Die Alte Ziegelei in Wolthusen / Emden - Ein Gulfhaus im Wandel
„Deus mare, Friso litora fecit.“ (Gott schuf das Meer, der Friese die Küste.)
...und mit dem „Bau“ der Küsten wurden auch die Gulfhäuser als typische Bauernhäuser in Ostfriesland etabliert und so eine herausragende Baukultur geschaffen.
Gulfhäuser sind durchweg Backsteinbauten und als „Einhaus“ zu verstehen, bei dem sich Wirtschaften und Wohnen unter einem Dach abspielten. Ihre Strukturen spiegeln sich sowohl im Achterend (Wirtschafteil) an dem asymmetrischen Giebel wider (Scheunentor auf der einen Seite, worüber der Dielenboden zugänglich ist, Klöntür zum Viehstall auf der anderen Seite und dazwischen Fenster für den Pferdestall) als auch bei dem Wohnteil, wo die „Upkammer“ durch versetzte Fenster in der Höhe ersichtlich wird. Ebenso typisch ist, dass der Gulf von einem holzsparenden Zweiständer-Innengerüst getragen wird, wodurch ein Längsschiff und zwei Seitenschiffe entstehen, welche Platz für die Ernte und das Weidevieh boten.
Bei dem hier vorgestellten Objekt der Alten Ziegelei in Wolthusen von 1742, handelt es sich um ein Einzeldenkmal gem. § 3(2) NDSchG mit geschichtlichem und künstlerischem Wert.
Da bereits im Familienbesitz, hatte sich die junge Familie Andiek der Aufgabe angenommen, das Objekt zu sanieren und für ihre Bedürfnisse umzubauen. Die Alte Ziegelei befindet sich unmittelbar am Verbindungskanal sowie dem parallel hierzu verlaufenden Borssumer Kanal im Stadtgebiet Emden im Stadtteil Wolthusen. Wolthusen liegt östlich des Stadtzentrums als eigenes Kirchdorf, welches sich aus mehreren Wurtenkernen beidseitig des damals noch wild laufenden Wolthuser Tiefs, dem heutigen Verbindungskanal, entwickelte. Die von West nach Ost verlaufende Dorfstraße verbindet die mittelalterliche Wurt mit Kirche und Burg (Hooge Huus) mit einer Wurt auf der anderen Seite des heutigen Verbindungskanals, auf welcher eine weitere Siedlung mit Gulfhäusern angeordnet worden ist. Östlich des ehemaligen Wolthuser Tiefs befindet sich etwas abgelegen in südlicher Richtung die Alte Ziegelei. Bereits in der Regentmort´schen Karte von 1670 ist an diesem Standort eine Ziegelei verzeichnet.
In Wolthusen gab es insgesamt drei nachgewiesene Ziegeleien (Garrels, Kratzenbergen und Begen, diese – als älteste – wurde auch als „Alte Ziegelei“ bezeichnet), die alle am Wolthuser Tief lagen und jeweils einen Bauern gehörten. Früher hatte beinahe jeder Bauernhof, in dessen Ländereien sich der Ziegelton vorfand, als Nebenbetrieb zur Landwirtschaft eine kleine Handstrichziegelei, auf der fast immer nur Lipper Tichlers arbeiteten. Erst später konnten sich auch ostfriesische Arbeiter in den Ziegeleien etablieren.
Die Alte Ziegelei war bereits im 18. Jahrhundert vorhanden und muss noch 1888 in Betrieb gewesen sein, denn Ziegeleimeister Sander war mit 17 Jahren hier tätig (später als Meister in der „Weitschen Ziegelei“ – Ziegeleistraße). Aus Grundbuchdaten sowie weiteren Infos seitens der jetzigen Eigentümer konnten folgende Angaben nachgewiesen werden:
Die „Alte Ziegelei“ wurde 1742 von Geerd Folkers und Engel Arends Buising gebaut. 1820 wurde das Objekt bei einer öffentlichen Ausbietung von Jakob Rykus Bengen für 13200 Gulden gekauft und ist seitdem über die Familien Bengen, Schwiegk und Andiek im Familienbesitz.
