Das Derneburger Mausoleum des Grafen Ernst zu Münster: Erkenntnisse der Bauforschung

Von Karl Hiller

Im Jahr 2017 wurde eine Machbarkeitsstudie zur Vorbereitung notwendiger Restaurierungsmaßnahmen der Derneburger Friedhofsanlage durchgeführt. Im Folgenden werden Erkenntnisse der Studie zur Grabpyramide referiert, wobei der Fokus auf bauforscherischen, weniger auf technischen Aspekten liegen soll.

Die Pyramide in Derneburg in der Nähe von Hildesheim dient dem am 20. Mai 1839 verstorbenen Erbauer, dem Grafen Ernst zu Münster, seiner Frau Wilhelmine Charlotte und Mitgliedern zweier Nachfolgegenerationen als Erbbegräbnis. Derneburg ist im Todesjahr Ernst Herberts erst 25 Jahre in Münsterschem Besitz. Das vormalige Kloster wurde ihm 1814 als Dank für seine Verdienste um das Königreich Hannover geschenkt, welches er bei der Neuordnung Europas nach dem Sieg über Napoleon hervorragend vertreten hatte. Ganz im Sinne seiner Zeit verschönert er die direkte Umgebung seines neuen Wohnsitzes durch Anlage eines Landschaftsgartens und will in diesem auch beigesetzt werden: „Zum Begräbnisplatz für mich, meine Frau und meine Kinder [...] bestimme ich den Raum rechts vom Wege nach der Donnerbergquelle [...] er liegt nicht fern von der Burg und ist durch Hügel und Bäume verborgen, dass sein Anblick den Lebenden keine unangenehme Empfindung veranlassen wird.“ Auf die vorgegebenen landschaftlichen Gegebenheiten wird in der Planung sensibel eingegangen.

Die Analyse einer Skizze des mit der Planung des Mausoleums beauftragten hannoverschen Hofbaumeisters Georg Ludwig Friedrich Laves erweist, dass das Bauwerk in eine Gruppierung bereits stehender Eichen der Art Quercus robur eingepasst wurde. Zunächst stimmt die Anzahl von fünf Punkten in der Zeichnung mit der vor Ort nachweisbaren Anzahl von Bäumen überein. Drei mächtige Eichen umrahmen bis heute äußerst pittoresk das Bauwerk, ein Baumstumpf weist auf einen mittlerweile fehlenden Baum hin. Die Lage eines weiteren heute nicht mehr vorhandenen Baums ist anhand einer historischen Fotografie von 1886 rekonstruierbar. Allein die Anordnung der Bäume auf dem Plan irritiert. So steht zum Beispiel an der realen Nordost Eingangsseite die Eiche rechts statt links vom Eingang. Dreht man nun aber gedanklich den Pyramidengrundriss im Plan um 90 Grad im Uhrzeigersinn, so ergibt sich eine perfekte Übereinstimmung mit der Situation vor Ort. Dies zeigt, dass Laves‘ Planskizze noch weiterentwickelt wurde und dass es sich tatsächlich um das Bemühen um Einpassung in eine gegebene Situation und nicht um einen Plan mit noch anzupflanzenden Bäumen handelt. Bauwerk wie Bäume befinden sich auf einer kleinen Erhebung, welche im Kern natürlich sein sollte, aber um künstliche Anschüttungen bereichert wurde, so dass sich die Form eines abgeschnittenen Pyramidenstumpfes ergibt.

Die auf diesem Sockel ruhende Pyramide weist eine Grundfläche von 11,80 mal 11,71 Metern auf. Der Böschungswinkel der Seitenflächen beträgt 61 Grad. Über einer kräftig ausgeformten Sockelsteinlage steigen in 34, je 30 cm hohen, weiteren Steinlagen die Stufen zur 36 Fuß bzw. 10,51 Meter hohen Spitze zusammen. Durch die Abtreppung des Sandsteinquadermauerwerks und die Schrägbrechung der einzelnen Stufen entstehen unscharf konturierte Seitenwände, was der pyramidentypischen Anmutung klarster Geometrie entgegen läuft. Das Portal ist in ägyptischer Manier als Tempelportal angelegt und mit geböschtem Gewände in den Pyramidenkörper eingeschnitten. Der darüber befindliche Architrav enthält die Inschrift: „GRÄFL. MÜNSTERSCHES FAMILIEN / BEGRÄBNISS / ERBAUET im JAHRE MDCCCXXXIX“ und wird von einem Palmblattgesims abgeschlossen. Die Bänderung der Türrahmung ist als umwickeltes Papyros- oder Schilfstabbündel ausgeführt.

