Das Dachwerk der klassizistischen Reithalle auf dem Landgestüt Celle

Von Eckart Rüsch

Abseits der vielbesuchten Celler Sehenswürdigkeiten von Altstadt und Schloss befindet sich auf dem Gelände des Niedersächsischen Landgestüts eine 1838 bis 1842 errichtete Reithalle. Der seinerzeit spektakuläre Großbau überrascht noch heute im Äußeren wegen seiner klassizistischen Anmutung. Eine zusätzliche Attraktion ist das Gebäudeinnere, wo nicht nur die große gedeckte Reitbahn, sondern auch eine eindrucksvolle offene Dachkonstruktion besichtigt werden können. (Abb.1&2)

Reithallen und Exerzierhäuser zählten bis Ende des 19. Jahrhunderts zu repräsentativen öffentlichen Bauvorhaben und stellten darüber hinaus für Architekten und Zimmerleute eine besondere Herausforderung dar. Neben der baukünstlerischen Bewältigung des großen Bauvolumens war der erforderliche stützenfreie Innenraum eine technische Schwierigkeit, denn dazu wurden hölzerne Dachkonstruktionen mit ansonsten unüblichen, enormen Spannweiten benötigt. Die lichte innere Dachspannweite der Landgestüts-Reithalle in Celle beträgt 18,44 Meter. Die Konstruktion gehört damit zu den am weitest gespannten Dachwerken Niedersachsens, die aus der Zeit vor dem Aufkommen der Ingenieurholz- oder Eisenkonstruktionen erhalten sind.

Zur Baugeschichte

Die klassizistische Reithalle auf dem südlichen Landgestütsgelände entstand in den Jahren von 1838 bis 1842. Sie war und ist baulicher Mittelpunkt des seit den 1820er Jahren großzügig angelegten Gestütsneubaus, der auf Befehl des hannoverschen Königs Ernst August unter dem Landgestüts-Chef Vizeoberstallmeister August Freiherr v. Spörcken und ab 1839 unter dessen Bruder Friedrich v. Spörcken entstand.

Die Außenabmessungen des Neubaus betrugen 191 Fuß (55,80 Meter) Länge auf 72 Fuß (21,03 Meter) Breite; die Wandflächen an der Längsseite sind 8,76 Meter (30 Fuß) hoch. Durch die ursprünglich flachere Neigung des Satteldachs von nur 10 Grad waren Dachfirst und Giebeldreieck lediglich 8 Fuß (2,34 Meter) hoch. Die Baukosten betrugen knapp 24.000 Taler. Die technische Baudurchführung lag in den Händen des Celler Oberlandbauamtes, dessen Nachfolgeinstitution heute das Staatliche Baumanagement Lüneburger Heide mit seiner Dienststelle Celle ist. Dort haben sich Originalpläne aus der Erbauungszeit erhalten, wovon hier zwei Blätter (Abb.3&4) wiedergegeben sind. Die eindrucksvollen Schauzeichnungen zeigen die Reithalle mit einer antikisch-tempelartig anmutenden Giebelfront. Besonders hinzuweisen ist auf die sehr flache Dachneigung, was einerseits dem klassizistischen Gestaltungsideal mit möglichst flachen Dächern verpflichtet war, andererseits gegenüber den antiken Vorbildern mit in Celle nur etwa 10 Grad Neigung sogar noch deutlich unterschritten wurde.

 

Das Dachwerk

Heute zeigt die Reithalle ein höheres und steileres Dach, das 1860 quasi ‚übergestülpt‘ wurde. Die Zeichnung Abb. 5 des aktuellen Querschnitts zeigt das sogenannte ‚zweite Überdach‘, das man gedanklich differenzieren muss. Zur Verdeutlichung ist in der Zeichnung die ursprüngliche Dachkonstruktion gelb markiert. Dabei handelt sich um ein abgestrebtes, dreifaches Hänge- und Sprengwerk. Besonders flach geneigte Sprengwerkstreben umfassen eine mittlere und zwei seitliche Hängesäulen, die zusammen den rund 21 Meter langen Ankerbalken gegen Durchbiegung sichern. Die Ankerbalken dienen der Aufnahme des enormen Dachschubs, damit die Außenwände nicht nach außen drücken. Das statisch besonders beanspruchte Strebenauflager wurde mit doppelten Sattelhölzern zusätzlich unterstützt. Das Hänge- und Sprengwerk mit einer Strebenneigung von etwa 13 Grad hätte eigentlich schon die Pfetten sowie eine Dachdeckung aufnehmen und damit einen brauchbaren Dachumriss mit Dachhaut bilden können. Nicht aber so bei diesem Dachwerk, wo die Dachneigung noch flacher ausfallen sollte und schließlich 10 Grad betrug. Dieses Gestaltungsziel ist in der ursprünglichen Erbauungszeit mit einer speziellen Art von erstem ‚Überdach‘ erreicht worden. Dazu wurde auf die Außenkante der Mauerkrone eine fast 1,60 Meter hohe Drempelmauer gesetzt und damit eine deutlich höher liegende Dachtraufe geschaffen. Außerdem verlängerte man die seitlichen Hängesäulen nach oben, um dort die dachhauttragende Konstruktion zu stützen. Durch das somit in seiner Neigung abgeflachte Kniestock- oder Drempeldach ergaben sich zwei wesentliche gestalterische Auswirkungen auf die Fassaden: seitlich eine hohe Architravzone und an der Front ein extrem flaches Giebeldreieck.

