Kantine
- Landkreis
- Friesland
- Samtgemeinde
- Varel, Stadt
- Orts-/Stadtteil/Lage
- Obenstrohe
- Adresse
- Riesweg 151 Riesweg 155
- Objekttyp
- Kantine
- Baujahr
- 1939 (i)
- Denkmalstatus
- Einzeldenkmal (gemäß § 3 Abs. 2 NDSchG)
- Bedeutung
- Geschichtliche Bedeutung
- Im Denkmalverzeichnis
- Ja
- Objekt-ID
- 427b8cfe-d4ec-4df0-82af-0a04f72c0ecd
- System-ID
- #61777928
- Fachbereich
- Baudenkmalpflege
- Beschreibung
- Gesellschaftshaus, heute Kantine, der 1936 gegründeten Motorenwerk Varel GmbH. Eingeschossiger Backsteinbau auf längsrechteckigem Grundriss unter steilem Satteldach mit untergeordnetem östlichen Anbau unter separatem Satteldach. Sieben bodentiefe Fenstertüren an der Westfassade, dazwischen schmale Strebepfeiler, auf dem Dach drei Schleppdachgauben aus dem Jahr 2001. Am Nordgiebel der Haupteingang als breite, segmentbogige Öffnung mit seitlicher Eckquaderung und Scheitelstein aus Sandstein mit Datierung „1939“ sowie vierteiligem, bauzeitlichem Türelement. Rechts vom Eingang die vollplastische Standfigur eines sich die Ärmel hochkrempelnden Werksarbeiters aus Kunststein auf einer Konsole. Im Giebel drei Fenster mit Steinrahmung. Innenraum unterteilt in Foyer mit Zugang zum Obergeschoss und Speisesaal mit südlich angeschlossenem, später erweiterten Küchenbereich. Im über die gesamte Gebäudebreite und bis ins Dachgeschoss reichenden, stützenfreien Speisesaal das hölzerne Tragwerk sichtbar, der Mittellängsunterzug mit Hängewerk im Dachboden verbunden. An der Wandfläche gegenüber dem Haupteingang großes, figürliches Sgraffito des Künstlers G. Hoffmann. Erbaut Ende der 1930er Jahre, östlicher Anbau mit Faltdach von 1979, Erweiterung im Süden der Werkskantine um 1987.
- Denkmalbegründung
- Im Jahr 1936 gründeten der Ingenieur Jean Sieben und der Kaufmann Wilhelm Johann Schoener aus Bremen die Motorenwerk Varel GmbH, für die sie im darauffolgenden Jahr ein über zwei Hektar großes Gelände am Forst südlich des Vareler Ortsteils Obenstrohe als zukünftigen Werksstandort erwarben. In den Anfangsjahren wurden hier zunächst Kraftfahrzeugmotoren und Flugzeugmotoren überholt. Spätestens mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs aber verlagerte sich der Schwerpunkt der Fertigung auf die Überholung und Wartung von Flugmotoren. Zu dieser Zeit belieferte das Werk hauptsächlich die Luftwaffe und war damit wichtiger Rüstungsbetrieb. Im Jahr 1941 wurde das Vareler Motorenwerk durch die in Hoykenkamp ansässige Focke, Achgelis & Co GmbH, einem 1937 gegründeten Hubschrauberhersteller der Rüstungsindustrie, übernommen, die wiederum 1944 auf Weisung des Reichsluftfahrtministers von der Weser-Flugzeugbau GmbH übernommen wurde. Während des Zweiten Weltkriegs war die Weserflug der viertgrößte Flugzeughersteller im Deutschen Reich. Als Lieferant der Luftwaffe und wichtiges Unternehmen der Rüstungsindustrie profitierte auch das Vareler Werk erheblich von der finanziellen Förderung durch das Deutsche Reich, was sich auch in der kontinuierlichen Erweiterung der Werksanlagen niederschlug. Parallel stieg bis Kriegsende auch die Zahl der Beschäftigten auf etwa 1.000 Mitarbeitende, unter ihnen Hunderte von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Mit Kriegsende wurde das Werk durch die Alliierten besetzt und die Produktion gestoppt. Die noch im Jahr 1945 in Weser GmbH umgewandelte Firma wurde bis 1949 zum Reparatur- und Überholungsbetrieb der britischen Truppen. In den Jahren 1946/47 wurde damit begonnen, das Werk zu entmilitarisieren. Bis zum Jahr 1948 wurden viele Anlagen zerstört bzw. demontiert und abtransportiert, der Gebäudebestand aber blieb erhalten. Ab 1950 wurde in einem Teil der Anlagen auch der Herstellungsbetrieb wieder aufgenommen, zunächst für Fahrradhilfsmotoren, Standmotoren und Motorroller. In wirtschaftliche Schieflage geraten, sah sich das Unternehmen um 1953 gezwungen, die Produktion auf die Fertigung von Teilen für den Schiffbau und Flugzeugteilen für den NORATLAS Transportflugzeugbau umstellen. Dies erwies sich in den Folgejahren als gelungener Neuanfang mit steigender Auslastung und Beschäftigungssituation. Ab 1958 wurden dann ausschließlich zivile Aufträge aus den Bereichen Flugzeug- und Automobilbau und allgemeiner Maschinenbau bearbeitet. 