Die Wattenmeerregion – eine europäische Kulturlandschaft von Weltrang

Von Jens Enemark

Der dänische Historiker und Politologe Jens Enemark war bis zu seiner Pensionierung langjähriger Sekretär der trilateralen deutsch-niederländisch-dänisch Zusammenarbeit zum Schutze des Wattenmeeres und Leiter des Internationalen Wattenmeersekretariats in Wilhelmshaven.

Sein Vortrag "Lebendiges Erbe: Die Wattenmeerregion – eine europäische Kulturlandschaft von Weltrang" wurde anlässlich der Eröffnung des Tags des offenen Denkmals am 9. September 2018 im Haus Elsfleth des Schiffahrtsmuseum der oldenburgischen Unterweser gehalten.

Als ich vor gut 30 Jahren als Sekretär der deutsch-dänisch-niederländischen Zusammenarbeit zum Schutze des Wattenmeeres mit Standort in Wilhelmshaven antrat, war ich von der internationalen Bedeutung des Wattenmeeres unmittelbar überzeugt. Diese Bedeutung kann man wissenschaftlich mit unumstößlichen Fakten belegen: die Größe dieser tidenabhängigen Flachwasserzone; die Vielfalt der Tierarten; die relative Unversehrtheit weiter Areale; die Schutzwürdigkeit dieses einzigartigen Ökosystems – dies und viele weiteren Merkmale lieferten überzeugend die Argumente dafür, das Wattenmeer in die Welterbeliste aufzunehmen. So begann denn auch vor fast 30 Jahren der Prozess, mit dem die Anerkennung als Welterbe erreicht werden sollte. Schließlich kam es, nach umfangreichen Diskussionen mit der Bevölkerung, wo nicht die Fakten, sondern die Konsequenzen und Vorteile einer Anerkennung im Mittelpunkt standen, im Jahr 2009 zu einer Aufnahme des deutschen und niederländischen Teils in die Welterbeliste, und 2014 dann mit dem dänischen Teil zu einer Aufnahme des ganzen Wattenmeeres in die Liste der herausragenden Kultur- und Naturgüter dieser Welt.

Die Landschaft hinter und vor den Deichen und auf den Inseln war und ist nicht einbezogen, da stellen sich andere Fragen. Die Bedeutung dieses Teils der Wattenmeerlandschaft kann nicht einfach mit ökologischen und rein naturwissenschaftlichen Fakten gewürdigt werden.

Ich kenne die Marschenlandschaft aus meiner Kindheit und Jugendzeit, als wir die Marschen und die Inseln in dem südwestlichen Teil von Jütland und in Schleswig-Holstein besuchten. Das war und ist eine ganz andere Landschaft als die Geest, wo ich aufwuchs, das spürt man auch als Kind und Jugendlicher. Als ich dann später eine Niederländerin heiratete und in die Niederlande am Rande der Marsch in einem Dorf westlich von Groningen ansässig wurde, lernte ich diese Landschaft zu schätzen, ja sogar zu lieben. Es war mir klar, dass eine Landschaft, die sich wie das Wattenmeer über drei Staaten erstreckt, schon was Einmaliges sein müsste. Ich fing an, inspiriert von einer niederländischen Publikation, das Gebiet als die „Toskana des Nordens“ zu bezeichnen. Das erzeugte, was man gut verstehen kann, Schmunzeln bei Kollegen und etwa zur Frage „Wo bleibt der Chianti?“. Der Spott hat mich jahrelang verfolgt. Gelernt habe ich dabei, dass man keine Vergleiche bei der Vermarktung eines Gebietes benutzen soll, es muss seinen Wert aus sich selbst erhalten.

