Die Bauernhochschule der Reichsbauernstadt Goslar

Von Cordula Reulecke und Friedhart Knolle

Die geschichtliche Zeitstellung Goslars als nationalsozialistische Reichsbauernstadt, die diesen Status 1936 durch Richard Walther Darré, Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft von 1933 bis 1942, erhielt, wurde bis vor einigen Jahren zwar medial beleuchtet, es mangelte jedoch an der Möglichkeit einer konkreten, objektbezogenen Betrachtung.



Ein Abrissplan als Projektauslöser

Von besonderer Bedeutung für den Goslarer Verein Spurensuche Harzregion e.V. war daher anlässlich eines Investorenplans zum Abriss des Gebäudes die Zusammenarbeit mit dem NLD zu Hintergrundrecherchen für die Fragestellung, ob der zunächst unscheinbar wirkende Gebäudekomplex auf einer größeren Freifläche vor den Toren der Altstadt an der Klubgartenstraße 9 A in das Verzeichnis der Kulturdenkmale überführt werden sollte. Das gemeinsam initiierte Projekt „Die Bauernhochschule Goslar im Kontext“ konnte dank Forschungsmitteln des Landes Niedersachsen von 2020 bis 2022 umgesetzt werden, coronabedingt wurde der Abschlussbericht erst im Oktober 2024 veröffentlicht.  Fünf Hauptautoren beleuchten hierin das Thema umfassend – nach dem Vorwort der Vereinsvorsitzenden Peter Schyga, Friedhart Knolle und Oliver Turk folgen die Beiträge von Carsten Grabenhorst (Die Bauernhochschule Goslar im Kontext), Cordula Reulecke (Die Bauernhochschule der ehemaligen Reichsbauernstadt Goslar als Kulturdenkmal), Meike Buck (Die Reichserntedankfeste und der Bückeberg als Ort nationalsozialistischer Inszenierung), Stefan Winghart† (Der Bückeberg und andere unbequeme Denkmale der NS-Zeit) und Jens Binner (Die ehemalige Bauernhochschule Goslar als Ort der „Volksgemeinschaft“ – ein Nachwort).

 

Das Bauerntum in der NS-Ideologie

Die nationalsozialistische Diktatur gründete sich auf Gewalt und Terror – nach innen und nach außen. Die Herstellung einer NS-Volksgemeinschaft verlangte darüber hinaus die „Formung“ eines neuen Menschen, des herrschenden arischen Helden. Propaganda und ideologisches Trommelfeuer gepaart mit der Verfolgung von Widerworten dienten der Schaffung folgsamer, von sich und der eigenen Sendung überzeugter Untertanen. Perspektivisch sollte die Erziehung, besser die Herrichtung junger Menschen dem totalitären Staat jene Gefolgsmenschen bescheren, die das „tausendjährige Reich“ ausdehnen und sichern könnten. Vom Pimpf-Alter an wurden Jungen und Mädchen an das System der NSDAP-Herrschaft gebunden. Schulische Bildung, Lehre und Studium sollten die Menschen im Geist der rassischen Überlegenheit und des heroischen Ariertums formen.

