Schnitte durch die Jahrtausende – Lineare Großprojekte: Herausforderung und Chance für die Archäologie

Von Henning Haßmann, Andreas Niemuth und Mario Pahlow

Derzeit werden in Niedersachsen Auto-, Eisenbahn-, Erdgas- und Stromtrassen mit einer Gesamtlänge von über tausend Kilometern realisiert. Bauvorhaben dieses Ausmaßes stellen die Bodendenkmalpflege vor große Herausforderungen, denn die anstehenden Erdeingriffe berühren zahlreiche bekannte und noch mehr unentdeckte Fundplätze. Die durch die Trassen freigelegten Siedlungen, Friedhöfe und Werkplätze bilden einen Querschnitt durch die Jahrtausende alte Kulturlandschaft – räumlich wie zeitlich. Nur wenige Relikte aus ur- und frühgeschichtlicher Zeit wie Großsteingräber, Grabhügel, Burgen oder Wurten sind heute noch obertägig sichtbar, die allermeisten sind im Erdreich verborgen. Ein Teil dieser Fundstellen gibt sich zum Beispiel durch Luftbilder, Baumaßnahmen, hochgepflügte Artefakte, geophysikalische Untersuchungen oder historische Aufzeichnungen zu erkennen und wird in den Archiven und in Datenbanken des NLD wie ADABweb erschlossen. Diese hat sich als effizientes Planungs- und Kommunikationsmittel zwischen Denkmalpflege, Forschung, Behörden, Planerinnen und Investoren bewährt.

Früher konnte die Archäologie bei vielen Maßnahmen nur reagieren und oft nur unter erheblichem Zeitdruck unverhofft aufgedeckte Fundstellen vor ihrer Zerstörung sichern. Durch ein mittlerweile auch konsequent denkmalpflegerische Belange einbeziehendes Planungsrecht und vor allem durch das in der Novelle des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes 2011 verankerte sog. Verursacherprinzip gehört die archäologische Begleitung von Großprojekten von der Planung bis zum Bau inzwischen zum selbstverständlichen Standard – auch im Interesse der Vorhabenträger, die dadurch einen Gewinn an Planungssicherheit erhalten.

Schon dem Chausseestraßenbau im 19. Jahrhundert sind viele Megalithgräber und Grabhügel zum Opfer gefallen, da sie im Weg lagen oder weil man das Steinmaterial zum Bau verwendete. Der große Verlust zeigt sich beispielhaft im Vergleich der Erfassung durch G.O.C. von Estorff aus den 1840er-Jahren mit dem heutigen Bestand. Der Bau der Eisenbahn und künstlicher Wasserstraßen seit dem 19. Jahrhundert sowie der in den 1930er-Jahren forcierte Reichsautobahnbau führte zur Entdeckung zahlreicher neuer Fundstellen, die auf den Fundkarten wie Perlen auf der Schnur den Verlauf der Trassen anzeigen.

Die erste systematische denkmalpflegerische Begleitung eines linearen Großprojektes fand ab Mitte der 1960er-Jahre beim Bau des Elbe-Seitenkanals statt. Die 115 Kilometer lange Bundeswasserstraße verbindet den Mittellandkanal bei Wolfsburg mit der Elbe und durchschneidet das Ilmenautal der Landkreise Lüneburg und Uelzen mit den reichen Beständen unter anderem aus der „Lüneburger Bronzezeit“. Die Bodendenkmalpflege begann mit der Inventarisation des fünf Kilometer breiten Prospektionsstreifens und führte im Vorfeld der durch Bodenentnahme und -ablagerung, Baustraßen, Lagerflächen und Bauwerke bedingten 500 Meter breiten Bautrasse Ausgrabungen an den bekannten Fundplätzen durch und beobachtete die Bauarbeiten, um neue zu erkennen. Finanziert wurde das archäologische Großprojekt lange vor Inkrafttreten des Denkmalschutzgesetzes durch Sondermittel des Landes. Dabei wurden wertvolle methodische Erfahrungen gesammelt, die großen Einfluss auf die bodendenkmalpflegerische Strategie der folgenden Jahrzehnte hatten. Alleine im Landkreis Uelzen waren über 1.000 Fundstellen betroffen. Dank der gewaltigen Schneise lassen sich Siedlungskammern und Ungunstgebiete erkennen. Mit Spannung wird der geplante Bau der Autobahn A 39 erwartet, die einen vergleichbaren Trassenverlauf einnimmt. Einerseits lassen die inzwischen eingeübten Methoden und Verfahren die Entdeckung von mehr Fundstellen erwarten als damals, andererseits haben die letzten 60 Jahre die archäologische Kulturlandschaft stark in Mitleidenschaft gezogen.

