Ostfriesischer Gulfhof
- Landkreis
- Leer
- Samtgemeinde
- Leer (Ostfriesland), Stadt
- Gemeinde
- Bingum
- Orts-/Stadtteil/Lage
- Bingum
- Adresse
- Bernhard-Duhm-Straße 5
- Objekttyp
- Wohn-/Wirtschaftsgebäude
- Baujahr
- um 1870 - um 1900
- Denkmalstatus
- Einzeldenkmal (gemäß § 3 Abs. 2 NDSchG)
- Bedeutung
- Geschichtliche Bedeutung, Städtebauliche Bedeutung
- Im Denkmalverzeichnis
- Ja
- Objekt-ID
- ffc914f7-c69e-44ee-a454-e4f28a82ec3f
- System-ID
- #61760117
- ADABweb-ID
- 51539800
- Fachbereich
- Baudenkmalpflege
- Beschreibung
- Ostfriesischer Gulfhof aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, bauzeitlich in Ortsrandlage errichtet. Eineinhalbgeschossiger Klinkerbau mit Satteldach. Vollunterkellerter, vier auf fünf Achsen messender Wohnteil mit späthistoristischer Fassadengestaltung, von der südlichen Traufseite an der Nahtstelle zwischen Wohn- und Wirtschaftsteil erschlossen. Segmentbogige Fensteröffnungen mit herausgesetzten Stürzen, im Dachgeschoss rundbogige Fensteröffnung zur Betonung der Giebelmittelachse. Fassadenzier aus Ecklisenen, Sockel-, Geschoss-, Giebel- Trauf- und Walmgesims sowie Terrakottaelementen in den Brüstungsfeldern. Südlich gusseiserner Verandavorbau. Fenster- und Türenbestand teilweise bauzeitlich. Bauzeitliche Innenausstattung erhalten. Gulfscheune mit reduzierter, historistischer Bauzier und Krüppelwalmdach über dem Giebel. Reihe von Kopflinden östlich vor dem Wohnhausgiebel.
- Denkmalbegründung
- Der Gulfhof Bernhard-Duhm-Straße 5 befindet sich am nordwestlichen Rand der Bingumer Dorfwurt. Als einziger Stadtteil Leers liegt das Marschendorf Bingum westlich der Ems im Rheiderland. Während archäologische Funde bereits eine Besiedlung zur römischen Kaiserzeit belegen, geht die erste urkundliche Erwähnung Bingums in das 10. Jahrhundert zurück. Das Wohnwirtschaftsgebäude ist mit seinem Wohnteil östlich in Richtung Wurtenmitte orientiert, der Wirtschaftsteil westlich in Richtung Marschenlandschaft. Während das Gebäude heute zur nördlich vorbeiführenden Bernhard-Duhm-Straße orientiert ist, wurde das Gebäude bauzeitlich über einen aus östlicher Richtung kommenden Stichweg, der vor der südlichen Traufe endete, erschlossen. Regionaltypisch wurde vor den Giebel des Wohnteils eine Reihe von Kopflinden gepflanzt. Der Erbauungszeitpunkt des auf hohem Keller liegenden, eineinhalbgeschossigen Klinkerbaus mit Steilgiebel und Satteldach kann stilistisch in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts datiert werden. Das im Giebel vier-, an den Traufseiten fünfachsige Vorderhaus auf leicht längsrechteckigem Grundriss wird von Süden traufseitig an der Nahstelle zwischen Wohn- und Wirtschaftsteil erschlossen. Weiter östlich steht ein markanter, gusseiserner Verandavorbau vor der südlichen Traufseite. Axial oberhalb der segmentbogig überfangenen Erdgeschossfenster befinden sich in Giebel und straßenseitiger Traufe paarweise angeordnete, niedrige Segmentbogenöffnungen innerhalb des Drempelgeschosses - gartenseitig belichten drei Lukarnen das Dachgeschoss. Einzig die beiden mittleren Achsen des Giebels werden im Giebeldreieck durch eine Art Triumphbogenmotiv, bestehend aus zwei seitlichen, gerade abschließenden Fenstern und einem erhöhten, mittigen