Als Richard Walther Darré am 15. Januar 1934 die Stadt Goslar zum Sitz des Reichsnährstands und 1936 zur Reichsbauernstadt erklärte, umfasste das zugleich verschiedenartige Bauprojekte und Nutzungsschwerpunkte wie zum Beispiel eine Bauernhochschule, die diesen Status untermauern sollten. Heinrich Droste, der im April 1933 ernannte NSDAP-Oberbürgermeister, konnte dem Reichsnährstand in Berlin bereits kurze Zeit später ein geeignetes Grundstück anpreisen. Es handelte sich um einen eher unscheinbaren Gebäudekomplex auf größerer Freifläche vor den Toren der Altstadt an der Klubgartenstraße 9 A, damals Hindenburgstraße. Die Liegenschaft gehörte der sogenannten Klubgartengesellschaft, gegründet 1824, und war zunächst mit einem kleinen klassizistischen Saalbau bebaut. Es folgten Erweiterungen mit Kegelbahnen, Gesellschaftsräumen und Kleingastronomie. Zum 100jährigen Bestehen 1924 wurde nochmals erweitert und der Gebäudekomplex renoviert. Nur kurze Zeit später führte Mitgliederschwund als Folge der Weltwirtschaftskrise zu neuen Nutzungsüberlegungen. Diese mündeten Anfang Dezember 1934 in einer Bauvoranfrage über die Möglichkeit einer baulichen Nachverdichtung. Als Entwurfsverfasser zeichnete der damalige Vereinsvorsitzende Daniel Heister verantwortlich, der zugleich als freier Architekten in der Stadt ansässig war. Die Bauvoranfrage nutzte die Stadtspitze dazu, diese Planung abzulehnen und stattdessen das Grundstück dem Reichsnährstand in Berlin für die Bauernhochschule anzubieten. Im Juni 1935 ging dieser Bauantrag bei der Stadt ein, verantwortlicher Architekt war wiederum Daniel Heister. Nach überaus kurzer Umbauzeit war zur Eröffnung in der Goslarschen Zeitung vom 7. Dezember 1935 zu lesen: „… die Formgebung ist schlicht und einfach und der bäuerlichen Art angepasst. Die Raumwirkung ist besonders stark in dem Eßsaal“. Das Gebäude wurde von 1935 bis 1940 für diese Zwecke genutzt, 1937 erfolgte ein ebenfalls erhaltener Erweiterungsbau.

Untersuchungen zur Liegenschaft

Recherchen zu historischen und gesellschaftspolitischen Umständen sind für die Erarbeitung eines Gesamtbilds zur Klärung der wissenschaftlichen Parameter für eine Unterschutzstellung von nicht unerheblicher Bedeutung. Ob es sich bei einer Liegenschaft um ein Kulturdenkmal handelt, ist jedoch vor allem anhand vorhandener materieller baulicher Zeugniswerte und somit an der konkreten Gebäudesubstanz zu klären. Nach der inventarisatorischen Begehung durch das NLD im Jahr 2018 konnte bestätigt werden, dass keine wesentlichen oder stark beeinträchtigenden Veränderungen der Raumstrukturen und der Bausubstanz von 1935-1937 vorliegen sowie prägende, feste Ausstattungselemente dieser Zeitschicht im Inneren erhalten sind. Der Speisesaal stellte hierbei ein besonderes Element von Denkmalwert dar. Die 2021 in Federführung der NLD-Amtsrestaurierung durchgeführten Befunduntersuchungen belegten die in der Zeitung 1935 beschriebenen Raumfassungen, eine Befundschicht konnte der Zeit der Klubgartengesellschaft zugeordnet werden. Der ehemalige Gartensaal von 1824 ist als Raumstruktur mitsamt Voutendecke in die Raumabfolgen integriert. Erhalten sind ebenfalls die ehemalige, rückwärtige Kegelbahn sowie der erdgeschossige Erweiterungsbau von 1937. Die große Freifläche verdeutlicht weiterhin das Ansinnen einer Gartengesellschaft „vor den Toren der Stadt“. Alles zusammen befindet sich in der Pufferzone des Welterbes.

Die Zusammenführung und Bewertung der archivalischen, baulichen und historischen Recherchen und Erkenntnisse führten zur eindeutigen denkmalfachlichen Feststellung, dass die Bauernhochschule als zentraler Ausbildungsort des Reichsnährstands einen Nutzungstypus von hohem Seltenheitswert darstellt. Als zweifelsfrei ausschlaggebend für die Einstufung als Kulturdenkmal sind Erhalt und Erhaltungszustand des ehemaligen Speisesaals zu bewerten. Er besitzt denkmalkonstituierende Alleinstellungsmerkmale von mehr als landesweiter Bedeutung. Durch seine Ausstattung mit vertäfelter Decke und erhaltener Symbolik des Reichsnährstands sowie die umlaufende Wandvertäfelung repräsentiert er auf eindrückliche Weise die Nutzungsgeschichte und das Zeitgeschehen in dieser Stadt. Er hat sich in der Literatur als fotografische Abbildung erhalten und steht somit manifest und als Symbol für die Bauernhochschule des Reichsnährstands und seine Ideologie des „germanischen Bauerntums“.

