Die Erdöl-Förderanlagen in Wietze

Von Stephan A. Lütgert

Am Rande der Südheide zwischen Schwarmstedt und Celle befindet sich eines der ältesten Erdölfelder Niedersachsens bzw. Deutschlands. Ausgehend von vorindustriellen Anfängen im 17. Jahrhundert, als man den Rohstoff in relativ geringen Mengen als Wagenschmiere, Konservierungs- und Heilmittel aus natürlichen Erdölausbissen („Teerkuhlen“ genannt) gewann, wurde hier 1858/59 eine der ersten Erdölbohrungen weltweit niedergebracht. Erste Pläne dazu hatte es schon 1842 gegeben. Mit steigender Nachfrage folgten nach einer längeren Unterbrechung ab 1875, finanziert mit ausländischem Kapital, weitere Erkundungs- und erste Produktions­bohrungen, denen aber der wirtschaftliche Durchbruch noch versagt blieb. Erst die Bohrung des Sehnder Bohrmeisters Friedrich Hasenbein (1841-1907) im Auftrag des Bergwerksdirektors Adalbert Keysser (1856-1922) am rechten Ufer der Wietze auf der „Teufelsinsel“ (später „CW 1“ genannt) löste 1899 einen Erdölboom aus.

Im nahen Umfeld dieser zunächst freifließenden Ölquelle der neu gegründeten Celle-Wietze AG wurden in schneller Folge weitere Bohrungen niedergebracht. Der Erfolg lockte in kurzer Zeit andere Bohrunternehmen an, welche die Gerechtsame (Nutzungsrecht) von den Grundeigentümern, den Bauern, käuflich erwerben mussten (der Staatsvorbehalt wurde erst 1934 eingeführt). 1903 waren schon über ein Dutzend, vier Jahre später schon über 30 Bohrfirmen vor Ort, was einem ökonomischen Betrieb allerdings entgegenstand. Das kleine Heidedorf Wietze verwandelte sich durch die Errichtung von Dutzenden von Bohr- und Fördertürmen, großen Fasslagern und Tankanlagen, eines „Ölbahnhofs“ und einer Raffinerie in kurzer Zeit zu einem Industriestandort, der Arbeitskräfte aus nah und fern anzog. Innerhalb von nur gut zwei Jahrzehnten wurden in Wietze 2000 Bohrlöcher (davon 1600 fündig) in den Untergrund getrieben. Davon befinden sich gut 65 auf dem heutigen Museumsgelände.

Aus dieser bewegten Periode haben sich auf dem fast zwei Hektar großen Gelände des Deutschen Erdölmuseums, das sich ab den 1960er Jahren aus dem Betrieb der Deutschen Erdöl AG (DEA) heraus entwickelte, verschiedene heute teilweise noch funktionsfähige Fördereinrichtungen als technisches Ensemble erhalten. Es handelt sich im Einzelnen um

  • vier hölzerne Fördertürme („Vierböcke“) inklusive Pumpenböcke (Tiefpumpenantriebe) der Bohrungen HW 99 (1909), HW 282 (1930), M 184 (1909) und M 398 (1929/30).
  • das zugehörige, elektrisch mittels Transmission angetriebene liegende Kehrrad für Gruppenantrieb samt Feldgestänge,
  • eine leistungsstarke „Zwillings-Riemen-Plungerpumpe“, Typ QB (Bj. 1910), der Internationalen Bohr-Gesellschaft Erkelenz mit 200 mm Hub und einer minütlichen Leistung von 175 Liter,
  • drei mobile eiserne zylindrische Messgefäße,
  • ein eingegrabenes, genietetes sogenanntes Sammelgefäß (Öltank, vor 1910) sowie
  • eine schienengebundene Ölfeldwinde mit Drehstrom-Motor der Bergmann Electricitäts-Werke-AG, Berlin.

Erst im Jahr 2020 konnte das Gebäudefundament der ehemaligen Pumpenzentrale, in welcher die 1910 gefertigte Riemenpumpe aufgestellt war, freigelegt werden. Dabei ließen sich verschiedene Bauphasen des mit Ziegeln ausgefachten Fachwerkgebäudes feststellen. Ferner wurde Reste der feuerfesten Dachbedeckung (aufgenagelte Zement-Dachplatten) gefunden. Durch intensive Recherchen konnten schließlich mehrere historische Fotografien und Ansichtskarten identifiziert werden, die den früheren Zustand dieser Anlagen auf dem einstigen Ölfeld bezeugen. Das Pumpengebäude wurde wahrscheinlich um 1960 abgerissen, unmittelbar daneben wurde in ähnlicher Form ein Museumsbau errichtet.

Über eine im Niedersächsischen Landesarchiv aufbewahrte „Concessions-Beschreibung“ der Hannoversch-Westfälischen Erdölwerke (HW) aus dem Jahr 1906 kann relativ detailliert nachvollzogen werden, wie der Förderbetrieb funktionierte: Das anfänglich mit Dampfkraft (Lokomobile), bereits ab zirka 1909 elektrisch angetriebene Kehrrad setzte über ein eisernes Feldgestänge gleichzeitig die vier Pumpenböcke unter den hölzernen Fördertürmen in Gang. Das auf diese Weise über senkrechte Steigrohre nach übertage beförderte Rohöl wurde dann durch oberflächennah waagerecht verlegte Rohrleitungen in oben offene, auf eisernen Füßen stehende zylindrische Messgefäße gepumpt. Jeweils drei dieser in unterschiedlicher Höhe kaskadenartig hintereinander angeordneten Behältnisse bildeten eine funktionale Einheit, mit der in einer ersten Reinigungsstufe mitgefördertes Lagerstättenwasser und Schlamm abgetrennt werden konnten. Von dem untersten Messgefäß gelangte das Rohöl in ein benachbartes eingegrabenes Sammelgefäß (Erdtank). Mittels der Riemenpumpe wurde das Öl anschließend in (leider nicht erhaltene) hohe geschlossene Klärbassins mit 48 Kubikmeter Volumen gepumpt. Das darin weiter gereinigte Öl wurde anschließend durch die große Pumpe per Druckleitung in die Lagertanks an der 1903 eröffneten Bahnstrecke Celle-Schwarmstedt (Allertalbahn) gepumpt, wo es in Zisternen- bzw. Kesselwagen verladen werden konnte. Die zugehörigen 3 ½ Zoll (knapp 9 cm) starken Rohrleitungen sind im Untergrund noch erhalten.

Das Ensemble ist als Zeugnis der frühen Erdölfördertechnik der Zeit um 1900 einzigartig in Deutschland. Das Kehrrad und die Pumpen sind heute immer noch funktionsfähig und können in Gang gesetzt werden. Die Bohrlöcher wurden allerdings Anfang der 1960er versiegelt.


Zum Weiterlesen:

Die Erdölförderanlagen Wietze im Denkmalatlas Niedersachsen




Mehr zur Gewinnung und Nutzung von Erdöl in Niedersachsen:


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