Das Wilhelmsteiner Feld – Festung, Schule, Labor

Von Tobias Uhlig

Die kleine Festung Wilhelmsstein – ab 1761 auf einer künstlich aufgeschütteten Insel mitten im Steinhuder Meer errichtet – ist heute ein weithin bekanntes Denkmal. Der Aufwand eine solche Anlage aus dem Nichts zu errichten wurde schon von Zeitgenossen belächelt und war Grund für mehr als eine Auseinandersetzung zwischen dem Grafen von Schaumburg-Lippe und den Steinhuder Fischern. Während aber der Wilhelmsstein noch sichtbar und schon seit dem 19. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel darstellt ist er nur ein kleiner Teil einer komplexen Festungslandschaft, die Graf Wilhelm Friedrich Ernst zu Schaumburg-Lippe (1724-1777) ab 1772 am Südufer des Steinhuder Meeres errichten ließ.

Spuren des sogenannten „Wilhelmsteiner Feldes“ haben sich aber im Boden erhalten. Für das menschliche Auge kaum noch erkennbar können sie mithilfe eines Airborne-Laser-Scans noch heute im Gelände sichtbar gemacht werden. So meldete der ehemalige Kommunalarchäologe der Schaumburger Landschaft J. Berthold 2018 gleich drei auffällige Strukturen im Wald westlich des Hagenburger Schlosses. Der annährend quadratische Grundriss mit den leicht konkaven Längsseiten weist sie als kleine Redouten, also Feldschanzen aus. Mit nur 30 x 30 m Seitenlänge sind die Anlagen dabei recht klein und ihre Platzierung erscheint auf den ersten Blick zufällig.

Hier kann historisches Kartenmaterial helfen den archäologischen Befund zu erklären. Im niedersächsischen Staatsarchiv Bückeburg wird eine in kolorierter Federzeichung ausgeführter „ Plan des Wilhelmsteiner Feldes und der zunächst angrenzenden Gegend“ von 1775 aufbewahrt. Bemerkenswert sind handschriftliche Anmerkungen die aus der Hand des Grafen persönlich stammen sollen. Sie zeigt, dass entlang des Südufers des Steinhuder Meeres ab 1772 eine ganze Reihe von Festungswerken entstand. Ausgehend von einem Bootslandeplatz für die Besatzung des Wilhelmsteines finden sich mehrere Sternschanzen, sowie vorgelagerte quadratische Redouten. Im Südwesten ist zudem das moorige Gelände flächig abgetorft worden um ein zusätzliches Annährungshindernis zu schaffen. Hier liegen aber schriftliche Hinweise vor, dass man aus der Not eine Tugend machte, da das Erdreich im gesamten als Meerbruch bekannten Areal westlich von Steinhude viel zu schwammig war und die Anlage immer neuer Kanäle und Straßendämme zwischen 1773 und 1775 nötig machte.

Neben den militärischen Anlagen fallen aber auch als solche deutlich gekennzeichnete Vorratsgebäude, ein militärisch befestigter Viehstall sowie ausgedehnte Obstgärten und Wiesen und kleine Pächtergrundstücke auf. Der bekannte Dichter Johann Gottfried Herder – seit 1771 Oberprediger in Bückeburg beschreibt das Wilhelmsteiner Feld leicht spöttisch „ Jenes ist ein Garte mit Gemüse, Häusern, Bäumen z. E. schon reifen Kirchen blühend: dies ist ein schöner freier Saal außer seinen mathematischen Nutzbarkeiten für die Lehrlinge, zur Überschauung des ganzen Werkes und der Gegend“ (zitiert nach Ochwadt 1967, 165).

Mit den Lehrlingen spielt Herder auf die Schüler der seit 1767 auf dem Wilhelmstein angesiedelten „Praktischen Artillerie- und Genie-Schule“ an. Hier sollten Jungen ungeachtet ihrer sozialen Herkunft für die Offizierslaufbahn ausgebildet werden. Die Erfordernisse der sich stetig weiterentwickelnden Artillerie und mit ihr die des Festungsbaus führten zu einer „Verwissenschaftlichung“ des Krieges im 18. Jahrhundert – mathematische und naturwissenschaftliche Studien, insbesondere Vermessungstechnik und Astronomie, spielten entsprechend eine zentrale Rolle im Lehrplan.

Warum Graf Wilhelm sich so umfassend mit dem Festungsbau auseinandersetzte erklärt sich auch aus seiner Biographie: 1724 in London geboren nahm er nach dem Studium an verschiedenen europäischen Universitäten an Feldzügen in den Niederlanden, Italien und Portugal teil. Bei einem längeren Aufenthalt in Berlin wurde er unter anderem auch mit Voltaire bekannt. Im Siebenjährigen Krieg nahm er als Artillerieoffizier an mehreren Schlachten Teil, musste 1757 aber auch sein kleines Fürstentum vor den anrückenden französischen Heeren räumen.

