Interview mit Ulrich Werz

In unserer Interviewreihe berichten Kolleg*innen aus ihrer täglichen Arbeit innerhalb des Projekts „Denkmalatlas Niedersachsen“. Um die Kulturdenkmale des Landes Niedersachsen zugänglich machen zu können, brauchen wir Experten aus vielen Fachbereichen, die in der Fläche, aber auch vom Computer aus, die Denkmale begutachten, Daten aktualisieren und zur Verfügung stellen.
In dieser Interviewreihe kommen einige dieser Kolleg*innen direkt zu Wort. Die Antworten sind als ihre individuellen Meinungen zu verstehen.



Ulrich Werz bearbeitet seit Mitte 2017 im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Hannover die antiken Fundmünzen Niedersachsens. Seit August 2019 ist er Mitarbeiter beim Denkmalatlas Niedersachsen (Abbildung 1).

 

Was macht ein „Fundmünzbearbeiter“?

Ich bin Altertumswissenschaftler, auch wenn ich für die Bestimmung und Bearbeitung der Fundmünzen, die in Niedersachsen entdeckt werden, zuständig bin. Ich selbst habe Klassische Archäologie, Alte Geschichte und Vorderasiatische Archäologie studiert und diese drei Fächer mit dem Magister Artium, den es damals noch gab, abgeschlossen. Hiernach habe ich ein Zweitstudium im Fach Hilfswissenschaften der Altertumskunde angehängt. Der Schwerpunkt lag dabei auf der antiken Numismatik. Meine Promotion beschäftigte sich mit den Gegenstempeln auf frühkaiserzeitlichen Aesprägungen im Rheingebiet. Gegenstempel sind kleine Einstempelungen, welche auf der Münze angebracht wurden als diese bereits im Umlauf war.

Das Wesentliche bei meiner Arbeit als Fundmünzbearbeiter ist nicht die Münzbestimmung, sondern die numismatische Auswertung. Und für diese Auswertung bedarf es der Kenntnisse in vielen Bereichen der Altertumswissenschaft. So kann ich etwa die Münzbildnisse nur dann verstehen, wenn ich deren historischen und ikonographischen Hintergrund kenne. Leider vergessen das viele, und so haben wir, nicht nur in Niedersachsen, die gleiche Situation wie im Fußball: es gibt jede Menge Experten!

Inklusive Studium bin ich nun seit über 30 Jahren im Wissenschaftsbetrieb tätig und habe an der Universität, im Museum und in der Denkmalpflege gearbeitet und kenne somit alle drei Seiten der altertumswissenschaftlichen Arbeitsplätze. Knapp 12 Jahre war ich im Ausland, in der Schweiz, tätig.

 

Was sind Fundmünzen eigentlich? Und wie unterscheiden sie sich von anderen alten Münzen?

Bei Fundmünzen ist der Fundort bekannt und im günstigen Fall ein archäologischer Kontext gegeben. Daher müssen bei der Fundmünzaufnahme Angaben zum Fundort und zum archäologischen Kontext zusammen mit der Münze vorgelegt werden. Dadurch wird die Münze zu einem archäologischen Objekt, welches als gleichrangige Quelle neben der Keramik oder anderen Gattungen steht. Fehlen die archäologischen Angaben, weil sie nicht aufgenommen wurden oder weil es sich um Altfunde handelt, von denen keine Aufzeichnungen mehr existieren, können über den Fundort immer noch Fragen nach der Münzversorgung oder etwa der Auswirkung von Münzreformen beantwortet werden. Fundmünzen sind in der Regel schlecht erhalten, so können nur etwa 50% der Münzen einem bestimmten Prägeherren zugewiesen werden. Demgegenüber sind Sammlungsmünzen durchweg gut erhalten und genau nach den entsprechenden Referenzwerken bestimmbar, sollen sie doch die Bedeutung der eigenen Sammlung unterstreichen.

Wie sieht der typische Arbeitsalltag eines Fundmünzenbearbeiters aus?

Einen „typischen“ Arbeitsalltag gibt es nicht. Die Münzen werden mir zunächst von den zuständigen Archäologen vorgelegt. Einzig das Aufnahmeprozedere ist für die Fundmünzen immer das gleiche. Die Münzen werden zunächst digital fotografiert. Hierzu habe ich ein Verfahren entwickelt, um die Bilder automatisch von Hintergrund frei zu stellen. In zwei kleinen Heftchen, die sich der Dokumentation von Fundmünzen: I. Fotographie widmen, ist dieser Vorgang beschrieben und die entsprechenden Programme beigefügt. Heftchen und Programme sind kostenlos zum Download verfügbar.

