Das Edo-Wiemken-Denkmal in Jever

Von Niels Juister

Mit dem Grabmal Edo Wiemkens und der Kassettendecke im Schloss besitzt Jever zwei Bauwerke der Renaissancezeit, die zu den bedeutendsten Kunstwerken dieser Art des 16. Jahrhunderts in Deutschland, als Ensemble sicherlich auch Nordeuropas, gehören.

Seine Blütezeit hatte das Jeverland im 16. Jahrhundert unter der fortschrittlichen Regentin Maria von Jever (1500–1575). Jever erhielt 1536 die Stadtrechte und war bis zu Maries Tode im Jahr 1575 Residenz. Das Edo-Wiemken-Denkmal und die Kassettendecke im Schloss sind weit ausstrahlende, kunsthistorisch bedeutende Zeugnisse dieses Repräsentationsstrebens. In der Folgezeit wechselte das Territorium mehrmals den Landesherrn, so kam es nach dem Tode der kinderlosen Maria an die Grafschaft Oldenburg, 1667 an das Fürstentum Anhalt-Zerbst, 1793 an das russische Zarenhaus und 1818 wieder an das Herzogtum Oldenburg. Schloss und Grabmal blieben daher bis heute immer im Landesbesitz.

Opfer der zahlreichen Streitigkeiten um das Jeverland war auch immer wieder die Stadtkirche. Die erste Kirche wurde Ende des 14. Jahrhunderts zerstört, der nachfolgende Bau dann abermals 1532 vernichtet. Unter Fräulein Maria wurde im Jahr 1556 der Chorraum einer neuen Kirche als Grabkapelle errichtet. In dieser entstand in den Jahren 1561–64 das Grabmal für ihren bereits 1511 verstorbenen Vater Edo Wiemken d. J. Der Raum selbst wird von einer über weit ausladendem Gesims gewölbten Holzdecke mit dünnen unterlegten Holzrippen in der Art eines gotisierenden Netzgewölbes bestimmt. 1959 brannte die Kirche nieder, Grabdenkmal und Chor blieben verschont. Nach Beseitigung der alten Außenmauern des Kirchenraumes erfolgte 1962–64 ein Neubau der Kirche nach den Plänen von D. Oesterlen, Hannover.

Das Edo-Wiemken-Denkmal besteht aus einem Sarkophag, der unter einem kapellenartig ausgebildeten achteckigen Baldachin mit niedrigem äußerem Umgang steht. Der hölzerne Baldachin wird von einem inneren Kranz aus acht Stützen mit davorgestellten Karyatiden getragen. Ein äußerer Kranz ruht auf frei stehenden Säulen auf einem Postament. Die Säulen zeigen ein korinthisches Kapitell und sind an den Schäften reich verziert: Stabwerk mit Ranken, Blumen, Früchten, Waffen, Musikinstrumenten sowie Menschen- und Tiergestalten. Der äußere Kranz beschreibt eine Arkade aus acht kassettierten Quertonnen. Von großem künstlerischem Wert sind die Architrave dieser Quertonnen. Sie zeigen figürliche Darstellungen: Kämpfe griechischer und römischer Krieger, Reitergefechte, fantastische Aufzüge mit Flügelrossen und Elefanten, bespannte Prunkwagen und Leichenzüge. Die Arkaden werden von dem Mittelbau überragt, an dessen Ecken ebenfalls wieder Karyatiden eingesetzt sind. Auf vier Seiten befinden sich tabernakelartige Aufsätze, ebenso sind die Arkaden von mittleren Aufsätzen bekrönt. Von den zahlreichen Figuren tragen die meisten Unterschriften, so: Salomon, Dialectica, David, Rethorica, Saul, Maria, Jupiter, Venus, Saturnus, Fortitudo, Mars, Luna, Mercurius. Am Salomon befindet sich eine inschriftliche Datierung aus dem Jahr 1562, an der Fortitudo das Monogramm „HH“ [Heinrich Hagart], das an verschiedenen Stellen wiederkehrt. Ferner befindet sich an einem Alabasterrelief das Monogramm „PH“.

Fräulein Maria errichtete ein Grabmonument, das zugleich als Familiengrablege konzipiert war und nicht zuletzt vom vitalen Gedanken der Konkurrenz mit den ostfriesischen Nachbarn angeregt gewesen sein dürfte. Dort war Graf Enno II. 1540 verstorben. Seine Witwe Anna von Oldenburg ließ daraufhin im südlichen Nebenchor der Großen Kirche zu Emden ein monumentales Grabdenkmal aufrichten.

Beide Monumente, das Enno-Grabmal zu Emden wie auch das Jeversche Denkmal, sind herausragende und relativ frühe Werke der Renaissance auf dem Gebiet des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches. Sie können beide dem Umkreis des um die Mitte des 16. Jahrhunderts stilprägenden Antwerpener Architekten und Bildhauers Cornelis Floris de Vriendt (um 1514–1575) zugeordnet werden, dessen auf der antiken Groteske und Ornamentik fußender Stil sich rasch nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Dänemark, den Küstenländern der Ostsee, Norddeutschland, bis tief hinein nach Süddeutschland verbreitete.

