Lichtenberg-Haus

Datenblatt

Landkreis
Göttingen
Samtgemeinde
Göttingen, Stadt
Gemeinde
Göttingen
Orts-/Stadtteil/Lage
Göttingen
Adresse
Gotmarstraße 1
Objekttyp
Wohn-/Geschäftshaus
Baujahr
um 1740
Denkmalstatus
Einzeldenkmal (gemäß § 3 Abs. 2 NDSchG)
Bedeutung
Geschichtliche Bedeutung, Künstlerische Bedeutung, Wissenschaftliche Bedeutung, Städtebauliche Bedeutung
Im Denkmalverzeichnis
Ja
Objekt-ID
3fc0648e-d7d7-4eda-9872-8b1bd11ed9af
System-ID
#61561699
ADABweb-ID
35873934
Fachbereich
Baudenkmalpflege
Beschreibung
Das sogenannte „Lichtenberg-Haus“ ist ein dreigeschossiges, traufständiges Fachwerkgebäude in zentraler Altstadtlage an einer Kreuzung, das zweiflügelig repräsentativ eine der vier Straßenecken Gotmarstraße / Prinzenstraße besetzt. Das auf einem hohen Sandsteinquadersockel sitzende, stockwerksweise abgebundene Fachwerk ist in spätbarocker Manier ohne Vorkragungen und ohne Streben ausgebildet und in seinen Fassaden wahrscheinlich ursprünglich monochrom gefasst gewesen. Sockel- und Gurtgesimse sind schlicht fasziert, wohingegen das oben abschließende Kranzgesims unter dem abgewalmten Satteldach überaus kräftig profiliert ist. Die Durchfensterung der Straßenfassaden erfolgt mit vornehmen Segmentbogenöffnungen; die jeweils vierflügeligen Fenster schlagen nach außen auf. Hauptschmuck des Baus ist die zur Straßenkreuzung hin (offenbar nachträglich) hergestellte, breit abgeschrägte und mit Frontispiz versehene Schmalseite, deren eine Achse ausgezeichnet ist durch große gerahmte Rundbogenöffnungen und zwei in der Göttinger Innenstadt seltene historische Balkone mit eisernem Schmuckgitter. Die beiden Seitenflügel-Straßenfassaden sind sehr ähnlich, aber in einem wesentlichen Detail unterschiedlich gegliedert: Während die sieben Achsen des Gotmarstraßen-Flügels rhythmisch gegliedert sind und in ihrer Mitte im Erdgeschoss den Haupteingang aufnehmen, sind die sieben Fensterachsen des Prinzenstraßen-Flügels gleichmäßig verteilt. Dieser Flügel ist im Sockel und Erdgeschoss durch den großen Ladeneinbau der Zeit um 1900 verändert. Ein altes Foto zeigt die früher rechts außen angeordnete, rundbogige Torfahrt zum Innenhof. Die hofseitigen Fachwerkfassaden sind mit ebensolchem Fachwerk wie an der Straßenseite mit Gurtgesimsen und Segmentbogen-Fensteröffnungen versehen, lediglich das kräftige Kranzgesims der Straßenseiten ist schlichter ausgeführt. Im Gebäudeinneren ist ein großer Bestand an historischer wandfester Ausstattung erhalten: Im Keller zwei Tonnengewölbe und zwei mehrjochige Kreuzgratgewölbe mit Mittelstützen von Vorgängerbauten. Darüber historische Grundrisse, die teilweise in Bogenstellungen aufgelöst sind, barocke Türen mit segmentbogigen Rahmungen und Bockshorn-Beschlägen, Ofennischen, Öfen, Lamberien sowie als besonderer Blickfang in der Diele die barocke Treppenanlage, deren geschlossene Geländer mit fein-verschlungenem Bandelwerk-Reliefs verziert sind. Im Inneren des zweigeschossigen, gründerzeitlichen Ladeneinbaus im Prinzenstraßen-Flügel fällt eine kassettierte Stuckdecke auf hohen gusseisernen Ziersäulen auf.
Denkmalbegründung
Die Baugeschichte des ‚Lichtenberg-Hauses‘ ist bisher nicht eingehend erforscht worden. Hier besteht wissenschaftlicher Forschungsbedarf, da in dem relativ einheitlich wirkenden Bau mindestens vier größere Bauphasen stecken: Ein mittelalterlicher Keller von Vorgängerbauten, ein barocker Kernbau mit zwei Fachwerkflügeln, ein klassizistischer Umbau der Gebäudeecke sowie ein gründerzeitlicher Ladeneinbau. Zu klären ist auch der historische Zusammenhang mit dem ganz ähnlich konstruierten und gestalteten Nachbarhaus Prinzenstraße 3 sowie auch dem nicht mehr erhaltenen „Prinzenhaus“, Prinzenstraße 1; außerdem mit dem hofseitigen Seitenflügel. Soviel ist zur Nutzungsgeschichte bisher bekannt: Das markante, dreigeschossige und zweiflügelige Barockfachwerk-Eckgebäude entstand um 1740 auf Veranlassung des Kaufmanns Christian Ludwig Schmahl an der Stelle von mehreren Vorgängerbauten, was an den teilweise erhaltenen mittelalterlichen Kellern ablesbar ist. 1763 zog in das weitläufige, barocke Wohn- und Geschäftshaus der Verleger Johann