Der Lister Turm in Hannover - frisch saniert und restauriert

Von Sabine Warnecke und Birte Rogacki-Thiemann

 

Geschichte

Der ursprüngliche Lister Turm wurde 1387 als Teil der hannoverschen Landwehr errichtet und sollte zur Verteidigung der Stadt Hannover dienen. Dies war eine Reaktion auf den Lüneburger Erbfolgekrieg, der seit 1370 schwelte. Gleichzeitig diente der Turm von Anbeginn an auch zur Erhebung der Akzise (also als Steuereinnahmestelle) und die Turmwächteraufgabe war zugleich auch mit der Waldbewachung für die umliegende Eilenriede verbunden.

Anfang des 17. Jahrhunderts wurde eine Schankerlaubnis für den Lister Turm erteilt, von dem aus dieser Zeit ein Gemälde überliefert ist. Der eigentlich mittelalterliche viereckige Turm ist hierauf noch erkennbar, aber schon mit diversen Erweiterungen und Anbauten versehen, die eben auch zum Wohnen und zum Ausschank von Getränken dienten. Angeblich soll der Bau in Überresten auch noch im 19. Jahrhundert vorhanden gewesen sein, allerdings gibt es keine weiteren Abbildungen dazu. Der ursprüngliche Standort war gegenüber dem heutigen Objekt leicht nordwestlich versetzt, nämlich angrenzend an die damalige Poststraße nach Celle (heute: Podbielskistraße).

Ab etwa 1850 wurden die Türme der hannoverschen Landwehr sukzessive zu Gastwirtschaften umgebaut, 1853 heißt es in den hannoverschen Adressbüchern diesbezüglich: „Einen der frequentesten Spaziergänge bietet die EILENRIEDE, das große in der Nähe der Stadt befindliche Gehölz. Mehrere in derselben belegene ehemalige Thurmwarten sind jetzt in Lustörter umgewandelt, als: Neues Haus, Lister Thurm, Steuerndieb, Pferdethurm, Kirchröder Thurm, Bischofshol, Döhrener Thurm“ (Adressbuch Hannover 1853). Und zum Lister Turm findet sich bereits 1854 eine entsprechende Werbeanzeige, in der es heißt: „Lister Turm – Kaffeehaus & Restauration bekannt unter dem Namen ‚Die List‘ grenzt an die Celler Chaussee und den Wald ‚Eilenriede‘. durch welchen ein anmuthiger Spaziergang vom Bahnhofe ab dahinführt. Es werden auf der ‚List‘ jederzeit große und kleine Diners & Soupers binnen kurzer Frist auf Bestellung hergestellt. Alle Sorten Weine und sonstige Getränke sind daselbst preiswürdig zu bekommen. Im Sommer ist fast täglich Unterhaltungsmusik und Sonntags grosse Concerte.“ Hierfür wurde an der Poststraße nach Celle ein erster Neubau errichtet, von dem es überlieferte Abbildungen gibt. Es handelte sich um einen schlichten Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach. Das Konzept scheint ein Erfolg gewesen zu sein. Ende des 19. Jahrhunderts machte man sich – auch im Zuge der Erschließung der Eilenriede mit neuen Villenvierteln –Gedanken über einen vergrößerten Bau.

Der Neubau

So wurde am 17. April 1895 auf der öffentlichen Magistratssitzung der Stadt Hannover eine „Konkurrenz [Architekturwettbewerb] zur Gewinnung von Plänen für den Neubau des Lister Thurmes“ verkündet, Auftraggeber des Baus war die Stadt Hannover. Hinsichtlich dieses Wettbewerbs wurde nun vorgeschlagen, den „Neubau weiter in die Eilenriede“ zu legen, „und zwar zwischen die Waldchaussee, die neben dem jetzigen Wirthschaftsgebäude in den Wald führt, und die Abzweigung nach Bischofshole“. Den Wettbewerbsunterlagen wurde die Ansicht des alten Turmes von etwa 1700 beigelegt, und es gab ein ausführliches Raumprogramm und generelle Anweisungen: Gefordert waren ein großer zentraler Saal, Wirtschafts- und Vorratsräume, eine geräumige Kochküche mit Speiseaufzug, ein Bierkeller mit Bierdruckleitung, eine zusätzliche Kaffeeküche für den Sommerbetrieb, ein Ausschank und ein Ausgabefenster sowie ein zusätzlicher Kutscherausschank Richtung Hohenzollernstraße, Wohnräume für den Wirt über dem Hauptgeschoss und Personalräume im Dachgeschoss für Kellner und Mägde mit gesondertem Treppenaufgang, ausreichende Aborte, offene Veranden Richtung Garten, die im Winter verschlossen werden können, und nicht zuletzt Fachwerk („gerne in den oberen Geschossen“). Hinsichtlich des historischen Bezugs zum mittelalterlichen Lister Turm hieß es: „Ebenso ist ein Turm, welcher sich der Architektur der historischen Warttürme der Stadt anschliessen muss, erwünscht. Die Architektur der Gesamtanlage soll sich dem Waldcharakter anpassen.“ Zudem waren diverse Nebengebäude gefordert, so eine doppelte Kegelbahn, ein Musikpavillon, Außentoiletten, ein Stall, eine Remise, ein Eishaus und (außerhalb des eigentlichen Wettbewerbs) Einfriedungen, eine „würdige“ Gartenanlage, Bewässerungsvorrichtungen, ein Entwässerungskanal, Gasbeleuchtung und Inventar.

