„Wo Troja war …“. Erinnerungsdenkmale für die Pfalz Grona in Göttingen

Von Eckart Rüsch

Einleitung

Dieser Beitrag erscheint anlässlich des denkwürdigen 1000. Todestags von Kaiser Heinrich II., der am 13. Juli 1024 auf seiner Pfalz Grona verstarb. Die Pfalz lag auf dem Gebiet der erst viel später um 1200 gegründeten Stadt Göttingen, gut 2 Kilometer nordwestlich der heutigen Altstadt. Von der im 10. Jahrhundert auf dem südlichen Sporn des Kleinen Hagenbergs im Leinetal errichteten Pfalz ist oberirdisch nichts mehr zu sehen. Vor Ort stehen allerdings zwei bemerkenswerte Denkmale, die im 19. und 20. Jahrhundert zur feierlichen Erinnerung gesetzt wurden und die hier erstmals näher und im Zusammenhang vorgestellt werden.

Vorgeschichte: Die Königs- und Kaiserpfalz Grona

Die Königspfalz Grona ging aus der 915 erstmals urkundlich genannten „Burg Grona“ hervor, die unter König Heinrich I. zur Pfalz und dadurch herrschaftliche Regierungsstätte deutscher Könige und Kaiser wurde. Mit 18 urkundlich bezeugten Königs- und Kaiseraufenthalten von Otto I., Otto II., Otto III., Heinrich II. und Konrad II. in den Jahren von 941 bis 1025 gilt sie unter Historikern nur als Pfalz mittleren Ranges. Dass es wohl mehr Herrscheraufenthalte waren, legt Eike von Repgow in seinem um 1230 verfassten „Sachsenspiegel“ nahe, da er Grona an erster Stelle von fünf Pfalzorten in Sachsen nannte, an denen der König Hoftage abhalten solle. Bei einem solchen Königs- oder Kaiseraufenthalt wird man im frühen 11. Jahrhundert von mehreren hundert bis etwa tausend Personen des königlichen Gefolges ausgehen können. Besondere historische Bedeutung erlangte die Pfalz Grona als Aufenthaltsort von Heinrich IV. aus dem Adelsgeschlecht der Ottonen, Herzog von Bayern, der 1002 als Heinrich II. zum deutschen König und 1014 zum römischen Kaiser gekrönt wurde. Heinrich hielt sich in den Jahren von 1002 bis 1024 urkundlich belegt sechsmal in Grona auf, oftmals begleitet von seiner Gemahlin, der Kaiserin Kunigunde. Er ließ die Burg weiter zur Pfalz ausbauen sowie vermutlich auch die Pfalzkapelle errichten. Unter Heinrich II. soll die Pfalz Grona glänzende Tage erlebt haben: 1012 fand hier die Investitur und Weihe von Waltard zum Erzbischof von Magdeburg und 1022 die von Godehard zum Bischof von Hildesheim statt; in anderen Jahren tagten hier Reichsversammlungen. Der Geschichtsschreiber und Magdeburger Bischof Thietmar von Merseburg hat solche Anlässe beschrieben. Im Sommer 1024 war Heinrich II. letztmals auf der Pfalz Grona. Zuvor hielt er sich im April und Mai in seiner Pfalz in Goslar auf, wo er noch am 24. Mai 1024 das Pfingstfest feierte. Das Datum des dortigen Aufbruchs zu einem seiner Umzüge kennen wir nicht, doch litt er offenbar bereits wieder stärker an seinem aus Berichten bekannten, chronischen und schmerzhaften Steinleiden. So musste er die Reise dann nur zwei oder drei Tagesreisen von Goslar entfernt in Grona unterbrechen und starb dort am 13. Juli 1024 im Alter von 51 Jahren, genau vor 1000 Jahren. Die näheren Umstände der letzten Krankheitstage und des Todes sind quellenmäßig nicht überliefert, aber später durch Heiligenlegenden lebhaft ausgeschmückt worden. Beigesetzt wurde Heinrich II. in Bamberg, dessen Bistum er 1007 gemeinsam mit Kunigunde gestiftet hatte. Dort erinnert noch heute ein prächtiges, aber erst knapp 500 Jahre später von Tilman Riemenschneider geschaffenes Hochgrab im Bamberger Dom an das berühmte und 1146/1200 heiliggesprochene Kaiserpaar.
Mit dem Tod Heinrichs II. endete die Glanzzeit der Pfalz Grona, nur für 1025 ist noch ein Besuch von Kaiser Konrad II. beurkundet. Die Anlage wurde auf kleinerer Fläche wieder zur Burg. Im 12. Jahrhundert kam es erstmals zur Zerstörung und erneut 1323 im Streit der Herren von Grone mit den Göttinger Bürgern. Die Burgstelle lag dann wüst, wurde 1387 von Herzog Otto dem Quaden nochmals wiederaufgebaut, aber schon im selben Jahr von den Göttinger Bürgern endgültig zerstört und schließlich als Steinbruch genutzt. Das Gelände wurde seither landwirtschaftlich genutzt.