Die Grabungen beim Bau der etwa 180 Kilometer langen Chemie-Pipelinetrasse von Stade nach Teutschenthal (PST) wurden 2002/2003 bereits zu einem großen Teil vom Investor finanziert. Der wissenschaftliche Output dieses 16 Meter breiten Schnitts war enorm; genauso enorm war die Kraftanstrengung aller Beteiligten in den fünf parallel arbeitenden Grabungsteams des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege. Die hier gesammelten Erfahrungen bildeten eine wichtige Grundlage für ein noch größeres, ebenfalls verursacherfinanziertes Projekt: Bei den Untersuchungen des 204 Kilometer langen und 30 Meter breiten niedersächsischen Bauabschnitts der Nordeuropäischen Erdgasleitung (NEL) konnte ab 2010 ein gemischtes Team aus NLD, Kommunalarchäologie und mehreren Grabungsfirmen ca. sieben Millionen Quadratmeter Kulturlandschaft – das entspricht 3.400 aneinandergereihten Eishockeyfeldern – archäologisch lückenlos dokumentieren. In einem eng mit den Pipelinebauern verzahnten Abstimmungsprozess arbeiteten bis zu 17 Grabungsteams mit in Spitzenzeiten weit über 100 geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gleichzeitig an verschiedenen Orten.

Schon von vorherigen „Longline“-Projekten wusste man, dass mit einer erheblichen Zahl unbekannter Bodendenkmale zu rechnen war. Überraschend ist neben der Menge auch die Größe und Erhaltungsqualität der aufgedeckten Siedlungen, Gräberfelder und Einzelfunde von der Altsteinzeit bis in die Neuzeit. Dabei muss man bedenken, dass der Verlauf dieser riesigen Suchschnitte nicht wissenschaftlichen Vorgaben folgt, sondern die Fundstellen wie mit einem Zufallsgenerator anschneidet und daher jede Menge Überraschungen bereithält. Trotz systematischer, nichtinvasiver „weicher“ Prospektion aus dem Flugzeug oder durch Begehungen hat sich die „harte Prospektion“, also das direkte Hineinschauen in den Boden mittels Baggersuchschnitten, als unerlässlich gezeigt. Insgesamt wurden etwa drei Viertel aller Fundstellen erst im Zuge der projektbedingten Untersuchungen entdeckt. Im Landkreis Diepholz waren vor Maßnahmenbeginn lediglich zehn Prozent der dann beim Pipelinebau erfassten Fundstellen bekannt. Durch die Eschwirtschaft mit ihren mächtigen Auftragsböden sowie Sandüberwehungen haben sich viele Fundstellen nicht an die Oberfläche „durchgepaust“. Dennoch lag die Archäologie mit ihrer Prognose in vielen Bereichen absolut richtig. So wurde der bronzezeitliche Goldhort von Gessel bei Syke in einem Bereich entdeckt, in dem zuvor zwar keine Fundstellen bekannt waren, aber eine hohe Fundhöffigkeit prognostiziert wurde. Interessant ist, dass auf fast 30 Prozent der Trassenstrecke archäologische Strukturen gefunden wurden. Dies belegt die hohe Besiedlungsdichte in vor- und frühgeschichtlicher Zeit und steht für die Effektivität der archäologischen Teams, denn trotz des hohen Fundanfalls kam es nie zum Baustillstand.

Wegen des Zeitdrucks wurden komplizierte Befunde gleichsam ausgestanzt und im Block in die Restaurierungswerkstatt gebracht, um unter Laborbedingungen freipräpariert zu werden. So geschah es zum Beispiel dem Goldhort von Gessel. Der bislang größte Block wurde beim Bau der NOWAL-Trasse geborgen. Hier wurden völlig unerwartet auf engem Raum mehrere prähistorische Brunnen erkannt und freigelegt, darunter hölzerne Bauwerke aus der Jungsteinzeit. Diese ältesten je in Niedersachsen entdeckten Brunnen sind inzwischen freipräpariert und konserviert und können nun im Museumgezeigt werden.

