen, die sich im Zustand der gefüllten und ausgefahrenen Teleskopglocken ergeben sollte. Strenge Auflagen sollen individuelle Gestaltungen mit Pflanzen, Schirmen etc. auf den Loggien der Wohnungen verhindern. Der Blick auf das Elbvorland und vor allem die Altstadt von Stade ist hervorragend und entsprechend begehrt.


Der Text wurde erstmals veröffentlicht in den Berichten zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 36. Jg. (2016), Heft 2, S. 87-88.

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