Im Preisgericht des Wettbewerbs saßen u.a. der Architekt Wilhelm Hauers aus Hamburg, der hannoversche Architekt und Professor Heinrich Köhler, Stadtbaurat Georg Bokelberg (der den Neubau mit initiiert hatte) und Baurat Ferdinand Wallbrecht. Eingereicht wurden insgesamt 18 Entwürfe, wobei sich die vier preisgekrönten von Gustav Eduard Heine (1843-1902), Platz 1, Hermann Schaedtler (1857-1931), Platz 2, Hubert Stier (1838.1907), Platz 3, und Karl Börgemann (1851-1937), Ankauf, gar nicht so sehr voneinander unterschieden, was vermutlich anhand der recht eng gefassten Aufgabenstellung zu erklären ist.

Von diesen vier – allen sehr renommierten hannoverschen – Architekten ist Hermann Schaedtler der jüngste – und interessanterweise der Einzige, der freier Bezug nahm auf den alten Lister Turm, der ja rechteckig im Grundriss gewesen war, von Schaedtler aber rund entworfen wurde.  Nach langen, gut dokumentierten Debatten im hannoverschen Magistrat wurde schließlich der 2. Preis zur Umsetzung bestimmt und Schaedtler mit einigen Änderungsvorgaben mit der Ausführung beauftragt. Die Verpachtung wurde über öffentliche Gebote in einer Ratsverhandlung geregelt und in geheimer Abstimmung nach dieser dem „Restaurateur Franz Kasten“ der Zuschlag gegeben (05.03.1898): Die Kosten betrugen jährlich 19.300 Mark auf zehn Jahre. Die Eröffnung des Lister Turms fand am Sonntag, den 1. Mai 1898 statt.

Der neue Lister Turm an neuer Stelle (s.o.) ist ein verputzter Backsteinbau mit Gliederungselementen aus rotem Sandstein, der zur Hohenzollernstraße gerichtete runde Turm in backsteinsichtig, hier befand sich die „Thurmschänke“. Die Dacheindeckung erfolgte in roten Ziegeln. Das in den oberen Geschossen verwendete Fachwerk ist aus Eiche, die teilweise farbig gefasst wurde. Eine Besonderheit stellt das eiserne Dachwerk dar, das mit Holzsparren kombiniert wurde. Der Kern des erhöhten Erdgeschosses ist der zentrale zweigeschossige Saal, dessen Gestaltung von Anfang an sehr gelobt wurde. Dieser Saal war das Zentrum des neuen Restaurants – 400 Menschen fanden hier sitzend Platz. Das den Raum abschließende Tonnengewölbe ist nicht gemauert, sondern ein am Dachwerk aufgehängtes Moniergewölbe, unter welches frei Stuck angetragen wurde, der sich gut erhalten hat. Insgesamt ist die Innenausstattung (Fußböden, Treppen, Wandfassungen, Kacheln, Kamin, Decken) trotz intensiver Nutzung über die Jahre bis heute ausgesprochen gut überkommen.


Nutzung

Bis in die 1930er Jahre diente der Lister Turm als beliebtes Ausflugslokal, historische Abbildungen verdeutlichen das rege Leben im zugehörigen Bier- und Kaffeegarten. Es gab Abonnementskonzerte (Militär- und Streichkonzerte), Sommerfeste mit Bällen, Feuerwerk usw. Ab 1933 wurde das Haus dann vermehrt für Parteitreffen und -versammlungen vereinnahmt. Im Krieg blieb der Lister Turm nahezu unzerstört. Zwischen 1945 und 1950 befand sich hier das Armeepostamt der britischen Militärregierung, nach 1950 zogen die Landesmusikschule (=Vorgänger der Musikhochschule) und Volkshochschule ein. Nachdem die Musikhochschule 1962 staatlich wurde, strebte sie einen eigenen Neubau an, der 1973 am Neuen Haus fertiggestellt wurde. Bis dahin verblieb sie im Lister Turm (1967 mit 430 Studierenden und 95 Lehrkräften). Mit dem Auszug der Studierenden stand 1973 der Abriss des Lister Turms im Raum, was aber durch Bürgerbeteiligung verhindert werden konnte. Seit 1974 befindet sich hier nun das Freizeitheim List.