Für das Kenotaph des Edo-Wiemken-Grabmals finden sich noch direkte Parallelen und Vorbilder aus der Floris-Werkstatt wie das 1552 entstandene Freigrabmal für Friedrich I. im Dom zu Schleswig sowie ein Entwurf aus einem der Musterbücher des Cornelis Floris. Die zweigeschossige Baldachinarchitektur muss hingegen als in ihrer Art einzigartig angesehen werden. Ein solcher ‚Überbau‘, also ein Baldachin dieser Art und Ausformung, ist weder in den damaligen Niederlanden noch auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches zu finden.

Ein solches Castrum Doloris (Trauerlager/Trauergerüst) war ein kunstvoller, nur für die Zeit der Exequien errichteter Aufbau über dem real oder symbolisch im Chorbereich der Kirche aufgebahrten Leichnam einer hochgestellten Persönlichkeit, in dem sich liturgische und auszeichnende Funktion miteinander verbanden, wobei sich die Bedeutung immer deutlicher zur zweiten Funktion – der eines reinen Herrschaftszeichens– verschob. Eine entsprechende Ikonografie von Leichenzügen und Begräbnisdarstellungen am Denkmal weist auf diese Bedeutung hin.

Das Werk lässt sich aufgrund der Monogramme „HH“ dem Bildhauer Heinrich Hagart zuordnen. Dieser war Schüler von Cornelis Floris de Vriendt und schuf zusammen mit dem Monogrammisten PH die Steinbildhauerarbeiten am Jeveraner Grabmal. Der unbekannte Meister des hölzernen Baldachins stammt nach derzeitigem Kenntnisstand aus dem Umkreis des Utrechter Bildschnitzers Jacob Colijnde Nole (ca. 1535–1601). Die Mitarbeit Hagarts an dem Wandgrab des Herzogs Albrecht von Preußen in Königsberg (1549), an dem bereits o. g. Grabmal von Friedrich I. in Schleswig oder an dem Grabmal von Christian III. in Roskilde (1560–76) wird ihm derzeit zugeschrieben. Gesichert ist ferner die Mitarbeit von Heinrich Hagart an der zweigeschossigen Lettnerwand von Oosterend bei Sneek (NL) von 1554. Auf dem Edo-Wiemken-Denkmal findet sich eine bildliche Darstellung dieses Werkes.

Bei dem Edo-Wiemken-Denkmal handelt es sich um eines der ersten größeren Werke der Floris-Schule bzw. der flämisch geprägten Renaissance auf dem Territorium des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen. Zu den früheren Werken gehören die preußischen Wandgräber in Königsberg (1549) und die Wandgräber im Kölner Dom von Adolf und Anton von Schauenburg (um 1561). Das Grabmal des ostfriesischen Grafen Enno II. von 1540–48 in Emden ist leider nur bruchstückhaft überliefert. Vielfach wurden die neuen Kunstströmungen aus den Niederlanden von einzelnen Landesherren aufgegriffen, die damit Modernität, Weltgewandtheit und Kunstsinn zum Ausdruck bringen wollten. So ließ zum Beispiel Herzog Wilhelm d. J. zu Braunschweig-Lüneburg die Celler Schlosskapelle im Jahr 1569 mit den Werken des niederländischen Malers Marten de Vos ausstatten. Erst zum Ende der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und ab 1600 ist eine verstärkte Tätigkeit niederländischer Baumeister und Künstler auch in südlichen Regionen wie dem heutigen Südniedersachsen wahrzunehmen. Zu nennen sind hier zum Beispiel die Skulpturen des Mausoleums von Stadthagen von Adrian de Vries von 1620. Auch hier steht das Repräsentationsbedürfnis des Landesherrn, des Grafen Ernst von Holstein-Schaumburg, im Vordergrund.

Grabmal und Kassettendecke im Schloss zu Jever fanden im späten 19. Jahrhundert durch verschiedene kunsthistorische Publikation eine breite Publizität. Seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts gerieten beide Kunstwerke jedoch immer mehr aus dem Blick der Fachwelt und der Öffentlichkeit. Zwar gab es kleine restauratorische Sicherungsmaßnahmen zum Ende des 19. Jahrhunderts, in den Nachkriegsjahren, nach dem Brand der Stadtkirche 1959 und in den 1980er-Jahren, doch steht eine umfassende Maßnahme, die vergleichend alle Bauteile und die unterschiedlichsten Materialien vor dem Hintergrund neuerer naturwissenschaftlicher, restauratorischer und kulturwissenschaftlicher Erkenntnisse in den Blick nimmt, noch aus.


Der Text wurde erstmals veröffentlicht in den Berichten zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 37. Jg. (2017), Heft 2, S. 87-88.

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