Aber wie ist die Kulturlandschaft der Wattenmeerregion denn nun zu bewerten? Erst bei einer Konferenz in Husum 1996 zu dem Thema ‚Kulturlandschaft Nordseemarschen’ sahen wir, eine Reihe von Kollegen, die am Wattenmeerschutz beteiligt waren, dass auch die Kulturlandschaft von internationaler Bedeutung ist. Und wir begriffen, dass die Bewertung und der Schutz nicht nur eine Angelegenheit von Wissenschaftlern sein sollten, sondern im hohen Maße auch eine Angelegenheit der Bevölkerung und der Politik. Vor allem verstanden wir, dass die Kulturlandschaft der Marschen und Inseln mit dem Wattenmeer vor den Deichen gemeinsam betrachtet werden sollte.  Dabei geht es nicht nur um die sichtbaren, für Jedermann erkennbaren Kulturdenkmale wie Kirchen, Bauernhöfe oder Windmühlen, sondern auch um die oberirdisch manchmal auf den ersten Blick kaum noch sichtbaren Wurten – im Zuge des Meeresspiegelanstiegs erhöhte Wohnhügel – und Altdeiche. Oft lässt sich die alte Kulturlandschaft an den Formen der Felder und Ackerfluren ablesen. Es gibt aber auch eine archäologische Kulturlandschaft, die sich kaum oder gar nicht an die Oberfläche durchpaust, weil Sie von mächtigen Überflutungsschichten verdeckt sind. Da gibt es z.B. bronzezeitliche Dörfer, germanische Gräber oder mittelalterliche Orte im Watt – aus einer Zeit, als das Gebiet noch trockene Agrarlandschaft war. Solche Relikte tauchen oft unverhofft auf, müssen schnell dokumentiert werden und verschwinden wieder in den Fluten.

Das führte dazu, dass das Thema auch Teil des Wattenmeerplanes ist; dieser Plan, der den gemeinsamen Schutz des Wattenmeers zwischen den drei Staaten festlegt, wurde im Jahr 1997 auf der Konferenz von Stade, als die jetzige Kanzlerin die damalige Bundesumweltministerin war, von den drei Ministern beschlossen. Das ebnete in den folgenden Jahren den Weg für gemeinsame, von Dänemark, den Niederlanden und Deutschland gemeinsam getragene Aktivitäten und Projekte. So gelang es, mit den beiden Lancewad-Projekten, die aus dem europäischen Interreg Programm kofinanziert wurden, ein sehr erfolgreiches Kulturlandschaftsprogramm zu etablieren. Lancewad bzw. LancewadPlan steht für „Integrated Landscape and Cultural Heritage Management and Development Plan for the Wadden Sea Region“. Ziel war es, in dem Küstengebiet zwischen Dänemark und den Niederlanden, das zuvor hauptsächlich im Fokus des Naturschutzes stand, das Bewusstsein für die Bedeutung und die Werte der KULTURlandschaft zu schärfen. Dabei konnte die absolute europäische und internationale Bedeutung der Kulturlandschaft in der Wattenmeerregion belegt werden.

Worin liegt nun diese Bedeutung? Bevor ich hierzu komme, möchte ich folgendes klarstellen: Die Wattenmeerlandschaft vor und hinter den Deichen ist zwar als eine Landschaft zu betrachten, aber die Landschaft vor den Deichen, das Wattenmeer, sehe ich vorrangig als eine Naturlandschaft, freilich von Menschen beeinflusst und auch mit Spuren menschlicher Besiedlung. Dennoch bestimmt hier die natürliche Dynamik weitgehend die ökologischen und geophysikalischen Prozesse. Allerdings sind, wie gesagt, im Wattenmeer selbst Spuren menschlicher Besiedlung und Landnutzung aus früheren Zeiten erhalten. Sie erzählen die Geschichte der Gestaltung der Küste. Die Landschaft hinter den Deichen ist die eigentliche Kulturlandschaft, über Jahrtausende entscheidend von Menschen geprägt in der Einbindung und Auseinandersetzung mit der natürlichen Umwelt.

Zurück zu der Frage der Bedeutung der Kulturlandschaft und dem kulturellen Erbe. In einer Vergleichsstudie mit anderen Küstenmarschgebieten weltweit, basierend auf den Lancewad-Ergebnissen, kommt die Einmaligkeit der Wattenmeer-Kulturlandschaft und ihr Erbe deutlich zum Ausdruck. Mit mehr als 10.000 km2 sind die Wattenmeermarschen das größte Küstenmarschgebiet weltweit, unübertroffen in seiner Ausdehnung und seinem Zusammenhang über drei Staaten, über viele Länder, Kreise und Kommunen.