Der Pyramideninnenraum wurde ursprünglich durch ein mehrere hundert Kilo schweres Sandsteintürblatt verschlossen. Das Blatt war von einer rosettenbesetzten Zierleiste eingefasst und horizontal zweigeteilt. In der oberen Hälfte befindet sich in einem trapezförmig ausgeführten Feld das Münstersche Familienwappen, ausgeführt als Spitzschild mit beiderseitigem Ausschnitt und einer darüber befindlichen neunzackigen Grafenkrone. Reste einer gelben Farbfassung lassen eine farbige Gestaltung der Tür vermuten. In der unteren Hälfte stand die Grabinschrift: „EWIG IST DIE FORTSCHREITUNG / ZUR / VOLLKOMMENHEIT / OBGLEICH AM GRABE DIE SPUR / VOR DEM AUGE VERSCHWINDET“, die sich jedoch nur in Laves‘ Zeichnung und nicht in Stein erhalten hat. Das Fragment der Tür ist in die rechte Seitenwange des Portaltunnels eingelassen und gibt nur die obere Hälfte wieder. Nach Ausbau der defekten Tür, welche schon vor der letzten umfänglicheren Instandsetzungsmaßnahme von 1985 erfolgt ist, wurde der Verschluss des Innenraums von Vergitterungen übernommen. Der Innenraum misst 7,33 mal 6,18 Meter. Er wird von einem im Scheitelpunkt 5,75 Meter hohen Klostergewölbe überdeckt. Die oberhalb einer Sandsteinsockelzone in Backstein gemauerten Wände des Innenraum sind dünn mit feinkörnigem Mörtel überschlämmt und waren dunkelblau farbig gefasst.
In der Pyramide befinden sich neun Sarkophage. Kunsthistorisch am interessantesten ist der Sarg des Grafen Ernst zu Münster. Er weist einen Sargdeckel in Form eines Giebeldachs auf. Der Schmuck von Ecken, Scheitel und Unterteilungen des Daches durch Akroterien im Verbund mit den aufgelöteten Dachpfannen aus Zinn geben die Bedachung eines antiken Tempels en miniature wieder. Die Seitenwände schmücken jeweils sechs Löwenköpfe. Ringe in deren Mäulern stellten die Tragen des Sarges dar. Das Design des Sarges stammt von Laves, wie die im Stadtarchiv Hannover erhaltene Entwurfszeichnung beweist. Aufgrund der feuchten und von Temperaturunterschieden geprägten Situation im Pyramideninnenraum und aufgrund von vandalistischen Vorkommnissen ist der Sarg stark geschädigt.

Die Außenhülle der Pyramide besteht aus insgesamt 626 Sandsteinwerkstücken aus lokalem, feinkörnigem, beigefarbigem Rhätsandstein. Die Steine könnten insofern aus einem nahe gelegenen, aufgelassenen Steinbruch stammen. Die größte geologische Ähnlichkeit wiesen Proben des verwendeten Materials allerdings zu Vergleichsproben aus dem Steinbruchgebiet um Hockeln beziehungsweise zu dem Steinmaterial auf, welches südwestlich von Derneburg am Osthang des Kanzel-Berges gewonnen wurde. Eine Besonderheit von Pyramiden als architektonischer Form stellt dar, dass ihre Fassaden gleichzeitig ihr Dach sind. Die Derneburger Grabpyramide ist für diesen Zweck in technischer Hinsicht nur sehr eingeschränkt tauglich, was der Ausformung der Werksteine ohne Wassernase, der abgetreppten Seitenlinie mit daraus folgender langer Verweildauer von Niederschlagswasser und insbesondere der Tatsache geschuldet ist, dass es sich um bei dem Hildesheimer Rhätsandstein um ein stark saugendes Material handelt. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die gemessene hohe Durchfeuchtung der Konstruktion seit seiner Errichtung vor nunmehr 179 Jahren von Anfang an bestand. Immerhin gilt der Rhätsandstein aufgrund des hohen Quarzzementanteils als gut witterungsbeständig. Sieht man von zumeist kleineren Ausbrüchen und ausgewitterten Rissen ab, bestätigen dies die Werksteine des Mausoleums eindrucksvoll.