In Rosengarten, Landkreis Harburg, zeigt sich, wie dank konsequenter Bodendenkmalpflege nach und nach die Teile ins „Geschichtspuzzle“ fallen und ein immer deutlicheres Gesamtbild ergeben: Die nach dem Pflügen schon früher erkannten Oberflächenfundplätze gewannen bereits durch den Bau der PST-Pipeline an Konturen, als Hausgrundrisse angeschnitten wurden, die dann zehn Jahre später in der hier parallel geführten NEL-Trasse komplettiert werden konnten. Weitere Aufschlüsse gelangen hier der Kreisarchäologie beim Bau einer Biogasanlage, sodass sich hier immer deutlicher eine Siedlung aus den Jahrhunderten um Christi Geburt zu erkennen gab. Manchmal bedarf es beim großen Archäologiepuzzle noch größerer Geduld, wie die vorgeschichtliche Fundstelle von Steinbühl im Leinetal bei Nörten-Hardenberg zeigt, die bereits 1938 beim Bau der Reichsautobahn (heute A 7) entdeckt wurde. In den 1970er- und 1980er-Jahren erfolgten umfangreiche Begehungen und Ausgrabungen durch die Universität Göttingen. Der Ausbau der Autobahn A 7 ergab 2009 dann die Chance, mit den einzelnen Baufenstern die neolithische und eisenzeitliche Siedlung zu vervollständigen.

Derzeit wird die Denkmalpflege in hohem Maße von Planung und Bau großer Elektrizitätsleitungen gefordert, die den Windstrom aus dem Norden in den Westen und Süden Deutschlands bringen sollen. Einige Trassen werden als Freileitungen neu gebaut – dazu gehört die bereits im Bau befindliche Trasse Wahle-Mecklar in Südostniedersachsen – und ältere werden an die Anforderungen der höheren Spannungsübertragung angepasst, so die 145 Kilometer lange Trasse Dollern-Landesbergen von der Niederelbe bis zur Mittelweser. Die alten Masten werden abgebaut und im Abstand von etwa 400 Metern durch größere ersetzt. Auch bei den Freileitungen mit den eher punktuellen Bodeneingriffen geht es darum, die Denkmäler möglichst unangetastet zu lassen. Dennoch müssen ca. 300 Mastfundamentflächen und die provisorischen Baustraßen, Lagerflächen und Kabelübergangsanlagen archäologisch in Augenschein genommen werden.

Im fortgeschrittenen Planungsstadium befinden sich die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen(HGÜ) „A Nord“ von Emden an der niederländischen Grenze entlang bis ins Rheinland und der „SuedLink“ von Schleswig-Holstein nach Bayern und Baden-Württemberg. Die Leitungen werden unterirdisch verlegt werden, sodass die etwa 40 Meter breite und 120 bzw. über 300 Kilometer lange Bautrassen archäologisch untersucht werden müssen. Der Denkmalschutz ist nur ein Belang unter vielen weiteren wie Natur-, Gewässer-, Wald- und Bodenschutz, kommunale und staatliche Bauplanungen, Überschneidungen mit bestehender Infrastruktur, Emissionsschutz und vieles mehr. Niedersachsen hat daher unter dem Dach des Raumordnungsreferates im Landwirtschaftsministerium eine Ressort-AG eingerichtet, in der Vertreterinnen und Vertreter aus allen zu beteiligenden Ministerien und Fachbehörden eingebunden sind, die dann gegenüber den Vorhabenträgern und der verantwortlichen Bundesnetzagentur gebündelt und mit einer Stimme auftreten.

In dem viele Jahre dauernden Planungsverfahren werden alle sogenannten Raumwiderstände gesammelt und mit den gesetzlichen Vorgaben und den bautechnischen Anforderungen in komplexen GIS-Analysen verschnitten, sodass ein Bündel alternativer Strecken vorgeschlagen werden kann, aus dem nach Abwägung aller möglichen Konflikte am Ende ein Korridor ausgewählt wird, innerhalb dessen die Stromleitung verlegt werden kann. Das NLD hat den Planungsbüros im Untersuchungsgebiet beider Trassen in Form digitaler Karten und Tabellen Informationen über alle bekannten Bau- und Bodendenkmale übergeben – das sind einige Tausend. Dieser Datenaustausch und die regelmäßigen Beratungen trugen dazu bei, dass schon in einem frühen Planungsstadium sichergestellt werden konnte, dass UNESCO-Schutzflächen, Grabungsschutzgebiete und ursprünglich berührte, herausragende Denkmalflächen wie große Grabhügelfelder in der Lüneburger Heide oder das bedeutende römisch-germanische Schlachtfeld am Harzhorn bei Kalefeld nicht tangiert werden. Eine frühe Planung touchierte den Park des Barockschlosses Clemenswerth – eines der wenigen Beispiele, bei denen die Erdkabelplanung auch Belange der Baudenkmalpflege berührte. Auch diese Strecke wurde verworfen.

