Der Friedhof Oberlangen

Von Andrea Kaltofen

Beginnend mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 kamen auch sowjetische Kriegsgefangene in die Lager des Deutschen Reiches. Insgesamt gerieten weit über 5 Millionen Rotarmisten bis 1945 in deutsche Kriegsgefangenschaft, mehr als 3 Millionen von ihnen kamen um. Während die Kriegsgefangenen der Westalliierten in den deutschen Lagern im Wesentlichen gemäß dem Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen von 1929 behandelt wurden, fand es (entgegen Art. 82) keine Anwendung für Kriegsgefangene aus der Sowjetunion.

Seit September 1939 hatte das Oberkommando der Wehrmacht acht der 15 bestehenden Lager im Emsland und der Grafschaft Bentheim (darunter auch Lager VI Oberlangen) übernommen. Bis zum Kriegsende wurden sie mit weit mehr als 100.000 Kriegsgefangenen belegt. Mehr als 20.000 Menschen, die meisten von ihnen sowjetische Kriegsgefangene, verhungerten, starben an Erschöpfung und Krankheiten, als Folge körperlicher Misshandlungen oder wurden „auf der Flucht erschossen“.

Der Friedhof des Emslandlagers Oberlangen VI wurde als Folge des im Herbst 1941 beginnenden Massensterbens sowjetischer Kriegsgefangener knapp zwei Kilometer von diesem Lager entfernt angelegt. Nach den Gräberlisten ruhen dort in Einzelgräbern 62 namentlich bekannte und zwei unbekannte sowjetische Kriegsgefangene sowie – in Massengräbern – 2.000 bis 4.000 unbekannte sowjetische Kriegsgefangene.

Die im Jahr 2011 eröffnete Gedenkstätte Esterwegen, die sich am authentischen Ort des frühen Konzentrationslagers und späteren Strafgefangenenlagers Esterwegen befindet, hat es sich zur humanitären Aufgabe gemacht, die nach wie vor unbekannt hohe Zahl von sowjetischen Soldaten, die ab 1941 in den Kriegsgefangenenlagern im Emsland und der Grafschaft Bentheim litten, und die ebenfalls unbekannt hohe Zahl von ihnen, die durch die absichtsvoll extrem schlechte und den internationalen Gesetzen widersprechende Behandlung in den Kriegsgefangenenlagern zu Tode gebracht wurden, zu ermitteln. Dazu werden die u. a. in Russland überlieferten, heute digitalisiert im Internet für die Forschung verfügbaren Dokumente der Deutschen Wehrmacht im Zentralen Archiv des russischen Verteidigungsministeriums in Podolsk bei Moskau ausgewertet und die Namen der auf den sechs sogenannten „Russenfriedhöfen“ (darunter auch Oberlangen) bestatteten sowjetischen Kriegsgefangenen erfasst.
Aus dieser Arbeit heraus unterstützt die Gedenkstätte Esterwegen das „Namensziegelprojekt“ des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., das sowohl auf dem Lagerfriedhof in Meppen-Groß Fullen als auch in Oberlangen zu ersten Ergebnissen geführt hat: In Meppen-Groß Fullen sind die Namensziegel auf Metallgestellen aufgereiht, in Oberlangen werden sie an Holzstelen befestigt. In beiden Fällen hat sich der Landkreis Emsland als Untere Denkmalschutzbehörde gestalterisch und auch finanziell engagiert.

Das Erscheinungsbild aller Lagerfriedhöfe im Emsland und der Grafschaft Bentheim ist heute relativ einheitlich. Es geht formal auf die Vorgaben des Kriegsgräbergesetzes von 1952 bzw. das Gräbergesetz von 1965 zurück und spiegelt eine erste, vom Niedersächsischen Ministerium des Inneren veranlasste Neugestaltung durch den Landschaftsarchitekten Oswald Langerhans (1894–1960) in den Jahren von 1951 bis 1960 sowie die Umgestaltung der Friedhöfe durch den Osnabrücker Bildhauer Hans Gerd Ruwe (1926–1995) in den 1960er-Jahren.

Nach den Plänen des Landschaftsarchitekten Oswald Langerhans, 1935 kommissarischer Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst (DGfG) und langjähriger Vertragsarchitekt des „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“, wurden die Einzel- und Massengräber im Sinne einer Anonymisierung eingeebnet und mit einzelnen Grabzeichen markiert. Als sein Nachfolger in der Zuständigkeit für die Friedhofsgestaltung legte Hans Gerd Ruwe stärkeres Gewicht auf künstlerisch ausgestaltete Denkmale, die sich im Laufe der Jahre von den zunächst klaren abstrakten Formen zu figürlicheren Fassungen entwickelten.