Die Werksteine sind bis zu ca. 250 cm lang, 30 cm hoch und 40 cm tief. Beim Bau der Pyramide wurde wahrscheinlich zunächst ein hölzernes Lehrgerüst errichtet. Für die unteren Lagen der Pyramideninnenwand bis 85 cm Höhenniveau wurden Sandsteine mit bräunlicher Oberfläche verwendet. Darüber sitzt eine Innenschale aus Backsteinen. Sie ist als Blockverband ausgeführt. In dem Schnitt der Präsentationszeichnung Laves ist im Abstand von etwas weniger als einem Fuß (= 29,2 cm) eine parallel zur Mauerwerksinnenkante gestrichelte Linie eingezeichnet. Sie kann aufgrund des im Mausoleum verwendeten Backsteinformates von 26,5–27,5 x 12–13 x 6 cm Länge so verstanden werden, dass innenseitig immer ein Backsteinbinder bzw. zwei Läuferbacksteine eine dünne Backsteininnenlage bilden, welche dann in das Sandsteinmauerwerk übergeht.

Aufsehen hat die Entdeckung roter Farbreste an der Außenhülle der Pyramide erregt, welche nahelegen, dass die Pyramide einst rot, bauzeitlich hätte man gesagt, „pompeianisch rot“ gefasst war. Da keine Parallelbeispiele von farbig gefassten Pyramiden des 18. und 19. Jahrhunderts und keine Schriftquellen zur Derneburger Pyramide bekannt sind, welche ihre Farbigkeit thematisieren, wurde der Befund zunächst kritisch aufgenommen. Angesichts der Nachweisbarkeit der Rotfärbung in vielen Fassadenbereichen ist indes gesichert, dass es sich bei dem Befund nicht nur um ein lokal begrenztes Phänomen handelt, sondern der Befund für die Außenhülle der Pyramide repräsentativ ist. Gesichert ist zudem, dass die Rotfärbung nicht biogenen Ursprungs ist oder nur Ausblühungen des Sandsteinmaterials darstellen. Eine Untersuchung der Farbschicht im Labor hat Eisenpigmente, die in eine silikatische Matrix eingebunden bzw. wasserglasgebunden sind, nachgewiesen. Wasserglasfarben wurden zur Bauzeit eingeführt, wobei ihrem Einsatz noch ein experimenteller Charakter zukam. Das Fehlen einer Schmutzschicht unterhalb der Farbschicht deutet wiederum auf eine bauzeitliche Fassung hin, da eine fehlende Verschmutzung so interpretiert werden kann, dass eine unmittelbar aufgebrachte Farbbeschichtung dem Schmutz keine Zeit zur Anlagerung gelassen hat. Ein wenig hat die fachliche Debatte um die Farbbefunde der Derneburger Pyramide an den sogenannten Polychromiestreit des 19. Jahrhunderts erinnert, welcher zurzeit der Erbauung des Mausoleums in vollem Gange war. Hierbei haben sich unter anderem die