An den beiden Giebelansichten des Gulfhauses kann man auch die zu Beginn genannten typischen Merkmale ablesen. Vorab sei noch darauf hingewiesen, dass die Backsteine, mit denen der Gulfhof errichtet wurde, alle Klosterformat-Backsteine waren. Ersatzsteine konnten bei der Sanierung des historischen Mauerwerks glücklicherweise durch den Monumentendienst zur Verfügung gestellt werden.
Der Wirtschaftsteil der Alten Ziegelei zeigt die Grundstruktur des ostfriesischen Bauernhauses beispielhaft. So gliedert sich das Achterend in eine dreischiffige Halle. Das Hauptschiff bildet durch insgesamt vier Ständerpaare (die Gulfkonstruktion) das tragende Grundgerüst der großen Halle. Zu beiden Seiten schließen sich Seitenschiffe an, welche zum einen das Vieh beherbergten, zum anderen noch als Abstellraum für Viehfutter und weiteres genutzt wurden. Mittig am Ende des Hauptschiffes war und ist der Pferdestall beherbergt.
Das Achterend wurde von den Vornutzern als Abstellfläche genutzt und weitestgehend in seiner Grundstruktur und Ausstattung beibehalten; so sind etwa die Klinker samt Rinne im Viehstall sowie der Lehmstampfboden in der Diele überkommen.
Der Kornboden im Obergeschoss des Wohnteils (Vorderend) konnte mittels einer Leiter vom Wirtschafteil aus begangen werden und diente noch für weiteren Abstellraum, sowohl für den früheren Landwirt als auch für die Nutzer in nachfolgender Zeit. Der Kornboden selbst hat einen liegenden Dachstuhl und wurde nur über eine kleine Luke am Giebel des Wohnteils belichtet und belüftet.
Im Erdgeschoss war im Wirtschaftsteil noch ein Hauwirtschaftsraum, welcher möglicherweise das frühere Karnhus war, sowie die frühere Sommerküche, welche, egal ob Landwirt oder Gesinde sowie auch nachfolgenden Nutzern, dauerhaft als Wohnraum diente. Hier war auch noch zu Beginn der Planung eine Pumpe an der Außenecke der Küche vorhanden. Über die typische Brandwand, welche Wirtschafts- und Wohnteil voneinander trennte, erreichte man von der Sommerküche aus den Querflur („Düstergang“) des Wohnteils. Der Querflur, dessen eine Hälfte breiter ist als die andere, konnte ebenso über die Haupteingangstür an der westlichen Seite des Haupthauses betreten werden; an der östlichen Seite konnte man durch eine weitere Tür wieder austreten.
Anschließend an den Querflur konnte der Wohnteil des Gulfhauses über eine kleine Stufe betreten werden. Hier fand sich zunächst ein kleiner Flur, in welchem ein Einbauschrank allerlei aufnahm. Insgesamt waren in dem Wohnteil auch 2013 noch drei Räumlichkeiten vorhanden, welche lediglich durch Holzbretterwände mit Ausschmückungen voneinander abgetrennt waren. Nur die Wand zwischen der „Winterküche“ und der Upkammer war eine gemauerte und somit als tragende Wand ausgebildet. Zur Rechten der Upkammer waren zwei Räumlichkeiten, welche wohl früher als Winterküche und als angrenzender Schlafraum dienten. Auch die späteren Bewohner nutzten diese Räumlichkeiten als Wohnräume – jedoch ohne hier am alten Ofen zu kochen. Es gab in der Winterküche sowie auch in der Upkamer einen Ofen. Die Schornsteine verzogen sich über die Giebelwand schräg nach oben, um am First als ein Schornsteinkopf das Vorderende abzuschließen.
Die Upkammer diente damals wohl schon als Aufenthaltsraum mit „Butzen“ zum Schlafen für Gäste. Die Butzen sind mittels Holzbretterwand mit florierendem Dekor von der Upkammer abgetrennt und haben sich über die letzten drei Jahrhunderte bemerkenswert erhalten.