Christian Dieterich ein, der die Immobilie 1780 als Eigentum erwarb und um die westlichen Nachbarliegenschaften Prinzenstraße 3 und 2 erweiterte, so dass die Geschichte und Tradition der Göttinger Universitätsverlage mit Buchhandlung und Druckerei hier im „Dieterichschen Haus“ mitbegründet und mitgeprägt wurde. Von 1776 bis zu seinem Tod 1799 lebte der mit Dieterich befreundete Begründer der Experimentalphysik und Messtechnik in Deutschland sowie Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg mit seiner Familie zur Miete im Haus. Hier arbeitete, forschte und lehrte er und führte in seinem physikalischen Kabinett mit einer Vielzahl von Geräten Experimente durch, wobei im Einzelnen die Raumnutzungen noch ungeklärt sind. In einem großen „Hauptsaal“ versammelten sich Semester für Semester nach Lichtenbergs eigenen Worten teilweise über hundert Studierende, um seinen Vorlesungen und Experimenten zur Physik oder zur Astronomie zu folgen, unter ihnen Carl Friedrich Gauß sowie Alexander und Wilhelm von Humboldt. Auch berühmte Zeitgenossen wie Lessing, Alessandro Volta und Goethe besuchten ihn hier. Anstatt den üblichen Mietpreis zu zahlen, soll Lichtenberg Aufsatzbeiträge für Dieterichs "Göttinger Taschen-Calender" geschrieben haben. Die breit abgeschrägte Ecke des Gebäudes mit Rundbogenöffnungen, zwei Balkonen und einem Frontispiz ist vermutlich das Ergebnis eines Umbaus erst im frühen 19. Jahrhundert (Forschungsbedarf). Der untere Eckbalkon erlangte 1837 Berühmtheit, als Alexander von Humboldt - gefeierter Gast des hundertsten Universitätsjubiläums - von dort eine Ansprache an die Studentenschaft hielt, die ihm einen Fackelzug darbrachte. Zwei „Göttinger Gedenktafeln“ erinnern an weitere prominente Wohnungsmieter im 18./19. Jahrhundert: die Dichter Christian und Friedrich Leupold Grafen von Stolberg und den Juristen Hans Karl Briegleb. 1883 kam eine Gastwirtschaft ins Erdgeschoss, die später „Hohenzollern-Restaurant“ hieß. 1898 eröffneten die Gebrüder Kessel in mehreren Geschossen ein Garderobengeschäft. Später wurde die Göttinger milde Stiftung Eigentümerin, die das Haus seither vermietet. 1978 zog der Künstlerverein Göttingen ein, was zur Benennung „Künstlerhaus im Lichtenberg-Haus“ führte. Der Verein bespielt 400 qm im Haus als Ausstellungsfläche sowie den Innenhof. Ferner sind im Gebäudekomplex Künstlerateliers und Büros sowie im Prinzenstraßen-Nordflügel ein Einzelhandelsgeschäft untergebracht. Die Erhaltung des „Lichtenberg-Hauses“ Gotmarstraße 1 als Baudenkmal liegt wegen seiner geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen und städtebaulichen Bedeutung im öffentlichen Interesse. Die landesgeschichtliche Bedeutung besteht aufgrund des Zeugnis- und Schauwertes für die Kultur- und Geistesgeschichte der Universitätsstadt Göttingen im 18./19. Jahrhundert, die Baugeschichte des 18./19. Jahrhunderts sowie wegen der prominenten Besitzer und Bewohner auch aufgrund der Personengeschichte. Künstlerische Bedeutung besteht wegen der überregional nicht alltäglichen künstlerisch-handwerklichen Gestaltwerte der wandfesten Ausstattung im Inneren. Wissenschaftliche Bedeutung besteht ebenfalls wegen der wandfesten Ausstattung, die einen als Quelle befragbaren Beispielwert für das gehobene Wohnen und Wirtschaften im 18./19. Jahrhundert darstellt. Die städtebauliche Bedeutung des zweiflügeligen Vorderhauses Gotmarstraße 1 besteht zum einen als prägender Teil der Häusergruppe Gotmarstraße 1/Prinzenstraße 3 sowie im größeren Zusammenhang als wichtiges Element im räumlichen Parzellen- und Baustrukturgefüge des Altstadt-Ensembles, das auch prägenden Einfluss auf die Straßenbilder von Gotmarstraße und Prinzenstraße ausübt.
Übergeordnete Objekte (ID | Typ)
61554847 | Häusergruppe
61700542 | Altstadt (Baukomplex)
Literatur
PPN: 030933706 | Seitenangabe: 518
Weiterführende Links
Denkmaltopographie Stadt Göttingen: Objekterwähnung
Lichtenbergs Wohnhaus, auf www.lichtenbergsgoettingen.wordpress.com
Das "Lichtenberghaus" in Göttingen, auf www.lichtenberg-gesellschaft.de
Lizenz
CC BY-SA 4.0
NFIS
NFIS|Denkmalatlas.Pro

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