Das Empfangsgebäude des Bahnhofs Goslar
Die Eisenbahn kommt nach Goslar
Goslar lag zu Beginn des Eisenbahnzeitalters in einem toten Winkel des zunächst braunschweigischen / hannoverschen, später (nach 1866) preußischen Eisenbahnbaus. 1838 wurde der erste Abschnitt der Braunschweigischen Staatseisenbahn eröffnet, die von Braunschweig in Richtung (Bad) Harzburg führte. Bis 1840 verhandelten verschiedene Stellen über den Bau dieser Strecke und über eine mögliche Abzweigung nach Goslar bei Vienenburg. Nach langen Verhandlungen zwischen den Akteuren wurde 1863 schließlich der Beschluss zum Bau der Bahn veröffentlicht.
Die Stadt Goslar bereitete sich intensiv auf die Eröffnung der Bahnstrecke vor, die über Vienenburg eine Verbindung bis nach Braunschweig schaffen sollte. Im Hinblick auf den erwarteten Tourismus wurde das Stadtbild kritisch betrachtet. Bürgerinitiativen trugen dazu bei, Goslar zu verschönern und für Besucher attraktiver zu gestalten. Am 22. März 1866 wurde schließlich die feierliche erste Zugfahrt von Goslar nach Vienenburg durchgeführt.
Der Bahnhof Goslar und sein Empfangsgebäude
So erreichte die Eisenbahn 1866 endlich die Stadt. Das erste Goslarer Empfangsgebäude wurde im neuromanischen Stil errichtet, ebenso die späteren Erweiterungen. Wie in anderen Städten, die von romanischen Großgebäuden geprägt waren, wählte die Eisenbahnverwaltung auch in Goslar diesen Stil. Vorbilder waren die Kaiserpfalz und die romanischen Kirchen der Stadt. Mit diesem neu-alten Denkmal des mittelalterlichen Kaiserreichs – der nationale Aspekt spielte eine unübersehbare Rolle – wurde Goslar zugleich als Reiseziel aufgewertet. Die Neuromanik entwickelte sich vor Ort zum Lokalstil, dem auch andere Repräsentationsbauten folgten.
Phase 1: Das erste Empfangsgebäude
Vom ersten Empfangsgebäude steht noch ein erheblicher Teil des südöstlichen Flügels. Eines der ältesten Zeugnisse des Empfangsgebäudes in Goslar ist ein Grundriss des Baubestandes in den Plänen zu Umbau und Erweiterung des Empfangsgebäudes kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert. Dieser Plan zeigt das Gebäude aber schon im Zustand der ersten Erweiterung. Das Empfangsgebäude ist so in den ersten 30 Jahren des Eisenbahnbetriebs in Goslar kaum dokumentiert. Allerdings gibt es bauhistorische Befunde: Nach Osten hin findet sich ein Kellerfenster, das mit dem Anbau der zweiten Bauphase zugesetzt wurde Dieser Baubefund belegt, dass das Gebäude ursprünglich hier endete und die zweite Bauphase ein späterer, eigenständiger Baukörper war.
Phase 2: Das Empfangsgebäude muss größer werden
Mit der Inbetriebnahme der Strecken nach Hildesheim und Kreiensen am 1. Mai 1883 wurde Goslar zum Durchgangsbahnhof und Eisenbahnknoten. Dies ist ein plausibler Zeitpunkt für die erste Erweiterung des Empfangsgebäudes, für die es keine exakte Datierung gibt. In dieser dynamischen und für alle Beteiligten unerwartet erfolgreichen Entwicklungsphase der Eisenbahn kam es häufig vor, dass Bahnbauten schnell erweitert oder gar neu errichtet werden mussten. Der zweite Bauteil schließt östlich an das Gebäude der ersten Phase an und endet im Südosten mit der vorletzten Achse des südöstlichen Flügels. Im Gegensatz zum ersten Bau ist dieser Abschnitt nicht unterkellert.
