Bodenfelder Synagoge in Göttingen
- Landkreis
- Göttingen
- Samtgemeinde
- Göttingen, Stadt
- Gemeinde
- Göttingen
- Orts-/Stadtteil/Lage
- Göttingen
- Adresse
- Angerstraße 14
- Objekttyp
- Synagoge
- Baujahr
- 2006 - 2008
- Denkmalstatus
- Einzeldenkmal (gemäß § 3 Abs. 2 NDSchG)
- Bedeutung
- Geschichtliche Bedeutung, Städtebauliche Bedeutung
- Im Denkmalverzeichnis
- Ja
- Objekt-ID
- 42ec032b-0ac4-4fa3-9137-ce90e1170c5b
- System-ID
- #61677027
- ADABweb-ID
- 38124289
- Fachbereich
- Baudenkmalpflege
- Beschreibung
- Das heutige Bauwerk der Synagoge hat eine außergewöhnliche mehrphasige Baugeschichte an zwei Standorten. Im Jahr 1825 ließ die jüdische Gemeinde in Bodenfelde auf einem Hofgrundstück eine Synagoge errichten. Dort entstand ein annähernd quadratischer Fachwerkbau auf gemauertem Sandsteinsockel mit Walmdach. Je zwei recht hohe Segmentbogenfenster auf der Nord-, Ost- und Südseite belichteten den Innenraum. Auf der Südseite befand sich der Eingang zum Männerbereich, auf der Westseite gab es wahrscheinlich innen eine schmale Treppenanlage zur Frauenempore, die sich im westlichen Teil des Raums befunden haben wird. Die Synagoge wurde anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens 1925 noch einmal renoviert und neu ausgemalt. Während der Zeit des Nationalsozialismus verließen die meisten Jüdinnen und Juden Bodenfelde unter dem zunehmenden Verfolgungsdruck, die jüdische Gemeinde löste sich auf. Die Synagoge wurde 1937 verkauft und später als Scheune und Lager genutzt. Zu einer Zerstörung in der so genannten Reichspogromnach kam es, soweit bekannt, nicht. Zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt wurde ein Tor in die Südseite eingebrochen, Empore und Treppenaufgang verschwanden ebenso wie die Ausstattung des Betraums. 1984 erfolgte die Eintragung der ehemaligen Synagoge in das Verzeichnis der Kulturdenkmale, ihr in Teilen desolater Zustand wurde 1994 erstmals dokumentiert. 1994 gründete sich in Göttingen eine neue jüdische Gemeinde. Bald entwickelte sich der Wunsch, ein eigenes Bethaus zu errichten, und die erstmals 1995 kommunizierte Idee nahm Gestalt an, hierfür die Bodenfelder Synagoge in die Universitätsstadt zu translozieren und damit wieder als Ort und Objekt jüdischen Lebens nutzbar zu machen. Im folgenden Jahr gründete sich ein Förderverein, der die ehemalige Synagoge 1998 erwarb, zugleich wurde eine erneute Dokumentation des Bestands durchgeführt. In den Jahren 2003/4 wurde die Translozierung geplant, aber erst 2006 umgesetzt. Dabei konnte das Objekt nicht in gesamten Wänden, sondern nur in einzelnen Wandteilen versetzt werden, was erhebliche Verluste der originalen Substanz mit sich brachte. So präsentiert sich das Objekt heute zusammengefügt aus historischen und modernen Elementen. Das Äußere vermittelt das Bild einer typischen ländlichen Fachwerksynagoge des südniedersächsisch-nordhessischen Raums, wobei die ursprünglichen Fenster- und Türöffnungen rekonstruiert wurden; die außenliegende Emporentreppe aus Stahl zeigt sich hier als modernes Element. Beim Inneren wurde keine Rekonstruktion einer historischen Synagogenausgestaltung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versucht, alle Einbauten wie die Empore und der Toraschrein entsprechen den zeitgenössischen Tendenzen der Jahrtausendwende. Im Fußboden wurde ein gläsernes Archäologiefenster eingelassen, um die während des Baus an Ort und Stelle entdeckten Reste einer Färberwerkstatt der Zeit um 1600 zu präsentieren. Die Translozierung der historischen Bauteile, der Neubau in Göttingen und die Einweihung der Synagoge erlebten größte öffentliche Aufmerksamkeit. Die Einweihung fand symbolträchtig am 9. November 2008, genau 70 Jahre nach der Zerstörung der alten Göttinger Synagoge statt. Die gesellschaftliche und politische Bedeutung des Ereignisses dokumentiert sich in einer sogleich veröffentlichten Festschrift des Fördervereins, an der u.a. der damalige niedersächsische Ministerpräsidenten Christian Wulff mitwirkte.