Der Pfalz Grona-Gedenkstein von 1880/1884

Das Wissen der Historiker um die bedeutsame Pfalz Grona war nie verloren gegangen, wenngleich noch in den 1870er Jahren der genaue Ort umstritten war: Neben der Gemarkung „Burg Grone“ bei Göttingen kamen auch Grohnde bei Hameln und Gronau bei Hildesheim in Frage. Die Argumente für Göttingen setzten sich erst langsam durch. Vor Ort sah man im 19. Jahrhundert fast 500 Jahre nach der Zerstörung nicht mehr als einen „Schutthügel“, was dann aber für ein Vorhaben zu einer Gedenkstätte reichte. Die Initiative ging 1874 vom Landesdirektorium der preußischen Provinz Hannover aus. Das Landesdirektorium erwarb vom Magistrat der Stadt Göttingen innerhalb der alten Gemarkungen „Auf der Burg“ und „Die Burg“ ein von den alten Holtensern „als Stätte der Pfalz bezeichnetes“ Grundstück „in der Absicht an der Stelle der untergegangenen Kaiserpfalz Grona einen einfachen Denkstein zu errichten“. Dazu legte Baurat Eduard Beckmann von der Kreisbauinspektion Göttingen 1877 eine Planung vor, die leider nicht erhalten ist. Für das Gedenkprojekt griff man auf einen tonnenschweren Quarzitmonolithen zurück, der in etwa 18 km Luftlinie südwestlich entfernt in der sogenannten Klus zwischen Niederscheden und Volkmarshausen entdeckt worden war. Der rund 3,50 m lange und 2,80 m breite sowie nur rund 60 cm starke Steinblock wurde im Winter 1878/79 „mittelst eines eigens zu diesem Zwecke verfertigten riesigen Schlittens auf Schnee mit Vorspann vieler Pferde“ auf den Kleinen Hagen geschafft, wo man ihn 1880 aufrichtete.

Erst danach begannen ebenfalls 1880 und nun auf Initiative des rührigen und geschichtlich interessierten Göttinger Bürgermeisters Georg Merkel archäologische Untersuchungen, die in Abstimmung mit Göttinger Hochschulprofessoren bis 1881 stattfanden und die der preußische Konservator für die Provinz Hannover Johannes Heinrich Müller 1880 als „höchst verdienstvolle Ausgrabung der Groner Kaiserpfalz“ lobte. Bei den Ausgrabungen stellte man überrascht fest, dass der große Stein auf „wunderbare Weise genau in der Mitte der aufgedeckten Fundamente“ lag. Gemeint waren jene Fundamente, die man später als Pfalzkapelle erkannte. Doch fehlte an dem riesigen Stein immer noch eine Inschrift, die das Landesdirektorium bei seiner Stiftung ausdrücklich vorgesehen hatte.