Einmalig ist diese Küstenlandschaft auch in ihrer zeitlichen Tiefe: seit fast drei Jahrtausenden ununterbrochen bewohnt, in einer ständigen Auseinandersetzung mit der Umwelt, was noch immer erkennbar ist in den Strukturen der Landschaft mit ihren Wurten und Warften, dem Deichbau, der vor etwa 1000 Jahren anfing, mit ihren historischen Gebäuden wie den Kirchen, Städten und Dörfern. Ein vielschichtiges Erbe aus archäologischen und historisch-geografischen Elementen und Monumenten die in ihrer Gesamtheit und durch das Zusammenspiel mit der Landschaftsgestalt einmalig ist.

Zu dieser historisch gewordenen Kulturlandschaft gehören aber auch die Zeugnisse der technischen und infrastrukturellen Modernisierung, etwa der Marinehafen von Wilhelmshaven ebenso wie die großen Schleusen, Brücken und Sperrwerke, wie die Leuchttürme oder der Sylter Eisenbahndamm.

Heute erleben wir unter anderem durch die Energiegewinnung aus Windkraft, wie die fortschreitende Modernisierung auch in Konflikt geraten kann zum historisch geprägten Charakter der Küstenlandschaft – immer muss die Bewahrung des kulturellen Erbes abgeglichen werden mit den gesellschaftlichen Dynamiken der Gegenwart.

Die hohen Windräder und Leitungstrassen z.B. verändern das Bild der Kulturlandschaft stark, was sich auf die Wirkung obertägig erhaltener Denkmale wie Grabhügel, Wurten oder Altdeiche in der Landschaft auswirkt. Bemerkenswert ist eine Studie, dass Windkraftanlagen von etwa der Hälfte der Touristen als positiv, von der anderen als negativ empfunden wird. Eine Schlussfolgerung für den Kulturtourismus heißt: Vorrang- und Tabugebiete definieren, und zwar aus der Denkmallandschaft heraus, denn wo Windkraftanlagen stehen, verlieren z.B. Wurten- und Altdeichketten durch den Verlust des Horizonts ihre Erkennbarkeit und damit an Reiz.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir über eine außerordentlich gut dokumentierte Kenntnis von dieser Kulturlandschaft verfügen.  Die bahnbrechenden Ausgrabungen um 1930 in Ezinge westlich von Groningen, in der Nähe meines Wohnorts, und in Feddersen Wierde in den 1950-er und 60er Jahren – durchgeführt vom Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven, dem einzigen seiner Art an der Wattenmeerküste, soeben 80 Jahre alt geworden – haben uns einen Wissensstand zur Besiedelungsgeschichte verschafft, der wirklich auch im europäischen Vergleich überragend ist. Küstenarchäologie wurde hier sozusagen erfunden. Das gilt ebenso für andere Disziplinen und beweist, dass wir in Sachen Wissen und Dokumentation besonders gut aufgestellt sind.

Was im Wattenmeerraum seit Jahrhunderten im Umgang mit dem Wasser geleistet wurde, hat weltweit Standards gesetzt, nicht nur im technischen Bereich, sondern auch durch gesellschaftlichen Strukturen, z. B. die Deich– und Sielverbände. Die Wattenmeerregion hatte immer in der Vergangenheit ihre eigene regionale politische Ordnung, stark geprägt durch den Einfluss der Friesen. Die Küstenregion war nie eine politische Einheit und manchmal in einigen Landstrichen auch eine Beute für aggressive Monarchen aus dem Hinterland. Aber gerade die Selbstorganisation bei Deichbau und Wassermanagement hat für lange Zeiten die Eigenständigkeit lokaler und regionaler Einheiten mitbegründet. Wenn auch die frühe politische Eigenständigkeit mancher Teile des Wattenmeerraums, etwa in West- und Ostfriesland, in Dithmarschen und Nordfriesland, längst verloren gegangen ist, hat sich das kulturelle Erbe der Eigenständigkeit bis in die Neuzeit erhalten, beispielsweise sogar – mit den vielen Varianten und Dialekten des Friesischen – in einer  ‚Minderheitensprache’ bis heute.

