Reinholdstraße 7 – Ein Mohrmannbau von 1904

Von Frank Achhammer und Birte Rogacki-Thiemann

Die gut erhaltene Doppelhaushälfte in der Reinholdstraße 7 in der Nordstadt Hannovers ist eines der wenigen Wohnhäuser, die der Architekt Karl Mohrmann (1857-1927) im Laufe seines Berufslebens entworfen und verwirklicht hat. Mohrmann, Schüler von Conrad Wilhelm Hase und als Berufsanfänger auch Mitarbeiter in seinem Büro, ist vor allem als Kirchenarchitekt bekannt, was auch damit zusammenhängt, dass er als Nachfolger von Hase ab 1898 die Stelle des hannoverschen Konsistorialbaumeisters übernahm.

Das hier vorgestellte Wohnhaus ist Teil eines größeren Projektes, das Mohrmann zwischen 1898 und 1904 verwirklichte. 1898 erwarb er vier Grundstücke entlang des Herrenhäuser Kirchwegs und der von diesem nach Norden abzweigenden, zu diesem Zeitpunkt erst konzipierten Verlängerung der Alleestraße (heute: Reinholdstraße). Am Herrenhäuser Kirchweg 17 (heute: 11) baute er zunächst 1899/1900 sein eigenes Wohnhaus, daran anschließend, nur durch eine Brandmauer getrennt und um die Ecke zur Alleestraße reichend, bis 1902 ein weiteres Wohnhaus (heute Reinholdstraße 5).  Es folgte 1904 schließlich das Doppelhaus nördlich davon an der Alleestraße (heute Reinholdstraße 7 und 9). Alle Bauten waren bis 1917/18 im Besitz von Mohrmann, der sie an verschiedene Personen vermietete.

Die Doppelhaushälfte Reinholdstraße 7 wurde spiegelbildlich zur Nummer 9 gestaltet. Die nach Osten gerichtete Straßenfassade präsentiert sich mehrteilig mit grob bearbeitetem rotem Sandstein im Sockelbereich und hellem, fein scharriertem Tuffstein im Erdgeschoss, darüber dem farblich aufwändig geschmückten Fachwerkobergeschoss mit unterschiedlich gemusterten Backsteinverbänden als Ausfachung. Das über Knaggen vorkragende Dachgeschoss dominiert ein dreieckig aus der Fassade heraustretender Erker, dessen Helm wie der anliegende Giebel verschiefert ist. Besonders aufwändig ist das Gesimsfeld zwischen dem ersten Obergeschoss und dem Dachgeschoss gestaltet; hier gibt es farbige Fassungen, zahlreiche geschnitzte Details und ein Spruchband am Erker, das besagt: »denk vernünftig / denk an künftig«. Die den Erker tragenden Stützstreben sind mit Schnitzfi­guren der Bremer Stadtmusikanten geschmückt, die Schwelle des Dachgeschosses mit den sechs Sternzeichen der ersten Jahreshälfte – die Reihe setzte sich über das nördliche Haus fort. Die Fachwerkkonstruktionen sind zimmermannstechnisch mit Holz-in-Holz-Verbindungen gestaltet; der Schiefer des Giebels stammt aus Thüringen. Die Fensterleibungen im Erdgeschoss sind in der östlichen Schaufassade sowie im nach Süden anschließenden Erker mit rotem Sandstein gearbeitet, in der zur Straße weisenden Ostfassade besitzen sie steinerne Mittelpfosten. Durch den Erhalt der bauzeitlichen Fenster sowie der Einfriedung und der in Teilen historischen Pflasterung von Gehweg und Straße ist der äußere Gesamteindruck weitgehend ursprünglich überkommen.

Weniger aufwändig gestaltet sind die Süd- und die Westfassade, die von Backstein im Reichsformat dominiert werden; das Dach ist mit roten Dachziegeln gedeckt. Zum Nachbarhaus besitzt das Haus eine über das Dach führende massive Backsteinbrandwand, die das Gebäude im Zweiten Weltkrieg vor größeren Zerstörungen bewahrte, da das Nachbarhaus in seinen oberen Bereichen erheblich beschädigt und anschließend nur vereinfacht wieder aufgebaut wurde. Keller-, Erd- und Obergeschoss sind massiv aufgeführt, im Obergeschoss ist lediglich die Schaufassade in Fachwerk mit Backsteinausfachung errichtet; das Dachgeschoss ist im nördlichen und westlichen Teil ebenfalls massiv, die südliche Seite wie auch die Ostfassade bestehen aus Fachwerk mit Backsteinausfachung. Die Decken über dem Keller und dem Erdgeschoss sind als in Nord-Süd-Richtung gespannte Eisenbetondecken ausgeführt, über dem Ober- und dem Dachgeschoss finden sich Holzbalkendecken mit einer Balkenlage in Ostwestrichtung.

Das Haus ist insgesamt sehr gut erhalten. Baulich gibt es nur kleine Veränderungen, sämtliche bauzeitliche Fenster, Innentüren, Vertäfelungen, Decken, viele Fußböden und die Treppen sind überkommen, die farblichen Wand- und Deckenfassungen waren zum Teil übermalt, sind aber vom derzeitigen Besitzer an vielen Stellen großflächig freigelegt worden.