Unterhalb der Butzen ist vom Querflur aus der Keller zugänglich, der von einer Holzbalkendecke abgeschlossen wird. Gegenüber dem Kellerabgang im breiteren Querflur war noch zu Planungsbeginn ein alter Speckschrank vorhanden.
Die damaligen Nutzer (2013) hatten ein Badezimmer im Wirtschafteil, vom Querflur aus zugänglich, eingebaut. Hier war die Wand zwischen Sommerküche und Badezimmer als Holzwand mit Fenstern vorhanden, was annehmen lässt, dass hier Butzen für das Gesinde in der Sommerküche vorhanden waren.
Grundsätzlich kann man sagen, dass sich die prägnanten Merkmale eines typischen Gulfhauses aus dem 18. Jahrhundert am und im Gebäude selbst nahezu vollständig erhalten haben. Auch die typischen Kopflinden an der östlichen Traufseite sind noch vorhanden. Allein einige Zweckeinbauten, welche jedoch der grundlegenden Struktur des Hofes nicht abträglich waren, wurden der Nutzung geschuldet ergänzt.
Die neuen Eigentümer wollten und wollen das Gebäude und all das Besondere, welches es erzählt, erhalten und auch wieder aufzeigen. So ging es vorrangig darum, wie man eine für die Wohnnutzung sinnvolle Raumaufteilung in das historische Schmuckstück integriert.
Ein großes Problem, welches viele – wenn nicht sogar alle – Gulfhäuser betrifft, ist die sinnvolle Nachnutzung des ehemaligen Wirtschaftsteils. Die Aufgabe der Besitzer ist es, eine große Halle zu erhalten und auch ggf. sinnvoll in die Planung und Nutzung zu integrieren.
Da der Wohnteil nur begrenzten Wohnraum bietet, wurde schnell beschlossen, den Wirtschafteil mit in die Planung zu integrieren. So wurde das erste Ständerpaar des Achterends (ab Brandwand) mit in den Wohnraum integriert. Im Erdgeschoss entstand hier auf der Hälfte des Grundrisses ein großzügiger Wohnraum, der auch bis in den First der Halle offen blieb. Auf der anderen Hälfte wurde die Küche integriert. Der zuvor erwähnte Speckschrank war in einem derart maroden Zustand, dass dieser in der alten Substanz nicht mehr zu erhalten war und in Absprache mit der Denkmalschutzbehörde neu und nach historischen Vorbild wieder aufgemauert wurde. Die Erscheinung und die Geschichte blieben also auch an so kleinen Details erhalten.
An der breiteren Stelle im Querflur wurde sodann eine Treppe integriert, um den ehemaligen Kornboden vom Wohnteil aus zu erschließen. Die Treppe ist so unauffällig integriert, dass der Querflur frei von Einbauten und so dessen Beschaffenheit weiterhin erhalten ist. Da vom Querflur aus noch eine kleine Nische, dem eingerückten Wohnteil geschuldet, vorhanden war, wurde diese sinnhaft mit einem WC bestückt.
Im Erdgeschoss des Wohnteils selbst wurden die Raumaufteilungen aus dem historischen Bestand übernommen und auch die alten Holzbretterwände inkl. alter Türen an genau der gleichen Stelle beibehalten und ggf. ertüchtigt, an welcher sie bereits seit rund drei Jahrhunderten standen. Die Räumlichkeiten werden jedoch nun anders genutzt: die Winterküche wurde zum Elternschlafzimmer, die ehemalige Schlafkammer zum Badezimmer. Die Upkamer blieb und bleibt auch weiterhin als Gastraum mit Butzen vorhanden.