Entscheidend bei der Beurteilung ist letztendlich auch, wie authentisch und unversehrt die Landschaft und die kulturellen Güter überliefert und erhalten sind. Die Tatsache, dass die Besiedlungsgeschichte schon fast drei Jahrtausende andauert und dass ihre Anfänge immer noch erkennbar sind in der Landschaft, weist schon darauf hin, dass wir es mit einer authentischen und historisch reichen Landschaft und einem besonderen Kulturerbe zu tun haben. Selbstverständlich, ist nicht alles, was die Landschaft und ihre Kultur einmal geprägt hat, heute noch sichtbar und wirksam. Die Landschaft hat sich im historischen Prozess verändert, Teile dessen, was wir heute als Erbe bezeichnen würden, sind verschwunden oder überformt. Genau das ist es aber, was eine sozusagen organisch sich entwickelnde Landschaft kennzeichnet: dass sie sich ständig verändert. Dabei ist natürlich entscheidend, dass eben die Änderungen der Landschaft und der kulturellen Manifestationen nachvollziehbar sein müssen, als Ergebnisse eines charakteristischen Prozesses in Raum und Zeit. Die mit ihnen verbundenen Werte müssen erkannt, geschätzt und respektiert werden. Das ist in der Wattenmeerregion der Fall. Aus den Errungenschaften und Werten, die aus der historischen Entwicklung auf uns gekommen sind, können wir diese Landschaft verstehen und ihre Werte achten.

Kurzum, die Kulturlandschaft und das damit verbundene kulturhistorische Erbe der Wattenmeerregion hat unbestritten Weltrang. Größe, zeitliche Tiefe, Vollständigkeit und Komplexität, Authentizität und Unversehrtheit sind, die Dimensionen, die eine solche Beurteilung mehr als rechtfertigten.

Es mag überflüssig erscheinen, die Frage zu stellen, warum wir diese Landschaft und ihr Erbe schützen und erhalten sollen. Ich stelle aber diese Frage, weil die Antwort meiner Meinung nach zu oft verbunden wird mit der geldlichen Inwertsetzung der Landschaft, etwa mit der touristischen Anziehungskraft der Landschaft oder mit dem Potenzial regionaler Produkte. Es ist nicht völlig falsch oder unerheblich, auch an die regionale Entwicklung in dieser Hinsicht zu denken, aber das allein kann kein Grund sein für die Bewertung der Kulturlandschaft, und darf nicht an vorderster Stelle stehen. Ich denke, der wesentliche Grund muss sein, dass eine bewahrte Vergangenheit die Gegenwart erklärt. Nur so können wir mit Verständnis und Klugheit dasjenige erhalten, was die Vergangenheit uns hinterlassen hat, und dazu sind wir gegenüber zukünftigen Generationen verpflichtet. Nur so können wir auch verstehen, woher die Wattenmeerregion gekommen ist und warum wir so handeln müssen, wie wir es jetzt tun, sowohl im Bereich des kulturellen Erbes als auch des Naturerbes.

Die Wertschätzung ist natürlich auch eng verbunden mit einem anderen Aspekt, nämlich der Beziehung zu und der Identifikation mit der Landschaft, in der ich wohne oder in die ich zu Besuch komme. Damit rührt man an das, was man auf Deutsch „Heimat“ nennt: der Ort oder die Landschaft, zu der man eine Beziehung hat, in der man sich verankert und aufgehoben fühlt, der man sich aber  auch verpflichtet fühlt und für die man sich verantwortlich weiß. Ich empfinde dies grade bei der Diskussionen mit Landwirten um das Gebiet unweit meines Wohnortes, wo zugezogene Landwirte dieser Beziehung nicht haben und wo dadurch Konflikte entstehen. Ein Problem resultiert auch aus dem demografischen Wandel: Viele Baudenkmale verlieren ihre alte Funktion oder stehen leer. Dagegen sind genau diese Objekte interessant für Menschen, die sich dort ihr Feriendomizil einrichten. Diese „Gentrifizierung“ kann dazu führen, dass bestimmte Bereiche nur noch saisonal von Urlaubern bewohnt sind, die nicht teilhaben z.B. an der freiwilligen Feuerwehr oder lokalen Vereinen. Chic sanierte Gebäude, die sich aber irgendwie abschotten gegen den Rest der Kulturlandschaft.