Diese Dachform weist äußerlich betrachtet Merkmale der seit dem 19. Jahrhundert verbreiteten Kniestock- oder Drempeldächer aus, deren Entstehungsgeschichte meistens unter dem Aspekt des Nutzflächengewinns (für einen Dachboden) erklärt wird. Da allerdings bei der Celler Landgestüts-Reithalle keine Dachboden-Nutzfläche beabsichtigt und auch niemals vorhanden war, ist die Trennung von Sparrenfüßen und Ankerbalkenlage hier allein gestalterisch motiviert. Konstruktionsgeschichtlich gab es also in Wirklichkeit wohl mindestens zwei Entwicklungslinien zum Kniestock- oder Drempeldach.

Das ursprüngliche Dachwerk der Reithalle hält bis heute dauerhaft nicht nur durch seine klare Konstruktionsanordnung, sondern auch wegen der besonders kräftig dimensionierten und abgesichert ausgeführten Holzverbindungen. Hingewiesen sei auf die eisernen Zugbänder, die zangenartigen Doppelungen aller Hängesäulen und Streben, die verstärkten Köpfe der Mittelhängesäulen (Abb.6), die sichernden Verbindungen aller parallel liegenden Hölzer mit eingelassenen Rechteckdübeln  und bauzeitlichen Schraubbolzen sowie die Sägezahnverbindung der doppelten Sattelhölzer (Abb.7). Alle diese kunstvollen Techniken wurden dem Reithallennutzer und Betrachter nicht durch eine Raumdecke verborgen, sondern – wohl aus einem gewissen Konstruktionsstolz heraus – als offenes Dachwerk präsentiert. Dass die vollständig sichtbare Konstruktion zudem sogar optisch gefällig wirken sollte, ist nicht nur an den abgefasten Holzkanten, sondern auch an der in weiten Teilen noch sichtbaren ursprünglichen hellgrauen Farbfassung  der Konstruktionshölzer erkennbar.

Die aus den Bauakten bekannten baubetrieblichen Einzelheiten und die örtlichen Bauhandwerker können aus Platzgründen hier nicht referiert werden. Hingewiesen sei aber darauf, dass besonders lange Bauhölzer nicht aus der Celler Umgebung beschafft werden konnten. Die zwölf rund 21 Meter langen Ankerbalken bestellte man im Oktober 1839 bei der Holzhandlung Egestorff & Hurtzig in Linden bei Hannover.

Mit der 1842 fertiggestellten, anspruchsvollen Dachkonstruktion und ihrer gewollt äußerst flachen Dachneigung handelte man sich freilich Probleme bei der Regen- und Wetterabdichtung ein. Ursprünglich war das Dach mit einem sog. Dorn’schen Dach versehen, einer damals neuen Erfindung für flach geneigte Dächer aus einer dicken Schicht von Lehm und Gerbelohe sowie einer Teertränkung. Einzelheiten dieser bald überholten Innovation der Flachdachentwicklung können hier nicht vertieft werden. Unterm Strich hielt das Dorn’sche Dach auch nach mehreren Reparaturversuchen nicht dicht. Da man sich aber eine sichere Metalleindeckung weiterhin nicht leistete, kam es 18 Jahre nach Fertigstellung der Reithalle zu einem radikalen Umbau, bei dem man auf das 10 Grad flach geneigte Dach zusätzlich ein mit 27 Grad steileres Überdach aufsetzte, welche das Regenwasser besser ableitete. (Abb.5) Im Innern sind die hinzugefügten Hölzer durch geringere Querschnitte deutlich erkennbar. Der Dachumbau von 1860 hat im Außenbau die Gebäudeproportionen erheblich verändert, wie vor allem der nun viel höhere Dreiecksgiebel zeigt.