Restaurierung

Von 2022 bis 2026 wurde die Außenhülle des Lister Turms umfangreich saniert und restauriert. Die Dachdeckungen des Haupthauses und des Turmes wurden entsprechend dem historischen Bestand erneuert. Insbesondere das Turmdach stelle dabei eine Herausforderung dar. Um das prägende historische Erscheinungsbild zu bewahren, wurden die Ziegel in einer hierauf spezialisierten Ziegelei nachgebrannt.

Im Zuge der letzten großen Sanierung im Jahr 1974 war die Fassade gründlich mittels Sandstrahlverfahren gereinigt und mit einem grünen Anstrich des Fachwerks und farbigen Akzenten versehen worden. Diese Farbgebung basierte allerdings nicht auf historischen Befunden, sondern war auf das Farbkonzept des sanierenden Architekturbüros zurückzuführen. In seiner Jubiläumsschrift (100 Jahr LISER TURM, 1998) zitiert Wolfgang Leonhardt, den damaligen Leiter des Freizeitheims, Herbert Schöder, wie folgt: „Zu Zeiten der blinden Bauwut um ein Haar abgerissen und gegen irgend etwas Gesichtsloses ausgetauscht, hat es [das Freizeitheim], als man dann wieder sparen musste, eine neue Blüte erlebt. Unter den Händen der jungen Architekten Horst Faltz und Wolfgang Rauck wurde es farbiger als je zuvor – innen womöglich zu stark, außen aber auf jeden Fall so prächtig wie ein frisch gestrichenes Fachwerkgebäude im Harz.“

Vor der Sanierung 2022 wurde die Fachwerkkonstruktion ausführlich restauratorisch untersucht. Bei einer früheren punktuellen Untersuchung (2001) an der Südfassade konnten keine Erkenntnisse zur historischen Farbgebung  gewonnen werden. Mit der Gerüststellung 2022 bestand aber die Möglichkeit, in weiteren Bereichen die Konstruktion noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Sowohl an der Nord- als auch an der Westfassade waren in einigen Bereichen die Schichtenfolgen eindeutig zu ermitteln. Danach war in einer Erstfassung das Eichenholz lediglich mit einer farblosen Lasur gefasst. Eine zweite Fassung muss relativ zeitnah erfolgt sein: Die Fachwerkkonstruktion erhielt einen roten Anstrich, der mit gebrochen weißen Linien akzentuiert wurde. Dieser Befund konnte sowohl an der Fassade nachgewiesen und die weißen Akzentuierungen zudem durch historische Fotos vom Beginn des 20. Jahrhunderts bestätigt werden. Die Gefache waren im Zuge der Sanierung 1974 größtenteils erneuert worden. Es ist anzunehmen, dass sie ursprünglich in einem gebrochenen Weiß gefasst waren.

Im Rahmen der Sanierung ist die historische Zweitfassung wiederhergestellt worden. An einigen Bereichen, u.a. am Balkon an der Nordfassade, wurden Befunde dieser Zeitschicht freigelegt und sichtbar belassen, so dass die Originalfassung als Beleg sichtbar erhalten bleibt.

Die umfangreiche und ‚gründliche‘ Sanierung der 1970er Jahre erfolgte nach damaligem ‚Stand der Technik‘:  Entschichtung der Hölzer mit einem Sandstrahlverfahren, Neufassung mit Alkydharzlack, Erneuerung der Gefache mit Zementputz. Der Einsatz dieser Materialien hatte allerdings zu erheblichen Schäden geführt. Daher war es unerlässlich, nach der fachgerechten Restaurierung der Holzkonstruktion die Neufassung mit Leinöl auszuführen.

Das prägende prächtige Tor in der Einfriedung östlich des Turmes war ursprünglich nicht Bestandteil der Sanierungsmaßnahme. Nachdem deutlich wurde, dass auch dieses Bauteil stark geschädigt war und zudem neben dem restaurierten Gebäudekomplex noch desolater wirken würde, konnte auch die Überarbeitung des Tores noch durchgeführt werden.

So erstrahlt nach mehrjähriger Sanierungs- und Restaurierungsphase der Lister Turm wieder weithin im historischen Erscheinungsbild.



Zum Weiterlesen:

Waldwirtschaft Lister-Turm für Hannover. In: Deutsche Konkurrenzen 5/1896, Heft 11, S. 12-25

Wolfgang Leonhardt: 100 Jahre Lister Turm. Bilder und Planungen einer wechselvollen Geschichte, Hannover 1998

Wolfgang Leonhardt: 100 Jahre Lister Turm. In: Denkmalpflege in Niedersachsen 1999, S. 88–92





Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.