Ich komme nun abschließend zu der Frage, wie man die Kulturlandschaft und ihr historisches, kulturelles Erbe schützt und erhält. Unstrittig ist es, dass die historische Kulturlandschaft unter Druck steht, auch in der Wattenmeerregion, und dass wir uns verstärkt um ihren Erhalt kümmern müssen. Bloß konservierender Erhalt ist dabei nicht die ganze Antwort. Auch die Kulturlandschaft der Wattenmeerregion ist das Ergebnis von Entwicklungen, es ist eben ein lebendiges Erbe, darin liegt auch ihre Bedeutung. Die Strategie, wie sie im Lancewad-Projekt ausgearbeitet wurde, muss sein, die Entwicklungen behutsam zu steuern. Erhalt durch Entwicklung ist das Prinzip, das sind gar keine Gegensätze, wie man vorschnell vermutet. Ein lebendiges Erbe erhalten – dies sagt ja der Titel meiner Rede.

Das Lancewad-Projekt hat viele Ergebnisse erbracht, und damit ist viel erreicht worden.

Das Projekt hat eine Fülle von Aktivitäten auf regionaler und lokaler Ebene ausgelöst, die ohne Lancewad, da bin ich sicher, nicht begonnen worden wären. Ich möchte dennoch auf einige Lücken und Versäumnisse hinweisen, die zukünftig von großer Bedeutung sein werden und sollten. Ich habe zwar das Wattenmeer vor und die Kulturlandschaft hinter den Deichen als getrennte Teile vorgestellt. Sie hören aber zur gleichen landschaftlichen Formation und müssen als eine Landschaft betrachtet, geschützt und gemanagt werden, allerdings in unterschiedlicher Tiefe und auf verschiedenen Niveaus. Für den Erhalt der Kulturlandschaft hinter den Deichen ist das von zentraler Bedeutung. Es geht nicht nur darum, wie wir mit dem Klimawandel umgehen und wie wir die Kulturlandschaft dadurch einbeziehen in unseren Einsatz für einen nachhaltigen Wattenmeerraum außerhalb der Deiche. Sondern wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir die Kulturlandschaft hinter den Deichen als Teil einer maritimen Landschaft verstehen können und das Wattenmeer als Teil der Auseinandersetzung der Menschen mit der Natur.

In Niedersachsen sind mit dem Biosphärenprogramm sehr gute Ansätze entwickelt worden, aber es geht nicht nur um Nachhaltigkeit in der Region, darüber sind wir uns alle einig, sondern auch eben um die Aspekte, die das kulturelle und landschaftliche Erbe betreffen. Leider haben wir die Brücke zwischen denen, die für die Kulturlandschaft verantwortlich sind, etwa die Archäologen, die Historiker und Geografen auf der einen Seite und den Naturschützern auf der anderen noch nicht wirklich schlagen können. Die Diskussionen versanden oft in unfruchtbaren Diskussionen darüber, ob das eigentliche Wattenmeer eine Kulturlandschaft oder eine Wildnis ist und in wieweit Natur Vorrang hat vor der Kultur in der Kulturlandschaft. Selbstverständlich spielen hier unterschiedliche Ansichten unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen eine Rolle, aber eben auch der Tatbestand wer hier das Sagen und die Deutungshoheit hat. Leider – und ich muss zugeben, das ist auch eine persönliche Enttäuschung – hat das Lancewad-Projekt diese Trennung und Entgegensetzung nicht wirklich überwinden können. Im niedersächsischen Projektteil von Lancewad hat sich allerdings die Zusammenarbeit zwischen Natur- und Denkmalschutz gut entwickelt und kann als Vorbild für andere Regionen gelten, in denen die Naturschutzbrille den Blick auf das Ganze z.T. noch etwas einschränkt.