Nach mehreren Jahren des Zuwartens ergriff ein Privatmann die Initiative: Am 22. März 1884 meldete sich der Gutsbesitzer, Geologe und Heimatforscher Heinrich Ludolf Wißmann (1815-1892) aus Wissmannshof in einem langen Leserbrief auf der Titelseite der Göttinger Zeitung zu Wort, erinnerte an die fehlende Schrifttafel und schlug auch gleich einen Textentwurf vor. Dann ging alles recht schnell: Bürgermeister, Stadt sowie die Regierung in Hannover stimmten dem Text zu und man beauftragte die Herstellung der Eisengusstafel bei der Königlichen Eisengießerei in Lerbach im Harz für 24 Mark, plus 16 Mark zur Vergoldung der Buchstaben. Die dann vermutlich noch 1884 angebrachte und bis heute vorhandene Tafel wurde an die nach Osten weisende Front des Steins geschraubt; sie ist etwa 70 cm hoch und in der Form eines Wappenschilds (sog. Schweizer Form) gehalten. Ihre Inschrift in Kapitalschrift lautet: „Hier stand / die Pfalz Grona / ein Wohnsitz / der sächsischen Kaiser / 919 bis 1024, / zerstört / von den / Göttinger Bürgern / im Streite mit Herzog Otto / 1387.“ Das waren die damals in Göttingen bekannten historischen Daten des Ortes. Entscheidend für die Sinngebung des Denkmals folgte darunter und abgesetzt in einer anderen Schriftart in lateinischer Sprache: „Jam seges crescit, ubi Troja fuit“. Damit griff Wißmann eine Formulierung des römischen Dichters Ovid (Heroides 1,53) auf, die in der deutschen Übersetzung etwa lautet: „Schon wächst die Saat, wo Troja war.“

Troja?, fragt man sich heute verwundert mit dem zeitlichen Abstand von 140 Jahren. Offenbar waren Wißmann und mit ihm die Göttinger um 1880/84 angeregt vom kurz zuvor von Heinrich Schliemann sensationell in Kleinasien wiederentdeckten Troja und sahen mit ihrer untergegangenen Kaiserpfalz eine ebenso heroische Geschichte verbunden. Der damalige Anspruch spricht für sich und für die Zeit. Zusätzlich darf man das Gleichnis von der „wachsenden Saat“ durchaus mit Blick auf das noch junge zweite Deutsche Kaiserreich verstehen. Dazu passt, dass der Oberbürgermeister Georg Merkel sich viele Jahre später in seiner Autobiographie mit Stolz rühmte, in dieser Zeit habe auch Göttingen „nach langem Schlummer einen wunderbaren Aufschwung genommen“.

Der Denkmals-Turm von 1958-59

Der Gedenkstein von 1884 und eine weitere Ausgrabung 1935 hatten die Erinnerung an die Pfalz Grona belebt. Ansonsten blieb das Gelände auf dem Kleinen Hagen unbebaut, wurde aber ab 1889 für Felddienstübungen der Göttinger Garnison genutzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann nahe der rasch wachsenden Stadt Göttingen eine umfangreiche Bautätigkeit, wozu in den 1950er-Jahren auch die Siedlung auf dem Hagenberg mit großen Kirchen- und Schulbauprojekten gehörte. In diesem Zusammenhang entwickelte der charismatische erste Pastor der evangelisch-lutherischen Friedensgemeinde Gerhard Mercker ein großes Kirchenprojekt, da ihm auf dem Kleinen Hagen seit 1952 nur ein Gemeindehaus als provisorische Kirche zur Verfügung stand. Der Kirchenbau des bekannten Göttinger Architekten Diez Brandi sollte mitten in das Pfalzgelände gesetzt werden, was bei Geschichtsinteressierten und der Historischen Kommission für Niedersachsen Proteste auslöste, die bis nach Hannover in das Kultusministerium und in die Staatskanzlei wirkten. Dabei war noch nicht einmal in die Öffentlichkeit gedrungen, dass eine Brandi-Variante sogar vorsah, den Kirchenneubau bedeutungsvoll direkt über den Fundamenten der kleinen Pfalzkapelle zu errichten. Das Kirchenprojekt zerschlug sich 1957 wegen der archäologischen Bedeutung des Ortes und Mercker musste sich 1966 mit einer Erweiterung seines schon vorhandenen Gemeindehauses begnügen, das heute die Friedenskirche ist.