Im jetzigen Planfeststellungsverfahren werden die Denkmaldaten durch ein vom Vorhabenträger beauftragtes Team in Zusammenarbeit mit dem NLD und den Kommunalarchäologien detailliert bewertet. Dazu hat die Archäologie gemeinsam mit den Vorhabenträgern ein komplexes „Ampelsystem“ entwickelt, in dem das Konfliktpotenzial kategorisiert und kartografisch dargestellt wird, um unabhängig von den juristischen Begriffen ganz pragmatisch im Hinblick auf die Beherrschbarkeit die konfliktärmste Trasse zu finden. Definiert sind hier „Tabuzonen“, die unter keinen Umständen berührt werden dürfen. Dazu gehören zum Beispiel jüdische Friedhöfe und Kriegsgräberstätten, die zum Teil kaum oder gar nicht mehr erkennbar sind. Eine Besonderheit bei der A-Nord-Trasse stellen die 15 sogenannten Emslandlager dar, eine Gruppe von Arbeits-, Kriegsgefangenen- und Konzentrationslagern, die in der Zeit des Nationalsozialismus errichtet wurden. Bis auf eines sind die Lager in der Nachkriegszeit baulich überprägt und die meisten sogar vollständig überpflügt worden. Das NLD hat sie lokalisiert und die Lagedaten in die Planung eingebracht. Hohes Konfliktpotenzial weisen obertägig sichtbare Bodendenkmale wie Wurten, Grabhügel, Befestigungsanlagen oder Megalithgräber auf, die einen hohen Schutzstatus genießen. In der weiteren Abstufung werden Fundstellen erfasst, die denkmalpflegerisch beherrschbar sind. Das Durchschneiden eines Altdeiches kann beispielsweise durch Ausgrabungen begleitet werden. Hilfreich ist auch die Ausweisung von Verlustflächen, also Bereiche, die durch Rohstoffabbau ausgekoffert sind oder bereits ausgegraben wurden und daher aus archäologischer Sicht baufrei sind. Besondere Bedeutung kommt der Potenzialevaluierung bislang „weißer“ Flächen zu. Hier werden Laserscans, historische Karten, Luftbilder und diverse Fachdaten beispielsweise zur Geologie und Bodenkunde, Hydrologie, Hangneigung, Waldbedeckung u. v. m. ausgewertet; gezielte Begehungen sind geplant.

Einige Denkmale können unterbohrt, die meisten müssen durch Ausgrabungen gesichert werden. Es wird versucht, Korridore zu finden, die bekannte Fundstellen meiden, um den Grabungsaufwand im Interesse von Zeit und Geld zu minimieren. Die archäologischen Maßnahmen werden nach den in den vorangegangenen linearen archäologischen Großprojekten bewährten Methoden mit deutlicher Vorlaufzeit erfolgen.

Wenn die heiße Phase der archäologischen Baubegleitung beginnt, werden auf der riesigen Strecke sehr viele Fachleute gebraucht – bundesweit. Daher bereitet der schon jetzt erkennbare Fachkräftemangel in der Archäologie Sorgen. Die kommenden Jahre bedeuten einen großen Kraftakt für die Bodendenkmalpflege. Aufgrund der guten Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Vorhabenträgern schaut das niedersächsische Netzwerk aus staatlicher, kommunaler, privatwirtschaftlicher, ehrenamtlicher und universitärer Archäologie optimistisch in die Zukunft.

Schon jetzt werden Konzepte für die wissenschaftliche Auswertung der vielen neuen Ergebnisse und deren Bereitstellung für die Wissenschaftscommunity erarbeitet. Eine besondere Herausforderung besteht in der konservatorischen Betreuung der zu erwartenden Fundmassen und deren Archivierung in den Depots der Landesmuseen, die gleichsam die Staatsarchive für nicht schriftliche Bodenurkundenbilden.


Der Text wurde erstmals veröffentlicht in den Berichten zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 40. Jg. (2020), Heft 3, S. 17-23.

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