Wir sind verpflichtet, für das kulturelle Erbe auch über die Staatsgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten, und das soll sich nicht nur auf den Austausch von Informationen und Erfahrungen beschränken, vielmehr zentral auf gemeinsame Strategien und politische Perspektiven für Erhalt und Management der Kulturlandschaft und des historischen, kulturellen Erbes. Die Qualität des Kulturerbes der Wattenmeerregion ist von Qualität der Entwicklungen in diesem ganzen Raum abhängig. Nur wenn wir es schaffen, das Erbe als Ganzes in Rahmen abgestimmter Erhaltungsstrategien zu behandeln, können wir auch die internationale Bedeutung erhalten. Nur dann können wir die Geschichte der Wurtenentwicklung als Ganzes „erzählen“.

2010 wurde, bei der Erneuerung der „Gemeinsamen Erklärung“, die die Grundlage der politischen Zusammenarbeit im Wattenmeerbereich zwischen Dänemark, Deutschland und die Niederlande bildet, das Thema ‚Erhalt der Wattenmeer-Kulturlandschaft’ formal in die Erklärung aufgenommen. Leider habe ich es nicht geschafft materiell, das heißt faktisch, diese Aufgabe als Teil der Zusammenarbeit in die Tätigkeit des Sekretariats aufzunehmen. Dagegen waren die Bedenken der Umweltministerien zu groß. Politisch, meinte man, würde das ablenken vom eigentlichen Ziel der Zusammenarbeit, dem gemeinsamen Schutz des Wattenmeeres. Im Kern ging es wohl darum, dass man politische Bedenken hatte, die erweiterte Aufgabe würde die Schutzbemühungen um das eigentliche Wattenmeer aufweichen. Zudem ist, zumindest in Deutschland, der Kompetenzverteilung nicht gerade förderlich. Der Bund hat Kompetenzen im Natur- und Umweltbereich und sichert die internationalen Verhandlungen, aber im Kulturbereich hat der Bund keine Kompetenzen, das obliegt den Ländern. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass dennoch eine Zusammenarbeit auch in Hinblick auf das kulturelle Erbe kommt, und das in Wilhelmshaven entstehende Welterbe-Partnerschaftszentrum kann meiner Meinung nach hier eine Schlüsselrolle spielen. Ich weise nachdrücklich darauf und insbesondere auf die meiner Meinung nach gegebene Verantwortlichkeit der Landesregierung in dieser Hinsicht hin.

Einen letzten Punkt möchte ich noch erwähnen. Wissen wir als Bürger oder Besucher der Region, welche weltweit bedeutende Kulturlandschaft wir besitzen? Nur bedingt! Oder wir sehen zumindest nicht den großen Zusammenhang. Es hat mich immer gewundert, dass die Wilhelmshavener, meine früheren Mitbürger, so wenig Interesse haben für das Gebiet im Wangerland, direkt außerhalb der Stadt. Eine fantastische Kulturlandschaft, mit der Wurt von Ziallerns als Perle mitten drin in dieser mittelalterlichen Landschaft. Besser steht es mit der Krummhörn in Ostfriesland, mit dem großen Warftdorf Rysum als Zentrum in der Nähe von Emden, eine unvergleichliche Landschaft im gesamten Wattenmeerraum, wo man die Liebe und den Stolz der Menschen auf dieser Landschaft und ihre Dörfer spürt. Oder die Wesermarsch mit ihrem Reichtum an Bauernhöfen und den Häfen, den Zeugnissen einer Flusslandschaft in Entwicklung. Wir müssen mehr tun, um das Interesse und die Wertschätzung bei Bewohnern und Besuchern dieser Landschaft zu erhöhen.