Rundbogenfenster, akzentuiert. Damit zeigt der Rohziegelbau einen typisch späthistoristischen Fassadenaufbau, wie er in Ostfriesland ab etwa 1860 auch für die Wohnteile der Gulfhöfe üblich wurde. Auch der aufwendige Fassadenzierrat mit Ecklisenen, Sockel-, Geschoss- und Konsolgesimsen an Giebel und Traufen, Terrakottaelementen in den Fensterbrüstungen und herausgesetzten Fensterstürzen deutet auf eine Erbauungszeit im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hin. Der Wirtschaftsteil greift mit Konsolfriesen entlang von Traufen und Walmschopf sowie Lisenengliederung Zierformen des Wohnteils wieder auf, wenngleich diese hier typischerweise in reduzierter Form Verwendung fanden. Im Innern hat sich die bauzeitliche Binnenstruktur mit dem zeittypisch ausdifferenzierten Raumprogramm und ein Großteil der hochwertigen, wandfesten Ausstattung erhalten. Der ebenerdige Eingangsbereich knickt nach Überwindung einiger Stufen in östliche Richtung ab und mündet in einen Mittellängsflur, über den die Wohnräume im Erdgeschoss erschlossen werden. Der Gulfhof hat eine geschichtliche und städtebauliche Bedeutung. Dem Gebäude kommt eine geschichtliche Bedeutung aufgrund seines Zeugnis- und Schauwertes für die Baugeschichte sowie durch die beispielhafte Ausprägung eines Stils und Gebäudetypus zu. Das Wohnwirtschaftsgebäude zeigt anhand der Fassadengestaltung typische Stilelemente des Späthistorismus. Analog zur architektonischen Entwicklung im Deutschen Reich ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Ostfriesland eine Hinwendung zu Schmuckformen, die überregional Anwendung fanden, zu verzeichnen. Im Gegensatz dazu hielt man hinsichtlich des Haustyps jedoch am bewährten regionalen Vorbild fest. Der ostfriesische Gulfhof, ein Eindachhof bestehend aus einem ein- bis zweigeschossigen Wohnteil und einem rückwärtig anschließenden, breiteren Wirtschaftsteil mit tieferen Traufen, war seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis ins zweite Drittel des 20. Jahrhunderts die dominierende Hausform Ostfrieslands. Lediglich die innere Organisation des Wohnteils hat sich zeittypisch weiterentwickelt. Beispielhaft für Wohnteile nach 1850 ist die Erweiterung des Raumprogramms sowie die damit kausal zusammenhängende Erschließung mittels Mittellängsflur - wenngleich der Eingang hier nicht wie sonst üblich mittig im Giebel, sondern in der Traufe liegt. Mit einer Gesamtlänge von 46 m ist der Gulfhof auch von prägendem Einfluss auf das Straßenbild Bingums, weshalb dem Gebäude auch eine städtebauliche Bedeutung zukommt. Hinsicht zu einem typischen Element des ostfriesischen Landschaftsbildes. Der Erhalt des in Rede stehenden Wohnwirtschaftsgebäudes liegt aufgrund seiner Beispielhaftigkeit für einen Stil und Gebäudetypus in Verbindung mit dem guten Überlieferungszustand im öffentlichen Interesse. Nicht nur die Außenhaut mitsamt dem beschriebenen Zierrat sowie die Konstruktion mit dem namengebenden Gulfgerüst, sondern auch nennenswerte Teile der wandfesten Ausstattung sind bis heute erhalten geblieben, sodass das Gebäude und dessen nähere Umgebung mit den Kopflinden ein hohes Maß an Integrität und Authentizität aufweisen.
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- NFIS
- NFIS|Denkmalatlas.Pro