Doch es fehlte noch ein Kirchturm. Um den sonst nicht zu finanzierenden Turmbau zu verwirklichen, ergriff Mercker 1957 die Flucht nach vorne, wechselte den Architekten und schuf die aus den erhaltenen Akten gut nachvollziehbare Idee eines weiteren Denkmalprojekts. Dazu dachte er sich einen an die ehemalige Grabungsstätte herangerückten, separat stehenden Glockenturm, der als Besonderheit zugleich ein „weithin sichtbares Denkmal der Kaiserpfalz“ werden sollte. Diese überraschende Idee löste freilich ebenfalls Bedenken bei Fachleuten aus, weil man erneut das archäologisch relevante Pfalzgelände in Gefahr sah. Doch nachdem Landesarchäologe Wolfgang Dietrich Asmus und auch die Göttinger Universitätsarchäologen Herbert Jankuhn und Adolf Gauert in die Planungen einbezogen worden waren und ihre „festgelegte Sicherungszone“ nicht tangiert sahen, konnte Stadtbaudirektor Karl Grabenhorst grünes Licht für Merckers Bauprojekt geben. Die Stadt zahlte sogar einen Bauzuschuss von 10.000 DM. Pastor Mercker hatte also mit seinen umfangreichen Bemühungen und mit der Bedeutungsaufladung als „Denkmals-Turm“ Erfolg: 1958-59 konnte auf dem Kleinen Hagen der im Leinetal weithin sichtbare Turm errichtet werden und zwar in einer einzigartigen Multifunktionskombination als Kirchen- und Glockenturm mit Pfalz-Gedenkhalle und Aussichtsplattform, sowie außerdem im Innern auch noch mit Jugendräumen und einer Zweigstelle der Stadtbibliothek.

Nach der Ablösung von Diez Brandi war Merckers neuer Architekt Hans Hautsch aus Groß Ellershausen bei Göttingen, der einen 25 m hohen Turm mit einem zusätzlich 7 m hohen Kreuz auf der Plattform entwarf. Die Stahlbetonkonstruktion mit Backsteinverkleidung bekam einen leicht geböschten Umriss, was ihr eine schlichte Eleganz verlieh. Die kleine, zweigeschossige Bibliothek mit Empore und Wendeltreppe wurde 1958 sogleich in Betrieb genommen und bestand fast 30 Jahre. Von der Besucherplattform ist noch heute ein prächtiger Rundblick über das Leinetal und Göttingen möglich, wobei der Blick herunter auf das nebenan gelegene ehemalige Pfalz- und Ausgrabungsgelände durch die Bäume des seit 1977 sogenannten „Pfalz-Grona-Parks“ eingeschränkt ist. Heute stehen die Nutzräume in den Obergeschossen leer.

Bemerkenswert ist, dass die in zahlreichen Schreiben Merckers aus den 1950er Jahren dokumentierte, gewollte Gedenkfunktion des Turms im offiziellen Sprachgebrauch nach außen nicht geäußert wurde. Dort und auf den Bauplänen hieß der Bau nüchtern „Turm auf dem Hagenberg“, was andeutet, dass man Merckers Ambitionen gegenüber dann doch etwas zurückhaltend war, zumal die Kritiker der Bauprojekte die Befürchtung einer „romantisch übertreibenden Nationalgedenkstätte“ geäußert hatten. Außerdem hatte man damals die archäologischen Untersuchungen noch längst nicht abgeschlossen. Sie waren 1957 vom Göttinger Max-Planck-Instituts für Geschichte mit seinem Pfalzen-Forschungsschwerpunkt begonnen worden und wurden erst 1972 eingestellt, ohne zu einer endgültigen Auswertung zu kommen. Diese Umstände führten dazu, dass es schließlich mit der Gedenkhallen-Ausstattung des Turms stockte: Die nach Westen geöffnete und mit einer Balkendecke versehene Erdgeschosshalle bekam erst 1967 ein abschließendes Gittertor (Entwurf Hautsch) und sogar erst 1981 wurde an der Rückwand eine schlichte Sandsteinplatte mit einem maßstabsgerechten Relief des archäologisch vorläufig rekonstruierten Pfalzgrundrisses angebracht. Der leitende Archäologe Adolf Gauert selbst hielt am 27. März 1981 die feierliche Einweihungsrede mit dem Titel „Das Bild der Pfalz Grone“.