Gleichzeitig begann er verschiedentlich militärtheoretische, aber auch politische und philosophische Schriften zu verfassen. Er lässt sich dabei einer Schule zuordnen, die sich von der Verwissenschaftlichung des Krieges eine deutliche Reduktion der Gewalthandlungen und Schonung der Zivilbevölkerung versprach. Wenn alles von Marschwegen, Logistik und Versorgung, bis hin zur exakten Belagerungsdauer einzelner Festungen exakt berechenbar wäre, dann könnten die meisten Kriege bereits am Verhandlungstisch entschieden werden. Obwohl die jüngere Forschung die „Gezähmten Bellona“ als Fiktion, die nur bedingt Einfluss auf die tatsächlichen Gewaltpraktiken hatte entlarvt hat, fand sie gerade unter den gebildeten bürgerlichen Zeitgenossen regen Anklang (vgl. Füssel 2019, 58). Ein Konzept, das Graf Wilhelm nun entwickelte war die Ansicht, dass ein reiner Defensivkrieg der einzig moralisch vertretbare sei und dieser nur durch die Integration von verschiedenen Verteidigungsanlagen bei maximalem Schutz der zivilen Infrastruktur möglich sei. Das Ergebnis war eine „contrée fortifiée“ -  eine befestigte Landschaft, die er mit dem Wilhelmsteiner Feld modellartig errichten wollte.

Damit war das Wilhelmsteiner Feld ein Labor in dem die praktische Umsetzung seiner Theorien erprobt werden konnte. So wurde permanent Entwickelt und experimentiert. Aus der Feder des Grafen stammen beispielsweise Zeichnungen für Schwimmhilfen für Pferde, zerlegbare Boote, die von wenigen Männern bewegt werden konnten, sowie Verbesserungsvorschläge für die kleine Flotte an Kanonenbooten, die das Steinhuder Meer im Belagerungsfall sichern sollten. Im Winter erprobte man Eisminen auf dem gefrorenen Meer, im Sommer wurden Manöver durchgeführt. Als berühmteste Innovation kann aber sicherlich das hölzerne Unterseeboot, der „Steinhuder Hecht“ des schaumburg-lippischen Offiziers und Kartographen J. Praetorius gelten – obwohl unklar ist ob es je gebaut wurde.

Die drei heute noch erhaltenen Schanzen entstanden im Rahmen dieser Aktivitäten, spielten aber sicher nur eine Nebenrolle. In der Karte von 1775 sind sie nicht verzeichnet. Im in Frage kommenden Bereich finden sich aber Spuren von Radierungen, sowie schattenhafte Umrisse mehrerer, wohl nur temporär errichteter kleiner Schanzen. Anders als die deutlich größeren Anlagen näher am Ufer entkamen sie dadurch aber dem abrupten Ende des Experiments Wilhelmsteiner Feld. Noch im September 1777 kurz vor dem Tod des Grafen am 10. Des Monats fand noch ein Manöver statt bei dem die Verteidigung der Schanzen geübt wurde.

Dann überschlugen sich die Ereignisse:  der Nachfolger des kinderlos verstorbenen Grafen hatte keinerlei Interesse an der kostspieligen Anlage. Vom 2. Bis 21. Oktober 1777 wurde alles bewegliche Gut verkauft, Anfang November begann sogar der Abverkauf der angezogenen Obstbäume aus den Gärten. Auch die Gebäude wurden abgebrochen – aus dem Lagerbuch des Gutes Engelke in Steinhude erfährt man, dass der Gutsbesitzer ein kleineres Festungsgebäude auf dem Wilhelmsteiner Feld erwarb, abbrechen ließ und aus dem Material einen neuen Viehstall bauen ließ. (Ochwadt 1967, 170). Die großen Werke wurden einplaniert und sind heute restlos verschwunden: die drei kleinen temporären Anlagen dagegen müssen bald unter Wald gelegen haben und sind damit letzte Zeitzeugen dieser kuriosen Episode niedersächsischer Landesgeschichte.

Weiterführende Literatur:

Ochwadt 1967: Das Steinhuder Meer. Eine Sammlung von Nachrichten und Beschreibungen bis 1900, mit Übers. u. Nachbemerkungen hrsg. v. C. Ochwadt, Hannover 1967.

Leerhoff 1985: H. Leerhoff, Plan vom „ Wilhelmsteiner Feld“ am Steinhuder Meer. In: Ders., Niedersachsen in Alten Karten. Eine Auswahl von Karten des 16. Bis 18. Jahrhunderts aus den Niedersächisschen Staatsarchiven, Neumünster 1985, 139.

Füssel 2019: M. Füssel, Der Preis des Ruhms. Eine Weltgeschichte des Siebenjährigen Krieges,  1756-1765, München 2019.

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