Den Zustand nach Vollendung der zweiten Bauphase zeigt ein undatiertes Foto vom Ende des 19. Jahrhunderts. Das Gebäude umfasst sechs Achsen und endet westlich in einem Risalit. Im Erdgeschoss öffnen sich große Rundbogenfenster, darüber im ersten Stock jeweils drei kleinere Rundbogenfenster mit Dreipassabschluss. Die Mittelachse an der Straßenseite war der Haupteingang, während sich auf der Gleisseite der Durchgang für die Gepäckträger befand. Südöstlich schloss sich ein kurzer Flügel mit nur einer Achse an, in dem Diensträume und im Erdgeschoss das Büro des Bahnhofsvorstehers untergebracht waren.
Phase 3: Das Empfangsgebäude muss noch größer werden
Um dem stetig wachsenden Raumbedarf zu begegnen, entstand im Umfeld des Empfangsgebäudes eine Reihe kleinerer Nebengebäude, darunter eine Toilette, ein neuer Eilgüterschuppen, ein Aufenthaltsraum für Bahnarbeiter, eine Trinkhalle, ein Telefon- und ein Wirtschaftshäuschen. Ein Journalist der „Goslarschen Zeitung“ spottete über diese unkoordinierte Geschäftigkeit der Bahnverwaltung. 1895 griff die örtliche Handelskammer ein und beschwerte sich bei der Königlichen Eisenbahndirektion Magdeburg über die unzureichenden Zustände. Mehrere Planungen scheiterten aus Kostengründen. Erst am 8. Januar 1901 genehmigte der Minister der öffentlichen Arbeiten schließlich den Umbau und die Erweiterung des Empfangsgebäudes.
Entworfen wurde dabei ein westlicher Anbau im 90°-Winkel, wodurch ein L-förmiger Grundriss entstand. Der Bau wurde vom Goslarer Architekten Adolf Schinkel (1865–1912) betreut. Durch den Anbau verdoppelte sich die Fläche des Empfangsgebäudes. Der neue Gebäudeteil erhielt geräumige Gänge und großzügige Wartesäle, während im alten Teil ein großer Gepäckraum, Büroräume und die Telegraphie untergebracht waren. Die Eingangssituation und das Grundrisskonzept wurden komplett verändert: Die ursprünglich zur Klubgartenstraße hin ausgerichtete Hauptachse mit Haupteingang im östlichen Gebäudeteil verlor ihre Bedeutung. Stattdessen entstand ein neuer Haupteingang mit Windfang zur Rosentorstraße.
Aus architekturgeschichtlicher Sicht gehört das um- und neugebaute Empfangsgebäude zu einer kleinen Gruppe von Bahnhofsgebäuden im neuromanischen Stil. Dazu zählen auch Bauten, bei denen sich die Neuromanik lediglich auf die Gliederung des Gebäudes durch romanische Formen beschränkt. Zu ihnen gehören als frühe Beispiele etwa Bad Gandersheim, Gelnhausen, Bad Hersfeld und als jüngstes eben auch Goslar.
Der Entwurf für den Erweiterungsbau des Goslarer Empfangsgebäudes von 1901/02 führte diese Tendenzen weiter. Er setzte auf große rundbogige Öffnungen im Erdgeschoss und kombinierte sie mit Drillingsfenstern, bei denen auch Würfelkapitelle mit sparsamem Reliefschmuck eingesetzt wurden. Profilierung gibt es kaum. Beabsichtigt war, mit variationsreichen Formen und Gruppierungen eine malerische Wirkung zu erzielen. Selbst die dem Restaurant und Wartesaal 1. und 2. Klasse südwestlich vorgesetzte hölzerne Veranda erhielt deshalb im Holzwerk romanische Kapitelle. Zu diesen hochromanischen Formen will allerdings die mit gotischen Vierpässen versehene Attika in der Partie über dem straßenseitigen Eingangsbereich nicht so recht passen. Möglicherweise handelt es sich dabei um eine Zweitverwendung, etwa einer Balustrade des nordwestlich am Altbau angebauten Damenzimmers, das für die Erweiterung abgebrochen wurde.