nebst Laves führenden deutschen klassizistischen Architekten, Schinkel in Berlin, Klenze in München und vor allem der Dresdner Architekt Gottfried Semper mit der Frage auseinander gesetzt, welche Konsequenz aus der archäologischen Entdeckung mehrfarbig gestalteter antiker Bauten für das eigene Bauen und den Einsatz von Farbe an deren Oberfläche zu ziehen sei. Die Analogie reicht aber nicht allzu weit, da in Derneburg lediglich ein Rot als Grundfarbigkeit der Pyramide und ein Gelb als Anstrich der Sandsteintür, aber keine weitere farbliche Ausdifferenzierung nachweisbar ist. Für eine solche einfache farbige Gestaltung in Rot und Gelb besteht in der 1792 errichteten Begräbnis Pyramide des Grafen Carl von Lindenau in Machern bei Leipzig ein Vergleichsbeispiel, wobei das Rot des Pyramidenkorpus dort der verwendete Porphyrstein, das Gelb des Tempelportals der verwendete Sandstein beisteuert.
Die Bauinschrift über dem Portal „Erbaut im Jahre 1839“ klärt nicht, ob die Pyramide noch zu Lebzeiten des Grafen Ernst fertiggestellt wurde und er die Baumaßnahme also noch im bewährten Zusammenspiel mit Laves abschließen konnte. Eine bislang nicht einbezogene Quelle, das Genehmigungsgesuch der Witwe an das die Konsistorium vom 22. Mai 1839, welches die Beisetzung außerhalb eines Friedhofs zu genehmigen hatte, ist indes eindeutig: „Mein verewigter Gemahl hat seine Grabstätte auf dem durch die Huld des hochseligen Königs Georg IV. Majestät ihm verliehenen Rittergute Derneburg sich aus ersehen. Er hat daselbst die Erbauung einer FamilienGruft vorbereitet, seine Absicht aber bei seinen Lebzeiten nicht ausgeführt: Nach seinem letzten Willen ist seine Leiche in dieser Gruft beizusetzen, und wird dieselbe daher so lange, bis die Grabstätte völlig bereit ist, in einem Gewölbe der Gebäude zu Derneburg aufzubewahren und baldigst dahin zu bringen sein“ (Niedersächsisches Landeshauptarchiv Hannover, Hann. 113, Nr. 3816, fol.2 und 3). Laut Chronik des Derneburger Rademachers Georg Breimacher fand die Bestattung in der Pyramide am 19. Mai 1840 statt. Es ist anzunehmen, dass die Vorbereitung des Bauwerks durch Graf Ernst bereits den Entschluss zu einer Grabpyramidenform beinhaltet hat, welche sich in seinem Testament von 1836 noch nicht andeutete. Ob Ernsts kunstsinnige Witwe Charlotte während der Bauphase Einfluss auf Bauformen und Details genommen hat, bleibt aufgrund fehlender Quellen spekulativ.