 

Rezeption und weiteres Gedenken

Der 1880 aufgestellte und 1884 mit einer Inschrift versehene Gedenkstein besteht nun seit rund 140 Jahren. Er wurde zwar anfangs als Sehenswürdigkeit beschrieben und das Wissen um die Pfalz Grona soll noch in den 1950er-Jahren als „Faktum jedem Göttinger von der Schulbank her geläufig“ gewesen sein. Doch in Göttingen begründete dies keine dauerhafte Neuausrichtung des geschichtlichen Selbstverständnisses. Das liegt nicht nur an den verschwundenen Pfalzbauten und dem entlegenen Ort (den immerhin viele Bamberger Pilger auf den Spuren des heiligen Kaiserpaars aufsuchen sollen), sondern hauptsächlich an der 1737 gegründeten Universität, die zur wichtigsten und moderneren Säule des kulturellen Selbstverständnisses der Göttinger geworden war.

Die Pflichten für Pflege und Unterhaltung des Pfalz Grona-Gedenksteins lagen von Anfang an bei der Stadt Göttingen. 40 Jahre nach der Aufstellung wurde er 1924 erstmals in einer „Liste der von der Provinzialverwaltung erworbenen bzw. errichteten historischen Denkmäler“ aufgeführt. Weitere 70 Jahre später erinnerte sich 1994 die Stadt nochmals offiziell ihrer Kaiserpfalz: Der Quarzitmonolith bekam zusätzlich auf einem mächtigen Vorstein eine von dem Künstler Joseph Krautwald gestaltete Bronzetafel. Der darauf formulierte Text zur Geschichte der Pfalz mit seinen korrigierten Jahreszahlen stammte vom Stadtarchiv Göttingen in Zusammenarbeit mit dem Pfalzenforscher Thomas Zotz (Universität Freiburg im Breisgau) und dem Historiker Lutz Fenske (Max-Planck-Institut für Geschichte Göttingen), ergänzt um einen schematischen Plan der archäologisch rekonstruierten Pfalzfundamente. So steht der Gedenkstein noch heute. Kurze Zeit später ließ der Göttinger Verschönerungsverein 1995 zwei Informationstafeln am Turm und neben der alten Gedenkhalle anbringen, welche in einem Text des Stadtarchivs die Pfalzgeschichte zusammenfassen.

Zur Pfalz Grona-Rezeption in Göttingen gehören schließlich außer einigen Straßenbenennungen auch noch mindestens zwei weitere bauliche Erinnerungen: 1964 erhielt die nahe gelegene Hagenbergschule ein von Heinrich Schwarz geschaffenes großes Betonwandrelief, das in abstrakter Weise Pferde, Ritter, Kaiser und Burg andeutet. Ebenfalls „Kunst am Bau“ gab es 1972 am etwa 2 Kilometer entfernt im Ortsteil Grone liegenden katholischen Kirchenzentrum St. Heinrich und St. Kunigunde. Dort zeigen die von Joseph Krautwald entworfenen Fassadenreliefs vier Heiligenfiguren: in der Mitte das Kaiserpaar Heinrich und Kunigunde, links den einst auf der Pfalz anwesenden Bernward, später Bischof von Hildesheim sowie rechts Godehard, den Heinrich II. 1022 auf der Pfalz Grona ebenfalls zum Bischof von Hildesheim berief. Vielleicht sind diese Kunstwerke einmal künftige Kulturdenkmäler?

 

Denkmalbedeutungen

Der Pfalz Grona-Gedenkstein von 1880/84 wurde 2022 in das Denkmalverzeichnis aufgenommen und der 1958-59 erbaute „Turm auf dem Hagenberg“ ein Jahr später 2023; an der Erhaltung beider Objekte besteht ein öffentliches Interesse wegen ihrer geschichtlichen und städtebaulichen Bedeutung.