Phase 4: Erweiterung nach Nordwesten
Zwischen 1911 und 1914 wurde das Empfangsgebäude erneut erweitert. 1911/13 entstand ein neuer Wartesaal für die 3. und 4. Klasse, und die Bahnsteiganlagen erhielten einen Personentunnel. Vor diesem Wartesaal errichtete man eine „Winter- und Sommerhalle für Ausflügler und Sportler“ in Leichtbauweise, die heute nicht mehr existiert. Der Eingangsbereich wurde umgestaltet, wobei Teile der alten Fassade zweitverwendet wurden. Die neue Fassade des Eingangsbereiches wurde, dem Bestand treu, im neoromanischen Stil gehalten, obwohl es sich hier um eine – wie die örtliche Zeitung meinte – „nicht mehr allgemein geschätzte Architektur“ handelte.
Phase 5: Weiterer Ausbau
In der nächsten Bauphase wurde die gesamte östliche Giebelwand versetzt, wodurch am Ende des südöstlichen Flügels eine zusätzliche Achse entstand. Nach Bauplänen von 1927 wurde die Giebelfassade um ca. drei Meter nach außen verlegt. Diese Änderung zeigt auch der „Plan von 1912“ mit den nachträglichen Ergänzungen. Bei der Ergänzung der neunten Fensterachse der Außenfassade wurde auch auf dekorative Kleinigkeiten geachtet, wie die rundstabige Abfasung der Fenstergewände, der Klötzchenfries im Erd- und Bogenfries im Obergeschoss der Straßenseite sowie die dezente Farbgebung mit leicht rötlichem Sandstein für Rundbögen und Blendengliederungen sowie den leicht gelblichen Sandstein für die Rücklagen. Die bahnsteigseitige Gestaltung wurde exakt kopiert, sodass das gesamte Bauwerk wie aus einem Guss wirkt. Im Inneren der neuen Achse befindet sich eine Holztreppe, die wohl aus einem älteren Gebäudeteil übernommen wurde.
1929 wurde die Bahnsteigsperre verlegt, sodass die Wartesäle – ein Saal für die 1. und 2. Klasse sowie einer für die 3. und 4. Klasse – und die Bahnhofsbuchhandlung ohne Bahnsteigkarte zugänglich waren. Der Wartesaal für die 1. und 2. Klasse wurde als Restaurant modernisiert. Das Empfangsgebäude blieb im Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschädigt.
Allerjüngste Neuromanik
Pläne von 1902 und historische Fotos zeigen, dass der älteste Gebäudeteil straßenseitig ursprünglich nur aus dem Erdgeschoss bestand. Erst ein Foto aus der ersten Hälfte der 1950er Jahre belegt die Aufstockung um ein Vollgeschoss im neuromanischen Stil. Der Neubau unterscheidet sich durch helleren Stein vom bereits nachgedunkelten Bestand. Für die 1950er Jahre war Neuromanik völlig aus der Mode, sodass es sich wohl um das jüngste neuromanische Bahnhofsgebäude in Deutschland handelt. Der Architekt ist unbekannt, gehörte aber vermutlich zu einer älteren Generation, die historische Stile noch beherrschte. Bei genauerem Hinsehen fällt die Asymmetrie der Fensterachsen auf: sechs im Erdgeschoss, sieben im Obergeschoss. Für die Aufstockung wurden Stahlbetonstützen ergänzt, deren Tragwerk im Inneren deutlich sichtbar ist.
Umbauten ab den 1960er Jahren
In den 1960er Jahren wurde das Gebäude weiter verändert, am auffälligsten durch einen Vorbau zum Bahnsteig 1 im Nordwesten. Dabei wurde eine Stütze der historischen Gleisüberdachung in den neuen Raum integriert. Gleichzeitig veränderten sich die Reisegewohnheiten: Die großzügigen Wartesäle verloren an Bedeutung und wurden in kleinere Räume unterteilt, um zusätzliche Mietflächen zu schaffen. Trotz dieser Eingriffe bleibt die Grundstruktur des ursprünglichen Raumkonzepts im Plan erkennbar.
Zum Weiterlesen:
Archivalien des Niedersächsischen Landesarchiv: NLA HA Hann. 33c Nr. 821-822, NLA HA Hann. 80 Hildesheim Nr. 08899
Berthold Schwarz: Hundert Jahre Eisenbahn in Goslar. In: Goslarer Bergkalender 316. Jahrgang, 1966, S. 57–62
Stadtarchiv Goslar: StadtA Goslar, Bibliotheksbestand, Goslarsche Zeitung, 1889 - 1914