Nach der fotografischen Dokumentation werden die technischen Daten aufgenommen. Dazu gehören das Gewicht, die Dicke der Münze sowie ihr kleinster und größter Durchmesser. Hiernach erfolgt die eigentliche Bestimmung nach den gängigen Referenzwerken. Die eigentliche „Arbeit“ besteht dann in der wissenschaftlichen Auswertung. Hier geht es oftmals um die Frage der zeitlichen Einordnung des Fundortes mit Hilfe der Münze. Von den Münzen wissen wir in der Regel, wann sie geprägt wurden. Die möglichen Gründe und der Zeitpunkt, die zu ihrem Verlust am heutigen Fundort führten, ist dann die eigentliche wissenschaftliche Arbeit, die in der Regel in eine Publikation mündet. Diese Veröffentlichungen sind via academia.edu einsehbar.

 

Und mit der Publikation ist die Veröffentlichung des Fundes abgeschlossen?

Nein, grundsätzlich werden alle Münzen in KENOM erfasst. Kenom ist eine modulare Fachdatenbank für Münzen, Geldscheine und sonstige numismatische Objekte wie Marken, Jetons, Plomben, Münzgewichte oder Ähnliches. Durch den Einsatz von Kenom wird es ermöglicht numismatische Bestände digital zu erfassen, kooperativ und länderübergreifend zu untersuchen und für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Über KENOM sind die Stücke dann mit ADABweb und dem Denkmalatlas Niedersachsen verknüpft. Im Denkmalatlas Niedersachsen sollten die Münzen spätestens gegen Ende der zweiten Jahreshälfte 2020 zur Verfügung stehen.

KENOM war zunächst für die Aufnahme von numismatischen Objekten aus Sammlungen angelegt worden. Im Mai 2018 wurde beschlossen, in KENOM nun auch Fundmünzen aufzunehmen und die Datenfelder hierfür entsprechend zu erweitern (Abbildung 2). So mussten beispielsweise Felder für die Beschreibung der Schrötlingsform oder zur Beschreibung von sekundären Maßnahmen, wie etwa der Münzteilungen, eingefügt werden.Gleichzeitig sollte KENOM auch speziell den niedersächsischen Belangen zur Fundmünzaufnahme angepasst werden.

Damit war auch die Erarbeitung weiterer Normdatensätze verbunden, die gemäß der Idee der linked open data (Abbildung 3) von anderen Institutionen ebenfalls genutzt werden. Um die neuen Anforderungen umzusetzen, wurde eine Arbeitsgruppe „KENOM Datenbankfelder“ gegründet, die von mir geleitet wird. Sie umfasst insgesamt 13 Teilnehmer, die aus Numismatikern, Archäologen und Informatikern bestehen. Neben deutschen Kollegen sind auch Kollegen aus Österreich und der Schweiz vertreten. Ziel war es bei diesen Sitzungen, die Datenbankfelder so anzupassen, dass über Schnittstellen ein Datenaustausch mit anderen Projekten (NUMiD, AFE, IKMK, NV BW) problemlos möglich ist. An dieser Stelle soll es nicht versäumt werden der GVZ/ZVB mit Frank Dührkohp und seinem Team zu danken. Haben sie uns doch bei der bisherigen Entwicklung bestmöglich unterstützt.

Wie kann ich diese Informationen nutzen?

Über KENOM stehen die Münzen als Foto mit den zugehörigen numismatischen Informationen der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung (CC by). Gerade bei den römischen Münzen der Kaiserzeit sind in der Umschrift Ligaturen und/oder Symbole im Münzbild verwendet worden. Um diese bei anstehenden Publikationen korrekt wiederzugeben, habe ich Sonderzeichensätze entworfen, welche unter anderem diese Ligaturen und Symbole enthalten. Sie stehen ebenfalls kostenlos zur Verfügung (RIC Sonderzeichen für Mac, Windows und Unix, Lörrach 2016).

Neben der Bereitstellung des Datenmaterials im Digitalen Denkmalatlas liefert die Internetseite Numismatik-in-Hannover.de zusätzliche Hintergrundinformationen (Abbildung 4). Hannover bildet nämlich mit fünf Institutionen einen Hotspot für münz- und geldgeschichtliche Forschungen in Deutschland. In den öffentlichen Sammlungen werden weit mehr als 150.000 Münzen und Medaillen sowie numismatische Objekte aufbewahrt. Hinzu kommen etwa 15.000 Fundmünzen aus ganz Niedersachsen. Um über die Arbeit der verschiedenen in Hannover ansässigen Häuser zu berichten wurde die Internetseite von mir in enger Zusammenarbeit mit meiner Kollegin Anke Matthes, die ebenfalls beim Denkmalatlas Niedersachsen arbeitet, konzipiert. Hier gibt es neben Ankündigungen von Vorträgen und Ausstellungen auch Hinweise für Sondengänger und weitere Einblicke in die Fundmünzbearbeitung.

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