Bei dem Gedenkstein besteht eine ortsgeschichtliche Bedeutung aufgrund des Zeugnis- und Schauwertes für eine kultur- und geistesgeschichtlich charakteristische Geschichtspolitik im 19. Jahrhundert, die sich in bewussten Denkmalsetzungen ausdrückte. Typisch ist auch die Überformung, denkmalhafte Aufrichtung und Beschriftung eines markanten Findlings.

Für den Turm kann ebenfalls eine ortsgeschichtliche Bedeutung festgestellt werden, die sich im Zeugnis- und Schauwert für die Baugeschichte des 1950er-Jahre-Kirchen- und Gedenkstättenbaus ausdrückt, wobei das Bauwerk eine wohl mindestens deutschlandweit einzigartige Ausprägung und Nutzungskombination fand. Der Turm hat außerdem wegen seiner Höhe auf dem Kleinen Hagen städtebauliche Bedeutung mit einem prägenden, wahrzeichenhaften Einfluss auf das Ortsbild der Hagenbergsiedlung. Darüber hinaus wirkt der Turm auch als weithin im Leinetal sichtbare Landmarke.

Zuletzt noch ein Gedanke zur Denkmaltheorie: Beide Bauwerke sind treffende Beispiele für einen typischen Bedeutungswandel, der seit Alois Rigel („Der moderne Denkmalkultus“, 1903) bekannt ist: Zunächst zu einem bestimmten Zweck geschaffene, „gewollte Denkmale“ können mit der Zeit zu lehrreichen Objekten geschichtlicher Betrachtung werden und damit zu „ungewollten Denkmalen“. Solche Denkmale ‚zweiten Grades‘ sind also für uns heute nicht wegen der einst zugedachten Bedeutungen erhaltenswert, sondern als historisch gewordene Zeugnisse und Denkmale der Kulturgeschichte, wozu auch Denkmalsetzungen gehören können. Hier auf dem Kleinen Hagen stehen beide Objekte mit ihren schillernden Indienstnahmen für die Rezeptionsgeschichte eines 1000 Jahre zurückliegenden Ereignisses.



Siehe auch den Beitrag von Markus C. Blaich zur archäologischen Erforschung der Pfalz Grona.

Hinweis: 2025 wird im „Göttinger Jahrbuch“, Jg. 72/2024 eine erweiterte Fassung dieses Essays erscheinen, einschließlich aller wissenschaftlichen Nachweise.


Zum Weiterlesen:


Wolfgang Alexander: Vor 800 Jahren zerstörte Heinrich der Löwe die Kaiserpfalz Grona auf dem Kleinen Hagen – und vor 100 Jahren regte der Bürgermeister Merkel Ausgrabungen an. In: Göttinger Monatsblätter (= Beilage des Göttinger Tageblatts), Jg. 7, Nr. 80 vom Oktober 1980, S. 4–5.

Adolf Gauert: Über den Stand der archäologischen Untersuchungen von Hauptburg und Palastbauten der Pfalz Grone. In: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, 43, 1974, S. 53-60.

Gerhard Mercker: Es begann 1952. Eine evangelische Kirchengemeinde im gesellschaftlichen Wandel der Zeit. Göttingen (2. Auflage) 2006.

Alois Riegel: Der moderne Denkmalkultus. Sein Wesen und seine Entstehung. Wien/Leipzig 1903. Digitalisat

Werner Rösener: Grone als Zentralort des Königtums im mittelalterlichen Sachsen. In: Göttinger Jahrbuch, 65, 2017, S. 5-16. (Mit Nennung der archäologischen Literatur)

Thomas Zotz: Pfalz und Burg Grone. In: D. Deneke / H.-M. Kühn (Hrsg.), Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt 1: Von den Anfängen bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges. Göttingen 1987, S. 31–50.

Quellen:

Stadtarchiv Göttingen, Signatur: AHR IE 1 Fach 3 Nr. 3 (Die Kaiserpfalz Grona auf dem Kleinen Hagen, 1874-1938).

Stadtarchiv Göttingen, Signatur: C 28 Stadtkämmerei Nr. 203 (Akte Turmbau, 1957-1970)

Stadtarchiv Göttingen, Signatur: C 46.1 Nr. 559 (Erhaltung und Pflege der Pfalz Grona, 1956-1961)

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