Das Plattbodenschiff EBENHAEZER
Bereits seit den Anfängen der staatlichen Denkmalpflege im 19. Jahrhundert spielen bewegliche Objekte eine wichtige Rolle. Kunstobjekte, antike Fundstücke und historische Dokumente standen zunächst im Fokus von staatlichen Anordnungen und Erlassen für Kulturgüter. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde zwischen Zubehör – Objekte, die mit einem Bauwerk einen funktionalen Zusammenhang bilden – und beweglichen Denkmalen mit eigenem Denkmalwert – wie sie heute in den Denkmalschutzgesetzen der Bundesländer festgeschrieben sind – unterschieden. Im Verzeichnis der Kulturdenkmale in Niedersachsen werden einige Bewegliche Denkmale nach § 3. Abs. 5 NDSchG geführt. Dazu zählen Sammlungen historischer Bücher, aber auch Lokomotiven, Flugzeuge und Schiffe. Ein Bewegliches Denkmal, welches jüngst in das Verzeichnis der Kulturdenkmale eingetragen wurde, soll im Folgenden vorgestellt werden. Dabei handelt es sich um eine Tjalk, die typologisch zu den einmastigen Plattbodenschiffen gehört. Die EBENHAEZER hat ihren Heimathafen in Rhauderfehn im Landkreis Leer.
Aufgrund der speziellen geografischen Landschaftsformen an der Nordseeküste war die Kleinschifffahrt über Jahrhunderte hinweg der wichtigste Verkehrsträger. Die wirtschaftliche Entwicklung der Region war abhängig vom Meer, den Kanälen und den Mooren. Das betraf vor allem die friesische Fehnlandschaft. Für die Fehnlandschaft stellte nach Urbarmachung der Moorgebiete der Brenntorf, dessen Gewinnung und erfolgreicher Abtransport einen wesentlichen Wirtschaftszweig dar. Daraus entwickelt sich erfolgreich die Torfschifffahrt, deren Warenverteilung in der von zahlreichen Kanälen durchzogenen Küstenregion von kleinen Frachtsegler bestimmt wurde. Das änderte sich mit der Industrialisierung: Für die Bewohner wurde nun die Anbindung an die Küstenregion von größerer Bedeutung, wodurch sich alternative Erwerbszeige ergaben. Trotz der wachsenden Einwohnerzahl um die Mitte des 19. Jahrhunderts und der fortschreitenden Abtorfung der Moore war durch den Abbau des Brenntorfs für die lokale Bevölkerung weiterhin für ein Auskommen gesorgt. Bedingt durch die Torf- und Seeschifffahrt siedelten sich auch im Binnenland Werften und zugehörige Gewerbe, wie Segel- und Blockmachereien sowie Reepschlägereien an.
Für eine Ausweitung der Schifffahrtstätigkeit auf den gesamten Küsten- und Wattenmeerbereich bedurfte es aber einer Schiffskonstruktion, die den örtlichen Gegebenheiten hinsichtlich des geringen Tiefgangs, der engen Gewässer, der geringen Durchfahrtshöhen bei Brücken und des Gezeitenrhythmus angepasst werden konnte. Ewer und Tjalk waren im 19. Jahrhundert die verbreitetsten Schiffstypen hölzerner Frachtsegler im und am Wattenmeer bzw. an flachen Küsten- und Binnengewässern der Nordsee. Sie beförderten Rohstoffe und Waren von und zu größeren Handelsplätzen. Zudem fungierten sie als Zubringer zu den größeren Seehäfen.
Eine Tjalk ist ein einmastiges Segelschiff, das zu den Plattenbodenschiffen gehört, welche nutzungsgemäß vor allem für seichte Kanäle sowie für Küsten mit niedrigem Wasserstand geeignet sind. Auch ein Einsatz im Gezeitenrhythmus ist aufgrund des sehr flachen Bodens ohne Balkenkiel möglich. Durch diese Konstruktion kann der Tiefgang auch im vollbeladenen Zustand gering gehalten werden. Weiterhin ist es durch die Beschaffenheit des Bodens möglich, bei Ebbe aufrecht trocken zu fallen, d.h. mit ganzem Rumpf auf dem Grund aufsetzen zu können und bei auflaufendem Wasser wieder selbsttätig aufzuschwimmen. Dadurch konnten neben kleineren Häfen auch Deichsiele oder Schleusen diesen Frachtsieglern als Umschlagplätze dienen, da aufgrund der Möglichkeit des Trockenfallens an Ort und Stelle keine besondere Ausstattung für den Lösch- und Ladevorgang der Waren benötigt wurde. Schiffsrümpfe ohne Kiel boten jedoch wenig Stabilität gegenüber Seitenwinden. Daher wurden an den Plattbodenschiffen die typischen sogenannten Seitenschwerter angebracht. Diese wuchtigen Bretter ließen sich horizontal schwenken und wurden bei Seitenwind auf der windabgewandten Seite abgelassen. Dadurch wurde das Schiff stabilisiert. Die Takelung einer Tjalk bestand vor allem aus einem langen Großbaum mit Hauptsegel, Gaffelsegel und Stagsegel. Optional war auch das Fahren mit einem Klüver, was einen zusätzlichen, beweglich aufgesetzten Klüverbaum notwendig machte.