 

Die Entwerfer der Reithalle

Ungeklärt bleibt bisher, wer den 1838er-Entwurf für die im damaligen Königreich Hannover einmalige Architektur der Celler Landgestüts-Reithalle vorlegte. Der von einigen Forschern als Urheber vorgeschlagene hannoversche Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves (1788-1864) war gewissermaßen eine Verlegenheitslösung, die wohl immerhin aussagen sollte, dass es ein bedeutender Architekt gewesen sein müsse. Es gibt allerdings keine Belege für Laves’ Tätigkeit im Landgestüt. Laves war hier auch nicht zuständig und hatte übrigens eine ganz andere architektonisch-stilistische Handschrift, so dass er sicher ausscheidet.

Die Gesamtschau der aus Archivalien bekannten Baunachrichten verdeutlicht, dass die Pläne für den Reithallenentwurf nicht aus Celle, sondern tatsächlich aus Hannover kamen. Wenn auch nicht allein verantwortlicher Erfinder des Entwurfs, so doch wenigstens Organisator und Kopf der Entwurfsplanung dürfte der Domänenkammer-Architekt Leopold Hagemann (1786?-1868) gewesen sein, der das Projekt lange vorbereitet hatte, die Einzelheiten aus der Ferne steuerte und auch die Baustelle besuchte. Aber auch Hagemann hatte eine andere architektonische Handschrift, so dass bis auf weiteres angenommen werden muss, dass er als Chefarchitekt für diesen Spezialentwurf einen in Vergessenheit geratenen Architekten hinzuzog.

Vorbilder für die Gestaltung einiger Fassaden-Details der Reithalle und vor allem für die Konstruktion des Dachwerks stammen von klassizistischen Exerzier- und Militärreithallen, die in den 1820er Jahren in Berlin und Potsdam im Umfeld der Architekten Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) und Conrad Martin Christian Hampel (1789-1842) entstanden waren (Abb.8). Diese Bauten wurden in dem ab 1830 vorbereiteten Mappenwerk „Bauausführungen des preußischen Staats“ veröffentlicht. Die ausdrücklich „für den Dienstgebrauch“ herausgegebenen Musterblätter sind in zwei Lieferungen zwar erst 1842 und 1848 gedruckt erschienen, doch kann man davon ausgehen, dass sie schon zuvor in Hannover kursierten und studiert wurden. Damit ist die 1842 fertiggestellte Reithalle auf dem Landgestüt in Celle ein seltenes und frühes Beispiel der Verbreitung klassizistischer Architekturvorstellungen aus Preußen im Königreich Hannover in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also noch vor der Annexion durch Preußen im Jahr 1866. Eine Selbstverständlichkeit wurde die Übernahme preußischer Architektur beim Bau von Repräsentationsbauten in der dann preußischen Provinz Hannover erst frühestens rund 25 Jahre später. 

Schluss

Sicher ergaben die Bauschäden des ursprünglich nur 10 Grad flach geneigten Reithallen-Dachwerks und der daher folgende Umbau von 1860 durch veränderte Gebäudeproportionen und Giebelansichten eine baukünstlerische Beeinträchtigung. Doch ist der notwendig gewordene Umbau bautechnikgeschichtlich bedeutsam, denn er verweist als Ursache auf ein architektur- und planungsgeschichtlich interessantes Phänomen: Entwerfer von innovativen Gestaltungsideen kümmern sich manchmal nur nachrangig um die nötige bautechnische Realisierbarkeit. So kann das Gestaltungswollen von Architekten vorauseilen, ohne dass die dazu nötige Bautechnik schon ausgereift ist. Die hier beschriebene Celler Dachkonstruktion wies ein für den damaligen Stand der Technik viel zu flaches Satteldach auf und die Abdichtung mit dem damals innovativen Dorn‘schen Dach war ein bautechnischer Irrweg. Das Dachwerk der klassizistischen Reithalle in Celle ist damit gewissermaßen zu einem Beispielfall der Bautechnikgeschichte geworden – des suchenden schadensträchtigen Entwicklungswegs zum Flachdach.


Zum Weiterlesen:

  • Eine ausführliche Darstellung der hier auf den bautechnikgeschichtlichen Aspekt konzentrierten Baugeschichte der Celler Reithalle – mit allen wissenschaftlichen Nachweisen – können Interessierte hier nachlesen: Eckart Rüsch: Zur Baugeschichte der klassizistischen Reithalle von 1832 bis 1842 auf dem Landgestüt Celle. In: Celler Chronik, Bd. 23. Beiträge zur Geschichte und Geographie der Stadt und des Landkreises Celle. Hrsg. vom Museumsverein Celle e.V., Celle 2016, S. 47-100.
  • Die Celler Reithalle im Denkmalatlas Niedersachsen
  • Das Landgestüt Celle im Denkmalatlas Niedersachsen

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