Die Bauernhochschule als Täterort

Die Bauernhochschule sollte junge Menschen aus der Landwirtschaft zur geistigen und administrativen Elite heranbilden und ihnen das Credo von der „Rasse als Lebensgesetz“ nahebringen. Welche tatsächliche Bedeutung die Bauernhochschule als Täterort im Koordinatensystem des Reichsnährstands hatte oder welche Ausstrahlung sie in Goslar selbst ausübte, darüber mag unterschiedlich geurteilt werden. Auf alle Fälle ist die bauliche Fortexistenz des Gebäudes in der Klubgartenstraße 9 A ein gewichtiger Grund, das Wesen dieser Einrichtung zu verdeutlichen.

Das hohe öffentliche Erhaltungsinteresse umfasst nicht nur den Speisesaal, sondern den gesamten Gebäudekomplex mitsamt Umfeld. Es handelt sich um einen bedeutenden, substantiellen Geschichtsort für die National-, Landes- und Stadtgeschichte als wesentliches materielles Zeugnis, das die Zeit Goslars als Reichsbauernstadt symbolisiert und an dem sich noch Spuren der Nutzung in einer Teilfunktion der „Reichsbauernstadt“ ablesen lassen.

Orte der „Volksgemeinschaft“ waren in der Regel keine unmittelbaren Tatorte. Eine bewusste Vermittlung dieser Orte würde jedoch zeigen, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht von einer kleinen Clique um Hitler herum begangen worden sind, sondern von der gesamten deutschen Gesellschaft mitgeplant und -organisiert, geduldet oder ausgeführt worden sind. Die Orte der „Volksgemeinschaft“ können daher nicht von den Orten der Verbrechen getrennt werden. Es ist deshalb mehr als nur zu bedauern, dass der dringend gebotenen und aufgrund der neu entstandenen öffentlichen Nutzung auch realisierbar gewesenen Vermittlung als Exponat seiner selbst und des Gesamtgeschehens zurzeit kein Raum (hier konkret der erhaltene Speisesaal) gegeben wurde. 

 

"Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben" (George Augustin Nicolas de Santayana, 1863 - 1952).

 

Die zugehörige Publikation erschien 2024:

Spurensuche Harzregion e.V. & Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege:  Die Bauernhochschule Goslar im Kontext. Neue Forschungen zu einem Täterort in der ehemaligen Reichsbauernstadt Goslar. Spuren Harzer Zeitgeschichte, Sonderband 3, 66 S., zr. Abb., Papierflieger Verlag GmbH, Clausthal-Zellerfeld 2024 (ISBN 978-3-98870-004-9)

Zum Weiterlesen:

Carsten Grabenhorst: Die Bauernhochschule Goslar am Standort Klubgartenstraße, in: Unser Harz, 70. Jg. (2022), H. 2, S. 23-27

Hans Hahnemann: 125 Jahre Goslarer Gartengesellschaft 1824-1949, in: Goslarer Bergkalender, 299. Jg. (1949), S. 58-61

100 Jahre Goslarer Gartengesellschaft 1824-1924. Kurzer Überblick über die Entstehung und Entwicklung der Gartengesellschaft zu Goslar, Goslar 1924

Günter Piegsa: Goslarer Gartengesellschaft: Die Geschichte der Liegenschaft Klubgartenstraße 9a, in: Stadtgeschichten, Informationen des Geschichtsvereins Goslar e.V. 3/2021, S. 7-9

Peter Schyga: Goslar 1918 - 1945. Von der nationalen Stadt zur Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus, Bielefeld 1999


Die Bauernhochschule im Denkmalatlas Niedersachsen: https://denkmalatlas.niedersachsen.de/viewer/metadata/0400d533-2c69-44bf-aa04-df13278a5254/

 

 

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