- Denkmalbegründung
- Die Bodenfelder Synagoge in Göttingen entstand im Zuge einer Phase des Wachstums der jüdischen Gemeinschaften in der Bundesrepublik, das nach der politischen Wende von 1990 und dem Zuzug von Jüdinnen und Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion zur einigen Neubauten jüdischer Einrichtungen führte. Während etliche jüdische Gemeinden, die sich in der Zeit nach 1945 wieder gegründet hatten, ihre Synagogen und Gemeindezentren erweiterten (zum Beispiel in Osnabrück und Braunschweig), kam es in anderen Städten nach 1990 zu Neugründungen und modern gestalteten Neubauten (zum Beispiel in Hameln) oder zur Umnutzung älterer Gebäude (zum Beispiel in Oldenburg und Hannover, liberale Synagoge Etz Chaim). Auch in Göttingen hatte nach 1945 für kurze Zeit eine kleine jüdische Gemeinde bestanden, doch ihre Mitgliederzahl war zu klein, um eine Synagoge oder einen Betsaal zu unterhalten. Die 1994 neu gegründete Gemeinde bezog ein Fachwerkhaus in der Göttinger Altstadt und zog damit ins Zentrum der Stadt ein – denn der Standort der historischen, 1938 vernichteten Synagoge war überbaut, aber schon seit 1973 erinnert ein eindrucksvolles Mahnmal auf dem „Platz der Synagoge“ an diesen historischen Ort. Die Mitte der 1990er Jahre entwickelte Idee, eine seit der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr von einer jüdischen Gemeinde genutzte Synagoge als Objekt und materielles Zeugnis jüdischer Geschichte in der Region in die Großstadt zu versetzen, entsprach dem zeitgenössischen Wunsch nach einer symbolischen und praktischen Rück- und Wiederaneignung: Auch wenn die in den 1930er Jahren aufgelöste ländlich-kleinstädtische jüdische Gemeinde Bodenfeldes kulturgeschichtlich und biographisch nichts mit der Göttinger Universitäts- und Großstadtgemeinde von 1994 zu tun hatte, war für die Translozierung das Bestreben ausschlaggebend, historisches und gegenwärtiges jüdisches Leben an einem Ort und Objekt zusammenzuführen. Entsprechend wurde der Bau in Göttingen gestaltet: Äußerlich überwiegt das Bild einer Wiederherstellung unter Verwendung historischer Elemente – was zudem seine Einfügung in die umgebende historische Bausubstanz der Göttinger Altstadt ermöglicht –, insgesamt ist aber ein Bau entstanden, der den aktuellen Vorstellungen und Ansprüchen der jüdischen Gemeinde gerecht wird und gerade keine museale Rekonstruktion unternimmt, wie sie bei den (bislang wenigen) in Freilandmuseen und Museumsdörfern translozierten historischen Synagogen vorgenommen wurde (zum Beispiel im Hessenpark und in Bad Windsheim). Damit ist die Bodenfelder Synagoge in Göttingen zugleich ein Zeugnis der Architekturgeschichte jüdischer Gemeindeeinrichtungen der Zeit seit 1990 und ein gebautes Dokument der Erinnerungskultur in der Bundesrepublik Deutschland. Die Bodenfelder Synagoge in Göttingen ist ein in Niedersachsen einmaliges geschichtliches Zeugnis, indem es mit seiner Vorgeschichte – als materielles Dokument der in der Zeit des Nationalsozialismus aufgelösten jüdischen Gemeinde in Bodenfelde – und seiner eigentlichen Baugeschichte – als Bauwerk einer nach der politischen Wende von 1990 und der anschließenden jüdischen Zuwanderung entstandenen jüdischen Gemeinde in Göttingen – die deutsch-jüdische Geschichte materiell und räumlich repräsentiert. Die Synagoge ist von ortsgeschichtlicher Bedeutung für die Göttingen, wo es seit dem Mittelalter mehrere jüdische Gemeinden gegeben hat, die aber immer wieder Opfer von Verfolgung und Vertreibung geworden waren, und steht insbesondere für das Wiedererstarken jüdischen Lebens seit den 1990er Jahren in der Stadt. So zeugt die Göttinger Synagoge auch von einer deutschlandweiten Entwicklung, die in etlichen Städten zu einem Anwachsen bestehender und zur Gründung neuer jüdischer Gemeinden und damit zum Bau neuer jüdischer Einrichtungen wie Synagogen und Gemeindezentren geführt hat. Nur selten konnten dafür historische jüdische Bauten bzw. deren Bausubstanz genutzt werden, eine Wiederverwendung einer ländlichen Synagoge in einer Großstadt, wie in Göttingen, hatte es zuvor nur einmal gegeben, als 1995 in Gießen die ehemalige Synagoge aus Wohra in ein neues Gemeindezentrum einbezogen wurde. Damit kommt der Göttinger Synagoge neben der allgemeinen kultur- und religionsgeschichtlichen Bedeutung auch eine besondere architekturgeschichtliche Bedeutung als Beispiel für den reflektierten Umgang mit historischem jüdischem Erbe zu, das in das Leben einer gegenwärtigen jüdischen Gemeinde einbezogen wird. Städtebaulich fügt sich die Synagoge in das historische Ensemble der Göttinger Innenstadt geschickt ein, weshalb der Bau ein Teil der Gruppe baulicher Anlagen „Baukulturensemble Innenstadt Göttingen“ ist. An der Erhaltung der Synagoge besteht somit aus geschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse.
- Übergeordnete Objekte (ID | Typ)
- 61700542 | Altstadt (Baukomplex)
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- NFIS
- NFIS|Denkmalatlas.Pro