In einer 1845 erstellten Bilanz der baulichen Ausgaben in Derneburg werden für „das Erbbegräbnis“ im Jahr 1840 „2048 Thaler“ genannt, was angesichts von 1814 prognostizierten ungefähr 6000 Thalern jährlichem Einkommen aus dem Landgut Derneburg eine nicht unerhebliche Ausgabe darstellte. Graf Ernst zu Münsters Motivation, sich eine Pyramide als Begräbnisstätte zu errichten, lässt sich indes anhand seiner Biografie, welche nicht nur in politischer Hinsicht aufgezeichnet wurde, sondern auch in ästhetischer Hinsicht, „im Lichte seiner Kunstinteressen“ relativ gut nachvollziehen. So kann der Biografie Nikolaus Strubes entnommen werden, dass Münster in den Jahren von 1793 bis 1798 forschend, zeichnend und Kontakte knüpfend Italien bereist hat.

Ein Schwerpunkt seiner Italienaufenthalte bestand in der Beschäftigung mit der antiken Begräbniskultur. So geht aus seinen Reiseberichten und Briefen hervor, dass er zahlreiche Gräber und Grabanlagen aufsuchte, darunter auch am 22. März 1794 die Cestius-Pyramide in Rom, welche ein wichtiges Vorbild der Derneburger Pyramide darstellt. Gräber sind ein Gegenstand, der ihn immer interessiert hat, „weil er Licht über Entstehung und Fortgang der Meinung über Unsterblichkeit gibt.“ Zu den Ägyptern meinte er, sie hätten: „die Lehre von der Unsterblichkeit ins System gebracht“. Ernst zu Münsters Beschäftigung mit dem Thema Tod und Vergänglichkeit scheint einerseits individuellen Charakter zu haben und einem besonderen persönlichen Interesse geschuldet zu sein. Er nähert sich dem Thema aber zeittypisch an und äußert sich zu ihm in tradierten Formen, deren Wurzeln schon im 18. Jahrhundert zu finden sind. Dies zeigt sich zum Beispiel in der Verwendung des Epigramms „Ewig ist die Fortschreitung zur Vollkommenheit, obgleich am Grabe die Spur vor dem Auge verschwindet“. Es zierte nahezu wortgleich ein hölzernes Portal im gärtnerischen Umfeld der 1777 errichteten Grabpyramide in Baum, welches Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe, ein Onkel von Münsters Gattin Wilhelmine, hat errichten lassen. Der Satz hat zudem ein weiteres Portal im ab 1781 entstehenden Seifersdorfer Landschaftsgarten bei Dresden beschriftet, wie man durch Wilhelm Gottlieb Beckers Beschreibung
des Parks weiß. Durch das Portal gelangte man dort zu „Lorenzos Grab“, wobei es sich bei Lorenzo um eine literarische Figur aus Laurence Sternes Roman „Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien“ handelt. Beckers Beschreibung des Seifersdorfer Landschaftsgartens vermag gut das Programm des dortigen Gartens zu vermitteln. Die im Durchschreiten des Parks sukzessive erfahrenen Bildmotive und Texte, die Kombination von naturnah gestalteter Landschaft mit kleinen Architekturen und Denkmälern, sowie mit Sinnbezügen stiftenden Inschriften sollen bei dem Besucher Empfindungen hervorrufen, ihn bilden und läutern. Im Fall von Derneburg werden als Programm der Friedhofsanlage Bezüge zu freimaurerischen Vorstellungen vermutet. Unterstützung findet dies darin, dass G. L. F. Laves der ältesten hannoverschen Loge „Friedrich zum weißen Pferde“ angehörte, und auch über Ernst zu Münster heißt es, er sei bekennender Freimaurer gewesen. Zudem handelt es sich bei Pyramiden um freimaurerisch besetzte Symbole, wie zuletzt 2017/18 der Katalog zur Ausstellung „O Isis und Osiris, Ägyptens Mysterien und die Freimaurerei“ im Museum August Kestner in Hannover zeigte.

Der das Mausoleum umgebene und von einer Natursteinmauer umgrenzte Ruhegarten hat sich im Laufe der Zeit zu einem Familienfriedhof mit weiteren Gräbern von Familienmitgliedern entwickelt. Diese Außengräber sind teils wie das Grab des 1902 verstorbenen Fürsten Georg zu Münster, Sohn des Erbauers der Pyramide, einfacher gehalten. Bei dem Grabmal des 1922 verstorbenen Fürsten Alexander aus rotem Wesersandstein handelt es sich hingegen um ein aufwendig gearbeitetes Grab, das prominent in Achsenbeziehung vor den Eingang zur Pyramide gesetzt wurde und wahrscheinlich die Erweiterung des Friedhofareals inklusive teilweiser Versetzung der Friedhofsmauer bedingt hat.

Die bis hierher auszugsweise referierten Untersuchungen zu einem herausragenden Erbbegräbnis der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einer der größten neuzeitlichen Grabpyramiden und dem in der Folge gewachsenen Friedhof der Grafen Münster in Derneburg stehen im Zusammenhang mit einer dringenden Instandsetzung, für die ein Träger noch gesucht und auch die Finanzierung erst entwickelt werden muss. Der aus bloß ökonomischer Sicht ganz und gar unwirtschaftlichen Instandsetzung steht ein überaus großes Interesse der Öffentlichkeit am Erhalt des bedeutenden Kulturdenkmals gegenüber, für das sich die Denkmalbehörden einsetzen.