Wir müssen lernen, die Landschaft zu lesen und zu verstehen. Ein Weg dahin ist, dass wir uns für die Anerkennung zumindest von Teilen des Gebietes als Weltkulturerbe einsetzen. Mit einer lokalen Arbeitsgruppe, die auf meine Initiative zustande gekommen ist, streben wir das für das Gebiet Middag-Humsterland an, westlich der Stadt Groningen. Wir wollen es als Weltkulturerbe nominieren. Es stand schon einmal auf der Vorläufigen Liste der Niederlande, und wir beabsichtigen, als ersten Schritt die Wiederaufnahme auf dieser Liste zu erreichen. Wir haben dabei breite Unterstützung erfahren auf lokaler Ebene, auch bei der Kommunalverwaltung. Das Vorhaben kann allerdings nicht ohne Zustimmung insbesondere der Landwirte in dem Gebiet und der Provinzverwaltung der Provinz Groningen voran gehen, und daher befinden wir uns in der Diskussion darüber, wie wir das gemeinsam erreichen können. Dafür soll es ein naturfreundliches Agrarprogramm geben, das gleichzeitig die Erhaltung der wesentlichen Landschaftselemente, wie Warften, Gräben und Flureinteilung, ermöglicht.

Ein weiterer Aspekt ist, dass dieses Vorhaben nicht ohne eine Verbindung mit dem schon existierenden Wattenmeer-UNESCO-Welterbe machbar ist. Damit wollen wir gerade die Brücke zum Wattenmeer als Naturlandschaft schlagen. Und es geht sicherlich nicht ohne die Zusammenarbeit mit und auch die gemeinsame Nominierung von entsprechenden Gebieten in Deutschland und Dänemark. Für Niedersachen habe ich soeben auf potentielle Gebiete hingewiesen. Insbesondere am Alten Land, in dem sich durch den Obstanbau anders als anderswo die Reste der mittelalterlichen Inkulturnahme durch holländische Kolonisten erhalten haben, sieht man, dass die Mühe Früchte trägt. Aus einer aus dem Lancewad-Projekt entstandenen Kulturlandschaftsanalyse hat sich ein UNESCO-Antrag entwickelt. Ich bin mir sicher, dass auf dem Weg zur Anerkennung der Bekanntheitsgrad unserer Landschaft steigen wird und dass zum Ausdruck gebracht werden wird, was uns bewegen sollte: stolz sein auf eine Region mit einer Kulturlandschaft von Weltrang. Wir würden dann auch den Versäumnissen abhelfen, auf die ich hingewiesen habe.

Bei allem was ich vorhergesagt habe, muss ich doch betonen: Viel ist geschafft worden. Wenn ich durch die Wesermarsch fahre, z. B. Richtung Dänemark zum Besuch in der alten Heimat, wenn ich den Abhang der Oldenburger Geest bei Loy herunter fahre oder nach Bremen über Berne, dann freue ich mich spontan und unmittelbar über die Landschaft, die Schönheit der Bauernhöfe, die Kirchen, die in der Ferne auftauchen, die Fluren der unterschiedlichen Größe – oder die mittelalterlichen Deiche. Ich lasse mich nicht von Dinge, die für die Augen weniger schön sind, abbringen und genieße unbeirrt das, was vor meinen Augen sich entfaltet und freue mich zutiefst darüber, dass ich in einem solchen Gebiet wohne, gearbeitet habe und meine arbeitsfreien Lebensjahre verbringen darf. Erinnern wir uns alle bei dieser Gelegenheit daran, wie privilegiert wir sind, in einer solchen, weltweit bedeutenden Kulturlandschaft zu leben. Lassen Sie uns aber nicht vergessen, welche Verantwortung das mit sich mitbringt für kommende Generationen: eine lebende Landschaft, die nur dann, wenn das Überkommene gelebt wird, auch weiterentwickelt werden kann. Eine solche Landschaft ist die Wesermarsch und Butjadingen. Lasst Sie uns heute dieses lebendige Erbe erleben durch die Angebote, die uns zu Verfügung stehen!

"UNESCO-Welterbe in Niedersachsen" im Denkmalatlas Niedersachsen

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