Erschlossen wird das Haus über die Südfassade, auch die Haustür ist im Original erhalten. Die halböffentlichen und Repräsentationsräume finden sich typischerweise alle im hochliegenden Erdgeschoss, wobei die beiden zur Straße weisenden Räume die durch eine Schiebetür verbundenen „Wohnzimmer“ (erhaltener Grundriss) waren; der sich nach Westen an das nördliche der beiden Wohnzimmer anschließende Raum, der ebenfalls durch eine Schiebetür mit diesem verbunden ist, wurde als „Speisezimmer“ genutzt, und der hiervon abgehende südliche Raum war eine „Anrichte“, worauf auch der bis heute aus dem Keller hinaufführende Speiseaufzug hindeutet. Im ehemaligen Speisezimmer haben sich die holzvertäfelten Wände und die hölzerne Decke mit Blumen- und Rankmustern und der als Eichenparkett im Flechtverband hergestellte originale Fußboden erhalten.

Die Wandflächen des ehemals über fünf farbig verglaste Fenster belichteten Treppenhauses sind mit Schablonenmalerei versehen, das hölzerne Geländer besitzt auffallende farbige Glasocculi, die Deckenfries- und Deckenmalerei sind erhalten. Im Obergeschoss gruppieren sich drei große „Zimmer“ des eher privaten Wohnbereichs um das Treppenhaus, in der Südwestecke war ein Badezimmer mit Badewanne und Badeofen mit separat durch eine leichte Holztrennwand abgeschertem WC-Bereich angeordnet, dessen Fliesen erhalten sind.

Im Dachgeschoss gibt es zwei Kammer-Stube-Folgen (einmal an der Ost-, einmal an der Westfassade) sowie dazwischenliegend eine ehemalige „Mädchenkammer“. Eine einfachere, mit eingetieften Linoleumplatten belegte Treppe führt zwischen den beiden „Stuben“ in den unausgebauten Spitzboden.

Das Haus ist vollunterkellert, hier befinden sich die über den „Dienstboteneingang“ erreichbare „Küche“ sowie die südlich daran anschließende „Wasch- und Spülküche“ mit Waschzuber und einer durch leichte Wände abgescherten Bedienstetentoilette. Über einen Speiseaufzug der hannoverschen Fahrstuhl-Fabrik Heinrich Herrel konnten Geschirr und Speisen direkt ins Erdgeschoss transportiert werden. Der Keller ist nach Osten längs durch einen Gang erschlossen, von dem aus mehrere Räume für Speisen, Vorräte, Wein, aber auch als Kohlenlager abgingen. Der Heizungsraum befand sich an der Nordseite, der Kessel der ehemals genutzten Niederdruckdampfheizung der hannoverschen Firma Gebrüder Körting ist noch vorhanden.

In einem 1913 veröffentlichten Artikel über die von Karl Mohrmann entworfenen vier Häuser wird die Lindener Firma von Heinrich Köhler als verantwortlich für die Maurerarbeiten aufgeführt, für die Bemalung waren der Kunstmaler Friedrich Koch (1859–1947) und der Dekorationsmaler Wilhelm Sievers (1858–1932) zuständig, die Verglasungen, die sich nicht erhalten haben, bei denen es sich jedoch vermutlich um einfache farbige Kunstverglasungen gehandelt hat, sollen von der hannoverschen Firma Henning und Andres hergestellt worden sein. „Die Baukosten betrugen […] für die Einfamilienhäuser Alleestraße 20, 21 und 22 [Reinholdstraße 5, 7 und 9] je rd. 36,000 M, ohne Bauplatz und sonstige Nebenkosten, d.i. rd. 300 M für 1 qm und 20 bis 24 M für 1 cbm.“ (Mohrmann 1913)

Die von Karl Mohrmann, ein prominenter Vertreter der Hannoverschen Schule, für eigene Zwecke errichtete Wohnhausgruppe Herrenhäuser Kirchweg/Reinholdstraße ist aufgrund ihrer Größe und des aufwändigen Bildprogramms ein besonderes Beispiel für Architektenwohnhäuser der Zeit um 1900. Innerhalb dieser Gruppe nimmt die Doppelwohnhaushälfte Reinholdstraße 7 eine Sonderstellung ein, da es sich von den anderen in rotem Backstein ausgeführten Bauten durch die Verwendung von Fachwerk und verschiedenen Materialen gestalterisch unterscheidet. Der Erker mit dem hohen Helm und die farbig unterschiedlichen Fassadenabschnitte geben dem Haus eine besondere städtebaulich straßenbildprägende Wirkung. Darüber hinaus macht der außen wie innen außergewöhnlich authentische Erhaltungszustand das Gebäude zu einem herausragenden Teil der Denkmallandschaft Hannovers mit hohem Überlieferungswert.


Die Wohnhausgruppe Mohrmann im Denkmalatlas:
https://denkmalatlas.niedersachsen.de/viewer/metadata/30591089/1/-/
https://denkmalatlas.niedersachsen.de/viewer/metadata/30797429/1/-/
https://denkmalatlas.niedersachsen.de/viewer/metadata/30797451/1/-/
https://denkmalatlas.niedersachsen.de/viewer/metadata/30797471/2/-/


Zum Weiterlesen:

Wohnhaus Mohrmann in Hannover, Herrenhäuser Kirchweg 17. In: Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 26 (1913), Heft 11, S. 41 f. und Tafel 101.

Frank Achhammer, Birte Rogacki-Thiemann: Der Architekt Karl Mohrmann (1857-1927) und das Wohnhaus in der Reinholdstraße 7 in Hannover, in: Hannoversche Geschichtsblätter N.F. 76/2022, S. 3-38.

Frank Achhammer, Birte Rogacki-Thiemann: Der Architekt Karl Mohrmann (1857-1927) und das Wohnhaus in der Reinholdstraße 7 in Hannover, in: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 2/2022, S. 93-101.

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