Der vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege beschriebene Denkmalwert von landesweiter Bedeutung ist vielschichtig und sei hier nur knapp skizziert: Zunächst lässt sich die geschichtliche Bedeutung persönlich an der für das Königreich Hannover bedeutenden Rolle des 1839 verstorbenen Ernst Friedrich Herbert Graf zu Münster festmachen, der hier 1839/40 zusammen mit seiner Frau und dem königlich hannoverschen Hofbaumeister G. L. F. Laves ein wegen seiner kultur- und geistesgeschichtlichen Bezüge bedeutendes Grabmonument schuf. Bau- und kunstgeschichtlich herausragend ist die Wahl des für die Grabkultur des mitteleuropäischen Adels seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Mode gekommenen, ägyptisierenden Pyramidenmotivs, das sich hier an den Proportionen der römischen Cestius-Pyramide orientierte, aber in der ungewöhnlichen Ausformung als Stufenpyramide absichtsvolle Bezüge zur Grabpyramide des Jahres 1774 bei der Eremitage Baum in Schaumburg-Lippe, einem kleinen Schlösschen des Rokoko, zeigte, woher die Ehefrau des Grafen, Wilhelmine zu Münster stammte. Die große Derneburger Grabpyramide ist der bauliche Kern der Friedhofsanlage, in der Graf Ernst und seine engsten Angehörigen bestattet wurden. Die Pyramide und die ersten Außengräber sind Teile eines Gesamtentwurfs der Laveszeit, zu dem die Lage in einem ehemaligen Steinbruch, die Platzierung inmitten von alten Eichen und die Umfriedung mit einer mannshohen Natursteinmauer gehören. Die gewollte Abgeschiedenheit wurde dadurch betont, dass die Zufahrtsallee ehemals nicht direkt auf das Mauerportal in der Mauer zuführte. In der Zeit vor der Friedhofserweiterung mit der Torverlegung hatte der Besucher zunächst keinen Sichtkontakt zum Pyramidenportal, sondern wurde vorbeigeführt, um dann den Zugang seitlich finden zu können, der in einen abgelegenen Ruheort mündete. Die Nachvollziehbarkeit dieses ideengeschichtlich wichtigen Entwurfsmotivs ist für die Erlebbarkeit des Denkmalwertes bedeutsam und sollte nach Möglichkeit wiederhergestellt werden.

Eine besondere Bedeutung erhält dieses Erbbegräbnis gerade auch dadurch, dass es in eine umfangreiche Gestaltung der gesamten Gutsanlage eingebettet wurde. Neben dem Schloss, den Wirtschaftsanlagen, zahlreichen Gärten und Alleen sowie einer ausgedehnten Teichwirtschaft war es Teil einer Parklandschaft, mit deren Gestaltung die Idee der englischen Ornamented Farm aufgegriffen wurde, aber auch die preußische Landesverschönerung Pate stand. So ist mit Derneburg ein Ensemble adliger Lebenskultur auf dem Lande entstanden, das als gestalterischer Höhepunkt einer Entwicklung gesehen werden darf, die bald in der Ökonomisierung neue Wege suchte und schließlich auch ihr Ende als prägender Faktor der Landschaft fand. Umso wichtiger ist heute, dieses herausragende Kulturdenkmal zu erhalten, bei dem die Pyramide und der Friedhof einen wesentlichen Bestandteil darstellen.


Zum Weiterlesen:
  • Becker, Wilhelm Gottlieb: Das Seifersdorfer Thal. Leipzig 1792
  • A.G. (= Angelika Geiger): G.L.F. Laves, Schloßbezirk Derneburg (…). In: Vom Schloß zum Bahnhof. Zum 200. Geburtstag des Hofarchitekten Georg Ludwig Friedrich Laves. Hrsg. von Harold Hammer-Schenk und Günther Kokkelink. Hannover 1988, S. 445–451
  • Loeben, Christian E.: Die älteste Pyramide der Neuzeit und weitere Pyramiden rund um Hannover. In: Ebeling, Florian / Loeben, Christian E.: O Isis und Osiris, Ägyptens Mysterien und die Freimaurerei
    Ausstellungskatalog (Museum August Kestner, 31. August 2017 bis 25. Februar 2018, Hannover). Rahden/
    Westfalen 2017, S. 313–326
  • Strube, Nicolaus: Ästhetische Lebenskultur nach klassischen Mustern. Der hannoversche Staatsminister Ernst Friedrich Herbert Graf zu Münster im Lichte seiner Kunstinteressen. Hannover 1992.
  • Machbarkeitsstudie Mausoleum Derneburg. Verfasser: Büro für Baudenkmalpflege Karl Hiller, Berlin. November 2017 (Typoskript in zwei Aktenordnern in mehrfacher Ausfertigung, einsehbar u. a. im Objektaktenarchiv des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, Hannover)

Der Text wurde erstmals veröffentlicht in den Berichten zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 38. Jg. (2018), Heft 2, S. 77–82.

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