Die Tjalk EBENHAEZER wurde als Binnentjalk aus Eisen 1908 für den holländischen Eigner Bos aus Murmerwoude bei der Werft O.Van der Werf in Leeuwarden gebaut. Zwar wurden ab 1864 immer mehr Plattbodenschiffen aus Eisen gebaut, da hölzerne Schiffe aufgrund ihrer geringeren Ladefähigkeit nicht mehr konkurrenzfähig waren, diese stammten jedoch bis Anfang des 20. Jahrhunderts ausschließlich aus niederländischen Werften. Erst 1926/27 begann die Werft Martin Jansen/ Karl Kronenberg, gegründet in Westrhauderfehn, später in Leer ansässig, Schiffe aus Eisen zu bauen. Die EBENHAEZER ist ca. 20 m lang und hat einen Tiefgang von 0,75 m. Eingesetzt wurde sie auf den Flüssen, Kanälen und im Wattenmeer für den Transport von Torf, Getreide, Baumaterialien und Salzfischen. Aus der Chronik der Schiffergilde Rhauderfehn e.V. geht hervor, dass die EBENHAEZER zudem als Postschiff zwischen dem holländischen Festland und den westfriesischen Inseln verkehrte. Für diesen Transport ließ der Eigentümer bereits 1929 einen 23 PS starken Einzylinder-Dieselmotor einbauen, um nicht mehr ausschließlich auf eine einzige Antriebskraft angewiesen zu sein. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war die EBENHAEZER als Frachtschiff in der friesischen Binnen- und Küstenschifffahrt eingesetzt. Anschließend erfuhr sie durch den Umbau zu einem Freizeitsegelschiff einige Veränderungen, welche nach 1986 im Rahmen einer umfangreichen Restaurierung unter fachmännischer Anleitung in der Papenburger Meyer-Werft zum Teil zurückgebaut wurden. Seit 1988 wird das Schiff von der Schiffergilde Rhauderfehn e.V. ehrenamtlich bereedert und für Fahrten in Binnen- und Küstengewässern eingesetzt. So werden die seemännischen Fertigkeiten und Gebräuche gepflegt und die Erinnerung an die Schifftradition der Gemeinde Rhauderfehn aufrechterhalten.
Das Plattbodenschiff EBENHAEZER hat eine sehr hohe Bedeutung für die Schifffahrtsgeschichte der Küsten- und Binnenschifffahrt der gesamten Nordsee. Die Aufnahme der Schifffahrtstätigkeit war für die Region und die Bevölkerung von immenser Bedeutung und trug erheblich zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region wie auch zum bescheidenen Wohlstand der Einwohner der Fehnlandschaft bei. Die Tjalk EBENHAEZER repräsentiert darüber hinaus einen charakteristischen und regionalspezifischen Schiffstypus, der aufgrund seiner besonderen Konstruktion in der Küsten- und Binnenschifffahrt einsatz- und konkurrenzfähig war – dies auch unter schwierigen geografischen Gegebenheiten, wie sie nur in den Kanalsystemen und Moorbereichen der friesischen Fehnlandschaft und in der Küstenregion des Wattenmeers vorkommen – und ist aufgrund des Erhaltungszustandes ein authentisches Beispiel einer über lange Zeit sehr verbreiteten Schiffskonstruktion mit einem hohen Aussage- und Zeugniswert.
Warum sind die beweglichen Denkmale nicht im Denkmalatlas Niedersachsen zu finden? Lesen Sie hierzu das denkmal.thema Bewegliche Denkmale – mobiles Kulturgut mit eigenen Gesetzmäßigkeiten!