Die typischen Materialien kamen im gesamten Erdgeschoss des historischen Wohnteils zum Einsatz bzw. blieben erhalten. Neben dem im kleinen Flur noch vorhandenen Einbauschrank aus Holz, den Holzbretterwänden, wurden auch die Dielen soweit möglich erhalten und ergänzt und im typischen „Ochsenblutrot“ gestrichen. Die floralen Muster an der Holzbretterwand v.a. in der Upkammer, die leider nur noch in einem kleinen Stück erhalten waren, wurden liebevoll und mit entsprechenden Materialien ergänzt und wieder aufgearbeitet. Auch die kleinen Treppenstufen zur Upkammer konnten erhalten werden. Die zu damaliger Zeit typischen Dielenböden im Wohnteil wurden auch in den angrenzenden neuen Wohnraum sowie auch im Obergeschoss aufgenommen, wodurch auch der neue Wohnteil zu einem harmonischen Miteinander mit der alten Struktur wurde.
Der ehemalige Kornboden wurde durch den Einbau von Dachflächenfenstern für zwei Kinderzimmer zu Wohnzwecken ertüchtigt. Auch die ehemalige Kornbodenluke wurde in eines der Kinderzimmer integriert. Der liegende Dachstuhl in den bis zum First offenen Kinderzimmern ist eine willkommene und heimelige Abwechslung zu den ansonsten schlicht gestalteten Wänden.
Das Badezimmer sowie ein weiteres Kinderzimmer wurden im Wirtschaftsteil oberhalb des Querflurs sowie der Küche integriert. Zum Wohnzimmer hin wurde eine Galerie gestaltet, wodurch auch der „Hallencharakter“ im Wohnteil ersichtlich wird.
Neben der Neueindeckung des Daches mit Hohlfalzziegeln in Naturrot, wurden auch die Fenster nach historischem Vorbild erneuert und der über die Jahre vom Klima abgetragene Schildgiebel mit Beitelmauerwerk wieder ergänzt. Auch der Schornsteinkopf am Giebel wurde neu aufgemauert – leider gab es hierfür keine historischen Belege über den Ursprungszustand, so dass zusammen mit der Denkmalschutzbehörde eine adäquate Lösung gefunden wurde.
Die Fenster im Wohnteil wurden am Giebel selbst als originalgetreue Schiebefenster erneuert und an den beiden Traufseiten als Pseudo-Schiebefenster ergänzt. Der neu geschaffene Wohnraum im Wirtschaftsteil erhielt schlichte Fenster ohne jegliche Sprossen, um so das historische Erscheinungsbild und die Nutzung auch im Äußeren zu spiegeln. Die Kubatur des „liekbockt Hauses“ (alles unter einem First in gleicher Höhe) wurde bis auf eine kleine Einkerbung im Bereich des Wohnzimmers, um einen Ausgang zur Terrasse zu schaffen, erhalten. Auch hier wurden noch zusätzlich Dachflächenfenster integriert, um den großen Wohnraum ausreichend zu belichten.
Neben dem respektvollen Umfang mit dem Bestand und der Aufarbeitung der Details, um die Geschichte des Hauses getreu erzählen zu können, wurde das Gebäude auch energetisch saniert. So wurde eine Pelletheizung verbaut, welche die Wandheizung auf Dämmputz im Vorderende und die Fußbodenheizung in allen sonstigen Räumen im neuen Wohnteil Im Erdgeschoss sowie im Obergeschoss bedient. Der Dachstuhl wurde ausgeglichen und mit entsprechender Dämmung im Wohnraum versehen.
Ein großer Dank geht an die Eigentümer, die selbst die „Wichtigkeit“ auch der kleinsten Dinge erkannten und erhalten wollten.
Michaela Bottke begleitete als Architektin das Projekt und arbeitet nun bei der Stadt Emden in der Unteren Denkmalschutzbehörde.
Zum Weiterlesen:
Fokko Pannenbourg: Aus der Geschichte von Wolthusen, Uphusen, Marienwehr –Was gewesen – was geblieben – was geworden ist, Band I u. II, Emden 1980
Johann Aeils, Jan Smidt, Martin Stromann: Steinerne Zeugen in Marsch und Geest – Gulfhöfe und Arbeiterhäuser in Ostfriesland, Soltau-Kurier-Norden 2000
Menne Feiken Helmers: Das Gulfhaus – Entstehung und Entwicklung, Originalausgabe Oldenburg 1943, Neudruck 1981