Für den Friedhof Oberlangen erhielt erstmals der Garten- und Landschaftsarchitekt Klaus Strothmann, Lingen, vom damaligen Osnabrücker Regierungspräsidium über das Staatshochbauamt Lingen 1962 den Auftrag für Instandsetzungsarbeiten. Gleichzeitig legte der Osnabrücker Bildhauer Hans Gerd Ruwe ein Angebot für eine Stele als Gedenkstein vor. Diese bis heute erhaltene Stele trägt die Inschrift „Den ausländischen Toten des Krieges 1939–1945 zum Gedenken“. Hier wie auch in anderen Fällen ist kein Hinweis auf die Hintergründe und Umstände des Todes der hier beigesetzten Kriegsgefangenen gegeben. Der Eingang zum Friedhof wurde nun mit einer Eisenpforte zwischen zwei Torpfeilern aus gebossten Sandsteinquadern gestaltet. Die Eisenpforte weist absichtsvoll keine Symbolik, sondern ein abstraktes Muster auf. In diesem Zusammenhang wurde 1963 vom damaligen Niedersächsischen Minister des Inneren, Otto Bennemann (er war Minister im Kabinett von Ministerpräsident Georg Diederich, der 1936 Häftling im KZ Esterwegen gewesen war), unter Verweis auf die Nationalität und Konfession bzw. Konfessionslosigkeit der dort Bestatteten ausdrücklich darauf hingewiesen, dass auf die Verwendung einer Kreuzsymbolik verzichtet werden solle. Gleichwohl tragen die vereinzelt stehenden oder in Gruppen angeordneten symbolischen Grabsteine heute ein russisch-orthodoxes Kreuzzeichen (ohne mittleren Kreuzarm).
Nach der Gebietsreform der 1970er-Jahre wurde auf der Kriegsgräberstätte in Oberlangen – wie auch auf den anderen ehemaligen Lagerfriedhöfen – eine Bronzetafel aufgestellt, die wenigstens Zahlen, Nationalität und Hinweise auf die Todesursachen nennt.

Obwohl auf Dokumenten aus der o. g. Podolsker Kriegsgefangenendatei teilweise Grabnummern und -reihen vermerkt wurden, so lassen sich heute nach den geschilderten Umgestaltungsmaßnahmen auch auf dem Kriegsgräberfriedhof in Oberlangen und aufgrund des Fehlens von Plänen der ursprünglichen Grabanlagen keine Einzel- oder Sammelgräber mehr verorten. Diese Gestaltung in Oberlangen und den anderen Friedhöfen im Emsland und der Grafschaft Bentheim muss heute kommentiert werden. Die Stiftung Gedenkstätte Esterwegen plant daher, außerhalb der
Friedhöfe entsprechende Tafeln aufzustellen.

Auch mehr als siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wenden sich Angehörige von ehemaligen Rotarmisten an die Gedenkstätte Esterwegen, um das Schicksal ihrer Vorfahren zu ermitteln und zu erfahren, wo der umgekommene Angehörige beerdigt worden ist. Denn wer kein
Grab hat, kann mit dem Verlust eines Vaters, Bruders, Ehemanns, Sohns noch viel schlechter umgehen und die Trauer und Trauerarbeit um ihn nicht abschließen. Insofern ist jede Auskunft, jedes Foto des Friedhofs, jedes bisschen Erde von dort ein guter Beitrag zur Völkerverständigung. Das Namensziegelprojekt trägt ebenfalls dazu bei.

Dr. Andrea Kaltofen ist Leiterin des Kulturamtes des Landkreises Emsland und damit Geschäftsführerin der Gedenkstätte Esterwegen.


Zum Weiterlesen:
  • Faulenbach, Bernd/Kaltofen, Andrea (Hrsg.), Hölle im Moor. Die Emslandelager 1933–1945, Göttingen 2017, S. 50 f.
  • Ann Katrin Düben, Die Lagerfriedhöfe im Überblick, in: Faulenbach, Bernd/Kaltofen, Andrea (Hrsg.), Hölle im Moor. Die Emslandelager 1933–1945, Göttingen 2017, S. 334–347 (mit älterer Literatur)


Der Text wurde erstmals veröffentlicht in den Berichten zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 38. Jg. (2018), Heft 4, S. 168-169.

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