1960 wurde die Motorenwerk GmbH mit der Vereinigte Flugtechnische Werke GmbH (VFW) mit Sitz in Bremen vereinigt. 1964 war die VFW, bestehend aus der Weser Flugzeugbau GmbH, der Focke-Wulf GmbH und der Heinkel-Flugzeugbau GmbH, das größte Unternehmen der deutschen Flugzeugindustrie. Mit der 1982 erfolgten Fusionierung von VFW und Messerschmitt-Bölkow-Blohm-GmbH (MBB) wechselte der Firmensitz 1983 nach München. Das Vareler Werk wurde dem Unternehmensbereich für Transport- und Verkehrsflugzeuge der MBB, seit 1989 Deutsche Airbus GmbH, zugeordnet (1993: Deutsche Aerospace Airbus GmbH, 1995: Daimler-Bent Aerospace Airbus GmbH, 1998: DaimlerChrysler Aerospace Airbus GmbH). Mit der Gründung des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns (EADS) im Jahr 2000 wurde dieser Name auch in Varel eingeführt: EADS Airbus Deutschland GmbH, ab 2001 Airbus Deutschland GmbH, Werk Varel. Seit 2009 ist das Werk zentrales Zerspanungswerk für Rumpf, Flügelausrüstung und Seitenleitwerk der Premium AEROTEC GmbH, einer Tochter des EADS-Konzerns. Ende der 1930er Jahre fertiggestellt, zählt das Gesellschaftshaus mit Kantine zu den ältesten Gebäuden auf dem heutigen AEROTEC-Firmengelände und gleichzeitig zu den wenigen verbliebenen Gebäuden aus den Gründungsjahren des Unternehmens als Vareler Motorenwerk. Das Gebäude wurde in einer traditionellen, dem Heimatschutz verpflichteten Bauweise als längsrechteckiger und eingeschossiger Backsteinbau unter steilem Satteldach mit kleinem Annexbau im Osten errichtet. Der der Werkszufahrt zugewandte Eingang im nördlichen Giebel wird rechts von der vollplastisch ausgeformten Standfigur eines Arbeiters aus Kunststein flankiert. Mit festem Stand, in die Ferne gerichtetem Blick und tatkräftig nach oben gekrempelten Ärmeln, verkörpert die auf einer Konsole an der Fassade angebrachte Figur das idealisierte, zeitgenössische Bild des deutschen Arbeiters. Auf ein kleines Foyer mit Geschosstreppe zum Dachgeschoss folgt im Innern der großzügige, bis ins Dachgeschoss reichende Speisesaal mit sichtbarer hölzerner, heute graublau gefasster Hängewerkskonstruktion. Außen werden die Lasten des in traditioneller Zimmermannstechnik hergestellten Tragwerks über schmale, zwischen den Fenstern der Westfassade in Erscheinung tretende Strebepfeiler aufgenommen. Südlich schließt der eingeschossige, 1987 erweiterte Küchenbereich an den Saal an. Die dem Eingang gegenüberliegende Saalwand oberhalb der Essensausgabe schmückt ein großformatiges Sgraffito, das den Titel „Wikinger Ausfahrt um 800“ trägt. Signiert hat es der Künstler G. Hoffmann. Motive aus dem Themenkreis der nordischen Mythologie, der Wikinger und des Germanentums sind während des Dritten Reichs vielfach vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Rassenideologie interpretiert worden. Sowohl das im Heimatschutzstil errichtete Gesellschaftshaus als auch dessen oben beschriebene künstlerische Ausstattung sind von geschichtlicher Bedeutung aufgrund des Zeugnis- und Schauwertes für die Bau- und Kunstgeschichte sowie durch die beispielhafte Ausprägung eines Stils und Gebäudetyps. Dem Gesellschaftshaus kommt ferner geschichtliche Bedeutung im Rahmen der Orts- und Wirtschaftsgeschichte zu. Das Ende der 1930er Jahre errichtete Gebäude erinnert an die Anfänge des Vareler Motorenwerks und dessen wirtschaftliche Bedeutung während des Zweiten Weltkriegs. Als Rüstungsunternehmen im Bereich des deutschen Militärflugzeugbaus zählte es zu den kriegswichtigen, vom Deutschen Reich finanziell geförderten Unternehmen. Der Erhalt des Gesellschaftshauses mit Kantine steht aufgrund seiner Beispielhaftigkeit für die Heimatschutzarchitektur und die baugebundene Kunst der späten 1930er Jahre im öffentlichen Interesse. Trotz der baulichen Erweiterungen durch eingeschossige südliche und östliche Anbauten in den 1970er und 1980er Jahren sowie der baulichen Anpassungen des Kernbaus blieb der Anschauungs- und Zeugniswert des schlichten Backsteinbaus außen wie innen bis heute gewahrt. Zur Authentizität und Integrität des Bauwerks trägt insbesondere auch der mit sichtbar belassenem hölzernem Tragwerk und Sgraffito ausgestattete Saal in entscheidendem Maße bei.
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- NFIS
- NFIS|Denkmalatlas.Pro

